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Eurozone | 08.12.2017

Italien: Eingeschnürt im Währungskorsett

Die Schwäche der Italienischen Wirtschaft ist ein Lehrstück verfehlter Makrosteuerung und Währungspolitik. Eine Replik auf Roland Pauli.

Roland Pauli gab zuletzt einen düsteren Ausblick für die Entwicklung der italienischen Volkswirtschaft. Mit seiner Analyse stimme ich größtenteils überein. Doch halte ich die Ursachenforschung bezüglich der relativ schwachen Produktivität als zentrales Symptom Italiens problematischer Lage für unzureichend. Die Analyse dieses ‚Rätsels‘ ist meiner Ansicht nach der Schlüssel zum Verstehen der italienischen und europäischen Misere.

Ein historischer Abriss

Pauli stellt fest, dass die schwache Produktivitätsdynamik nicht nur auf die Unterlegenheit im Außenhandel und die nachlassende Investitionstätigkeit zurückzuführen sei, da vergleichbare Volkswirtschaften wie Frankreich auch davon betroffen sind und dabei trotzdem höhere Produktivitätswachstumsraten aufweisen. Dagegen sei Italiens Industrie von großen strukturellen Nachteilen geplagt, welche sowohl preislich als auch innovativ negative Rückwirkungen auf das Angebot haben.

Über diese Punkte kann man im Einzelnen streiten. Ob die Firmen des verarbeitenden Gewerbes eine zu geringe Betriebsgröße für das Ausschöpfen von Skalenerträgen und für die Finanzierung einer adäquaten Forschung aufweisen, ist ein wissenschaftlicher Streitpunkt. Denn diese Mittelständler könnten im Gegenteil auch durch ihre regionale Verzahnung in Distrikten von informeller Forschung, besonderer Flexibilität und Anpassbarkeit ihrer Produktionsstrukturen im Wettbewerb profitieren.

Fakt ist, selbst mit all diesen potentiellen strukturellen Nachteilen gelang Italiens Industrie über Jahrzehnte ein fulminanter wirtschaftlicher Aufholprozess. Die Arbeitsproduktivität lag sowohl im Niveau als auch bei den Wachstumsraten bis Ende der 1980er Jahre gleichauf mit der Deutschen. Die Italiener galten in Schlüsselbranchen wie dem Maschinenbau als größter Konkurrent der deutschen Industrie.

Doch was ist seitdem schiefgelaufen? Bei einer strukturellen Analyse sind beide Volkswirtschaften ähnlich: Ihre jeweilige starke Dynamik ist (war) geprägt durch überdurchschnittliche hohe Wachstumsraten der Exporte des verarbeitenden Gewerbes. In beiden Fällen kann man bis auf einige Ausnahme-Perioden behaupten, dass der Export die treibende Nachfragekraft der Wirtschaftsentwicklung überhaupt darstellte.

In Italien hat sich diese Export-Abhängigkeit durch die Abkehr von aktiver staatlicher Industrie- und Regionalpolitik in den 1990er Jahren verschärft. Die großen Firmenkonglomerate verschwanden. Was verblieb und an Stelle der großen Firmen trat waren dynamische regionale Cluster, bestehend aus zusammenarbeitenden kleinen bis mittelgroßen Familienunternehmen des verarbeitenden Gewerbes. Typische Produkte sind elektrische Haushaltsgeräte, Fahrzeugteile wie Getriebe, Maschinen, Klimaanlagen und weitere maschinelle Zulieferungen aller Art. Durch die meist anzutreffende Spezialisierung des Angebots können nur vermehrte Ausfuhren für steigenden Absatz dieser Industrie sorgen.



Ein Punkt, der Deutschland und Italien unterscheidet, ist die Inflationsdynamik. Italien war stets auf Abwertungen der Lira angewiesen um seine Produkte weiterhin international absetzen zu können. Ein erster Schlag erfolgte 1987, als der Kurs der Lira substantiell gebunden wurde um die Ernsthaftigkeit des Projektes einer Gemeinschaftswährung in Europa zu unterstreichen. Italiens Exporte und Produktivität litten in den Folgejahren beträchtlich. 1992 war dieses Projekt zu Ende – Italien trat aus dem EWS aus und wertete die Lira um rund 20% ab. Es folgte eine starke Erholung der Industrieproduktion, der Exporte und damit auch der Produktivität. Relativ gesehen schloss man wieder zu Deutschland auf.

