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Kommentar | 31.01.2018 (editiert am 08.02.2018)

Grüße aus der Wohlstandssphäre

»Drecksloch« sagt man nicht, Mister President! Man fabriziert zwar welche in Entwicklungsländern, gibt ihnen dann aber neutrale Namen: »Globalisierung« zum Beispiel. Oder »Freihandel«.

Die halbe Welt schien schockiert: Nein, das gehe nun wirklich nicht, dass der US-Präsident Entwicklungsländer als »Shitholes«, als »Dreckslöcher« bezeichne. Ob nun die Vereinten Nationen oder aber Staatsleute aller Herren Länder, die Trump gemeint haben könnte: Die Empörung war groß. Auch bei den US-Demokraten regten sich Widerworte, der Präsident müsse da schon etwas mehr Pietät walten lassen. Nun ist freilich klar, dass dieser Mann überhaupt keinen Hehl aus seinem rassistischen Menschenbild macht. Er benutzte dieses Wort vor allem deswegen, weil er sich despektierlich über Menschen äußern wollte, die im reicheren Teil der Erde als Flüchtlinge oder Arbeitsnomaden ankommen, um dort ihr Glück zu finden.

Dennoch thematisierte er – ungewollt wie fast immer – eine traurige Wahrheit: Natürlich sind viele Länder, die er gemeint hat, mit der Bezeichnung nicht völlig falsch skizziert. Warum hoffen die Menschen aus jenen Ländern denn, dass sie im reichen Westen, in den USA oder in Europa ein Plätzchen finden? Doch nicht, weil sie bloß Abenteurer oder Weltenbummler sind. Und ebenso wenig, weil sie es als ihre Berufung ansehen, irgendwo in Hannover, Bordeaux oder Philadelphia Toiletten zu reinigen oder zu kellnern, weil ihre fachliche Qualifikation in ihrem neuen Leben nicht anerkannt wird. Nein, diese Leute kommen, weil ihre Heimat eines nicht ist: Ein sauberes, ein geordnetes Land, in dem man gerne und gut lebt.

Nigeria: Verkommenheit

Der nigerianische Entertainer MC Chaz gab dem US-Präsidenten via Facebook recht. Ja, sein Nigeria sei ein Drecksloch. Die Justiz sei manipuliert, die Armen würden nie gefragt und die Bürger seien gezwungen kriminell zu werden, so sie denn überleben wollten. Er hat das D-Wort also im übertragenen Sinne verstanden. Buchstäblich richtigen Dreck gibt es in seiner Heimat allerdings auch: Im Nigerdelta. Die wörtliche Auslegung des Begriffes hat MC Chaz gar nicht erst aufgegriffen – was ein bisschen schade ist. Einen Eindruck davon hat jedoch der US-amerikanische Journalist Peter Maass vermittelt. Der besuchte aus Recherchezwecken für sein Buch »Öl. Das blutige Geschäft« (2009) die Hotspots des Erdöl-Komplexes dieser Welt. Das vierte Kapitel, das er schlicht »Verkommenheit« taufte, gehört mit zu den eindrücklichsten Reportagen in seinem Werk.

Die Menschen leben im Nigerdelta in Wellblechhütten, zwischen Pipelines am Rande großer Förderanlagen. Elektrizität gibt es für sie keine. Die Ölfirmen fackeln das im Fachjargon benannte »Erdölbegleitgas« ohne viel Federlesens ab. Die gigantischen Flammen sind noch in zehntausend Meter Höhe zu sehen. Dieses Gas könnte man zwar auch zu Abnehmern transportieren – aber das rentiert sich bei kleineren Quellen nicht, denn dazu ist der Einsatz von Pipelines und Verflüssigungsanlagen notwendig. Man könnte es auch in die Erde zurückpumpen, was umweltverträglicher wäre. Doch auch diese Technologie ist kostspielig. Die billigste Lösung bleibt das Abfackeln. Dieser Arbeitsschritt kommt den Menschen dort allerdings teuer zu stehen. Denn bei diesem Vorgang werden krebserregende Stoffe freigesetzt. Nebenher trägt er zur Erderwärmung bei. Saurer Regen frisst sich als Folge durch die Wellblechunterkünfte der Anwohner, die an Nieren- und Herz-Kreislauf-Versagen, Krebs, Leukämie und Fortpflanzungsproblemen leiden.

