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Theorie | 29.11.2017 (editiert am 06.12.2017)

Kann man Arbeit umverteilen? – 2

Die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung ist bei Gewerkschaften und linken Ökonomen immer wieder populär. Doch über die wirtschaftlichen Konsequenzen wird kontrovers diskutiert. Eine politische Einordnung.

Weshalb die Analyse von Fritz Helmedag keine Widerlegung der Thesen von Flassbeck und Spiecker in der Kontroverse um Arbeitszeitverkürzungen (AZV) leistet, noch als alternative Darstellung überzeugend ist, war Thema des ersten Teils dieser Serie.

Eine Betrachtung die lediglich davon ausgeht, dass die Arbeitsnachfrage konstant bleibt bzw. dass es keine Rückwirkungen über die Nachfrage gibt, ist in der Tat eine „Milchmädchenrechnung“ (Flassbeck und Spiecker). Wer jedoch umgekehrt die Wirksamkeit einer AZV allein anhand dieses Zusammenhanges widerlegen will, argumentiert ebenso wenig wissenschaftlich.

Deshalb sollen die möglichen Konsequenzen einer AZV umrissen und politisch eingeordnet werden. Dabei steht eine AZV im Fokus, die das Verhältnis von Stundenlöhnen und Produktivität unberührt lässt. Wenn man also von einer Stagnation der Produktivität ausgeht, entspräche das einer AZV ohne Lohnausgleich. Auch hier wird die Volkswirtschaft in gewohnter Manier in die vier Sektoren unterteilt.

Reaktion der Unternehmen

Maßgeblich für die Konsequenzen einer AZV sind in erster Linie die Reaktionen der Unternehmen. Grundsätzlich können Unternehmen die wegfallenden Arbeitsstunden auch via Überstunden, Sonderschichten oder Kurzarbeit kompensieren. Möglich ist aber ebenso, dass die Produktion einfach heruntergefahren wird, oder, dass es zu betriebsinternen Produktivitätssteigerungen kommt.

Das Problem ist, dass Produktivitätssteigerungen dieser Art nicht zwangsweise beschäftigungsneutral sein müssen. Da in diesem Fall vor allem Rationalisierungsprozesse oder sogar eine weitere Arbeitsverdichtung zu erwarten sind, können negative Beschäftigungseffekte verursacht werden. Dass eine AZV auch zu einem effizienteren Arbeiten der Beschäftigten führen kann oder dass Arbeitsbelastung und Stress abnehmen können, ist allgemein bekannt. Inwieweit sich diese wohlstandssteigernden Effekte jedoch in der Summe auf die Beschäftigung auswirken, ist von Branche zu Branche unterschiedlich.

Solche Möglichkeiten, nebenbei bemerkt, klammert Helmedag aus, da die Produktivitätsentwicklung in seinem Modell unabhängig von einer AZV ist. Nach seiner Leseart ist es also nicht unwahrscheinlich, dass die positiven Effekte der AZV von der Produktivitätssteigerung konterkariert werden.

Ein weiteres Risiko liegt in der Verschlechterung des Investitionsklimas, da die Planungssicherheit unterminiert wird und die Unsicherheit ansteigt; eine tiefgreifende Umgestaltung des Betriebs ist außerdem mit großen kurzfristigen Kosten verbunden. In einer solchen Umbruchsituation sind die Bedenken der Unternehmen nicht zu unterschätzen.

Damit eine solche Phase der Umstrukturierung möglichst reibungslos verläuft, muss eine AZV im konstruktiven Dialog – sowohl vonseiten der Regierung, als auch vonseiten der Gewerkschaften – mit den Unternehmen stattfinden. Transparente Regelungen und klare staatliche Vorgaben erleichtern damit den Anpassungsprozess ungemein. Auch eine gesellschaftliche Akzeptanz sind dem Unterfangen förderlich.

Grundsätzlich ist insbesondere die Reaktion der Unternehmen von der konjunkturellen Lage abhängig. Bei einer Volkswirtschaft im Aufschwung kann durch eine AZV die Neueinstellungen der Unternehmen bedeutend größer ausfallen. Dies lässt sich schon auf triviale Art durch den hier vorherrschenden Optimismus, also die „animal spirits“, erklären.

Ebenso wichtig wie die nachfrageseitigen Effekte sind auch die angebotsseitigen Bedingungen. Dies ist unmittelbar einleuchtend: Wird nämlich die AZV in einer Fabrik mit Fließbandarbeitern durchgeführt, so ist bei unveränderter Arbeitsnachfrage evident, dass hier potenziell eine Umverteilung von Arbeit möglich ist. Eine völlige andere Situation zeigt sich aber, wenn die AZV Bereiche berührt, in denen ein Mangel an qualifiziertem Personal herrscht, oder ohnehin nur schwer ersetzbares, hochqualifiziertes Personal zum Einsatz kommt. An dieser Stelle darf man es sich nicht zu einfach machen und die hochkomplexe Wirkungskette der AZV auf wenige makroökonomische Variablen reduzieren.

