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Theorie | 01.11.2017

Warum Globalisierung nicht geht

Die Marktwirtschaft ist auf Institutionen der Umverteilung angewiesen. Doch der globale Standortwettbewerb zerstört diese.

Wieviel Globalisierung braucht unsere Wirtschaft? Um diese Frage zu diskutieren, müssen wir erst sagen, was denn die Alternativen sind. Um über diese sinnvoll reden zu können, schlage ich vor, die Wirtschaft in drei „Abteilungen“ zu untergliedern:

  • Erstens die geldlose Selbstversorgung. Sie war Jahrmillionen lang das einzige „Wirtschaftssystem“. Auch heute noch entfällt mehr als die Hälfte der produktiven, geschweige denn der reproduktiven Tätigkeiten auf diesen Sektor.
  • Zweitens gibt es die nationale Marktwirtschaft. Darunter fallen alle marktwirtschaftlichen Tätigkeiten, die der nationalen Gesetzgebung unterstehen.
  • Drittens schließlich haben wir die globale Marktwirtschaft. Sie umfasst alles, was durch internationale Verträge geregelt ist. Globalisierung ist der Versuch, möglichst jeden wirtschaftlichen Austausch multilateral oder gar nicht zu regulieren.

Jede Wirtschaft ist eine Mischung dieser drei Sektoren. Gesucht ist der optimale Mix. Dieses Optimum bemisst sich danach, wie gut das Gesamtsystem folgende drei Aufgaben erfüllt:

  • Bedürfnisse erkennen
  • Produktive Tätigkeiten organisieren
  • Beute verteilen

Fangen wir bei den Bedürfnissen an. Jeder Organismus und jede soziale Organisation müssen zu aller erst erkennen, was sie brauchen. Beim Menschen gehen die entsprechenden Systeme viele Millionen Jahre auf unsere im Meer lebenden Vorfahren zurück. Der Hunger etwa wird weitgehend vom Stammhirn gesteuert. Darmbakterien analysieren den Darminhalt schicken über den Vagusnerv Signale ans Hirn, wodurch Appetit auf genau das ausgelöst wird, was unser Organismus braucht. Das Belohnungszentrum in unserem Hirn steuert unser Verhalten, in dem es produktive (arterhaltende) Tätigkeiten mit der Ausschüttung von Glückshormonen ermuntert.

Was das Erkennung von Bedürfnissen angeht, ist die geldlose Selbstversorgung der Marktwirtschaft weit überlegen. In der Familie, Sippe oder Nachbarschaft sind die Produktions- und die Konsumgemeinschaft identisch (man nennt es auch «Prosumer»). Man reagiert unmittelbar auf die eigenen Bedürfnisse, bzw. die der Gemeinschaft und wird dabei weitgehend vom Belohnungszentrum gesteuert.

In der Marktwirtschaft muss man erst die Bedürfnisse anderer erkennen und wecken, man muss sich mit einem billigen Angebot (sprich unter Verzicht auf eigene Ansprüche) gegen Konkurrenten durchsetzen, sein Produkt oder die Dienstleistung verkaufen – und erst mit dem Erlös kann man dann seine eigenen Bedürfnisse anmelden.

Dieser Vorgang ist erstens sehr aufwendig. Es braucht ein Geldsystem, eine Handelsgerichtbarkeit, Bürokratie, Werbung, es müssen Offerten geschrieben werden etc. Beim internationalen Handel fallen vor allem auch noch die Aufwendungen für Koordination, Kontrolle, Transport, Kühlung etc. ins Gewicht.

Zweitens läuft insbesondere die globale Marktwirtschaft Gefahr, an den Bedürfnissen vorbei zu produzieren. Das gilt vor allem für noch wenig entwickelte Länder.  Statt die eigenen Ressourcen primär zur Deckung der eigenen Bedürfnisse zu nutzen, muss man diese primär für den Export einsetzen. Was kann das Land konkurrenzfähig exportieren? Außer Rohstoffen und ausgewählten Agrarprodukten ist meist nichts vorhanden. Damit der bescheidene Exporterlös wenigstens die dringendsten Bedürfnisse decken kann, muss man möglichst billige Importe zulassen. Letztlich führt dies zu einer erlernten Unfähigkeit, sich so zu organisieren, dass man die eigenen Bedürfnisse erkennen und befriedigen kann.

Das gleiche gilt für viele unter- oder zurückentwickelte Gebiete in den Industriestaaten. Ist die Automobil- oder Textilindustrie erst einmal ausgelagert, sind zwar die lokalen Bedürfnisse (Wohnung, Kleider, Straßen, Schulen etc.) noch genauso da wie die nötigen Arbeitskräfte, aber es fehlt die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und sich entsprechend zu organisieren.

Stattdessen buhlt man verzweifelt um die Gunst eines Investors, damit man für einen tiefen Lohn und unter Verzicht auf Steuereinnahmen die Bedürfnisse anderer befriedigen kann. Psychologen sprechen von angelernter Hilflosigkeit. Die Marktwirtschaft, vor allem die globale, hat also große Defizite, wenn es darum geht, Bedürfnisse zu erkennen.

