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Ökologie | 01.11.2017

Neues Öl oder neue Wirtschaft?

Wie soll die Gesellschaft reagieren, wenn die globale Ölförderung ihren Zenit erreicht und dann stetig, aber unaufhaltsam sinkt? Der auf den ersten Blick einfachste Weg: Erdölsubstitution. Doch die schafft nur neue Probleme.

Biokunststoffe, die aus pflanzlichen Rohstoffen gewonnen werden, statt organische Polymere. Biosprit oder Innovationen wie Blue Crude statt erdölbasierte Treibstoffe. Schmierstoffe, Waschmittel, Pharmazeutika und Kosmetikprodukte auf Palmölbasis sowie Energie aus Holz. Diese Beispiele zeigen: Erdöl nach und nach durch verschiedene Substitute zu ersetzen, ist längst vielfache Praxis.

Laut Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz werden aktuell in Deutschland bereits auf 2,1 Millionen Hektar Energiepflanzen (für Biodiesel und Biogas) kultiviert, was in etwa der Fläche von Hessen entspricht. Auf gut 400.000 Hektar wachsen Industriepflanzen beispielweise für Bau-, Schmier- und Kunststoffe. Außerdem liefern rund 11,1 Millionen Hektar Wald Holz für die Industrie und Energieversorgung – Tendenz steigend (vgl. hier). Der jährliche Palmöl-Verbrauch in Deutschland liegt derzeit bei rund 1,8 Millionen Tonnen.

Weltweit stieg der Palmölverbrauch von 25 Millionen Tonnen im Jahre 2001 auf 60 Millionen Tonnen im Jahre 2015, angebaut auf 17 Millionen Hektar, also einer Fläche fast halb so groß wie ganz Deutschland.

Und das, obwohl wir derzeit noch im Erdöl schwimmen. Und damit ist man bei des Pudels Kern: Die reine Substitution von Erdöl durch pflanzenbasierte Stoffe schafft neue Probleme. Probleme solchen Ausmaßes, dass DIE ZEIT schon im Jahre 2015 auf die Suche nach Alternativen zum Palmöl ging (hier):

„Die Welt braucht neues Öl

Indonesiens Wälder brennen, die Menschen ringen nach Luft: Bauern roden den Regenwald, um das weltweite Verlangen nach Palmöl zu stillen. Ist es wirklich unersetzlich?“

Schon heute suchen wir nach der Alternative zur Alternative zum Erdöl. Und das – in Anbetracht der mittlerweile hinlänglich bekannten Folgen des expansiven Ölpalmen-Anbaus – völlig zu Recht: Bei den Brandrodungen für Palmöl-Plantagen werden immense Mengen CO2 freigesetzt, die im Boden des Regenwaldes gebunden sind. Die bis zu 8000 Jahre alten Regenwälder speichern bis zu 6000 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar – das ist 50 Mal so viel, wie es eine Palmölplantage vermag (vgl. hier).

Schlimmer noch: Durch die Brandrodungen nimmt die Artenvielfalt ab, Tiere und Pflanzen werden aus ihrem Lebensraum vertrieben. Palmöl-Plantagen sind Monokulturen, die zur Abnahme der Bodenfruchtbarkeit führen und den flächendeckenden Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln, synthetischen Düngern und Pestiziden erforderlich machen. Diese wiederum sind heute noch erdölbasiert, müssten in Zukunft aber ebenfalls ersetzt werden. Wir haben noch nicht einmal damit begonnen, das Erdöl zu substituieren und die Zeitschrift GEO schreibt bereits heute über die Umweltkatastrophe Palmöl.

Monokulturen, Flächenkonkurrenz, Klimawandel

Was für den Ölpalmen-Anbau gilt (CO2-Freistezung, Biodiversitätsverlust, Bodenauslaugung, hoher Bedarf an Agrochemie und wachsender Flächenverbrauch), gilt in eingeschränkter Form auch für alle anderen Energiepflanzen, die in Monokulturen angebaut werden.

