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Ökologie | 22.01.2018 (editiert am 26.01.2018)

Energiewende: Schlägt jetzt die Stunde des Marktes?

Naivität kann schön sein. Man redet sich die Welt so, wie man sie gerne hätte. Bei großen technischen Neuerungen jedoch kann Naivität sehr gefährlich werden. Bei der Energiewende ist es an der Zeit, zu realistischen Einschätzungen zu kommen.

Auch Sie haben es sicher verpasst, das historische Ereignis am Neujahrsmorgen! Weil alle schliefen und der Wind heftig wehte, geschah, worauf so viele so lange gewartet haben: Zum ersten Mal in der Geschichte (der Menschheit) wurde in einem großen Land der gesamte nachgefragte Strom von erneuerbaren Energieträgern erbracht. Die Gazetten feierten diese Großtat deutscher Ingenieurskunst (wie die Süddeutsche und die Berliner Zeitung) und die einschlägigen Parteien überschlugen sich fast beim Bejubeln dieses Jahrhundertereignisses. Die Grünen verkündeten triumphal: „Deutschland kann 100 Prozent Ökostrom“ (hier).

Leider kam diese Großtat mit einem gewaltigen Pferdefuß und selbst die Grünen und die jubelnden Gazetten kamen nicht umhin, diesen klar zu benennen. Gleichzeitig mit der fast einhundertprozentigen Versorgung fiel nämlich an den Strombörsen der Strompreis auf ein Rekordtief von sage und schreibe minus 76 Euro (pro MWh). Will heißen, Deutschland bzw. diejenigen, die in Deutschland noch auf konventionelle Art Energie erzeugen, mussten Abnehmern im Ausland viel Geld dazugeben, damit der deutsche Strom abgenommen wurde.

In erster Linie profitierte von dem deutschen Stromüberschuss Österreich. Auch dort schliefen am Neujahrstag die meisten Verbraucher, aber das Land verfügt wegen seiner natürlichen Gegebenheiten (Berge!) über erhebliche Speicherkapazitäten in Form von Wasserspeicherkraftwerken, pumpte also dank der gewaltigen deutschen Subvention mit dem überschüssigen Strom Wasser die Berge hinauf und verdiente dabei noch Geld.

Der negative Preis und die Konsequenzen

Doch das kann unseren Überschwang nicht wirklich stoppen. Für die Berliner Zeitung sind mögliche Minuspreise „als Instrument der Disziplinierung der konventionellen Erzeuger wichtig“. Denn so werde ein finanzieller Anreiz geschaffen, die Überproduktion zu begrenzen. In der SZ darf der für die Energiewende zuständige Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministeriums, Rainer Baake, verkünden, das Geschehen zeige, „dass wir noch mehr Flexibilität brauchen“, weil inflexible Großkraftwerke die Energiewende behindern“. „Wir treten damit in eine neue Phase“, sagt laut SZ Felix Matthes, Energie-Experte beim Öko-Institut, die Erneuerbaren seien endgültig aus der Nische heraus und nun schlage die Stunde des Marktes.

Auch für die Grünen bedeuten die negativen Preise, dass jetzt dringend die nächsten Schritte folgen müssen. Es könne nicht sein, „dass an jedem Feiertag, wenn der Wind auffrischt und die Sonne aufgeht negative Preise drohen“. Dieser Irrsinn müsse aufhören, und das Rezept dagegen sei längst bekannt. Man müsse die Flexibilität in der Stromversorgung erhöhen, damit auch in einer Welt stark schwankender Wind- und Solarstromerzeugung die Versorgung jederzeit kostengünstig, sicher und klimaverträglich gewährleistet werden könne.

Man fragt sich angesichts solcher Aussagen, ob auch nur einer der Beteiligten jemals darüber nachgedacht hat, wie eine Marktwirtschaft jenseits der neoklassischen Lehrbuchmodelle funktioniert. Und die Antwort ist: Niemand! Energiewende wird offenbar bis in die höchsten verantwortlichen Kreise mit der Fiktion eines unter allen Umständen funktionierenden Marktes betrieben. Das ist nicht nur naiv, es ist höchst gefährlich.

