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Theorie | 17.11.2017 (editiert am 24.11.2017)

Wettbewerb als Entwicklungsmotor?

Im ökonomischen Mainstream werden „Wettbewerb“ und „Wohlfahrt“ fast synonym verwendet. Ergo ist „globaler Wettbewerb“ etwas Gutes. Für Schumpeter ein völlig falscher Ansatz.

Der Verweis auf den globalen Wettbewerb und die unausweichliche Forderung von Strukturreformen gehen in der öffentlichen Debatte meist Hand in Hand. Weil der Drang zur Selbstausbeutung grenzenlos scheint und von pseudowissenschaftlichen ökonomischen Analysen die notwendige Seriosität attestiert bekommt (hier ein passender Kommentar), scheinen gewaltige Leistungsbilanzüberschüsse oder radikale Kürzungsprogramme alternativlos zu sein.

Das Narrativ des Wettbewerbs leuchtet ein, schließlich leben wir im „Zeitalter der Globalisierung“. Dementgegen habe ich bereits vor einigen Monaten auf die Grenzen der Hyperglobalisierungsthese verwiesen: Von einem wirklich globalen Markt sind wir so weit entfernt wie von Handelsbeziehungen zu anderen Planeten – trotz (!) all der technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.

Eine ähnliche Korrektur in der Wahrnehmung müsste es auch in Bezug auf den „globalen Wettbewerb“ geben, wenn wir uns die Forschungsergebnisse der ETH Zürich und der UNCTAD anschauen. Doch zunächst lohnt es, genauer auf die Vorstellungen und Schlussfolgerungen der unterschiedlichen Wettbewerbsformen einzugehen.

Perfekter Wettbewerb und allgemeines Gleichgewicht

Generell wird Wettbewerb als etwas Positives angesehen. Er steht für Innovationen, hohe Effizienz und eine große Angebotsvielfalt. Die Europäische Union ist so sehr von den Wohlfahrtseffekten des Wettbewerbs überzeugt, dass die Wettbewerbspolitik über allem steht. Die EU meint, dass

„der Wettbewerb Unternehmen dazu [zwingt], ihre Produktpalette und ihre Preise ständig konkurrenzfähig zu halten, da sich die Verbraucher ansonsten anderen Unternehmen zuwenden. In einem freien Markt herrscht ein freies Spiel der Kräfte – zum Wohle der Verbraucher.“

Wunderbar!

Der perfekte Wettbewerb als Eldorado der Ökonomen geht jedoch von wundersamen Bedingungen aus. Jede Firma ist so klein, dass sie den Marktpreis nicht beeinflussen kann und somit als Preisnehmer fungiert (oftmals wird sogar eine unendliche Anzahl an Firmen angenommen). Effektiv spielen Firmen in der Welt des perfekten Wettbewerbs damit keine Rolle. Jeder Unternehmer am Markt verfügt über perfekte Informationen. Ergeben sich irgendwo Profite, so sprießen noch in derselben Sekunde neue Firmen aus dem Boden und konkurrieren den Profit weg. Alle Produkte auf dem Markt sind identisch und die Ressourcenverteilung ist in höchstem Maße effizient.

In einem solchen Szenario kann sich schließlich ein allgemeines Gleichgewicht ergeben: alle Märkte werden simultan geräumt (d.h. Angebot und Nachfrage stimmen perfekt überein). John Kay verglich diesen Vorgang mit dem Zusammenbau eines IKEA-Möbelstücks, bei dem sich das letzte Teil ideal in die bereits vorhandenen Strukturen einfügt und alles zusammen ein ideales ganzheitliches Gefüge ergibt. Wichtig ist dabei, dass die Position des letzten Teils von der Position all der anderen Teile abhängt.

Mathematisch belegt wurde das allgemeine Gleichgewicht durch das Arrow-Debreu Gleichgewichtsmodell. Auf Grundlage bestimmter Annahmen zeigten die Ökonomen Gérard Debreu und Kenneth Arrow, dass es in allen Märkten in allen Volkswirtschaften zu einer Zusammensetzung der Preise kommen kann, unter der das aggregierte Angebot die aggregierte Nachfrage ausgleicht.

Das Ergebnis eines perfekten Wettbewerbs ist somit eine Welt, in der Unternehmer keinen Gewinn machen, technologischer Fortschritt exogenisiert wurde (sozusagen „vom Himmel fällt“), und alles statisch im Gleichgewicht ist.

Gesellschaftlicher Fortschritt durch perfekten Wettbewerb?

