Finanzsystem | 19.12.2017 (editiert am 20.12.2017)

Fernab der Realität: Das Geldsystem in der Neoklassik

Eisern hält die neoklassische Theorie an einem falschen Verständnis der Funktionsweise von Banken fest. Kein Wunder, rüttelt doch ein korrektes Verständnis an einer fest etablierten Glaubenslehre. Da ist es dann allemal besser, die Realität zu leugnen.

Wir werden häufig gefragt, warum sich das Bild von Banken als reine Finanzintermediäre, die Geld von Sparern an Kreditnehmer weiterreichten, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern sogar in der Wissenschaft so hartnäckig halte. Schließlich habe ja sogar die Deutsche Bundesbank vor kurzem eingeräumt, dass dies so nicht stimmt.

Tatsächlich vertritt auch die Bundesbank nunmehr die Position, dass die Banken bei der Kreditvergabe Geld „aus dem Nichts“ schaffen, sie also weder über vorherige Bankeinlagen, noch über Bargeld im Tresor, noch über vorherige Guthaben bei der Zentralbank verfügen müssen.

Geld als angeblich neutrales Tauschmittel

Warum sich die herrschende Lehre mit der Realität so schwertut, wird deutlich, wenn man sich genauer anschaut, wie sie generell Geld abhandelt. In der neoklassischen Theorie wird Geld faktisch erst im Nachhinein einem Modell hinzugefügt, das auf einem reinen Tauschhandel basiert, in dem also Produkte direkt gegen andere Produkte ausgetauscht werden (z.B. Äpfel gegen Schuhe).

Der Nachteil eines solchen reinen Tauschsystems ist unmittelbar einsichtig: Es ist extrem mühselig, da es eine doppelte Übereinstimmung der Bedürfnisse erfordert. Wenn ein Marktteilnehmer Äpfel anbietet und zugleich Schuhe benötigt, dann muss er jemanden finden, der erstens Äpfel nachfragt und zweitens auch noch Schuhe anbietet.[1] Nach der herrschenden Lehre war es nun die zunehmende Komplexität des Marktes mit sehr vielen gehandelten Gütern, die es immer schwieriger machte, eine doppelte Übereinstimmung der Bedürfnisse aufzuspüren, und folglich nach einer anderen Lösung verlangte. Diese Lösung bestand darin, sich auf eine besondere Ware als Tauschmittel (und Wertmaßstab) zu verständigen – das Geld.[2]

Das Geld vereinfache den Tausch und verringere dessen Transaktionskosten. Ähnlich wie das „Schmiermittel“ bei einer Maschine erleichtere es mithin das Funktionieren der Tauschwirtschaft. Als ein solches „Schmiermittel“ bleibe Geld jedoch neutral und beeinflusse das reale Wirtschaftsgeschehen (Produktion, Beschäftigung, Verteilung etc.) nicht weiter. Daraus folge, dass man im Prinzip eine Volkswirtschaft so analysieren könne, als ob es kein Geld gäbe.[3] Entsprechend wird in vielen rigorosen neoklassischen Modellen Geld einfach ganz aus der Analyse ausgeschlossen.

So erhöhe z.B. ein Anstieg der Geldmenge zwar das Preisniveau, verändere aber nicht die relativen Austauschverhältnisse zwischen den Gütern. Diese relativen Austauschverhältnisse (als Ausdruck der realen Werte) seien jedoch entscheidend für die Beschreibung des realen Wirtschaftsgeschehens. Wenn etwa vor dem gestiegenen Preisniveau der Preis eines Apfels einen Euro und derjenige einer Tafel Schokolade zwei Euro betragen habe, so koste mit dem neuen Preisniveau nun ein Apfel zwei Euro und die Schokolade vier Euro.

In diesem Sinne sei Geld also neutral (abgesehen von einigen kurzfristigen Nicht-Neutralitäten, die sich aus Marktunvollkommenheiten ergäben): Es bestimme lediglich die irrelevanten nominalen Preise, nicht aber die entscheidenden relativen Preise.

