Kommentar | 07.12.2017 (editiert am 08.12.2017)

Hurra, wir haben Chancengleichheit!

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Mit Irrsinnsvorschlägen Maßstäbe verschieben, um Maß und Mitte zu verlieren. Was für den „Lohn zum Leben“ gilt, trifft auch auf das obskure Konzept „Chancengleichheit“ zu.

Heiner Flassbeck schrieb jüngst treffend über die Ausführungen des DIW-Präsidenten Marcel Fratzscher zur Frage der Umverteilung:

„Nein auch er läuft der Fiktion hinterher, es gebe so etwas wie den gerechten Lohn, mit dem der Markt automatisch jeden belohnt, der die nötige Qualifikation hat“.

Diese Fiktion, die Umverteilung für obsolet erklärt, ist besser bekannt unter dem Namen „Chancengleichheit“.

Ich will mir die Mühe des Versuchs sparen, das Wort „Chancengleichheit“ sinnvoll zu definieren oder sogar den Begriff zu explizieren. Der Ausdruck ist auf seiner ganzen Linie ein semantischer Nebel. Niemand weiß, welcher Gegenstand (in diesem Fall ist es eine bestimmte Situation) mit diesem Wort prädiziert wird, worin das Referenzobjekt dieses Ausdrucks besteht oder wie Intension und Extension des Begriffs zu bestimmen wären. Reden über „Chancengleichheit“ ist ebenso inhaltsleer wie Reden über „Krokofanten“. Es kann daher aus der Unkenntnis des Gegenstandes – also der Situation – nur folgen, dass auch niemand weiß, wie man eine solche Chancengleichheit herstellen könnte, bzw. welche Situation man dazu herbeiführen sollte.

Trotzdem ist die „Chancengleichheit“ bei Liberalen und gerade bei Linksliberalen äußerst beliebt. Von Letzteren scheinen einige geradezu davon besessen zu sein. Bei den Liberalen ist die Begeisterung verständlich. Das Konzept soll die liberale Antwort sein auf die linke Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit. Dass auch Linke davon begeistert sind, ist weniger gut nachvollziehbar, denn über die Unklarheit des Konzepts hinaus gibt es noch andere Facetten daran, die fragwürdig sind.

Auch wenn nicht klar ist, was sinnvoll unter dem Ausdruck „Chancengleichheit“ zu verstehen ist, so kann man sich doch etwa eine fiktive Situation vorstellen, bei der man sagen könnte, es herrsche in der Gesellschaft Chancengleichheit.

Angenommen in einer Gesellschaft seien alle Angestellten schlecht bezahlt. Nun wird eine einzige gut bezahlte Stelle ausgeschrieben. Weiter angenommen, alle Angestellten seien in etwa gleich gut ausgebildet und passten alle bestens in das Anforderungsprofil der ausgeschriebenen Stelle; ein Evaluationsverfahren ist überflüssig, das Unternehmen kann im Grunde die Stelle durch Losziehen oder Würfeln besetzen. In einer solchen Gesellschaft ist die absolute und vollständige Chancengleichheit realisiert. Alle haben die gleiche Chance auf die gutbezahlte Stelle und niemand ist benachteiligt oder diskriminiert. Keiner kann sich beklagen, er hätte keine Chance gehabt auf die Stelle.

Aus der fiktiven Situation geht bereits hervor, dass im Konzept „Chancengleichheit“ Bildung und Qualifikation eine zentrale Rolle einnehmen. Damit man die Chance wahrnehmen und „aufsteigen“ kann, benötigt man die nötige Bildung und Qualifikation. Wer sich bildet und qualifiziert, erhöht seine Job- oder Aufstiegschancen. Bildung und Qualifikation sind in der Vorstellung von Linken, Linksneoliberalen und Bildungsökonomen geradezu zum Allheilmittel für alle Probleme auf dem Arbeitsmarkt geworden. Unter ihnen gilt das Prinzip „Je grösser die Bildung, desto kleiner die Arbeitslosigkeit“.