Maass berichtet von leckenden Leitungen, die auch deshalb lecken, weil die Anwohner gezielt Erdöl abzapfen – von irgendwas müssen sie ja leben. Die Ölfirmen investierten zwar immer wieder mal Geld, um die Lebenssituation der Bewohner zu verbessern, aber das seien meist nicht mehr als Maßnahmen zur unternehmerischen Imagepflege. Dann mauert man zwar schnell mal ein kleines Dörfchen hoch, Schulgebäude inklusive, vergisst es aber dann ans Stromnetz anzuschließen. Die Förderanlagen erleuchten indes das Delta. Sie sind wie kleine Städte – mit fast sämtlichen Luxus ausgestattet.

Äquatorialguinea, Ecuador und die Sahelzone

Der US-Journalist zeichnet Nigeria als einen Ausbund an Verkommenheit, als einen der schlimmsten Plätze auf dieser Erde. Dass der Terror von Boko Haram dort auf fruchtbaren Boden fällt, hat auch mit diesen grauenhaften Zuständen im Nigerdelta zu tun und ist so gesehen fast eine logische Konsequenz. Maass stattete außerdem dem kleinen Äquatorialguinea einen Besuch ab. Auch so ein unschönes Plätzchen, an dem ein Autokrat und sein Clan vom Handel mit Erdöl verdient, während die Infrastruktur darbt und die Menschen am Fortschritt des »globalen Dorfes« (als dessen Abgesandte sich zum Beispiel die Herrschaften in Davos so gerne präsentieren) schlicht und einfach nicht partizipieren. Ministerien firmieren dort in Büros, die selbst die kleinsten Klitschen in Deutschland nur als Besenkammern benutzen würden. Dabei ist dieser Umstand fast gleichgültig, denn in Äquatorialguinea ist jede staatliche Einrichtung seit Jahrzehnten nicht mehr als der verlängerte Arm des Präsidenten. Ministerien und Herrscherfamilie teilen sich eine Kontonummer.

Sein Kapitel über Ecuador in Südamerika übertitelt er mit dem Schlagwort »Verseuchung« – und damit hat man schon eine grobe Inhaltsangabe. Zur Förderung pumpt man dort Wasser in die Ölfelder. Es soll das Öl nach oben pressen. Bei dem Prozess werden dem Wasser Öl, Salz und Metalle beigemischt, darunter Benzol, Chrom-VI und Quecksilber. Mit der Entsorgung dieser Brühe macht man es sich nicht allzu kompliziert: Man leitet sie in den Amazonas. Diese Ölpest, wie man sie besonders in der Region Oriente erleidet: Findet man dazu einen Euphemismus, der das »Drecksloch« begrifflich ersetzen könnte ohne am Wahrheitsgehalt zu sparen?

Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn Menschen aus solchen Gegenden ihren Lebensschwerpunkt verlagern wollen. Tun sie es aus diesen Gründen, werden sie als »Wirtschaftsflüchtlinge« begriffen. Unsere in Europa kommen aus Westafrika, insbesondere aus der Sahelzone. Der Klimawandel, den es per Trumps Definition und nach Einschätzung der AfD gar nicht wirklich gibt, hat dort die ohnehin niedrige Niederschlagsrate nochmal gesenkt. Ernten werden fast unmöglich – und falls man doch Erfolg beim Anbau hat und seine Waren auf den Markt trägt, konkurriert die dort mit Gemüse und Früchten aus der EU-Zone. Letztere sind günstiger als die heimischen Produkte: Subventionen regeln unsere europäische Wettbewerbsfähigkeit. Die ist aber nicht umsonst zu haben: Wir kriegen die Rechnung als Fluchtbewegungen präsentiert.