Quantitätstheorie und Geldmengensteuerung

Angenommen wird somit, dass sich die (nominalen) Preise proportional zu Veränderungen der Geldmenge bewegen. Warum ist das so?

Hier kommt die klassische Quantitätstheorie des Geldes ins Spiel, die gewissermaßen die Theorie des neutralen Geldes mit ihrer Nichtexistenz von Geldeffekten verkörpert.[4] In der Quantitätstheorie (in ihrer ursprünglichen Form) wird davon ausgegangen, dass in der Volkswirtschaft das Produktions- und Arbeitskräftepotenzial voll ausgelastet und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes konstant ist. Unter diesen Voraussetzungen lässt sich zeigen, dass ein Geldmengenwachstum direkt zu einem Anstieg des Preisniveaus führt. Steigt die Geldmenge um 5 Prozent, ist ein Anstieg des Preisniveaus um ebenfalls 5 Prozent die Folge (zur Kritik insbesondere der zugrundeliegenden Annahmen siehe hier).

Es kann an dieser Stelle nicht auf die Unterschiede zwischen der alten, von Irving Fisher entwickelten Quantitätstheorie, der auf Alfred Marshall zurückgehenden sogenannten Cambridge-Version und etwa der Neoquantitätstheorie von Milton Friedman eingegangen werden.[5] Diese Varianten unterscheiden sich nicht wesentlich hinsichtlich der theoretischen Herleitung des proportionalen Zusammenhangs zwischen Geldmenge und Preisniveau. Wichtig ist hier allein, dass alle Spielarten der monetären Neoklassik auf der Quantitätstheorie des Geldes beruhen.

Wer oder was aber legt die Geldmenge fest? In der neoklassischen Theorie wird Geld als exogene Variable betrachtet, deren Quantität entweder durch das vorhandene Angebot an einer knappen Ware (wie z.B. Gold) oder aber – wenn es sich um „Fiat-Geld“ handelt – durch den Staat bestimmt werde (d.h. die Angebotsknappheit werde staatlicherseits durchgesetzt).

Dies laufe gegenwärtig so ab, dass die Zentralbank die Geldmenge durch die Bereitstellung von erforderlichen Reserven[6] steuere. Sie sei dazu in der Lage, weil eine Geschäftsbank, bevor sie ein Darlehen vergeben könne, zunächst Reserven benötige, von denen sie einen kleinen Teil bei der Zentralbank hinterlege. Sie habe dann die Möglichkeit, im Umfang ihrer frei verfügbaren Reserven Kredite zu gewähren.

Erhöhe die Zentralbank das Angebot an Reserven, so reagiere das Bankensystem insgesamt mit einer Erhöhung von Krediten und Einlagen um ein recht stabiles Vielfaches.[7] Möglich werde dies durch das Wirken des sogenannten „Geldschöpfungsmultiplikators“, der Veränderungen in der Geldbasis (der Summe aus den Einlagen bei der Zentralbank und dem Bargeld, das die Zentralbank in Umlauf gebracht hat) in Veränderungen der Geldmenge übertrage. Durch eine Veränderung des Mindestreservesatzes[8] könne die Zentralbank Einfluss auf die Größe dieses Geldschöpfungsmultiplikators nehmen: Ein höherer Mindestreservesatz führe zu einem niedrigeren Multiplikator und umgekehrt. Sei beispielsweise der Geldschöpfungsmultiplikator = 10 (bei einem Mindestreservesatz von 10 Prozent), könnten die Banken aus jeder zusätzlichen Geldeinheit an Reserven, die dem Bankensystem zugeführt werde, letztlich zehn Geldeinheiten an zusätzlichen Einlagen schöpfen – damit sei die Obergrenze erreicht. Werde der Mindestreservesatz von der Zentralbank z.B. auf 15 Prozent angehoben, dann sinke der Geldschöpfungsmultiplikator unter 10.