Punkto Erkennen von Bedürfnissen hat also die geldlose Selbstversorgung große Vorteile sowohl gegenüber der nationalen als auch globalen Marktwirtschaft. Deren Vorzüge liegen denn auch klar bei der Produktion: Der Markt ermöglicht eine sehr ausgeprägte Arbeitsteilung und Spezialisierung, die Produktion großer Stückzahlen mit entsprechenden Skalenerträgen. Zudem beschleunigt er den technologischen Fortschritt.

Dadurch hat die Marktwirtschaft den Menschen einen entscheidenden Entwicklungsschub gebracht. Inwiefern es dazu aber auch globalisierter Märkte braucht, ist nicht klar. Wir können nicht ausschließen, dass uns allein der globale Austausch von Informationen, gekoppelt mit billiger Energie und bilateral vereinbarten Ein- und Ausfuhren von Waren vielleicht sogar mehr Wohlstand beschert hätte.

Dass der freie Kapitalverkehr das Wachstum eher hemmt, wird inzwischen weit herum anerkannt. Vor allem bei börsennotierten Großfirmen verdienen heute die Manager und die Aktionäre mit kurzfristigen Kursmanipulationen mehr Geld als mit der Entwicklung besserer Produkte. Doch auch beim freien Personenverkehr, bzw. bei der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte dürften die Nachteile überwiegen.

Etwa hat Professor Alfred Kleinknecht hier empirisch nachgewiesen, dass die Produktivität umso schneller steigt, je sicherer die Arbeitsplätze und je höher die Löhne sind. Die Regulierung oder Deregulierung des Arbeitsmarktes entscheidet darüber, ob die Arbeitskräfte effizient oder ausbeuterisch eingesetzt werden.

Doch das ist längst nicht alles: Die Regulierung des Arbeitsmarktes entscheidet auch, wie produktiv der erste Sektor ist. In einem deregulierten und flexibilisierten Arbeitsmarkt werden Familien und Nachbarschaften durch unregelmäßige Arbeitszeiten, häufiger Stellen- und Wohnortwechsel etc. auseinandergerissen und geschwächt. Und obwohl die bezahlte Arbeit mengenmäßig abnimmt, dominiert sie den Tagesablauf immer mehr. Die hohe Scheidungsziffer und die tiefen Geburtenraten sind Zeichen dafür, dass die Balance längst nicht mehr stimmt.

Der freie Personenverkehr zwischen unterschiedlich entwickelten Ländern und Regionen hat eine vielleicht noch verheerendere Wirkung. Wie soll sich ein Land oder eine Region entwickeln, wenn die gut ausgebildeten Leute abwandern und die Mütter ihre Kinder zuhause lassen, um in den reicheren Gebieten Senioren zu pflegen? Wie soll eine Arbeiterschaft erfolgreich um höhere Löhne kämpfen, wenn der Arbeitgeber jederzeit damit drohen kann, die Arbeitsplätze in billigere Regionen zu verlagern?

Und da ist noch ein wichtiger Aspekt: Die Organisation der Arbeit entscheidet nicht nur darüber, wie viel produziert wird, sondern auch, wie viel Spaß die Arbeit selbst macht. In der Selbstversorgung wird dies automatisch berücksichtigt. Das Belohnungssystem in unserem Hirn hat uns so programmiert, dass die Jagd schon Spaß macht, bevor die Beute erlegt ist. Anders würden wir das gar nicht durchhalten und wären längst ausgestorben.

Die reine Geldwirtschaft jedoch belohnt nur das Endergebnis. Doch diese Rechnung geht immer weniger auf. Was sind schon ein paar Prozent mehr BIP im Vergleich zum zunehmenden Stress einer exakt getakteten Arbeit? In einer national regulierten Wirtschaft kann man diesem Aspekt Rechnung tragen. Im globalisierten Standortwettbewerb wird er weggefegt.

Kommen wir zum dritten Punkt, zur Verteilung. Ein großer Teil unseres Gehirns dient dazu, die durch Arbeit beschafften Kalorien und Nährstoffe richtig zu verteilen. Ist das Gehirn unterzuckert, geht gar nichts mehr. Droht Gefahr, muss der Brennstoff in die Muskeln, aber in Hungersnöten wird auch schon mal Eiweiß aus den Muskeln und Kalzium aus den Knochen abgezogen.

Verteilung ist wichtig, doch in dieser Hinsicht ist die Marktwirtschaft dringend auf Krücken angewiesen ist. Das zeigt etwa ein Blick auf die Statistik der Marktäquivalenzeinkommen in Deutschland: 4,1 % für die ärmsten 30 % der Haushalte, 31,3 Prozent für das reichste Zehntel, fast 50 % an das reichste Fünftel. In der Schweiz sind die Verhältnisse ähnlich: 34 % der Einkommen für das reichste Zehntel, 6,2 % für die ärmsten 30 %. In den USA ist die Verteilung noch viel ungleicher.

