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Finanzsystem | 25.10.2017

Warum sich Banken refinanzieren müssen?

Wenn sich Banken gegenseitig Kredit geben können, für was braucht es dann noch Zentralbankgeld (und eine Zentralbank)? Die Antwort hat mit der Wirtschaftsgeschichte und dem Wettbewerb zu tun.

Wie in Fachkreisen inzwischen weithin anerkannt, schöpfen Banken im Verlauf der Kreditvergabe neue Einlagen – und damit, je nach Gelddefinition, auch neues Geld. Das berühmte „Geld aus dem Nichts“ (das Phänomen wurde auf Makroskop auch schon von Günther Grunert und Paul Steinhardt beschrieben). Den letzten Skeptikern sei der Hinweis gegolten, dass dies – neben diversen Zentralbanken und Akademikern – zuletzt die Freie Gemeinschaftsbank aus Basel in ihrer eigenen Dokumentation bestätigt hat.

Wenn also die Banken für die Kreditschöpfung gar kein Zentralbankgeld brauchen, also weder Einlagen bei der EZB noch Bargeld, warum müssen sie dann überhaupt ihre Kredite mit Zentralbankgeld „finanzieren“? So lautet die Frage eines Lesers.

Bevor ich darauf antworte, möchte ich die Frage kurz anpassen. Der in ihr verwendete Begriff des „Finanzierens“ ist äußerst undeutlich und wird häufig fragwürdig verwendet. Wenn ich im Supermarkt einkaufe, bezahle ich eventuell mit Bargeld oder mit Karte (meiner Bank). Im ersten Fall „finanzieren“ meine Scheine und Münzen den Einkauf, im letzteren mein Giralgeldguthaben. Was meine Bank und die Bank des Supermarktes dann aushandeln, ist allerdings nicht mehr meine Sache. Insofern ist die „Finanzierung“ aus meiner Sicht erledigt. Der Supermarkt kann seine Lebensmittel von mir nicht mehr zurückbekommen, denn ich habe sie bezahlt.

Der Leser scheint den Begriff der „Finanzierung“ so zu gebrauchen, als ob es nur um Einlagen bei der Zentralbank ginge. In diesem Sinne werde ich ihn interpretieren. Es geht also hier nicht um die Frage der Bankeinlagen, sondern der Einlagen der Banken bei der Zentralbank.

Freier Kapitalverkehr im Bankensystem

Stellen wir uns vor, eine Bank B vergibt immer fleißig Kredite an Immobilienbesitzer und solche die es werden wollen. Die Bilanz der Bank B wird dabei immer länger. Den Einlagen, die auf der Seite der Verbindlichkeiten in die Höhe wachsen, stehen immer höhere Forderungen gegenüber. Denn die Kredite müssen irgendwann zurückgezahlt werden. Solange der Kreditzins der Bank höher ist als die Verzinsung der Einlagen, hat die Bank kein Problem. Sie macht einen positiven Gewinn.

Die Kunden überweisen dann das Geld an die Kunden anderer Banken, manchmal auch an die Kunden der eigenen Bank. Netto fließt also Kundengeld an andere Banken ab, die ihrerseits vielleicht ihre Kreditvergabe etwas zurückgefahren haben. Bei einem Geldtransfer – einer Überweisung – werden die Girokonten der beiden Kunden belastet bzw. mit einem zusätzlichen Guthaben versehen. Transferiert wird im engeren Sinne aber eigentlich nichts. Es werden lediglich ein paar Zahlen hier und dort verändert – per Software eines Computers. Dabei ist unstrittig, dass Kunden einer Bank Überweisungen an Kunden anderer Banken durchführen können sollen. Alles andere wäre ja unschön, oder nicht?

Die Banken im Kreditgeschäft untereinander

Die beteiligten Banken könnten sich jetzt untereinander wie folgt einigen. Bank B hat ja Einlagen (Verbindlichkeiten) verloren und Bank A dazubekommen. Das ist natürlich ungerecht und kann so nicht stehen bleiben, weil dadurch Bank B profitiert und Bank A geschädigt wird. Denn Letztere verspricht jetzt ihren Kunden noch mehr Bargeld auszuzahlen als vorher. Jeder Euro an Bankeinlagen ist nämlich ein Versprechen auf einen Euro an Bargeld.