1996 machte die Politik erneut Ernst: Italien musste ‚fit‘ für den Euro gemacht werden. Die Lira wurde aufgewertet und die Parität zum ECU und somit auch zum späteren Euro unwiderruflich festgelegt. Italiens Eurobeitritt geschah somit bereits im Jahr 1996. Was den Daten seitdem zu entnehmen ist, würde sich böswillig am besten mit dem EKG eines sterbenden Patienten illustrieren lassen. Ein klassischer Strukturbruch: Italiens Leistungsbilanz negativierte sich kontinuierlich und ein nennenswertes Produktivitätswachstum ist seit diesem Datum nicht mehr zu verzeichnen.

Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Wertschöpfung ging weitaus schneller zurück als beispielsweise im Konkurrenzland Deutschland. Trotz nur gemäßigter Lohnsteigerungen verlor Italien auf preislicher Ebene über die Jahre gegen ein nun noch stärker deflationierendes Deutschland. Wie schon öfter auf Makroskop dargelegt wurde, sorgte das ‚Bündnis für Arbeit‘ seit Mitte der 1990er Jahre für deutliche geringere nominale Lohnzuwächse in Deutschland.



Dieser wirtschaftshistorische Abriss soll unterstreichen, dass makroökonomische Größen die Szenerie und besonders das Produktivitätswachstum dominieren. Es ist unplausibel, dass sich Nachteile der italienischen Industriestruktur derart abrupt in einem Rückgang der Produktivität widerspiegeln. Wuchs die Arbeitsproduktivität zwischen 1993 und 1996 noch jährlich zwischen 1,9% und 4,4%, weicht sie spätestens seit 1998 bis heute nicht mehr von der Nulllinie.

Resultat eines Währungskorsetts

Die Produktivität wiederum kann nur schlecht mit technischen, strukturellen oder organisatorischen Grundlagen erklärt werden: Zwar legen diese Größen fest, wie hoch die potentielle Produktivität sein könnte. Aber nur die Nachfrage entscheidet darüber, inwieweit dieses Potential auch genutzt wird. Im Falle Italiens verschwand 1996 die dynamischste Nachfrage-Ader kontinuierlich in Richtung der direkten Konkurrenten und hat das System seitdem auf Eis gelegt.

All das soll nicht mögliche strukturelle Defizite für nichtig erklären. Flexible Wechselkurse oder in der Währungsunion koordinierte und konvergierende Steigerungen der Lohnstückkosten könnten aber diese Defizite an der Preisfront ausgleichen. Die Produkte einer Industrie können potentiell international marktfähig gehalten werden. Abrupte und nicht durch die Unternehmen verursachte Verschlechterungen in den relativen Preisen können dagegen dafür sorgen, eine Industrie komplett unverschuldet vom Markt verschwinden zu lassen.

Wenn sich dadurch die zukünftige potentielle Nachfrage eintrübt, hat dies unmittelbare Rückwirkung auf die Ertragserwartungen neuer Investitionen. Der Preissetzungsspielraum der Unternehmen wird zunehmend eingeengt, da die Preisänderungen kumulativ wirken. Innovationen haben es in einem solchen Umfeld schwer. Bei stagnierendem oder gar rückläufigen Absatz ist die Grundbedingung für eine steigende Produktivität gestört: Eine stärkere Arbeitsteilung der Prozesse innerhalb einer wachsenden Industrie. Dieser divergierende Prozess kann somit durch negative Preissignale ausgelöst werden und drückt sich in einer Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit aus. Dies verursacht wiederum ein weiteres Zurückfallen der Realwirtschaft – ein Teufelskreis.

Um sich der Wirkungskraft der makroökonomischen Größen nochmals zu vergegenwärtigen, hilft es, sich in eine Welt der flexiblen beziehungsweise anpassbaren Wechselkurse zu versetzen. Ist hier eine Wirtschaft strukturell und produktiv ‚schwächer‘, kann der Wechselkurs theoretisch dafür sorgen, die Industrie trotzdem international wettbewerbsfähig zu halten. Der etwaige strukturelle Nachteil wird preislich wieder ausgeglichen. Eine Währungsunion bietet diese Möglichkeit per Definition nicht mehr. Daraus zu schließen, dass die unterlegene Industrie sich selbst im wettbewerblichen Prozess neu erfinden und anpassen müsse, mag dem Ethos des Gewinners entsprechen.