Im Ergebnis werde also das Wachstum der Geldmenge von der Zentralbank exogen gesteuert: Da die Zentralbank die Geldbasis kontrollieren könne, sei sie folglich in der Lage, auch die Geldmenge zu kontrollieren (zu einer Kritik an diesen Vorstellungen siehe hier, hier und hier).

Konsequenzen für die Geld- und Fiskalpolitik

Aus den vorangegangenen Ausführungen ergeben sich zwei wichtige Schlussfolgerungen: Erstens beinhaltet die neoklassische Auffassung, dass Geld zumindest langfristig neutral sei, eine Ablehnung diskretionärer Geldpolitik. Geldpolitik also sei zur Beeinflussung von Produktion und Beschäftigung gänzlich ungeeignet, da sie langfristig allein das Preisniveau verändere, darüber hinaus jedoch nichts (Positives) bewirke.

Letztlich spiegelt sich in dieser Sicht die neoklassische Zweiteilung in eine Realsphäre und eine Geldsphäre wider: In der Realsphäre würden alle entscheidenden ökonomischen Fragen mit Ausnahme der Erklärung des Preisniveaus entschieden; die Geldsphäre liege wie ein Schleier über der Realsphäre, der erst gelüftet werden müsse, um die Geheimnisse der Ökonomie offenzulegen.[9] Geldpolitik sollte sich in neoklassischer Sicht folglich darauf beschränken, die von der Zentralbank steuerbare Geldmenge unabhängig von der jeweiligen wirtschaftlichen Entwicklung jährlich mit einer konstanten Rate wachsen zu lassen. Da zwischen der Geldmenge und dem Preisniveau ein stabiler Zusammenhang bestehe (s.o.), könne die Zentralbank damit indirekt auch das Preisniveau kontrollieren.

Aus dem behaupteten engen Zusammenhang zwischen der Geldmenge und dem Preisniveau folgt zweitens aber auch, dass Geld knapp genug sein muss, um Preisstabilität zu gewährleisten. Oder anders ausgedrückt: Jedes stabile Preisniveau zeige Geldknappheit an und setze diese voraus. Akzeptiert man die Notwendigkeit hinreichender Geldknappheit zur Sicherstellung von Preisstabilität, ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zur Theorie der „loanable funds“ (leihbarer Geldmittel), eines begrenzten Pools an Ersparnissen, um welche nach der neoklassischen Theorie die staatlichen und die privaten Kreditnehmer konkurrieren. Beanspruche der Staat mehr von diesen knappen Ersparnissen für sich, so bleibe für die Privaten weniger übrig. Es komme zu einem „Crowding-out-Effekt“, sprich die Staatsausgaben verdrängten nur private Nachfrage (Investitionen und Konsum) in gleicher Höhe, indem sie den Zinssatz für ein fixes Sparmittel-Aufkommen nach oben trieben (zur Kritik an der Crowding-out-These siehe zuletzt hier).

Damit hat die Neoklassik genau das gewünschte Ergebnis erhalten: Für die Geldpolitik (die langfristig nur das Preisniveau beeinflussen könne) gilt in dieser Logik: Die Wachstumsrate des Geldes muss entschlossen niedrig gehalten werden, Geld also knapp genug sein, um Preisstabilität (respektive eine geringe Inflationsrate) sicherzustellen. Denn Inflation sei (langfristig) ein monetäres Phänomen, das sich auf die einfache Formel „zu viel Geld jagt zu wenig Güter“ bringen lasse.

Was die Fiskalpolitik betrifft, gebe es keinen Handlungsbedarf, im Gegenteil: Da eine aktive Fiskalpolitik einen negativen Effekt auf die privaten Investitionen ausübe, bestehe die beste Fiskalpolitik darin, die staatlichen Ausgaben zu begrenzen, um den privaten Unternehmen höhere Investitionen zu geringeren Finanzierungskosten zu ermöglichen. Ein ausgeglichener Staatshaushalt sei somit Ausweis einer soliden und nachhaltigen Finanzpolitik.