Die Ausführungen zeigen schon, dass es diesen perfekten Wettbewerb nicht geben kann und daher nie geben wird. Die Annahmen für das Zustandekommen eines allgemeinen Gleichgewichts sind nicht weniger heroisch. Neben perfektem Wettbewerb und nutzenmaximierenden, rationalen Agenten, müssen Konvexität, gänzlich unabhängige Konsum- und Produktionsentscheidungen, sowie die Abstinenz etwaiger Externalitäten angenommen werden.

Konvexität bezieht sich dabei auf die Durchschnittswerte möglicher Kombinationen von Konsumgütern. Wenn ich Produkt A und Produkt B mag, müsste ich auch eine Kombination von A und B mögen. Problematisch wird es, wenn eine Sucht vorliegt oder wenn Güter nicht geteilt werden können. Ebenso problematisch wird Konvexität in Bezug auf die Produktion von Gütern, da es bedeuten würde, dass es keine Vorteile durch Spezialisierung und keine Skaleneffekte gäbe. Allerdings sagt uns der gesunde Menschenverstand, dass gerade in einer Marktwirtschaft die Firmen durch Arbeitsteilung und die Ausweitung der Produktion ihre Stückkosten für gewöhnlich senken.

Die Annahme der Unabhängigkeit von individuellen Konsum- und Produktionsentscheidungen wiederum besagt, dass jeder Haushalt und jede Firma unabhängig von den Entscheidungen anderer Firmen und Haushalte agiert. Der Kauf (und eventuell die Zurschaustellung?) eines bestimmten Produktes unserer Bekannten oder Nachbarn hätte entsprechend keinerlei Einfluss auf unser Konsumverhalten.

Zu guter Letzt impliziert die Annahme der Abstinenz jeglicher Externalitäten, dass etwa die Verschmutzung der Umwelt, die im Rahmen der Produktionsprozesse der Firma A entstehen, die Produktion der Firma B nicht beeinflusst.

Auch wenn Gérard Debreu und Kenneth Arrow sicher nie die Absicht hatten, eine perfekte Welt abzubilden[1], bleibt dennoch die Frage, was für einen Fortschritt man sich durch die Ausarbeitung eines solchen System erhofft?

Dass es statische, sprich „entwicklungslose“ (Joseph Schumpeter) Gesellschaften gibt, steht außer Frage. Die unterentwickelten Volkswirtschaften in Afrika kommen heutzutage dem perfekten Wettbewerb und allgemeinen Gleichgewicht wohl am nächsten. Es gibt dort eine Vielzahl von Produzenten, die zum Großteil mit undifferenzierten Produkten handeln, deren Preise sie nicht beeinflussen können. Das allgemeine Gleichgewicht hält die Menschen in bitterer Armut.

Doch auf die modernen Volkswirtschaften trifft dies nicht zu. Erst recht braucht es in den Entwicklungsländern dringend eine Industrialisierungsstrategie, die durch den Aufbau von Großunternehmen und eine Veränderung der Produktionsstrukturen den Lebensstandard der Menschen erhöhen kann.

Schumpeter erkennt den Vorteil von Monopolen

Joseph Schumpeter war einer der ersten modernen Ökonomen, der die Problematik eines perfekten Wettbewerbs in Bezug auf die Entwicklung einer Volkswirtschaft erkannte und die herrschende Lehre als „leere und nichtssagende Theorie“ bezeichnete.

Wenn eine Wirtschaft über Jahrhunderte keine nennenswerte Entwicklung zeigt – was vor der industriellen Revolution der Fall war – obwohl (!) die Produktionsstrukturen mit vielen kleinen Betrieben einem perfekten Wettbewerb viel ähnlicher waren, als es heute in den entwickelten Ländern der Fall ist, dann liegt es laut Schumpeter daran, dass die Produktionsweise immer dieselbe blieb.

Erst mit der Entstehung monopolistischer und oligopolistischer Zustände wuchs die Produktivität enorm an, wobei der Großteil des Produktivitätswachstums auf die Großkonzerne entfiel. Schumpeter hatte auch eine Begründung für dieses (aus europäischer Sicht) Paradox: Kleine Unternehmen können bei gegebenen technischen Mitteln nicht dieselbe Leistung erbringen und es sich nicht leisten, Kapital zu „verschwenden“. Die Anreize, neue Produktionstechniken auszuprobieren und auf diese Weise durch die Erfindung einer neuartigen Kombination der Produktionsfaktoren einen kurzfristigen monopolistischen Vorteil im Markt zu erlangen, sind daher nicht gegeben.

Dies ist allerdings notwendig, um einen Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ in Gang zu setzen und Gewinne für die Unternehmen zu sichern. Auf diese Weise werden die Großunternehmen zum Motor des Fortschritts und der Ausweitung der Gesamtproduktion, da sie Skaleneffekte nutzen und „Kapital vergeuden“ können.

