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Kommentar | 16.01.2018 (editiert am 19.01.2018)

Denken unter Vorbehalt

„Die Gedanken sind frei“, heißt ein altes deutsches Volkslied. Doch in einer Zeit geistiger Restauration wird es zunehmend gefährlich, sie auch frei auszusprechen. So verengen sich die Grenzen unserer Welt.

Ende des vergangenen Jahres erreichte mich ein Leserbrief, zu dem ich öffentlich Stellung nehmen möchte. Denn er steht – wenn es auch nicht die Intention des Lesers ist – symptomatisch für eine Entwicklung gesellschaftlicher Diskursrichtlinien, die ein Angriff auf das freie Denken sind.

Der zentrale Punkt dieser ungeschriebenen Richtlinien ist die vorauseilende Distanzierung. Sie beinhaltet das Gebot, bestimmte Gedanken oder Aphorismen nicht aufgreifen, abwägen oder zitieren zu dürfen, sofern sie von geächteten oder verdächtigen Persönlichkeiten stammen. Wer oder was in diesem Bannkreis der Ächtung steht, ist mitunter fluide. Die Grauzone zwischen Kontroversität und der berüchtigten „überschrittenen roten Linie“ schmal und willkürlich. Bei jedem neuen Empörungshashtag etwa wird sie neu verschoben.

Das bedeutet in einer weiteren Dimension schlechthin die immer weitere Eingrenzung all dessen, was gesagt und gedacht werden darf, ohne das eigene soziale Kapital aufs Spiel zu setzen.

Die Richtlinien werden dabei immer schärfer ausgelegt – und das vergangene Jahr dürfte ein Höhepunkt der diskursiven Beschneidung gewesen sein. Deutlich wird das nicht nur an der inflationären, [...]

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