Diese für die Neoklassik „erfreulichen“ Ergebnisse erhält man indes nur, wenn man die „loanable funds“-Theorie zugrunde legt und unterstellt, dass die einzelnen Banken reine Finanzintermediäre seien, die vorhandene Einlagen als Kredite an Unternehmen, private Haushalte und den Staat weiterreichen. (Wie oben dargestellt, reagiert in dieser Sichtweise das Bankensystem insgesamt auf eine Erhöhung bereitgestellter Reserven durch die Zentralbank mit einer Erhöhung von Krediten und Einlagen um ein stabiles Mehrfaches – via Geldschöpfungsmultiplikator).

Banken dürfen keine Geldschöpfer sein

An dieser Stelle können die einzelnen Bausteine der neoklassischen Argumentation nicht einer umfassenden Kritik unterzogen werden (vgl. dazu die oben angegebenen Links). Eines aber ist in jedem Fall sicher: Die Realität der Kreditschöpfung, d.h. die Tatsache, dass Geld von den Banken „aus dem Nichts“ erzeugt werden kann, ist unvereinbar mit der neoklassischen Behauptung einer Geldknappheit (welche die Zentralbank über ihre Geldmengensteuerung sicherstellt).

Sobald man anerkennt, dass Banken nicht einfach Intermediäre bereits existierender Geldmittel sind, sondern bei der Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte in actu Geld schaffen, und diese Banken nicht dasitzen und auf Reserven warten, bevor sie Darlehen gewähren – dass vielmehr in der realen Welt umgekehrt Kredite zu Bankeinlagen und Bankeinlagen zu Reserven führen[10] (vgl. dazu zuletzt hier und hier), brechen die Theorien der Neutralität des Geldes, der Steuerbarkeit der Geldmenge durch die Zentralbank, der „loanable funds“ etc. – inklusive der darauf basierenden Schlussfolgerungen hinsichtlich der Geld- und Fiskalpolitik – in sich zusammen.

Mathias Binswanger argumentiert in seinem lesenswerten Buch (Binswanger 2015) in ähnlicher Weise. Danach hätte es für die herrschende Lehre fatale Konsequenzen, wenn sie die Betrachtung von Banken als reine Geldvermittler aufgäbe und stattdessen die Rolle der Banken als Geldschöpfer akzeptierte. Denn damit wäre einer realen, also ohne Geld darstellbaren Theorie eines allgemeinen Gleichgewichts der Boden entzogen:

„Die ökonomische Theorie hat sich […] in die Idee verrannt, der gesamte wirtschaftliche Prozess müsse als Tauschprozess erklärbar sein, da er sich nur so als geordnete Welt eines allgemeinen Gleichgewichts darstellen lässt. Und in einer solchen Tauschökonomie gibt es zwar Sparen, aber keine Geldschöpfung“ (S. 155).

Ein derartiges Modell des allgemeinen Gleichgewichts lasse sich nur aufrechterhalten, wenn Geld neutral und ohne Einfluss auf die reale Wirtschaft sei (wenn Geld nicht neutral wäre, könnte die Wirtschaft nicht länger als ein System von Tauschprozessen geschildert werden, bei dem es zu einer gleichzeitigen Optimierung aller Konsum- und Produktionsentscheidungen komme). In einer Volkswirtschaft, in der Geld keine Rolle spiele (im genannten Sinne), ließen sich aber Investitionen allein durch Ersparnisse finanzieren.

Es ist aus den genannten Gründen nicht verwunderlich, dass die Mainstream-Ökonomik sich hartnäckig einer realistischen Analyse der Funktionsweise von Banken und der Wirkung des Geldes in einer modernen Volkswirtschaft verweigert.