Wo ist der Markt?

Es ist nämlich so, liebe Energiewendevertreter, dass die Märkte der Wirklichkeit (also nicht die aus dem dicken Buch von Leon Walras) besonders gut funktionieren, wenn die Preise nicht sehr flexibel, sondern ziemlich unflexibel und relativ gut vorhersehbar sind. In der wirklichen Welt kommt es nämlich darauf an, dass Unternehmen investieren (was sie bei Leon Walras gar nicht tun und auch nicht tun sollen). Und kein vernünftiges Unternehmen investiert, wenn die Preise seines Produktes stark schwanken und sogar massiv negativ werden können. Negative Preise sind eine marktwirtschaftliche Horrorvorstellung und bestens geeignet, jeden potentiellen Investor in die Flucht zu schlagen.

Schauen wir zunächst einmal die Dynamik von Angebot und Nachfrage und den Strompreis an, um zu verstehen, was wirklich in den vergangenen Wochen passiert ist (siehe die Abbildung, die wir von AGORA-Energiewende übernommen haben).

Man kann ohne weiteres erkennen, dass bei hohem Angebot aus der regenerativen Erzeugung (die grüne Fläche) und niedrigem Stromverbrauch wie um die Jahreswende die Strompreise regelmäßig tief in den Keller und sogar unter Null gehen (rechte Achse). Daraus kann man in der Tat bei oberflächlicher Betrachtung folgern, man müsse nur das Angebot an konventionell erzeugtem Strom flexibel zu- oder abregeln, um den Preis stabil zu halten und doch Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Allerdings zeigt die Graphik auch, dass es kurz vor der Jahreswende (ungefähr 15. Bis 22. Dezember) wieder einmal eine Phase gegeben hat, in der die regenerative Erzeugung ungeheuer gering war und die konventionelle sehr hoch. Wir haben uns mit diesen sogenannten Dunkelflauten im vergangenen Jahr intensiv auseinandergesetzt. In solchen Phasen braucht man enorme Speicherkapazität, die es aber in Deutschland bislang und auf absehbare Zeit nicht gibt, oder große Kapazitäten an konventionellen Kraftwerken, um Black-Outs zu vermeiden. Das Problem ist nur, dass solche Phasen auch bei wesentlich größerer Kapazität an Erneuerbaren nicht auszuschließen sind. Folglich braucht man auch bei der doppelten oder dreifachen Menge von Windrädern enorme Reservekapazitäten in Form von konventionellen Kraftwerken, die flexibel eingesetzt werden können, um Kapriolen des Wetters wie Dunkelflauten zu überbrücken.

Inflexibilität ist nicht einfach schlecht

Die einfache Frage, die es für Grüne und Energiewendeadvokaten zu beantworten gilt, ist die, ob es wohl irgendwann einen Markt geben wird, der genau das anbietet, also den Lückenfüller für die regenerativen Kapazitäten spielt und auf diese Weise den Preis stabilisiert. Die Antwort ist eindeutig: Nein, das wird niemals passieren und jeder, der den Menschen das oder Ähnliches als marktwirtschaftliche Lösung der Energiewende verkauft, ist ein Scharlatan.

Bisher funktioniert das alles ja nur deswegen halbwegs, weil der Staat den konventionellen Energieversorgern klar vorgibt, dass sie die Versorgungssicherheit zu garantieren haben, ganz gleich wie sich die Preise bei der (wiederum auch vom Staat verordneten) vorrangigen Einspeisung von Ökostrom entwickeln. Fällt diese Vorgabe des Staates weg, muss man verrückt sein, wenn man als Lückenfüller auf eigenes Risiko in Deutschland Strom anbietet. Deswegen stellt die Aussage von Staatssekretär Baake, die inflexiblen Großkraftwerke behinderten die Energiewende, die Welt exakt auf den Kopf. Richtig ist, dass sie die Energiewende bisher überhaupt möglich gemacht haben, weil nur dadurch Phasen wie Mitte Dezember reibungslos überbrückt werden können.