Reaktion der privaten Haushalte

Eine entscheidende Rolle in der Debatte nimmt der durch den Lohnverlust verursachte Nachfrageausfall ein. Die einfachste Abschätzung der privaten Konsumausgaben läuft dabei im Wesentlichen darauf hinaus, dass sie direkt abhängig vom Einkommen der Haushalte sind. Deshalb sinken in der Tat die Konsumausgaben der privaten Haushalte, welche durch die AZV eine Einkommensbuße hinnehmen mussten. Interessant wird es bei der konkreten Abschätzung der Parameter: Wie lange dauert es also, bis sich die Einkommensbuße bemerkbar macht? Gehen die Konsumausgaben im gleichen Maße zurück?

Möglich sind theoretisch wie praktisch viele Szenarien. Die Haushalte können das sinkende Einkommen natürlich auch im Voraus antizipieren; dann sinkt die Binnennachfrage schon vor der eigentlichen AZV. Umgekehrt können soziale Normen und ein angewöhnter Lebensstandard die Binnennachfrage stabilisieren. Ebenso spielt die Art der sozialen Absicherung eine herausragende Rolle. Nicht zuletzt deshalb spielt es eine große Rolle, in welcher Branche die AZV stattfindet – das Konsumverhalten verschiedener Einkommensgruppen unterscheidet sich nämlich gravierend.

Auch die Reaktion des Arbeitsangebots lässt sich nicht allgemein bestimmen. Ein etwas überspitztes Beispiel wäre eine Volkswirtschaft mit Sättigungstendenzen, die sich beim Einkommenserwerb von einem Entwicklungsland unterscheidet.

Reaktion der öffentlichen Hand

Um die Entwicklung der Staatsausgaben prognostizieren zu können, ist es nötig, die gegenwärtige Besetzung der relevanten politischen Ämter miteinzubeziehen. Unter der Ägide von Wolfgang Schäuble (CDU) als Finanzminister war die Haushaltspolitik geprägt von dem Leitbild der „schwarzen Null“. Aber auch Sigmar Gabriel und seine Nachfolgerin Brigitte Zypries (SPD) als Wirtschaftsminister vertraten kaum abweichende Positionen.

Der Haushaltsausschuss des Bundestages wiederum setzt sich zum Großteil aus Mitgliedern der ehemaligen großen Koalition zusammen. Nachdem die CDU/CSU aus der Bundestagswahl erneut als stärkste Fraktion hervorgegangen ist, wird der derzeitige wirtschaftspolitische Kurs aller Voraussicht nach beibehalten. Die einzige politische Kraft, die diesem hätte entgegenwirken können, nämlich die SPD, hat sich nun für die Opposition entschieden. Auch nach dem Scheitern der Sondierungen, sprich ohne ein von der FDP besetzter Finanzministerposten, ist nicht mit einer wirtschaftspolitischen Wende zu rechnen.

Über den Daumen gepeilt kann erwartet werden, dass die staatlichen Ausgaben etwa im gleichen Maße sinken, wie die Steuereinnahmen. Ein konstantes Budgetdefizit ist dagegen nicht sehr wahrscheinlich. Wie bereits erwähnt, spielen die automatischen Stabilisatoren ebenfalls eine gewisse Rolle, da bei Neueinstellungen die Sozialausgaben noch weiter sinken könnten. Wie sich die Staatsausgaben tatsächlich entwickeln, ist lediglich aus der tatsächlichen Ausgestaltung der AZV ersichtlich, da ansonsten die maßgeblichen Effekte, z. B. über die Rentenkasse oder die Arbeitslosengelder, reine Spekulation bleiben.

Wirkung auf den Außenhandel

Würde nach der bisherigen Analyse die Binnennachfrage im Zuge der AZV spürbar gedämpft, so würde der deutsche Exportüberschuss tendenziell noch weiter steigen. Das liegt daran, dass die Importausgaben maßgeblich vom Einkommen und Konsum der privaten Haushalte abhängen – bei gleichbleibender Exportnachfrage steigt folglich der Überschuss. Dass dies zwar kurzfristig zu höherem Wachstum führt, jedoch gleichzeitig einen Export von Arbeitslosigkeit und langfristig zahlreichen Probleme mit sich zieht, ist hinlänglich bekannt. Vor allem die Regierung Trump wird sich darüber nicht besonders freuen.