Schumpeter sah Kartelle und Großkonzerne aufgrund ihrer Vormachtstellung auch als potenzielle Heilmittel in einer Depression. Für ihn gab es demnach eine „allgemeine Verteidigung für das ‚Sprengen von Trusts‘ oder für die Verfolgung von allem, was unter ‚Einschränkung‘ der ‚freien Konkurrenz‘ fällt“ ebenso wenig, wie ein allgemein gültiges Gebot für oder gegen staatliche Regulierungen.

In den verunglimpften Monopolen erkannte er auch andere Vorteile, die im öffentlichen Diskurs häufig übergangen werden. Zunächst ergeben sich in monopolistischen Produktionsstrukturen Synergieeffekte, die eine bessere Produktion ermöglichen und „die Einflusssphäre der hellen Köpfe“ erweitern. Anstatt viele kluge Menschen auf eine Vielzahl von unterschiedlichen und kleinen Unternehmen aufzuteilen, können deren Ideen deutlich mehr bewirken, wenn alle in einem Unternehmen zusammenarbeiten, sich gegenseitiges Feedback geben und miteinander kooperieren.

Dadurch, dass die Produktionsmethoden durch Skaleneffekte günstiger werden, muss der Preis außerdem nicht zwangsläufig höher sein, als er es unter Konkurrenz wäre. Schließlich – und das ist der womöglich wichtigste Punkt – sind Großunternehmen und der Aufbau monopolistischer Produktionsstrukturen zentral für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der meisten Länder gewesen. Anders als die zahllosen Ökonomen, die im Geiste Adam Smiths jede Form von Protektionismus als Initiative eines bestimmten Wirtschaftsakteurs oder -sektors sahen, der die Gesamtwohlfahrt mindert, verstand Schumpeter, dass Protektionismus ein Bestreben der Bevölkerung sein kann, die nach mehr Unabhängigkeit verlangt.

Tatsächlich hat heutzutage jedes entwickelte Land (mit Ausnahmen spezieller Fälle, wie den Finanzoasen in Singapur oder Hong Kong) seinen Wohlstand durch eine staatlich massiv geförderte Industrialisierung geschaffen. Protektionismus war somit ein Grundpfeiler der wirtschaftlichen Entwicklung. China und Korea, das Mitte des 20. Jahrhunderts noch so arm war wie Tansania, haben das begriffen. In ihrer Entwicklung sind sie nicht dem Washington Consensus gefolgt, sondern haben strategisch wichtige Sektoren im Aufbau geschützt.

Auf der anderen Seite war Schumpeter kein dogmatischer Verteidiger von Monopolen. Der potentiell negativen Auswirkungen, die Monopole mit sich bringen können, war er sich durchaus bewusst. Die klassische Theorie wäre nämlich dann im Recht, so Schumpeter, wenn im Zuge eines Monopols die Produktions- und Organisationsmethoden nicht mehr verbessert würden.

Wichtig ist deshalb, dass neue Produkte und potenzielle Konkurrenten, die durch neuartige Produktionsmethoden das Gleichgewicht stören können, freien Eintritt in den Markt erhalten. Wenn Produkte der neuen Methode die der alten im Wettbewerb verdrängen, führen die Innovationen zu kurzfristigen Monopolgewinnen. Es handelt sich somit um einen qualitativen Wettbewerb und gerade nicht einen, bei dem es darauf ankommt, wer die Löhne am stärksten kürzen oder die meiste Produktion ins Ausland verlagern kann. Hingegen ist es in einem System, dass von vornherein in einem Zustand des perfekten Wettbewerbs ist, unmöglich, neue Produkte einzuführen.

Schumpeters Theorie enthält deutlich mehr Tiefe und Erklärungskraft als die neoklassische Version eines perfekten Wettbewerbs. Umso mehr geht die EU von einem äußerst naiven und rückwärtsgewandten Verständnis wirtschaftlicher Entwicklung aus, wenn sie darauf vertraut, dass der Markt alles am besten kann und die größten Wohlfahrtsgewinne generiert.

Schumpeters Werke indes haben eine implizierte Forderung nach einer pragmatischen Analyse der wirtschaftlichen Gegebenheiten inne, kein dogmatisches Vertrauen in „den Markt“.

Mit dem schumpeterianischen Verständnis, dass nicht jedes Monopol oder Oligopol direkt verteufelt werden muss, werden in Teil 2 die eingangs erwähnten Studienergebnisse zur weltweiten Kapitalkonzentration vorgestellt.


[1] Jedes Modell kommt ohne Abstraktionen und Vereinfachungen nicht aus. Das ist auch nicht weiter problematisch, solange man sich der Limitationen der eigenen Arbeit bewusst ist.

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