Das allein ist schon schlimm genug. Geradezu grotesk wird es jedoch, wenn manche Mainstream-Ökonomen bei einer isolierten Beschreibung der Tätigkeit von Banken zwar – zumindest ansatzweise – deren Fähigkeit zur Schaffung neuen Geldes „aus dem Nichts“ anerkennen (müssen)[11], sie dann aber in der Analyse des gesamten Wirtschaftsprozesses die Banken doch wieder als bloße Geldvermittler behandeln.

Ein besonders krasses Beispiel für diese Schizophrenie bot vor ein paar Jahren der eigentlich als eher „progressiv“ bekannte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der im Abstand von nur einigen Tagen Banken zunächst als reine Finanzintermediäre und dann (auch?) als Geldschöpfer darstellte.[12] Drei Jahre später waren die Banken dann wieder zu Finanzintermediären mutiert:

„[…] Banken erzielen ihre Gewinne, indem sie Einlagen hereinnehmen und die Geldmittel zu einem höheren Zinssatz ausleihen“.[13]

Die Banken und die herrschende Lehre

Natürlich stellt sich hier die Frage, warum sich nicht zumindest die Banken selbst von der neoklassischen Sichtweise distanzieren. Ein Grund liegt sicherlich darin, dass ihnen jegliche Motivation fehlen dürfte, die ihnen unterstellte Rolle als bloße Geldvermittler in Zweifel zu ziehen. Denn als solche (angebliche) Intermediäre erfüllen sie ökonomisch eine ausgesprochen positive Funktion: Indem sie sich Anlagemittel dort besorgten, wo reichlich Ersparnisse vorhanden seien, und als Finanzierungsmittel dorthin transferierten, wo lukrative Investitionschancen bestünden, agierten sie als „Diener der Realwirtschaft“: Sie würden sowohl den Sparern helfen, die ihr Geld sicher und ertragbringend anlegen möchten, als auch den Investoren, die günstige Finanzierungsmöglichkeiten suchten. Aufgrund der hohen Zahl an Kunden seien sie zudem in der Lage, sich über kurzfristige Einlagen zu refinanzieren und langfristige Kredite zu vergeben (Fristentransformation).

Sehr gut leben können die Banken auch mit der Theorie des Geldschöpfungsmultiplikators, die allein deshalb nicht haltbar ist, weil sie fälschlicherweise unterstellt, dass die Geschäftsbanken ihre Reserven an Produktionsunternehmen oder private Haushalte weiterverleihen könnten, obgleich weder Nichtbank-Unternehmen noch Privathaushalte über Konten bei der Zentralbank verfügen (und die Reserven der Banken bei der Zentralbank nie den Bereich der Zentralbankkonten verlassen). Denn die Geldmultiplikatortheorie weist – jedenfalls in ihrer „reinen“ Form – den Banken letztlich eine gänzlich harmlose, passive Rolle zu, die der von „Marionetten der Zentralbank“[14] gleicht. Als solche beschränken sich die Banken darauf, quasi automatisch Kredite an Kunden zu vergeben, sobald und solange sie über freie Reserven verfügen. Mit der Realität hat das natürlich wenig zu tun.

Wenn aber die herrschende Lehre eine so unverfängliche Beschreibung der Bankentätigkeit anbietet, warum sollten die Banken dem widersprechen und ihr Geldschöpfungsprivileg problematisieren, das ihnen die äußerst profitable Möglichkeit der Schaffung eines gesetzlichen Zahlungsmittels gibt und das bereits Georg Friedrich Knapp vor über einhundert Jahren als eine „große Begünstigung des Bankenwesens“ bezeichnet hat?