Gesamtwirtschaftliche Wirkung

Als eine entscheidende Variable für das Gelingen lässt sich vor allem die Länge der Übergangszeit zwischen AZV und tatsächlichen Neueinstellungen ausmachen: Stellen die Unternehmen sehr bald nach der AZV neue Arbeitskräfte ein, dann fällt der Nachfrageeinbruch nur sehr gering aus, sodass tatsächlich massive Beschäftigungsgewinne auftreten können. Ein fundamental anderes Bild ergibt sich dagegen, wenn die AZV in einer Rezessionsphase vorgenommen wird. Hier werden Unternehmen nur sehr zögerlich Neueinstellungen vornehmen, was negative Beschäftigungseffekte auslösen könnte.

Elementar ist auch die Größe der Volkswirtschaft, in dem eine AZV vorgenommen wird. Führt man eine AZV sukzessive über verschiedene Branchen ein, wird der Nachfrageausfall weniger drastisch ausfallen, als wenn die AZV ruckweise stattfindet. Denn der Rückgang des privaten Konsums wird weniger drastische Folgen haben, wenn er in Relation zu den Gesamtausgaben kleiner ausfällt.

Ein kaum spürbarer Einbruch des Absatzes hat wiederum wenig Einfluss auf die Investitionstätigkeit der Unternehmen. Theoretisch könnte eine AZV auch dann besonders hohe Erfolgschancen haben, wenn sie in einer großangelegten, koordinierten Aktion, also quasi planwirtschaftlich eingesetzt wird. Dabei könnten Neueinstellungen etwa durch vorhergehende Qualifizierungsprogramme erleichtert werden. Fraglich ist dabei nur, ob sich das mit marktwirtschaftlichen Prinzipien und der Tarifautonomie vereinbaren lassen würde.

Empirische Ergebnisse

Die Literatur zur Beschäftigungswirkung einer AZV ist relativ dünn. Dies liegt zum Teil an den in Deutschland schon Jahre zurückliegenden Debatten. Nicht selten kranken empirische Untersuchungen zudem an der methodischen Schwierigkeit, zwischen äußeren Einflüssen und den ursächlichen Effekten der AZV zu unterscheiden.[1] Studien, die sich auf Mikrodaten fokussieren, haben gegenüber makroökonomischen Studien den Vorteil, dass einzelne Faktoren aufgeschlüsselt und quantifiziert werden können. Der Nachteil ist unter anderem, dass sie Kaufkrafteffekte nicht miteinbeziehen, wodurch die arbeitsschaffende Wirkung tendenziell unterschätzt wird. Relevante Studien gibt es vor allem für Frankreich und Deutschland. Einen guten deutschsprachigen Überblick liefern Schwendinger 2015 und Poyntner 2016.

In Frankreich kommt die Mehrzahl der Studien zu signifikant positiven Effekten. Beachtet werden muss aber, dass in Frankreich auch staatliche Subventionen Bestandteil der AZV waren. Dies ist nichts anderes als ein fiskalischer Stimulus, der mit den originären Effekten der AZV wenig zu tun hat.

Auch in Deutschland errechnen die meisten Untersuchungen eine positive Beschäftigungswirkung. Eine Umsetzung der AZV auf die Beschäftigung von eins zu eins wird aber bei beiden Ländern selten ermittelt, stattdessen geht die übliche Bandbreite von leicht negativen Effekten bis zu einer Umsetzung von maximal eins zu eins. Poyntner selbst berechnet in einem langfristigen Paneldatenmodell, „dass eine Reduktion der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten um 10% die Erwerbstätigenquote um 6,63% erhöht“ (S. 678).

Schlussfolgerungen

Es muss zwar eingeräumt werden, dass das Thema Arbeitszeit in den jüngsten Gewerkschaftsforderungen eine zentrale Position einnimmt, jedoch steht eher eine Flexibilisierung als eine tatsächliche Verkürzung der Arbeitszeit im Mittelpunkt. Zudem muss die AZV in einen internationalen Kontext eingeordnet werden. IWF und EZB fordern schon seit geraumer Zeit eine fiskalische Expansion in den Kernländern der Eurozone. Hier wäre ein deutsches Entgegenkommen in jeglicher Hinsicht förderlich, fehlt schließlich für einen wirtschaftspolitischen Konsens in Richtung einer progressiven Umgestaltung des Euroregimes vor allem die deutsche Zustimmung. Gerade auch die Dämpfung der Importe dürfte einer Deeskalation in der Debatte um die transatlantischen Handelsbeziehungen wenig zuträglich sein.

Summa summarum kann eine AZV durchaus signifikant positive Beschäftigungswirkungen entfalten – eine definitive Antwort ist hier aber nicht zu finden. Vielmehr kommt es auf die konkrete Durchführung, das konjunkturelle Umfeld, aber auch auf die institutionellen Gegebenheiten der Volkswirtschaft an. Eine einfache Umverteilung von Arbeit gibt es mit Sicherheit nicht.


[1] Hierzu zählt insbesondere der Effekt durch sich ändernde Löhne, etwa durch den Lohnausgleich.

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