Gegen Bildung und Qualifikation ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Nur wird die Frage, wie denn die Kausalkette dieser Wunderwirkung von der Bildung zu Arbeitsplätzen aussieht, woher denn die Jobs kommen, meistens nicht thematisiert. Es wird der Eindruck vermittelt, Bildung führe wie automatisch zur Schaffung von Arbeitsplätzen. Mehr Bildung scheint somit irgendwie Teil der bei Liberalen sehr beliebten „Strukturreform“ zu sein. Die Frage, wie mehr Arbeit oder Beschäftigung entsteht, wird so obsolet. Zudem ist es wahrscheinlich eine Illusion, dass Bildung die Chancen für alle in gleichem Ausmaß erhöht. Weniger bildungsaffine Menschen dürften weniger profitieren als Leute aus der Oberschicht. Das ist aber hier nicht der Punkt; es geht um Grundsätzlicheres.

„Chancengleichheit“ im Sinne von guter Ausbildung geht aber ohne Widerspruch mit Arbeitslosigkeit und fehlenden Jobs einher; es ist in unserer fiktiven Situation nicht ausgeschlossen, dass viele der Bewerber arbeitslos sind. „Chancengleichheit“ fragt nicht danach, ob alle eine Arbeit haben, sondern nur, ob alle die gleiche Chance oder Wahrscheinlichkeit haben, eine Stelle zu bekommen. Sie verhindert vielleicht sogar, dass man sich zusätzlich dem Problem der Arbeitslosigkeit widmet.

Ebenso geht die so verstandene Chancengleichheit ohne Widerspruch mit niedrigen Löhnen einher. Sie fragt nicht danach, ob eine Tätigkeit auch anständig bezahlt ist, wie viele gut und wie viele schlecht bezahlte Stellen es gibt, sondern ist zufrieden, wenn alle die gleiche Chance auf eine Stelle haben – egal, ob gut oder schlecht bezahlt. Das Konzept lenkt daher nur von Lohn- und Verteilungsfragen ab.

Das Konzept geht implizit davon aus, dass alle immer ökonomisch und sozial aufsteigen, dass alle entweder CEO der UBS oder Bundesrat werden wollen. „Chancengleichheit“ soll dafür sorgen, dass für jeden Bürger die Wahrscheinlichkeit, dass er CEO bei der UBS oder Bundesrat werden kann, gleich groß ist. Bildung also soll allen die gleichen Erfolgsmöglichkeiten beim Mitstrampeln auf dem Weg nach „oben“ geben. Im Konzept der Chancengleichheit wird nicht nur implizit mit angenommen, dass alle Menschen laufend auf einer Karriereleiter aufsteigen wollen, sondern mittlerweile sogar erwartet, dass jeder versucht, möglichst weit aufzusteigen.

Die ganze Idee krankt bereits daran, dass nicht jeder dauernd „aufsteigen“ und an die Spitze gelangen kann oder will. „Oben“ hat es nicht Platz für alle. Selbst bei größter Anstrengung und Leistungsfähigkeit ist die Wahrscheinlichkeit klein, das Ziel zu erreichen – besonders, wenn alle an die Versprechungen glauben und sich viele bilden und anstrengen.

Auch dass jemand mit seinem Beruf, mit seiner Tätigkeit zufrieden sein könnte und nicht den Wunsch verspürt, „sozial aufzusteigen“, kommt in diesem Konzept nicht vor. Oder dass es gar nicht wünschenswert ist, dass alle nach „oben“ gelangen. Genau aus diesem Grund hat eine Gemeinschaft oder ein Staat dafür zu sorgen, dass auch diejenigen, die sozial weniger angesehenen Arbeiten erledigen, anständig entlohnt werden. Zum Sozialprodukt tragen nicht nur CEOs bei – und darum sollen auch alle etwas von Produkt haben. Löhne müssen so gestaltet sein, dass nicht jeder aus ökonomischen Gründen gezwungen ist, nach oben zu streben.

