Bild: istock.com/Boris Brown
Digitalisierung | 19.12.2017 (editiert am 25.04.2018)

Monetarismus in neuen Kleidern: Kryptowährungen

Bitcoins werden den Euro oder den Dollar nicht ersetzen, weil die Menge aller „Coins“ begrenzt ist. Bei neueren Kryptowährungen ist dies anders, die Menge ist flexibel. Aber auch sie werden scheitern, weil sie auf eine falsche Theorie setzen – den Monetarismus.

Dass Kryptowährungen wie Bitcoins eine Alternative zum bestehenden Geldsystem sein könnten, glauben nur noch ihre treuesten Jünger. Wie gefährlich dieser Glauben ist, wurde bereits hier und hier aufgegriffen.

Der Knackpunkt: die Menge aller Bitcoins ist auf 21 Millionen begrenzt. Eine wachsende Wirtschaft braucht jedoch ständig neue Liquidität.

Bitcoin wird daher nur noch als reines Spekulationsobjekt gesehen, welches aber das Potential hat, zum (temporären) „digitalen Gold“ zu werden. Der Preis von Gold ist nicht durch seinen tatsächlichen Nutzen, zum Beispiel für die Produktion von Handys, zu rechtfertigen. Stattdessen sehen die Menschen den seltenen Rohstoff Gold als Wertaufbewahrungsgegenstand und kaufen ihn besonders in Krisenzeiten.

Setzt man den Bitcoin in die gleiche Kategorie wie Gold, so kann sein Preis noch eine Weile steigen. Der Preis wird womöglich erst dann kollabieren, wenn technische Probleme eintreten – etwa wird immer mehr Rechenkapazität benötigt, um das Netzwerk von Bitcoin am Leben zu erhalten. Der rasch wachsende Preis von Bitcoin reflektiert aber auch einen Mangel an alternativen, rentablen Investitionen.

Neue Kryptowährungen haben keine begrenzte Menge mehr

Seitdem der Preis von Bitcoin in den letzten Monaten rasant gestiegen ist, werden täglich neue Kryptowährungen kreiert. Diese „Währungen“ sollen allen möglichen Zwecken dienen (hier kann man sich auf dem Laufenden halten). Dabei wird der Begriff „Währung“ äußerst schwammig verwendet. So gibt es zum Beispiel „Coins“ für irgendwelche Computerspiele, Coins für den Rohstoffhandel oder Coins, auf denen die Lieferkette eines Unternehmens verbucht wird.

All diese Coins werden unser Wirtschaften verändern – und tun dies bereits. Wirft man aber einen Blick auf die geldtheoretische Seite der Kryptowährungen, wird interessant, welche Coins tatsächlich so etwas wie Geld sein könnten. Welche haben zum Ziel, unseren heutigen Dollar oder Euro zu ersetzen? Und insbesondere stellt sich die Frage, wie diese Coins Preisstabilität gewährleisten sollen?

Den Dollar oder den Euro zu ersetzen, gilt in der Tat als die Suche nach dem heiligen Gral unter den Computerwissenschaftlern. Dementsprechend werden verschiedenste Arten von Kryptowährungen vorgeschlagen und per Knopfdruck ins Leben gerufen.

Die Frage, wie Preisstabilität betrachtet wird, ist schon deswegen spannend, weil die herrschende Volkswirtschaftslehre mit ihr Probleme hat. Die Frage ist, wie die Computerwissenschaftler versuchen, Preisstabilität bei ihren neuen Coins zu generieren.

Da man nun immerhin verstanden hat, dass die Mengenbegrenzung von Bitcoin ein Problem ist, gibt es neuere Kryptowährungen, die eine flexible Menge zulassen. Bei dem sogenannten „Basecoin“ erhofft man sich Preisstabilität dadurch zu gewährleisten, dass man geschickt neue Coins kreiert oder zerstört.

Monetarismus in neuen Kleidern

Mit dem Versuch, die Menge der Coins zu steuern, bedient sich die „Krypto-Gemeinde“ der gleichen alten Schubladen wie der Großteil der Volkswirtschaftslehre: Gibt es Deflation, werden neue Coins kreiert. Gibt es Inflation, werden ein paar Coins vernichtet. Was auf den ersten Blick verlockend einfach aussehen mag, ist unter dem Namen „Monetarismus“ lange bekannt, funktioniert aber nicht und hat auf der Welt schon viel Schaden angerichtet. Mit ihrem ambitionierten Ziel, unser Fiat-Geldsystem abzulösen, werden die neueren Kryptowährungen daher scheitern.

