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Afrika | 12.10.2017

Zwischen Schockstrategie und Exodus

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Warum versuchen so viele junge Afrikaner, den Kontinent ihrer Geburt zu verlassen? Und warum riskieren sie dafür sogar ihr Leben? Antworten geben katastrophale Strukturanpassungsprogramme.

Kein einziger Monat vergeht ohne schreckliche Ereignisse und Katastrophen. In der ersten Hälfte dieses Jahres mussten mindestens 2.247 Migranten bei dem Versuch, über Spanien, Italien oder Griechenland nach Europa zu kommen, ihr Leben lassen oder werden als vermisst gemeldet. Im gesamten vergangenen Jahr wurden 5.096 Todesfälle verzeichnet. So die Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM).

Die Mehrheit dieser Toten, die als „Wirtschaftsmigranten“ leicht zu Opfern von Menschenhändlern werden, waren junge Afrikaner im Alter zwischen 17 und 25 Jahren. Der ehemalige Chef der britischen Mission in Benghazi (Libyen) behauptete im April, dass sich ca. eine Million weitere junge Menschen aus ganz Afrika auf dem Weg nach Libyen befinden. Was sie antreibt: der Traum von Europa.

Warum Afrika den Rücken kehren?

Warum versuchen so viele junge Afrikaner, den Kontinent ihrer Geburt zu verlassen? Warum riskieren sie sogar ihr Leben, um aus Afrika zu fliehen?

Ein Teil der Antwort liegt in dem Scheitern der früheren, meist vom Westen auferlegten Wirtschaftspolitik. Viele Länder Afrikas mussten sich seit den 1980er Jahren den auf Liberalisierung und Privatisierung basierenden Strukturanpassungsprogrammen (SAPs) unterwerfen. Die Weltbank, die Afrikanische Entwicklungsbank und auch die meisten westlichen Geldgeber unterstützten die SAPs. Und das, obwohl die UN bereits damals vor den negativen sozialen Konsequenzen warnte.

Die Befürworter der Programme versprachen indes, dass private Investitionen, Exporte und damit Wachstum und Wohlstand nicht lange auf sich warten lassen würden. Heute immerhin geben einige Vertreter der in Washington ansässigen Bretton-Woods-Institutionen zu, dass die Keule des „Neoliberalismus“ zu fest geschwungen wurde. So werden die 1980er und 1990er Jahre im Rückblick gar als „verlorene Jahrzehnte“ angeprangert.

Auch wenn von den SAPs Ende der 90er Jahre offiziell Abstand genommen wurde, deren Nachfolger waren keineswegs besser. Nun herrschte die Überzeugung, dass die sogenannten „Poverty Reduction Strategy Papers“ (PRSPs) der Weltbank und des IWF samt einigen zaghaften Modifizierungen der bestehenden Rezepte die Armut würden reduzieren können.

In der Zwischenzeit halten sich die G8-Länder nicht einmal an die Verpflichtungen, die sie sich im Jahr 2005 beim Treffen im Gleneagles Hotel eigens auferlegten. Eigentlich sollten für Afrika jährlich zusätzliche 25 Milliarden US Dollar bereitgestellt werden, um mit dann einer um 50 Milliarden US-Dollar gesteigerten finanziellen Unterstützung endlich „Armut zur Geschichte zu machen“.

Armenhaus Afrika

„Dank“ der SAPs, der PRSPs und derer ergänzenden Maßnahmen wurde Afrika zum einzigen Kontinent, der bis zum Ende des 20. Jahrhunderts – und damit während der 15-jährigen Periode der Millennium-Entwicklungsziele – einen massiven Anstieg der Armut verzeichnete. Tatsächlich lebt heute fast die Hälfte der Bevölkerung des afrikanischen Kontinents in Armut.

Laut dem Weltbank-Bericht „Poverty in Rising Africa“ stieg die Zahl der Afrikaner, die von extremer Armut betroffen sind, zwischen 1990 und 2012 um mehr als 100 Millionen auf nun etwa 330 Millionen Menschen an. Der Bericht reflektiert anschaulich, dass „die Ärmsten der Armen der Welt zunehmend in Afrika konzentriert sein werden“.

Zudem hat der Kontinent eine Phase steigender wirtschaftlicher Ungleichheit erlebt. Diese ist nun höher als in den übrigen Entwicklungsländern und hat sogar die Rate Lateinamerikas überholt. Der nationale Gini-Koeffizient – die am häufigsten verwendete Maßzahl von Ungleichheit – liegt im gesamten afrikanischen Kontinent durchschnittlich bei rund 0,45. Nicht nur hat er in einigen Ländern bereits die Marke von 0,60 überschritten, sondern weist auch in den letzten Jahren eine stetige Steigerung auf.