Der Markt also ist dringend auf Institutionen der Umverteilung angewiesen. Dabei denkt man in erster Linie an den Sozialstaat. Mindestens ebenso wichtig ist aber der informelle Sektor, bzw. die geldlose Selbstversorgung in Familie und Nachbarschaft. Hier wird immer noch mehr als die Hälfte der produktiven Tätigkeiten geleistet – und nach Bedarf verteilt. Zudem findet in den Familien ein finanzieller Ausgleich von den Aktiven zu den Jungen – und vermehrt auch wieder von den Alten (Pensionären) zu den schlecht bezahlten Aktiven – statt.

Doch das reicht bei weitem nicht. Die Marktwirtschaft organisiert sich nicht selbst. Sie braucht den Staat. Der muss erstens dafür sorgen, dass die Primärverteilung nicht allzu einseitig ausfällt. Dazu braucht es Mindestlöhne, Arbeitszeitregelungen, starke Gewerkschaften etc. Alles, was bei der Primärverteilung schiefläuft, muss mühsam mit Umverteilung nachgebessert werden. Die Bundesagentur für Arbeit in Deutschland ist eine Monsterbehörde mit 100.000 Angestellten.

Doch die Marktwirtschaft braucht nicht nur eine Nachverteilung von Reich zu Arm, sondern sie muss auch Kaufkraft von den Aktiven zu den Rentnern, von den Gesunden zu den Kranken und von den Arbeitenden zu den Arbeitslosen umschichten. Das ist nicht bloß eine soziale Frage, sondern es geht auch darum, die Nachfrage mit der Produktion in Übereinstimmung zu bringen. Über den Daumen gepeilt, müssen rund 30 % des Bruttolohns für diese Zwecke aufgewendet bzw. umgeschichtet werden, und das geht am besten mit obligatorischen Kollektiv-Versicherungen.

In den nationalen Marktwirtschaften konnte man solche Regelungen durchsetzen: Die Unternehmen wussten, dass sie auf die nationale Nachfrage angewiesen sind, und sie spürten es, wenn diese nicht hinreichend organisiert wurde. Und wenn sich die Gewerkschaften und die Unternehmensverbände nicht einig waren, griff der Staat als Dritter im Bunde vermittelnd ein. Das war das Geheimnis der 30 goldenen Jahre der Nachkriegszeit.

In einer globalisierten Wirtschaft verliert die nationale Nachfrage für die Exportindustrie an Bedeutung und zugleich gewinnt diese an politischem Gewicht. Im „Standortwettbewerb“ gelten die Sozialabgaben als Ballast (Lohnkeil) und als Hindernis für die „Wettbewerbsfähigkeit“. Die Löhne immer größerer Anteile der Beschäftigten sinken auf das unmittelbare Existenzminimum.

In der Folge steigen erstens die Einkommen der Privilegierten überproportional. Das BIP steigt vorerst weiter. Zweitens werden die Vorsorgeleistungen vom Unternehmen (bzw. dem Endkunden) auf den Staat überwälzt. Drittens sinkt die Lebenserwartung der ärmeren Schichten. Laut OECD ist der Unterschied bei den 25-jährigen (ungebildeten vs. gebildeten) Männern inzwischen auf fast 8 Jahre gestiegen.

Bisher dreht sich die Diskussion um die Globalisierung fast ausschließlich um Punkt zwei. Genauer, um den Beitrag der Globalisierung zur Steigerung des BIP. Googelt man Globalisation/Growth erntet man 18 Millionen Anschläge. Mit „Growth“ ist natürlich das Wachstum des BIP gemeint.

Doch diese Sichtweise ist aus drei Gründen viel zu eng. Erstens ist das BIP kein brauchbarer Maßstab für Wohlstand, geschweige denn Bedürfnisbefriedigung. Zweitens wird vergessen, dass ein wichtiger Teil unserer produktiven Tätigkeiten immer noch außerhalb der Marktwirtschaft – aber in Konkurrenz zu dieser – stattfindet. Drittens wird die Erkennung der Bedürfnisse und die Verteilung der Beute ausgeklammert.

Alles in allem führen diese Ausblendungen dazu, dass die Illusion einer sich selbst organisierenden Marktwirtschaft in unseren Köpfen erhalten bleibt. Das ist absurd. Der Markt allein bekommt noch nicht einmal die Produktion richtig hin. Würde man ihm die Verteilung überlassen, wäre die Menschheit noch in diesem Jahrzehnt ausgestorben, wie 99.99 % aller Spezies vor uns.

Wirtschaft ist schon immer politisch organisiert worden. Dies auf globaler Ebene zu tun, ist eine immense Aufgabe, die unsere intellektuellen Fähigkeiten bei weitem übersteigt.

Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag des Autors im Rahmen des Makroskop-Kongresses «Freihandel & Globalisierung».

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