Wie sich ein Privileg nutzen lässt

Die Tragweite dieses Privilegs wird in Politik und Wissenschaft kaum wahrgenommen. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass immer wieder behauptet wird, erhöhte Eigenkapitalanforderungen für Banken seien ein sehr effektives Mittel, die Stabilität des Finanzsystems zu verbessern. Die Begründung lautet, dass die Banken dann zum einen besser in der Lage seien, Verluste zu verkraften (je höher das Eigenkapital einer Bank, desto größere Verluste könne sie tragen, bevor sie zusammenbreche). Zweitens aber würden die Banken zwangsläufig bei der Gewährung von Krediten zurückhaltender; vor allem vermieden sie hochriskante Kreditvergaben (weitgehend), wenn sie dazu mehr Eigenkapital brauchten. Die Deutsche Bundesbank erklärt dies so:

„Eigenkapitalvorschriften zwingen die Bank, Kredite in Abhängigkeit von ihren Risiken zu einem gewissen Anteil mit Eigenkapital zu unterlegen. Dadurch wird die Möglichkeit der Bank zur Ausweitung ihrer Kreditvergabe durch ihr vorhandenes Eigenkapital beziehungsweise ihre Möglichkeit, zusätzliches Eigenkapital aufzubauen, beschränkt“[15]

Tatsächlich aber haben die Fälle der Schweizer Bank Credit Suisse und der britischen Barclays Bank im Jahr 2008 verdeutlicht, wie wenig sich die Banken von strengeren Eigenkapitalauflagen beeindrucken lassen.[16] Um die erforderliche Verbesserung ihrer Eigenkapitalausstattung zu erreichen, vereinbarte die Credit Suisse im Oktober 2008 mit Investoren aus den Golfstaaten, vor allem aus Katar, dass diese von ihr neu emittierte Vorzugsaktien im Wert von insgesamt über 7 Milliarden britische Pfund kaufen sollten. Gleichzeitig gewährte die Credit Suisse den Investoren einen Kredit in gleicher Höhe zum Erwerb dieser Aktien (wobei sie ihre eigenen Vorzugsaktien als Sicherheit für den Kredit verwendete).

Die Kreditvergabe erfolgte in der Weise, in der eine Bank einen Kredit gewährt, nämlich indem sie das Geld, das sie an einen Kunden verleiht, neu schafft, d.h. „aus dem Nichts“ erzeugt: Sie stellt dazu einerseits gegenüber dem Kunden den Kredit als Forderung in ihre Bilanz ein und bucht ihm andererseits auf seinem Konto bei ihr ein Giroguthaben ein, so dass in ihrer Bilanz die Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber dem Kunden in gleicher Höhe zunehmen. Die folgende Abbildung zeigt dies in vereinfachter Form (in Step 1) für den Fall des Kredits der Credit Suisse an den Golfstaaten-Investor (ohne Betrachtung von Zinsen und Gebühren).

Im nächsten Schritt wurde nun die „erfundene“ Kundeneinlage auf der Passivseite der Bilanz (das vom Kunden geliehene Geld) dazu genutzt, die neu emittierten Vorzugsaktien zu „kaufen“. „Step 2“ in der Abbildung veranschaulicht diese Umbuchung auf der Passivseite: In einem sogenannten Passivtausch wurden einfach die „deposits“ in Höhe von 7 Milliarden Pfund in „capital“ umgewandelt. Credit Suisse konnte somit letztlich mit selbstgeschaffenem Geld eine bedeutende Erhöhung seines Eigenkapitals und mithin seiner Eigenkapitalquote vornehmen. Das führt die Eigenkapitalvorschriften ad absurdum.

Eine sehr ähnliche Aktion wurde auch von der Barclays Bank in Großbritannien bekannt, ebenfalls mit Katar als Investor (diesmal in Höhe von 5,8 Milliarden britischen Pfund), angeblich verbunden mit einer Art „Vorabhonorar“ von 322 Millionen Pfund an Katar. Letztere sollten vermutlich der Rückerstattung der Zinsen auf den Kredit dienen (die Barclays wohl in Rechnung stellen musste, um das Ganze wie eine „normale“ Kreditvergabe erscheinen zu lassen). Das heißt, der Investor brauchte nicht einmal Zinsen für das geliehene Geld (und damit den Erhalt der Vorzugsaktien) zu zahlen.[17]

Nun mag man einwenden, dass es sich bei den Aktionen der Credit Suisse und der Barclays Bank um eher exotische Einzelfälle handele. Werner (2016) verweist jedoch auf Aussagen von Analysten der italienischen Investmentbank Mediobanca, nach denen die geschilderte Strategie zur Eigenkapitalerhöhung eine „ziemlich gängige Praxis … während der Krise“ gewesen sei.