Während die Demografie Afrikas von der Jugend geprägt ist, mit einem großen Anteil 15-24-jähriger in der Bevölkerung, gelingt es nicht einmal ansatzweise, diese mit ausreichend anständigen Arbeitsplätzen zu versorgen. Selbst Südafrika, die am stärksten entwickelte Wirtschaft im subsaharischen Afrika (SSA), hat eine Jugendarbeitslosenquote, die auf 54 % beziffert wird.

In der Realität könnte die Lage sogar noch schlimmer sein. Entmutigte Jugendliche, die keine Chance haben, eine vernünftige Arbeit zu finden, fallen irgendwann aus der Menge der Erwerbsbevölkerung heraus und tauchen demzufolge auch nicht mehr in den Arbeitslosenstatistiken auf.

Überleben in Afrika

In Abwesenheit sozialer Sicherungssysteme können es sich die meisten Menschen schlicht nicht leisten, arbeitslos zu bleiben. Um zu überleben, müssen sie jede mögliche Arbeit akzeptieren, die angeboten wird. Das ist der Grund, warum Afrika eine unglaublich hohe Quote an „Erwerbsarmen“ und Unterbeschäftigungsverhältnissen aufweist. In Ghana beispielsweise, beträgt die offizielle Arbeitslosenquote nur 5,2 %, während die Unterbeschäftigungsquote aber bei 47,0 % liegt!

Viele afrikanische Länder haben nach der Jahrhundertwende jährliche Wachstumsraten von 5 % oder mehr erreicht. SAP und PRSP-Befürworter beanspruchten solche Lorbeeren für das Ende des „verlorenen Vierteljahrhunderts“ Afrikas schnell für sich. Die von ihnen vorangetriebenen Reformen würden nun endlich Früchte tragen. Doch nachdem sich die Rohstoffpreise seit 2014 im Bodenlosen befinden, sind die neoliberalen Helden wieder zum Schweigen verdammt worden.

Mit der Liberalisierung des Handels und einer daraus resultierenden größeren Spezialisierung der Wirtschaft sind viele afrikanische Länder nun noch abhängiger von einzelnen, wenigen Exportgütern. Die Top-5-Exporte der SSA-Staaten sind alle natürliche Ressourcen, die nicht erneuerbar sind. Im Jahr 2013 haben sie mehr als 60 % der Exporte ausgemacht.

Die Verknüpfungen von rohstoffgewinnenden Aktivitäten mit der übrigen Volkswirtschaft sind mittlerweile niedriger als je zuvor. So hat der Strukturwandel vielen afrikanischen Volkswirtschaften trotz eindrucksvoller Wachstumsraten letztlich eine hohe Anfälligkeit für externe Schocks beschert.

Erneuter Fehlstart?

Afrika besitzt rund die Hälfte aller unbebauten Ackerflächen in der Welt. Sechzig Prozent der SSA-Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft oder mit ihr assoziierten Sektoren. Dennoch hat die landwirtschaftliche Produktivität seit den 1980er Jahren meist stagniert.

Mit der Stagnation in der Landwirtschaft zog es die Menschen aus den ländlichen in die städtischen Gebiete, in der Hoffnung, dort zumindest ein etwas erträglicheres Leben zu finden. Es folgte eine rasche Urbanisierung einhergehend mit wachsenden Slums. Laut UN Habitat leben 60 % der städtischen Bevölkerung der SSA-Länder in Slums, ohne ausreichenden Zugang zu grundlegendsten Dienstleistungen, von neuen Technologien ganz zu schweigen.

Mächtige ausländische Akteure, darunter die Bretton-Woods-Institutionen und andere Geldgeber, sprachen sich für den Aufbau landwirtschaftlicher Großproduktion aus. Sie sahen darin den einzigen Weg, um die Produktivität zu steigern. Mehrere Regierungen haben daraufhin Land an internationale Agrarkonzerne verpachtet, oft ohne Rücksichtnahme auf das Schicksal der lokalen Landbevölkerung, die schlicht verdrängt wurde.

Mittlerweile ist der Anteil Afrikas an der weltweiten Produktion von etwa 3 % im Jahr 1970 auf weniger als 2 % im Jahr 2013 gesunken. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes am gesamten afrikanischen BIP ist von 16 % im Jahr 1974 auf rund 13 % im Jahr 2013 zurückgegangen. Mit rund einem Zehntel am BIP ist dieser Anteil in den SSA-Ländern deutlich niedriger als in anderen Entwicklungsregionen. Wenig überraschend kann man in Afrika in den letzten vier Jahrzehnten eine regelrechte Deindustrialisierung beobachten.

Angesichts dieser desaströsen Entwicklungen ist zu bezweifeln, dass der von der G20 in Hamburg präsentierte “compact with Africa“ ein wirksames Instrument zur Bekämpfung von Armut und Klimawandel darstellt. Ohne einen fundamentalen Strategiewechsel in der Wirtschaftspolitik wird der Exodus aus Afrika nicht gestoppt werden können.

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