Theorie | 31.01.2018 (editiert am 13.03.2018)

Kapitalismus und Ketchup – 1

Gibt es nur einen oder viele Arten von Kapitalismus? Wenn es mehrere Kapitalismen gibt, welche Varianten lassen sich voneinander unterscheiden? Und welche Bedeutung kommen den Unterschieden bei der Erklärung von Makrogrößen zu?

Diese Fragen wurden auf Makroskop im Anschluss an einen Artikel von Andreas Nölke äußerst kontrovers diskutiert. Er hatte dort zu Recht darauf hingewiesen, dass die unterschiedlichen Antworten auf solche Fragen selbst wiederum auf unterschiedlichen Forschungsprogrammen- und strategien beruhen können und dies der Grund dafür sein kann, warum bestimmte soziale Phänomene – wie etwa die Eurokrise – ganz unterschiedlich erklärt werden.

Nölke hatte auch korrekt festgehalten, dass unterschiedliche Forschungsprogramme nicht notwendiger Weise imkompatibel sind und sich sogar gegenseitig ergänzen können. Allerdings hat die Debatte auch gezeigt, dass sie das durchaus sein können und Antworten, die im Rahmen unterschiedlicher Forschungsprogramme auf Fragen nach den Ursachen bestimmter sozialer Phänomene gegeben werden, implizit festlegen, wie man auf als problematisch erachtete Sachverhalte angemessen politisch reagieren kann und sollte.

Glücklicherweise ist die Debatte aber auch Beleg dafür, dass eine Kontroverse darüber, welches Forschungsprogamm welchem und warum vorgezogen werden sollte, nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. Diese bislang eher im Hintergrund geführte Kontroverse möchte ich im Folgenden in den Vordergrund stellen. Wobei ich mich dabei auf einen Vergleich des von mir präferierten Forschungsprogramms und dem in der Vergleichenden Kapitalismus-Forschung äußerst populären Forschungsprogramm der „Spielarten des Kapitalismus“ beschränken werde.

Die Forschungsperspektive

Die nach meiner Meinung im Hintergrund dieser Diskussion stehende Frage lässt sich mit Ronald Dore wie folgt formulieren:

„Sheep come in all shapes and sizes. So do goats. In fact some sheep look like goats, and vice versa. But as biological systems they are distinct; they won’t interbreed. Shoats and geep don’t exist. Are capitalisms like that? Is it true that there are different type of capitalism, and that the differences between them are systematic?“

Die Mehrheit der Gesellschaftswissenschaftler, die sich mit solchen Fragen überhaupt beschäftigen, würden auf meine These, dass es nur einen Kapitalismus gibt, ganz überwiegend Hyman Minsky’s Reaktion teilen: Der hatte sich in diesem Zusammenhang scherzhaft auf den auf Ketchup-Flaschen der Firma Heinz stehenden Slogan „57 Varieties“ bezogen, mit dem Heinz seinerzeit die Vielfalt seiner Produkte anpries. Was Minsky uns sagen will, ist klar: Wer eine These wie die meine vorträgt, der hat sich als ein Ignorant ausgewiesen. Dass mit dem Begriff des Kapitalismus viele, fundamental unterschiedliche Wirtschaftsregime bezeichnet werden, ist einfach für jeden offensichtlich, der davor nicht bewusst die Augen verschließt.

Wenig hilfreich dürfte es sein, wenn man zur Verteidigung meiner These darauf verweist, dass sie auch von Marx vertreten wurde. Denn die folgende Kritik von Geoffrey Hodgson an Marx’ Forschungsstrategie werden viele teilen:

(…) Marx’s strategy of isolating a pure capital economy is flawed and misleading. (…) He wrongly believed that the dynamics of the system could be understood simply by focussing on its essence. For him, the system unfolded in a Hegelian manner from its inner core, while other subsystems and external forces exerted no more than disturbing influences.“(S. 41)

Hodgson kritisiert damit Marx’ Annahme, der Kapitalismus könne Gegenstand einer wissenschaftlichen Analyse sein. Zumindest dann, wenn man mit dem Wissenschaftsbegriff von Nancy Cartwright übereinstimmt:

„We aim in science, I urge, to discover the nature of things; we try to find out what powers auf capacities they have and in what circumstances and what ways these capacities can be harnessed to produce predictable behaviors.“ (S. 276)

Für Cartwright und andere Wissenschaftstheoretiker, wie etwa Roy Bhaskar, kann kein Zweifel daran bestehen, dass man natürliche Substanzen aufgrund ihrer „Essenz“ auf ihre kausale Potenz hin analysieren kann. Eine solche Analyse ermöglicht es etwa, zu erklären, warum eine Flasche Wasser, die wir im Winter vor der Tür stehen ließen, geplatzt ist. Und gerade, weil wir auf Basis der Analyse der Struktur der Substanz „Wasser“ um dessen kausale Potenzen wissen, kämen wir niemals auf die Idee, aus der Tatsache, dass es Wasserflaschen gibt, die platzen und solche, die nicht platzen, zu schließen, dass es sich bei dem Inhalt der Flaschen wohl um verschiedene Arten von Wasser handeln muss.