Wir brauchen also einen Mechanismus, durch den Bank A Forderungen dazubekommt und Bank B Verbindlichkeiten, damit die Bücher weiterhin ausgeglichen sind. Denn die Überweisung wäre für Bank A kein gutes Geschäft, wenn es lediglich die Ansprüche ihrer Kunden auf Bargeld erhöht. Daher könnte Bank B der Bank A versprechen, ihr in Zukunft Einlagen bei der EZB zu überweisen. Diese Einlagen können von den Banken in Bargeld umgewandelt werden und helfen so der Bank A, die erhöhte Summe an Einlagen und den dadurch gestiegenen potentiellen Zuwachs an Bargeldnachfrage zu „verkraften“.

Zombie-Banken, bank run und Insolvenz

Wenn sich Banken untereinander Kredit geben, dann brauchen sie bei wachsender Menge an Kredit keine wachsende Menge an Zentralbankgeld. Dies zeigen auch die meisten Statistiken. Durch Kreditvergabe werden Einlagen geschaffen. Aber nur ein Teil davon wird in Bargeld umgewandelt, das wiederum die Nachfrage nach Zentralbankgeld erhöht. Für den Zahlungsausgleich fragen die Banken aber keine erhöhten Mengen an Einlagen bei der EZB nach. Dies ändert sich erst, wenn die Zahlungsfähigkeit der Banken fraglich wird. Einer Bank, die eventuell nicht (zurück) zahlen kann, leihen / stunden andere Banken kein Geld!

Es ist also letzten Endes der Wettbewerb, der dazu führt, dass die Banken sich untereinander nicht unendlichen Kredit einräumen. Ausfälle von Krediten am Interbankenmarkt werden als Verluste verbucht, und wenn das geschieht, kann das Eigenkapital ganz schnell weg sein – die Bank ist insolvent und muss geschlossen werden (oder lebt als von der Zentralbank oder Regierung abhängige Zombie-Bank weiter).

Geld statt Gold

Im 19. Jahrhundert hatten die Banken noch auf Gold als ultimatives Instrument im Zahlungsausgleich zurückgegriffen. De facto war aber immer mehr Geld im Umlauf als es Gold gab. Das Versprechen, Geld in Gold umzutauschen, konnte immer wieder nicht gehalten werden. So kam es in den USA im 19. Jahrhundert häufig zu sogenannten „bank runs“. Die Einleger hatten Zweifel an der Zahlungsfähigkeit ihrer Bank, unberechtigt oder nicht, und verlangten den Umtausch von Geld (in Form von Dollar-Scheinen, die von ihrer Bank herausgegeben wurden) in Gold.

Kam es dazu, versuchten die Banken im „bank run“ möglichst viele Gelder von anderen Banken einzutreiben und sich diese in Gold auszahlen zu lassen. Dadurch entstanden immer wieder Domino-Effekte, in Zuge derer Zahlungsschwierigkeiten einer Bank schnell zu systemischen Krisen mit vielen Bankenpleiten anwuchsen.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in vielen Ländern moderne Zentralbanken, deren staatliches Geld die Rolle des Goldes übernahm. Von Anfang an existierten neben dem Bargeld auch Guthaben auf Konten bei der Zentralbank – damals allerdings meist noch mit Umtauschpflicht in Gold.

Banken und die Kreditvergabe der EZB

Banken können sich in der Eurozone gegen Sicherheiten Einlagen bei der EZB per Kredit verschaffen. Dazu brauchen sie allerdings Sicherheiten. Praktischerweise dürfen einige Kredite an Haushalte und Unternehmen, teilweise in „securities“ transformiert, als Sicherheit eingereicht werden. Auf diese Weise kann die Zentralbank sicherstellen, dass die Banken so viel Zentralbankgeld haben, wie sie gerade benötigen. Haben sie zu wenig, dann platzen die Überweisungen der Kunden untereinander. Das möchte keiner erleben, und deshalb passt die Zentralbank ihre Kriterien für Sicherheiten ab und an an den jeweiligen Bedarf und der Verfügbarkeit von Sicherheiten an.

Es ist also so, dass die Banken bei der Kreditvergabe nicht auf die Zentralbankgeldmenge schauen, sondern lediglich auf die Bonität und die Sicherheiten des Kunden (oder was sonst die Kriterien sind). Insolvente und illiquide Banken werden von der Finanzaufsicht geschlossen, denn sie gefährden das Zahlungssystem (zu den Risiken des Zahlungsverkehrs schreibt Paul Steinhardt in diesem Artikel).

Das Szenario indes, dass Banken Überweisungen der Kunden an andere Banken aufgrund fehlendem Zentralbankgeld nicht durchführen könnten, existiert nicht. Der Grund liegt nicht darin, dass sie keines benötigen, sondern dass die Zentralbanken immer für ausreichend „Liquidität“ (Einlagen bei der EZB) sorgen.

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