„Chancengleichheit“ fußt auf einem Weltbild, indem es unverständlich ist, dass jemand mit seiner Arbeit zufrieden sein könne, wenn diese als „sozial tiefergestellt“ betrachtet wird, dass jemand sagt „Ich bin gerne Maurer“ oder „Ich bin gerne Buschauffeur“ oder „Ich mache meinen Job gerne“. Das Konzept der „Chancengleichheit“ sieht solche Menschen nicht vor. Alle streben nach sozialem Aufstieg und ständiger ökonomischer Besserstellung.

Die „Chancengleichheit“ führt so zu einer Art „Wahrscheinlichkeitsparadox“. Je mehr Menschen von ihr profitieren wollen, sich also bilden, qualifizieren und abstrampeln, um eine Top-Stelle zu erhalten – ein Liberaler würde sagen, je gerechter eine Gesellschaft sei –, desto kleiner ist die Wahrscheinlichkeit für den Einzelnen, die Stelle zu erhalten. Wenn sich alle Schweizer anstrengen, CEO bei der UBS zu werden, werden die meisten enttäuscht. Chancengleichheit reduziert also die Chancen. Und je mehr Menschen bei dieser Lotterie mitmachen, desto stärker senkt sie den Nutzen der Bildungsinvestitionen und -anstrengungen.

Leider muss man feststellen, dass seit der neoliberalen Wende in den 80er Jahren viele Menschen an solche Versprechungen glauben und der festen Überzeugung sind, es lohne sich, in den inter-individuellen Leistungswettbewerb einzusteigen. Das Konzept blendet dabei aus, dass auch die sozial tiefergestellten Arbeiten gemacht werden müssen. Diese Arbeiten sind ein integraler Beitrag zum Sozialprodukt. Sie sollten daher auch anständig entlohnt und nicht mit dem Gerede über „Chancengleichheit“ abgespeist werden.

Doch genau das ist die eigentliche Botschaft hinter dem Konzept: diejenigen, die nicht oben angekommen sind, haben ihre Chance nicht genutzt. Versager sind daher an ihrer Lage selber schuld. Sie hatten die Chance, haben sich aber nicht genug angestrengt. Um sie muss man sich nicht weiter kümmern. Da alle die Chance haben, ihr Einkommen zu verbessern, braucht es darüber hinaus keine Maßnahmen, die für ein höheres Einkommen bei Niedrigverdienern sorgen. So ist dann wunderbar dafür gesorgt, dass sich alle anstrengen und willige Leistungsesel des Neoliberalismus werden.

Die „Chancengleichheit“ ist einer der „neoliberalen Irrsinnsvorschläge“, von denen Heiner Flassbeck spricht. Sie ist der Versuch, von Problemen der neoliberalen Ökonomie abzulenken und deren Lösung dem Individuum aufzubürden. „Chancengleichheit“ ist die billige Ausrede für die wirtschafts- und sozialpolitische Passivität des Staates.

Mit Erstaunen muss man seit den 90er Jahren zur Kenntnis nehmen, dass eine neue Linke sich diesem Konzept verschrieben hat. Diese merkt offenbar nicht, oder will nicht merken, dass sie in eine neoliberale Falle getappt ist. In ihrem Bestreben, „modern“ zu sein und nicht mehr mit der „alten“ Sozialdemokratie in Verbindung gebracht zu werden, hat sie sich der Illusion hingegeben, mit dem obskuren und daher gar nicht realisierbaren Konzept der „Chancengleichheit“ ein neues probates Mittel der Beschäftigungspolitik gefunden zu haben, das ohne staatliche Eingriffe in die Wirtschaft die Frage der Verteilung des Sozialprodukts beantwortet.

Da aber keiner weiß, was darunter genau zu verstehen ist und daher auch niemand weiß, wie man sie verwirklichen könnte, kommt der Versuch einer Expedition zur Suche nach dem „Krokofanten“ gleich. Dass diese Suche von einer Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus wegführt, hat die neue Linke nicht realisiert. Den Neoliberalen freut‘s.

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