Ich kann nicht beurteilen, ob mit allen möglichen Maßnahmen (Speicher, Gaskraftwerke, bessere Netze usw.) in einigen Jahrzehnten auf der Basis von Sonne und Wind die Technik für ein Energieversorgungssystem zu schaffen ist, das jederzeit alle Wetterkapriolen auffängt. Die Aufgabe ist nichts Geringeres, als die Schwankungen in der Versorgung mit erneuerbaren Kapazitäten flexibel, also von Stunde zu Stunde zu kompensieren, so dass der Strompreis relativ konstant bleibt und die Versorgungssicherheit niemals gefährdet ist.

Ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass es ein solches System nicht im Rahmen der Marktwirtschaft geben wird. Aufbauen, betreiben und steuern kann dieses flexible System nur einer: Der Staat. Folglich muss, wer ernstgenommen werden will in der Diskussion um Klimaschutz und Energiewende dafür eintreten, dass der Staat jetzt sofort die gesamte Stromversorgung an sich zieht und zunächst die personellen Kapazitäten dafür schafft, unter Berücksichtigung aller technischen und finanziellen Engpässe einen Energieplan zu entwerfen, den er dann in den nächsten beiden Jahrzehnten umsetzt. Von marktwirtschaftlichen Lösung zu träumen, ist absurd und endet in einer grandiosen Geld- und Zeitverschwendung.

Mengen und Preise

Es stimmt folglich immer noch, was ich (hier) im Lichte der langen Dunkelflauten des Jahres 2016 geschrieben hatte:

„… man kann logischerweise nicht gleichzeitig massiv auf Wind und Sonne setzen, auf Atomkraftwerke (mit für sich genommen sehr guten Gründen) verzichten, die Versorgung mit fossiler Energie deutlich herunterfahren und den Menschen erzählen, die Stromversorgung in der Zukunft sei auf jeden Fall gesichert. Genau das tun aber große Teile der Politik fast jeden Tag. Geradezu unverantwortlich ist es, den Bürgern einzureden, es könnten ab 2030 nur noch elektrisch betriebene Autos zugelassen werden, wie das kürzlich in höchsten politischen Kreisen kolportiert wurde.“

Auch in Sachen marktwirtschaftliche Lösungen kann ich mich nur wiederholen (hier):

„Eine große Konfusion herrscht in der gesamten Energiedebatte weiterhin darüber, ob und inwieweit man „dem Markt“ die Entdeckung der richtigen Preise für Energieträger überlassen kann. Das gilt nicht nur für die fossilen Energieträger, sondern auch für Strom. Manch einer meint, man könne es nun, nachdem der Staat einen Anschub für die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energien gegeben habe, weitgehend dem Markt überlassen, den richtigen Strompreis zu finden.

Nichts ist weiter von der Realität entfernt als eine solche Vorstellung. Man sieht schon heute, dass ein „freier“ Strompreis vollkommen verwirrende und irrationale Signale gibt. Negative Preise an den Strombörsen, wie sie seit der Energiewende immer wieder vorgekommen sind, signalisieren den Anbietern von herkömmlich hergestelltem Strom, dass ihr Produkt weniger als Nichts wert ist und fordern sie daher implizit dazu auf, die Produktion dieses Produktes sofort einzustellen. Das aber ist politisch gar nicht gewollt, weil dann die Volatilität der erneuerbaren Energieträger ja voll durchschlagen und Blackouts wie in Südaustralien nach sich ziehen könnte. Wenn das aber nicht gewollt ist, kann man nicht auf die Signale des Strommarktes setzen, ja, man muss sie im Grunde verhindern.

