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Theorie | 06.10.2017 (editiert am 29.03.2018)

Warum Kapitalisten nicht einfach Rentiers bleiben

Die neoliberale Wirtschaftstheorie negiert steigende Masseneinkommen als makroökonomische Voraussetzung des Kapitalismus. Damit hat sie einen wirkmächtigen aber ahistorischen Raum geschaffen.

Warum haben hohe wirtschaftliche Überschüsse, wie sie alle reichen Kulturen Asiens oder Lateinamerikas aufgewiesen haben, dort nicht zu kapitalistischer Akkumulation geführt?

Dazu existieren verschiedene Erklärungsansätze. Auf der marxistischen Seite gibt es eine Philosophie der Geschichte, die besagt, dass jede neue Stufe der Naturbeherrschung/technischer Entwicklung/Produktivität eine besondere Ausbeuterklasse benötige.[1] Auf der Seite der Soziologie bürgerlicher Prägung steht Max Weber mit seiner Vorstellung, dass nur in wenigen Regionen der Welt technische Entwicklung mit solchen soziokulturellen Werten einhergegangen ist, die Rationalität förderten. Erst durch diese sei in Europa und Nordamerika eine an wirtschaftlicher Effizienz orientierte bürgerliche Klasse entstanden. Die Bourgeoisie habe aufgrund ihrer soziokulturellen Normen wirtschaftlichen Reichtum nicht mehr verprasst, sondern – auch im Interesse ihres Seelenheils – ihren wirtschaftlichen Reichtum investiert.

Inzwischen hat die Übernahme vieler technologischen Errungenschaften weltweit auch in nichtkapitalistischen Gesellschaften stattgefunden, ohne dass deren herrschende Klassen kapitalistisch gewesen oder geworden wären.

Die Sowjetunion der Nachkriegsjahrzehnte wurde zwar von Marxisten als kapitalistisch bezeichnet, weil sie ihre Arbeiter durch Aneignung von Mehrprodukt zum Zweck der Steigerung der Produktion ausbeutete (Eine Notwendigkeit, [...]

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