Eine exzessive Bioenergieproduktion würde zudem, wie bereits im ersten Teil auf Basis der Bundeswehr-Studie ausgeführt wurde, zu einer massiven Flächenkonkurrenz führen. Landwirtschaftliche Flächen für die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung würden mit Flächen für Erdölsubstitute konkurrieren. Wenn erdölbasierte Dünger und Pflanzenschutzmittel sowie die maschinelle Bewirtschaftung nach und nach wegfallen, gehen die Erntemengen drastisch zurück und wir benötigen eine noch größere landwirtschaftliche Fläche zur Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung.

Darüber hinaus wächst die Weltbevölkerung und damit auch der Ressourcenhunger:

„Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von heute sieben Milliarden auf voraussichtlich neun Milliarden Menschen anwachsen; gleichzeitig wächst der Lebensstandard in vielen Ländern. Dadurch wird die Nachfrage nach Rohstoffen in den nächsten Jahren weiter deutlich zunehmen.“ (Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz)

Es wird nicht möglich sein, neun Milliarden Menschen zu ernähren, wenn wir hunderte Millionen Hektar Land für die Erzeugung von Erdölsubstituten nutzen. Für die Bekämpfung des Klimawandels und seiner Folgen wäre die pflanzenbasierte Erdölsubstitution ebenfalls Gift:

„Zudem würde eine großangelegte Bioenergieproduktion die Effekte des Klimawandels verstärken. Eine intensivere Landwirtschaft, insbesondere mit Hochertragssorten in Monokulturen, wirkt sich gerade in den Regionen negativ aus, die bereits heute von Wassermangel betroffen sind. Die Degradierung von Böden durch Erosion, Verdichtung, Versalzung und Verwüstung würde forciert. Mit der Zerstörung intakter Ökosysteme und dem Verlust an Biodiversität verringert sich so das natürliche Regenerationspotenzial der Biosphäre.“ (Bundeswehr-Studie, S.29)

Den Schätzungen eines kürzlich in der Zeitschrift Nature erschienenen Artikels zufolge liegen die Chancen, die Erderwärmung unter der Gefahrenschwelle von zwei Grad zu halten, ohnehin nur noch bei fünf Prozent. Wir steuern laut den Autoren eher auf eine Erderwärmung zu, die zwischen 3,2 Grad und 4,9 Grad liegt. Bei diesen Berechnungen ist der Klimaeffekt der sukzessiven Erdölsubstitution noch nicht einmal berücksichtigt. Auch deshalb ist es keine Lösung, Erdöl einfach zu ersetzen.

Bereits im Jahre 2010 schrieb Michael Klare, Professor an der Universität Massachusetts, von der kommenden Ära der »extreme energie« und warnte vor der fortwährenden Suche nach Erdölsubstituten. Die Ausbeutung unkonventioneller Energiequellen trage zu noch größerer Abhängigkeit, Unsicherheit und ökologischer Zerstörung bei. Michael Klare und andere Theoretiker weisen nicht nur auf die Gefahren von Ölsandabbau, Tiefsee-Bohrungen und Hydraulic Fracturing hin, sondern auch auf negativen Umweltwirkungen von Wind-, Solar- und Wasserenergie (vgl. hier und hier).

Lösung Elektromobilität?

Demnach führt die Gewinnung von Energie aus erneuerbaren Energiequellen ebenso zu neuartigen Umweltproblemen und Ressourcenengpässen wie auch die Elektromobilität. Das Manager-Magazin schreibt in einem Beitrag über die von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie »Rohstoffe für Zukunftstechnologien 2016« hinsichtlich eines in der Studie entwickelten Szenarios für Mobilität im Jahre 2035:

„In der aggressivsten Projektion mit dem Titel »Marktdurchdringung E-PKW« liegt der Anteil von batterieelektrischen Autos in 19 Jahren weltweit bei lediglich 10 Prozent, Brennstoffzellenautos kommen auf unter 5 Prozent. Konventionelle Verbrenner liegen noch bei knapp 60 Prozent. Schon in diesem Szenario läge der Lithium-Bedarf nur für Elektroautos aber knapp viermal so hoch wie die heutige gesamte Weltproduktion. Und die Autoren gehen davon aus, dass die Fahrzeuge kleinere Batterien haben als heute – was unwahrscheinlich ist.“