Günther Grunert zeigt in einer zweiteiligen Artikelserie im Detail, wo die Probleme des Monetarismus liegen. Seine Kritik stützt sich vor allem auf zwei Säulen: Erstens gibt es keinen stabilen Zusammenhang zwischen der Geldmenge und den Preisen. Zweitens hat die Zentralbank keine direkte Kontrolle über die Geldmenge („Theorie des endogenen Geldes“). Im Falle von Kryptowährungen werden neue Coins automatisch, also durch einen Algorithmus, kreiert oder wieder zerstört.  Eine direkte Kontrolle über die Menge der Coins liegt zwar auf diese Weise – anders als im heutigen Geldsystem – vor. Dennoch werden die neuen Kryptowährungen das Problem haben, dass die Menge nicht direkt mit den Preisen zusammenhängt.

Lohnstückkosten bestimmen die Preise

Auf Makroskop wird immer wieder betont, dass vor allem die Lohnstückkosten die Preise bestimmen. Da keine der neuen Kryptowähungen irgendeinen Einfluss auf die Löhne haben wird, werden sie auch Probleme haben, die Preise dort zu beeinflussen, wo man es tun sollte. Zwar ist nicht zu bestreiten, dass Nachfrageeffekte auch Einfluss auf die Preise ausüben können, wenn die Produktion (kurzfristig) nicht mithalten kann. Wenn man aber die Preise über den Nachfrageeffekt steigern oder senken will, funktioniert das nur, wenn das neue Geld auch bei den Leuten landet, die es ausgeben (oder den Leuten weggenommen wird, die es ausgegeben hätten).

Es kommt also insbesondere darauf an, wer das neue Geld bekommt, und ob derjenige es ausgibt. In einer funktionierenden Marktwirtschaft nehmen Unternehmer normalerweise einen neuen Kredit auf und schaffen damit neues Geld. Dieses neue Geld wird in Form von Löhnen an die Bevölkerung weitergegeben. Im Idealfall sollten Unternehmer daher unterm Strich Schuldner und Haushalte Sparer sein.

Im Falle mancher Kryptowährungen sieht das Konzept aber ganz anders aus: Hier bekommen nur ein paar privilegierte Anteilseigner neue Coins. Was aber passiert, wenn ausschließlich eine spezielle Gruppe die neue Liquidität bekommt? In diesem Fall kann man lange warten, bis sich zum Beispiel der Milchpreis erhöht. Reichere Leute haben eine geringe Konsumneigung, und werden, nur weil sie doppelt so viele Coins haben, noch lange nicht doppelt soviel Nahrungsmittel kaufen.

Diese Problematik lässt sich auch leicht an der unkonventionellen Geldpolitik seit 2008 erkennen: seit Jahren druckt die EZB Geld, um Staats- und Unternehmensanleihen aufzukaufen. Dieses Zentralbankgeld landet aber nicht direkt beim Konsumenten, und hat deswegen auch nur einen begrenzten Einfluss auf die Inflation. Um die Inflation im Euroraum auf die 2 % zu bringen, müssten die Löhne, vor allem in Deutschland, kräftig steigen.

Die Krypto-Gemeinde muss ihre ökonomischen Theorien auf den Prüfstand stellen

Preisstabilität lässt sich nicht so einfach herstellen lässt, wie das manch ein Programmierer gerne hätte. Insbesondere Verteilungs- und Einkommensfragen können nicht ausgeblendet werden.

Es ist Zeit, dass Computerwissenschaftler gemeinsam mit Ökonomen untersuchen, an welchen Stellen Kryptowährungen – beziehungsweise deren Technologie (Blockchain) – zum Wohle der Allgemeinheit eingesetzt werden kann. Interessant wäre die Frage, inwieweit man gewerkschaftliche Organisation, Tarifverträge und Lohnverhandlungen „digitalisieren“ kann. Etwa so, dass Löhne um die Produktivität plus das Inflationsziel automatisch steigen. Ebenso könnte man versuchen, das internationale Finanzsystem auf neue Beine zu stellen und eine digitale Reserve-Währung kreieren, die ihren Namen verdient und die Special Drawing Rights des IWF ablöst.

Anmelden