Es darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der internationale Wettbewerbsnachteil in erster Linie ein Resultat eines anderen Währungskorsetts ist, auf das der Unternehmer selbst keinen Einfluss hat. Strukturelle Besonderheiten sind somit ein notwendiger Bestandteil bei der Erklärung des Produktivitätsrätsels. Hinreichend ist dies aber nicht. Der Fokus muss notwendigerweise weiter auf der Analyse des Währungssystems liegen.

Theoretische Anmerkungen

Die aufgestellten Hypothesen entspringen einer Theorie des exportgetriebenen Wachstums einer Volkswirtschaft. Der ungarische Cambridge-Ökonom Nicholas Kaldor suchte in den 1960er und 70er Jahren nach Erklärungsansätzen für das Problem regionaler wirtschaftlicher Divergenz, da die neo-klassische Wachstumstheorie darauf keinerlei Antworten abseits von unterschiedlichen Ressourcenausstattungen der Nationen bot. Inspiration fand er bei Gunnar Myrdals Theorie der zirkulären und kumulativen Verursachung von Divergenz.

Kaldor baute darauf auf und beschrieb den Entwicklungsprozess einer industriellen Volkswirtschaft, deren dynamischer Treiber (Super-Multiplikator) die im Außenhandel verkörperte Nachfrage sei. Die Industrie spezialisiere sich durch den größer werdenden Außenhandel immer weiter. Nischenprodukte können aufgrund der steigenden internationalen Nachfrage mit immer raffinierteren Produktionsmethoden hergestellt werden, als dies bei ausschließlich nationalen Märkten möglich wäre. Das Produktivitätswachstum der Firmen hänge dabei entscheidend vom Wachstum des Gesamtmarktes ab und ist somit endogen: Das sogenannte Verdoorn-Gesetz gilt. Demnach hängt der gesamtwirtschaftliche Produktivitätsfortschritt maßgeblich am Wachstum des verarbeitenden Gewerbes.

Anders ausgedrückt, steigende Skalenerträge (mehr Absatz führt zu niedrigeren Durchschnittskosten einer produzierten Einheit) industrieller Aktivitäten spielen in dieser Theorie eine zentrale Rolle. Da der Preis eines Produktes somit am Absatzvolumen hängt, ‚gewinnt‘ die Region, welche durch den preislichen Vorteil die internationale Nachfrage mehr und mehr auf sich lenken kann. Diese Region kann damit erneut zu günstigeren relativen Preisen produzieren. Dieser endogen erzeugte relative Preisvorsprung drückt sich wieder in höheren Marktanteilen aus. Der relative Erfolg sorgt für weitere Gewinne. Dieses Prinzip funktioniert ebenso in die entgegengesetzte Richtung. Das Theorem wurde 1975 durch den Briten Tony Thirlwall formalisiert und findet bis heute Anwendung bei der empirischen Überprüfung von regionalen Wachstumsdynamiken.

Unter deutschen Ökonomen, auch unter heterodoxen, blieben diese Überlegungen weithin unbeachtet.  Dabei lohnt sich eine Lektüre der außenwirtschaftlichen- und wachstumstheoretischen Untersuchungen Kaldors und seiner Zeitgenossen, da sie ein solides theoretisches Fundament zur Analyse wirtschaftlicher Divergenz bieten. Auch seine Theorien entstanden in den 1970ern in einer Phase geprägt von monetären Umbruch und makroökonomischen Ungleichgewichten.

Das Beispiel Italien in der Europäischen Währungsunion ist wahrscheinlich der beste Untersuchungsgegenstand, der für diese Theorie existiert. Was für die empirische Prüfung der Kaldorianischen Theorie gut ist, ist schlecht für Italien. Ein Ausweg aus der Misere scheint derzeit nicht in Sicht.

Spätestens an diesem Punkt stimme ich wieder zu 100% mit Roland Pauli überein: Ein weiteres Durchwursteln ist das wahrscheinlichste Szenario. Die temporäre Unterbewertung des Euro gibt der italienischen Industrie ein wenig mehr Luft zum Atmen. Doch man sollte sich daran erinnern, dass der italienische Wähler durchaus bereit ist, unerwartet den Schraubenschlüssel ins Getriebe des Systems zu werfen. Die überraschenden 29% für Silvio Berlusconis Koalition bei der Parlamentswahl 2013 und das eindeutige Nein beim letztjährigen Referendum zur Verfassungsreform sollten im Hinterkopf behalten werden.

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