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Genial daneben | 07.12.2017

50 Dollar mehr für jeden Chinesen

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, nun wäre er erbracht. Die Gewerkschaften verstehen nicht, was passiert, wenn die Löhne erhöht werden. Würden sie es nämlich verstehen, würden sie nicht haltlose neoklassische Behauptungen verbreiten.

Ich muss meine Polemik von der Vorwoche über das „Überleben“ der Arbeiter leider noch einmal verschärfen: Die Arbeitnehmer dürfen nicht nur leben, die Gewerkschaften kämpfen auch dafür, dass sie in anderen Ländern 50 $ mehr bekommen – allerdings wohl nicht in Deutschland. Internationale Arbeiterbewegung nannte man so etwas vermutlich einmal.

Der deutsche DGB und der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) streiten dafür, dass die Arbeiter entlang der internationalen Lieferkette 50 $ mehr bekommen. Und das, so die lieben Kollegen aus den Industrieländern, könnten sich die internationalen Konzerne auch leisten (hier zu finden).

Ich frage mich allerdings, woher die klugen Gewerkschafter die 50 Dollar nehmen. Ich frage mich noch mehr, warum jetzt bei Forderungen der Arbeitnehmer immer mehr mit absoluten Beträgen hantiert wird. Ist das schlicht Unwissen oder steckt dahinter eine Strategie?

Noch schlimmer, wie kann man den gleichen Betrag für vollkommen unterschiedliche Länder fordern? Haben sich die Gewerkschaften vollkommen von einer Orientierung an der Produktivität verabschiedet und wollen jetzt nur noch das Überleben der Arbeitnehmer sichern? Am schlimmsten aber ist, dass dieses Beispiel klar zeigt, dass die Gewerkschaften die wirkliche Funktionsweise des Arbeitsmarktes nicht mehr verstehen (wollen).

50 Dollar mehr Lohn?

Im Text des IGB heißt es:

Internationale Konzerne machen mit ihren Produkten Milliarden-Gewinne. Doch die Arbeiter entlang der Produktionskette schuften oft unter gefährlichen Arbeitsbedingungen – und für Löhne, die kaum oder gar nicht zum Leben reichen. Dabei könnten sich die Konzerne deutliche Lohnerhöhungen problemlos leisten. Das zeigt eine Untersuchung des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB).

Die „Untersuchung“ des IGB ist zu dem folgenden Ergebnis gekommen:

Die Untersuchung des IGB zu 10 internationalen Konzernen zeigt ihren Bruttogewinn pro Jahr (linke Säulen) und den Bruttogewinn, wenn die Konzerne den Arbeitern entlang der Lieferkette (vor allem in Asien) 50 US-Dollar mehr zahlen würden (rechte Säulen).

Und siehe da, die Gewinne würden leicht sinken:

Bei Apple würde das den Bruttogewinn gerade einmal um 1,2% schmälern: von 84 Milliarden US-Dollar auf immer noch 83 Milliarden US-Dollar. Am „stärksten“ würde der Gewinn bei Procter&Gamble (P&G) schrumpfen. Der Konsumgüter-Konzern stellt im Gegensatz zu Apple eher niedrigpreisige Produkte her – doch auch P&G würde immer noch 27 Milliarden US-Dollar Gewinn machen. Außerdem hat der IGB noch die Konzerne Samsung, Nestlé, IBM, Coca-Cola, IKEA, Hewlett-Packard (HP) McDonald’s und Inditex (eines der größten weltweiten Textilunternehmen mit Sitz in Spanien) unter die Lupe genommen.

So ein geringer Gewinnrückgang! Liebe Konzerne, das könnt ihr euch doch leisten, wenn wir Gewerkschaften euch ganz lieb darum bitten und dabei auf die Knie gehen!

50 Dollar, bitte bitte!

Das muss man sich vorstellen: 50 Dollar mehr! Es wird aber noch nicht einmal gesagt, für welchen Zeitraum. Für eine Woche, einen Monat, ein Jahr oder zehn Jahre? Unternehmen in Ländern, die vollkommen unterschiedliche Produktivitätsniveaus haben, sollen alle 50 Dollar bezahlen. Warum sollte das vernünftig sein? Wollen die Gewerkschaften nur einmal eine Lohnerhöhung von 50 Dollar? Wollen die Gewerkschaften diese einmalige Lohnerhöhung nur von den Multis, aber nicht von nationalen Unternehmen? Auch das wäre ziemlich absurd.

Will der IGB auch 50 Dollar in China fordern, wo die Löhne in den letzten Jahren als so ziemlich einzigem Land der Welt ohnehin kräftig gestiegen sind? Auf den Nachdenkseiten hat Jens Berger (hier) genau das den DGB schon gefragt. Und Jens Berger hat eine schöne Graphik dazugestellt, in der gezeigt wird, wie stark die Löhne in China in den zehn Jahren zwischen 2005 und 2015 gestiegen sind. Der Anstieg der Löhne liegt nach dieser Statistik in diesem Zeitraum bei fast genau 13 Prozent jährlich! Das ist zwar nominal, aber man kann sicher sein, dass auch die Reallöhne kräftig zugelegt haben.

Warum, und das ist die entscheidende Frage, fordern die Gewerkschaften nicht in allen Ländern (in Deutschland vorneweg) von allen Unternehmen Lohnerhöhungen wie in China, Lohnerhöhungen nämlich, die sich mindestens an der Produktivitätszuwachsrate und den Zielinflationsraten orientieren?

Die Antwort auf diese Frage gibt der IGB indirekt selbst. Er will offenbar nur Lohnerhöhungen von solchen Unternehmen fordern, die nachweislich hohe Gewinne machen und sich die Lohnerhöhungen „leisten können“. Das ist allerdings der intellektuelle und politische Offenbarungseid der internationalen Gewerkschaftsbewegung. Denn der IGB entblödet sich nicht, „auszurechnen“, um wie viel die Gewinne der Unternehmen sinken werden, wenn die Löhne um 50 Dollar erhöht werden.

Was ist das Kaufkraftargument?

Wenn selbst professionelle Gewerkschafter nicht verstanden haben, dass bei vernünftig steigenden Löhnen die Gewinne nicht sinken, sondern steigen, weil die Arbeiter das Geld, das sie erhalten, wieder ausgeben, so dass es zurück in die Taschen der Unternehmen fließt, ist die Arbeiterbewegung wirklich am Ende.

Man sieht jetzt, dass in den Gewerkschaften (die deutschen eingeschlossen, denn der DGB druckt den Unsinn des IGB immerhin ab und kommentiert in wohlwollend) weder das verstanden worden ist, was jeder Gewerkschaftsfunktionär in früheren Zeiten „Kaufkraftargument“ für Lohnerhöhungen nannten, noch das, was bei der Einführung eines Mindestlohnes wie in Deutschland im Jahr 2015 passierte.

Nein, sie haben nichts verstanden und ich muss inzwischen annehmen, dass sie froh sind, dass sie nichts verstehen, denn dann müssen sie sich erst gar nicht mit den Arbeitgebern streiten. Dann nehmen sie einfach, was ihnen geboten wird, bedanken sich artig und freuen sich, dass ihre Mitglieder noch immer nicht verhungert sind.

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