Atlantizistische Agenda: Dreckslöcher und Wohlstandssphären

Am Ende will es keiner aus der EU-Zone gewesen sein. Teilschuld? Wir Industrienationen? Nein, wir bringen doch Wohlstand in die Welt. Globalisierung und Arbeit für alle. Man muss nur geschäftstüchtig genug sein, dann profitieren alle. Mit der elitär ins Feld geführten Marktradikalität beginnt jegliche Verweigerungshaltung in Sachen kontinentales Fluchtfolgen-Management. Von Fluchtursachenbekämpfung gar nicht erst zu sprechen. Dass diese Menschen aus Dreckslöchern zu uns kommen, will man sich nicht eingestehen. Oftmals sind es nicht mal nur irgendwelche Dreckslöcher, nein, es sind unsere Dreckslöcher. Zonen, die wir in Kauf nehmen, weil sie die Grundlage unseres Wohlstandes sind. Das ist die Agenda des Atlantizismus. Dies ist noch nicht mal eine neue Erkenntnis, schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat man vom Neokolonialismus gesprochen. Doch mit dem Rollback der Neokonservatismus und seinem neuen elitären Welterklärungsmuster nach neoliberalen Basics, hat man diese Einsichten verdrängt und sie durch ein neues Narrativ ersetzt.

Das erzählt uns nun seit Jahren, dass alles Dasein auf Erden Wettbewerb ist. Ob nun innerhalb des Landes, zwischen Menschen die Arbeit suchen oder zwischen Krankenhäusern, die medizinische Hilfe anbieten – oder eben zwischen Staaten und Handelspartnern: Alle stehen mit allen im Wettbewerb. Das Wort »Handelspartner« ist insofern entweder ein veraltetes Wort oder schlicht ein Euphemismus: Partnerschaftlich verbunden fühlt man sich jedenfalls nur sehr bedingt. Natürlich ist den reichen Gesellschaften klar, dass nicht überall auf der Welt dieselben Bedingungen herrschen. Wahrscheinlich kann man auch nachvollziehen, dass es sogar richtige Dreckslöcher gibt, Höllen auf irdischem Boden, in denen Menschen in Dreck brüten und die Armut so fassbar ist, dass sie sich wie der Tod bei lebendigem Leibe anfühlen muss. Es aber dann deutlich zu sagen: Da fühlt man sich dann doch ein bisschen pikiert.

Leider setzte genau an dieser Stelle die Kritik am Jargon des amtierenden US-Präsidenten an. Der habe mal wieder eine seiner Frechheiten vom Stapel gelassen. Dreckslöcher, tststs! Na klar, der Mann ist nicht plötzlich zum einsichtigen Weltverbesserer geworden. Er hat das so und nicht anders formuliert, weil er sich damit mal wieder in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit katapultieren wollte. Und fast alle springen darauf an. Das war mal wieder eine verpasste Chance für all jene, die gerne behaupten, sie seien im Grunde der Gegenentwurf zu jenen postfaktischen Gestalten, wie sie Donald Trump eine ist. Sie hätten dem Mann aus dem Weißen Haus gratulieren müssen. Jawohl, der habe doch echt mal was Richtiges gesagt: Menschen flüchten aus Dreckslöchern. Sie tun es nämlich, weil die Orte, von denen sie kommen, manchmal ganz buchstäblich derart von Dreck überzogen sind, dass sie dort nicht mehr bleiben können und wollen. Von unserem Dreck zumal.

Auch ein blinder Gockel pickt manchmal aus Zufall auf ein Korn. Gönnen wir es ihm doch. Seine Wortwahl als unpassend zu deklarieren und mit einem Knigge der politischen Korrektheit unterm Arm der Debatte nachlaufen, die Mister Trump da anfachte: Damit spielt man ihm doch in die Hände. Denn so sagt man ja auch: Miese Plätze, die einen schonungslosen Terminus verdienen, gibt es ja eigentlich gar nicht auf unserer schönen marktkonformen Welt. Der Mann übertreibt aus Showzwecken. Trump ist keiner, der irgendwelche Dynamiken oder Vorgänge durchschauen könnte. Aber wenn er ab und an was sagt, was sich zu einer faktischen Einordnung verwerten lässt, dann sollte man da nicht zögern und die richtigen Ansätze aus seinem Repertoire aufgreifen. Mit Fakten bekämpft man den Postfaktischen nämlich am besten.

Die Frage ist jetzt nur, ob seine moralischen Gegenspieler, auch auf Du und Du mit den Chicago Boys, das überhaupt wollen …

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