In einer Studie des schwedischen Umweltministeriums wird wiederum gezeigt, dass bereits die Produktion der Lithium-Ionen-Batterien mit immensen Emissionen verbunden ist. Bei der Herstellung der Batterien entstehen pro Kilowattstunde Speicherkapazität zwischen 150 und 200 Kilogramm CO2-Äquivalente. Während der Produktion einer Batterie für das Tesla Modell S mit 85 kWh werden somit 17 Tonnen CO2-Äquivalente emittiert. Zum Vergleich: Der jährliche pro-Kopf-Ausstoß an CO2 liegt in Deutschland bei etwa zehn Tonnen (vgl. hier).

In einem Forschungsprojekt zur Elektromobilität, das im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit durchgeführt wurde, wurden 12 Metalle identifiziert, die für die Herstellung von Elektroautos von besonderer Bedeutung sind, darunter Seltene Erden wie Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium. Das Forschungsteam kommt zu dem problematischen Befund, dass dem knappen Angebot an Seltenen Erden ein stetig wachsender Bedarf gegenübersteht (vgl. hier). Die Seltene Erde Dysprosium, die für die Herstellung von Elektroautos benötigt wird, wird auch für die Produktion von Windkraftanlagen benötigt, die den Strom erzeugen, um die Elektroautos zukünftig anzutreiben… und so fort.

Anders gesagt: Wenn wir das Erdöl einfach nur ersetzen, treiben wir den Teufel mit dem Beelzebub aus. In der Bundeswehr-Studie ist dies etwas wissenschaftlicher formuliert:

„Die Substitution einer Abhängigkeit durch eine andere, beispielsweise durch seltene Metalle, ist langfristig nicht zielführend (…). Vielmehr müssen zukünftige Veränderungen darauf ausgerichtet sein, systemische Abhängigkeiten zu verringern und in neuen Strukturen möglichst gänzlich zu vermeiden. Deren Aufdeckung erfordert grundlegend neue Methoden und bedarf unbedingt der weiteren vertieften Analyse.“ (S. 79)

Auch Norbert Rost, Leiter des Büros für postfossile Regionalentwicklung in Dresden, schreibt, dass ein Konzept, dessen Vision darin bestehe, einen fossilen Energieträger durch einen anderen Energieträger zu ersetzen, der Komplexität der Aufgabe keinesfalls gerecht werde (vgl. S.64).

Zurück zur Subsistenzwirtschaft?

In den zitierten Studien wird als geeignete Anpassungsstrategie an den Peak Oil die Förderung regionaler Resilienz angeführt. Resilienz bezeichnet die Eigenschaft von Systemen, ihre Funktionalität trotz akuter Gefährdungen oder krisenhafter Entwicklungen aufrecht zu erhalten. Das Ziel regionaler Resilienz ist, die Widerstandsfähigkeit von Regionen gegenüber externen Risiken und Krisen (wie dem Peak Oil) zu erhöhen. Dies geschieht, indem systemische Abhängigkeiten verringert und der Selbstversorgungsgrad von Regionen erhöht wird. In den Worten von Norbert Rost:

„Mit Peak Oil stellt sich die Frage, wie viel Fremdversorgung für Regionen und Kommunen gut ist und wie viel Selbstversorgung machbar ist. Diese Sichtweise auf Wirtschaft mag der bisherigen Fixierung auf Exporte und Wachstum entgegenstehen, doch wo Peak Oil den Ölhahn zudreht, entsteht grundsätzlicher Anpassungsbedarf an neue ökonomische Grundvoraussetzungen.“ (Peak Oil – Herausforderungen für Sachsen, S.62)

Um widerstandsfähiger zu werden, so auch die Autoren der Bundeswehr-Studie, sollten zukünftige Veränderungen darauf ausgerichtet sein, internationale Wertschöpfungsketten – soweit möglich und sinnvoll – regional zu reintegrieren. Regionalwirtschaftliche Strukturen vermindern die Erdöl-Abhängigkeit. Sie sind weniger störungsanfällig, weil Transportwege verkürzt und die Distanzen zwischen Produktion und Konsum verringert werden.