Fazit

Gerade die Vorgehensweise der Credit Suisse und der Barclays Bank zeigt in aller Deutlichkeit, wie realitätsfern die neoklassische Vorstellung einer „Neutralität des Geldes“ ist, die Geld lediglich als ein neutrales Tauschmittel ohne reale ökonomische Wirkungen sieht, das nur der Erleichterung der Arbeitsteilung und des Gütertausches diene und das somit eine vernachlässigbare Größe darstelle. Ganz zu schweigen von der damit verbundenen These einer exogen vorgegebenen, von der Zentralbank steuerbaren Geldmenge.

Tatsächlich besteht zwischen den Konzepten einer Tauschwirtschaft (als die sich eine moderne Geldwirtschaft trotz der Verwendung von Geld letztendlich beschreiben lasse), der Exogenität und Neutralität des Geldes, der Geldknappheit, der „loanable funds“ etc. eine intrinsische Verbindung. In dieser geschlossenen Vorstellungswelt ist kein Platz für die Rolle von Banken als Geldproduzenten.

Natürlich gab und gibt es immer wieder Kritik am neoklassischen Verständnis von Geld und Banken. So ist bereits in Keynes‘ Analyse Geld weder kurzfristig noch langfristig neutral und auch die Postkeynesianer bestreiten entschieden eine Neutralität des Geldes. Auch die Funktionsweise von Banken wurde bereits vor langer Zeit richtig beschrieben. So hatte etwa der US-amerikanische Ökonom Hyman Minsky (der ebenfalls das Neutralitätskonzept des Geldes ablehnte) schon in den späten 1950er Jahren erkannt, dass die Kreditvergabe der Banken nicht durch Bankeinlagen oder Reserven begrenzt ist, und aufgezeigt, wie Banken Geld „aus dem Nichts“ kreieren[18].

Die eingangs gestellte Frage, warum sich die Vorstellung von Banken als bloße Finanzintermediäre trotz ihrer offenkundigen Unzulänglichkeiten so beharrlich hält, lässt sich also nicht dahingehend beantworten, dass es keine wirklichen Alternativen gebe. Das Problem dürfte eher darin liegen, dass eine Anerkennung der Geldschöpfungstätigkeit der Banken schlicht nicht mit der neoklassischen Theorie kompatibel ist. Da ist es dann allemal besser, die Realität zu leugnen, als an einer fest etablierten Glaubenslehre zu rütteln.