Das zeigt ein einfaches und unbestreitbares Prinzip: Wer aus politischen oder anderen Gründen bestimmte Mengenziele hat, darf die Preise nicht dem Markt überlassen. Der Markt verteilt nur das, was gegenwärtig an Angebot vorhanden ist, sorgt aber nicht dafür, dass ein bestimmtes Produkt in einer bestimmten Menge auch in Zukunft produziert wird. Das beste Beispiel dafür ist die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und der Zins. Weil alle westlichen Gesellschaften nicht nur darauf aus sind, das einmal vorhandene Güterangebot zu verteilen, sondern wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, wird einer der wichtigsten Preise in der Marktwirtschaft, der Zins, fast vollständig vom Staat (bzw. der von ihm beauftragten Notenbank) gesteuert.

Ein sich selbst überlassener Zins würde täglich, ja stündlich und minütlich ungeheuer schwanken und den potentiellen Investoren in Sachanlagen verwirrende und unsinnige Signale geben. Weil der Staat und die Zentralbank möchten, dass in einer sich dynamisch entwickelnden Wirtschaft neu in Sachanlagen investiert wird, legt die Zentralbank in praktisch allen Ländern der Welt den kurzfristigen Zins „von Hand“ jederzeit fest und hält auf verschiedenen Wegen auch den langfristigen Zins klar unter ihrer Kontrolle.

Wer in Sachen Energieversorgung und Klimawandel bestimmte Mengenziele verfolgt, darf sich nicht vor dem Eingriff in die Märkte scheuen, sondern muss aktiv in die Märkte eingreifen und die Preise möglichst stetig so steuern wie es seinen Zielen entspricht. Auch das müssten informierte und effizient funktionierende Staaten ihren Bürgern sagen, um klar zu zeigen, dass sie es mit den erklärten Zielen ernst meinen.“

Mittlerweile haben in den großen Parteien offenbar einige gemerkt, dass eine funktionierende Energiewende nicht dadurch zu haben ist, dass man einfach noch mehr Windkraftanlagen und Solarpanels in die Landschaft setzt. Schlimm ist allerdings, dass man (zum Beispiel im Rahmen der Jamaika-Verhandlungen und auch in den Sondierungen zwischen CDU/CSU und SPD) nicht ehrlich ist und dem Bürger endlich erklärt, dass die bisherigen Vorstellungen ziemlich naiv waren und grundlegend korrigiert werden müssen. Statt dessen kassiert man einfach das Ziel, das man sich bei der Verminderung des CO2-Ausstoßes für 2020 gesetzt hatte und tut so, als sei es nur eine Art Versehen gewesen, welches man aber bis 2030 auf jeden Fall korrigieren werde. Das ist Politik nach dem Motto: Nach mir die Sintflut!

Diese Nebelwerfer-Politik ist zum Normalfall geworden, weil vermutlich keiner der beteiligten Politiker verstanden hat, warum selbst die deutsche Energiewende nicht ausgereicht hat, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Den Bürgern zu sagen, dass die Politik massiv in die Preisgestaltung eingreifen muss, trauen sich nicht einmal die Grünen (wie hier gezeigt). Nur wenn man mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten kann, dass sich die relativen Preise von fossilen Brennstoffen und von Strom aus erneuerbaren Quellen über lange Frist zugunsten der letzteren ändern, kann es eine Umlenkung des Verbraucherverhaltens (national und global) geben. Und nur dann, also nur, wenn der Staat jederzeit die Preise festlegt, gibt es auch private Investitionen, die in die richtige Richtung gehen.

Gerade bei einem solchen Thema darf man falsche Vorstellungen in der breiten Öffentlichkeit nicht einfach laufen lassen. Man muss, auch wenn es schwerfällt, vor Illusionen warnen und über die Zusammenhänge aufklären. Wie aber sollten das Politiker tun, die sich nicht einmal die Mühe machen, das zu verstehen, was sie selbst entschieden haben.

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