Damit ist keine Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft und der Verzicht auf Bananen gemeint. Regional sollen nur diejenigen Güter erbracht werden, bei denen dies technisch möglich und unter den veränderten Voraussetzungen ökonomisch sinnvoll ist.

„Kommunen bzw. Regionen erbringen jene Produkte selbst, die die Menschen vor Ort zum Leben brauchen und die von ihnen produziert werden können. Der Handel auf dem globalen Markt reduziert sich auf jene Waren, für die Regionen zusammenarbeiten müssen, wie beispielsweise in den Bereichen Hochtechnologie, Maschinenbau oder in stark arbeitsteiligen Strukturen.“ (Ebenda, S.65)

Zahlreiche Güter, die der internationalen Arbeitsteilung und globaler Produktionsketten bedürfen, werden auch zukünftig global produziert. Heute legen aufgrund der günstigen Transportkosten aber auch jene Güter lange Strecken zurück, bei denen das theoretisch gar nicht notwendig wäre.

In der Theorie der komparativen Kostenvorteile sind hohe Transportkosten ein Handelshemmnis, das den Kostenvorteil überkompensieren kann. In diesem Fall ist die Herstellung eines Gutes vor Ort günstiger als dessen Import. Sollten die Autoren der Peak-Oil-Studien Recht haben, könnte es in den nächsten Jahrzehnten häufiger zur Überkompensation komparativer Kostenvorteile durch steigende Transportkosten kommen. Eine Fokussierung der internationalen Arbeitsteilung auf diejenigen Güter, bei denen globale Wertschöpfungsketten unabdingbar sind, wäre dann alleine aus Kostengründen vernünftig.

Technische und soziale Innovationen

Außer Frage steht, dass Innovationen sowie Investitionen in umweltkompatible Produkte und Verfahren angesichts knapper Ressourcen unabdingbar für eine zukunftsfähige Ökonomie sind (siehe Rainer Land). An vorindustriellen Normwerten und Kipppunkten gemessen, befinden wir uns beim Klimawandel, der Artenvielfalt und dem Stickstoffreislauf bereits über den planetarischen Belastungsgrenzen.

Ohne derartige Innovationen wird ein Pfadwechsel nicht zu haben sein. Die angeführte Problematik der bloßen Erdölsubstitution wirft jedoch die Frage auf, inwieweit technische Innovationen durch Maßnahmen zur Förderung regionaler Resilienz ergänzt werden können. Der Deutsche Bundestag veröffentlichte 2013 den Schlussbericht der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft, in dem eine ebensolche Kombination gefordert wird:

„Zudem muss es neben Maßnahmen mit dem ultimativen Ziel der Entkopplung (im Sinne der Entkopplung des Wohlstands im engeren und weiteren Sinne von der Belastung der Ökosysteme) auch Maßnahmen zur Erhöhung der Resilienz gegenüber Veränderungen in den Erd-Systemprozessen beinhalten, und dies sowohl innerhalb Deutschlands als auch in anderen Ländern der Erde.“ (S.496)

Notwendige Maßnahmen, um die Resilienz zu erhöhen, sind für die Enquete-Kommission „soziale, kulturelle und institutionelle Innovationen (…), die Veränderungen von Lebensstilen oder neue Organisationsformen“ zum Ziel haben und eine „breite Teilhabe ermöglichen“ sollen (S.441).

Damit wird die Ressourcenfrage im 21. Jahrhundert zunehmend zur Gerechtigkeitsfrage. Anders formuliert: Soziale Gerechtigkeit ist ohne einen gerecht verteilten Zugang zu Ressourcen nicht möglich. Das heißt angesichts begrenzter Ressourcen, insbesondere endlicher Erdölreserven, dass bei allen Anpassungsmaßnahmen – seien es technische oder kulturelle – die Verteilungsfrage berücksichtigt werden muss.

Ein intakter Planet durch umweltkompatible Produkte und Verfahren bei gleichzeitiger sozialer Ungerechtigkeit ist ein Widerspruch in sich.

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