Anmerkungen

[1] vgl. Case/Fair 1999, S. 226.
[2] Nur nebenbei sei hier angemerkt, dass diese Darstellung vermutlich eine Fiktion ist. Bislang ist es jedenfalls noch niemandem gelungen, eine reine Tauschwirtschaft ohne Geld (in der z.B. 10 Produkte A direkt gegen 1 Produkt B getauscht werden) historisch nachzuweisen. Vgl. Wray 1998, S. 39ff; Graeber 2011, S. 28f.
[3] vgl. auch Binswanger 2015, S. 167.
[4] vgl. Anderegg 2007, S. 154.
[5] vgl. dazu z.B. Sener 2016, S. 22ff.
[6] Reserven sind Guthaben bei der Zentralbank (also elektronisches Zentralbankgeld) und Bargeld in den Tresorräumen der Banken.
[7] vgl. z.B. Brunner 1968.
[8] Die Geschäftsbanken müssen – wie oben bereits angedeutet – eine gewisse Mindesteinlage auf ihrem Zentralbankkonto halten – die Mindestreserve. Die Höhe der Mindestreserve errechnet sich aus den reservepflichtigen Verbindlichkeiten der jeweiligen Geschäftsbank (z.B. täglich fälligen Kundeneinlagen). Multipliziert man die reservepflichtigen Verbindlichkeiten mit dem Mindestreservesatz, so ergibt sich der Betrag, den eine Geschäftsbank als Einlage bei der Zentralbank halten muss.
[9] Heine/Herr 2013, S. 203.
[10] Banken vergeben Kredite unabhängig von ihren jeweiligen Reservepositionen und leihen sich anschließend zusätzliche Reserven, wenn dies erforderlich ist (auf dem Interbankenmarkt von anderen Banken oder – falls das nicht möglich sein sollte – bei der Zentralbank). Unter normalen Bedingungen brauchen sich solvente Banken niemals zu sorgen, dass sie benötigte Reserven eventuell nicht erhalten können. Die Zentralbank muss die Banken und mithin die Volkswirtschaft insgesamt stets mit den erforderlichen Reserven versorgen. Täte sie dies nicht, würde sie nicht nur die Banken in Zahlungsschwierigkeiten stürzen, sondern letztlich das gesamte Finanzsystem destabilisieren. Dies wiederum wäre nicht vereinbar mit ihrem Mandat der Aufrechterhaltung des Zahlungsverkehrs.
[11] siehe etwa das „Herumgeeiere“ von Hans-Werner Sinn auf Youtube – in einem leider sehr schwach geführten und kommentierten Interview.
[12] vgl. Binswanger 2015, S. 26f.
[13] Krugman 2015; Übersetzung G.G.
[14] Heine/Herr 2013, S. 314.
[15] Deutsche Bundesbank 2017, S. 24.
[16] vgl. Werner 2014 und 2016.
[17] Der einzige wichtige Unterschied zwischen dem Vorgehen der Credit Suisse und der Barclays Bank lag wohl darin, dass die Credit Suisse mit ausdrücklicher Billigung, Barclays dagegen nicht mit der offiziellen Erlaubnis der jeweiligen nationalen Aufsichtsbehörden handelte (so dass gegen Barclays später ermittelt wurde, gegen die Credit Suisse jedoch nicht).
[18] Minsky 1960; vgl. auch die immer noch sehr lesenswerte Analyse des Bankwesens in Minsky 1986, S. 223-253.

Literatur

Anderegg, R. (2007): Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik, München
Binswanger, M. (2015): Geld aus dem Nichts – Wie Banken Wachstum ermöglichen und Krisen verursachen, Weinheim
Brunner, K. (1968): The Role of Money and Monetary Policy, in: Federal Reserve Bank of St. Louis Review, July, S. 9-24
Case, K. E./Fair, R. C. (1999): Principles of Macroeconomics, Prentice Hall
Deutsche Bundesbank (2017): Die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbank im Geldschöpfungsprozess, in: Monatsbericht April
Graeber, D. (2011): Debt: The First 5000 Years, Brooklyn, NY
Heine, M./Herr, H. (2013): Volkswirtschaftslehre – Paradigmenorientierte Einführung in die Mikro- und Makroökonomie, München
Krugman, P. (2015): The Rage of the Bankers, in: The New York Times, 21. September
Minsky, H. P. (1960): The Pure Theory of Banking, University of California, Department of Economics, Fall Semester
Minsky, H. P. (1986):  Stabilizing an Unstable Economy, New Haven and London
Sener, U. (2016): Die Neutralitätstheorie des Geldes – Ein kritischer Überblick, Potsdam
Werner, R. A. (2014): How do banks create money, and why can other firms not do the same? An explanation for the coexistence of lending and deposit-taking, in: International Review of Financial Analysis 36, S. 71-77
Werner, R. A. (2016): A lost century in economics: Three theories of banking and the conclusive evidence, in: International Review of Financial Analysis, 46, S. 361-379
Wray, L. R. (1998): Understanding Modern Money – The Key to Full Employment and Price Stability, Cheltenham

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