Marx war sich durchaus bewusst, dass die Verfahren, die notwendig sind, um den Kapitalismus in „Reinform“ analysieren zu können und solche, die bei der Analyse von natürlichen Substanzen zur Anwendung kommen, sich voneinander in vielerlei Hinsicht unterscheiden:

„Bei der Analyse der ökonomischen Formen kann weder das Mikroskop dienen, noch chemische Reagentien. Die Abstraktionskraft muss beide ersetzen.“ (S. 2)

Marx’ Forschungsstrategie impliziert also lediglich, dass man trotz einer Vielzahl von beobachtbaren Unterschieden zwischen den Volkswirtschaften eines Landes nur dann vom „Kapitalismus“ reden kann, wenn diese einen gemeinsamen Strukturkern haben. Für Marx ist der Kapitalismus also eine ontologische Einheit, die aus einer Vielzahl von Elementen besteht, die zueinander in einer geordneten Beziehung stehen, und die bei allen möglichen Veränderungen ihrer Eigenschaften durch die Zeit mit sich selbst identisch bleibt. Solche Entitäten nennt man Systeme.

Erachtet man den Kapitalismus als ein System, dann kann man sicherlich auch zulassen, dass verschiedene Varianten unterschieden werden können.  Man wird aber darauf bestehen, dass die Unterschiede nicht systemisch sind. Anders ausgedrückt: man wird darauf bestehen, dass alle Varianten des Kapitalismus sich dadurch auszeichnen, dass sie dieselben Elemente besitzen, die sich in gleicher Weise miteinander verbinden und unter gleichen Umständen dieselben Wirkungen zeitigen. Dass ein solches System unter unterschiedlichen Umständen aber dann unterschiedliche soziale Phänomene bewirkt, ist wenig verwunderlich.

Nicht verwunderlich sollte auch sein, dass sich kausale Potenzen niemals manifestiert haben müssen, ohne dass damit entsprechende Aussagen wiederlegt worden wären. So ist z.B. die These Hegels, dass Arbeitbeziehungen im Kapitalismus essentlich unpersönlich sind, nicht damit widerlegt, wenn man auf einen Familienbetrieb, in der zwei Ehepartner beschäftigt sind, hinweist. Solche dispositonalen Eigenschaften kennt  man auch in den Naturwissenschaften: Die Aussage „Salz ist wasserlöslich“ gibt Auskunft über eine solche Eigenschaft von Salz. Und selbstverständlich ist dieses Aussage auch dann korrekt, wenn man noch nie hätte beobachten können, dass sich Salz in Wasser löst.

Soziale Entitäten – wie etwa der Kapitalismus – sind nun aber keine natürlichen Substanzen. Was sind sie dann? Sie sind Insitutionen, so meine Antwort, die im folgenden Abschnitt erläutert wird.

Was sind Institutionen?

Ich habe an anderer Stelle mit Bezug auf Ludger Jansen Institutionen als kulturelle technische Artefakte bestimmt. Institutionen sind daher wie andere technische Artefakte, wie Autos oder Stereoanlagen, von menschlichen Handlungen abhängige Entitäten, die für jemanden eine Funktion erfüllen. Was etwa eine Stereoanlage ist, ist also essentiell durch ihre Funktion bestimmt. Das gleiche gilt für für Instiutionen. Was eine Institution ist, kann man nicht verstehen, ohne ihre Funktion zu kennen.

Während die Funktionsfähigkeit eines technischen Artefakts in erster Linie davon abhängt, dass ihre materiellen Elemente in geeigneter Weise funktional auf einander bezogen sind, hängt die von Institutionen, so meine These, von der Wirksamkeit präskriptiver Regeln und Normen ab. Und präskriptive Regeln („Regeln“) und Normen sind dann wirksam, wenn sie bei den entsprechenden Handlungsakteuren zur Ausbildung bestimmter Dispositionen geführt haben, die eine auf den Zweck einer Institution hin notwendige Abstimmung von Handlungen gewährleistet.

Unter Regeln verstehe ich mit Bezug auf Marco Iorio generelle Anweisungen eines „Anweisers“ an eine beliebige Menge von Adressaten der Form „Unter Umständen u tue immer h“. Regeln sind damit der Inhalt von kommunikativen Handlungen, deren Funktion es ist, sicherzustellen, dass gewisse Handlungssubjekte unter gewissen Umständen eine bestimmte Handlungsweise vollziehen.

Eine solche Regel ist dann wirksam, wenn Handlungssubjekte mit gewissen Eigenschaften eine Disposition ausgebildet haben, die dazu führt, dass eine ausreichend große Zahl dieser Akteuere in einer Situation eines bestimmten Typs als Reaktion auf die Wahrnehmung einer solchen Situation ganz überwiegend eine Handlungsweise der Art x vollzieht.

Einen Ausschnitt eines Systems von Regeln können wir z.B. dem  § 37 Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung entnehmen:

«Wechsellichtzeichen haben die Farbfolge Grün – Gelb – Rot – Rot und Gelb (gleichzeitig) – Grün. Rot ist oben, gelb in der Mitte und Grün unten.

An Kreuzungen bedeuten:

Grün: „Der Verkehr ist freigegeben“

Gelb ordnet an: „Vor der Kreuzung auf das nächste Zeichen warten“

Rot ordnet an: „Halt vor der Kreuzung“ «

Die Institution der Straßenverkehrsordnung hat die Funktion, die Handlungen von Verkehrsteilnehmern zu koordinieren. Ob ihr das gelingt, hängt – wie das Regelbeispiel zeigt – u.a. davon ab, dass die Verkehrteilnehmer der Regel folgen, vor der Kreuzung zu halten, wenn die Ampel auf rot steht.

Institutionen sind nach diesem Vorschlag also keineswegs, wie die Mehrheit der Gesellschaftswissenschaftler im Anschluß an Douglas North meint, durch „the rules of the game“ definiert. Alle sozialen Phänomene, die eine Funktion erfüllen und Regeln als „Bauelemente“ enthalten, sind nach meinem Vorschlag als Institutionen auszuzeichnen. Institutionen sind also keine Entitäten, die man einer bestimmten ontologischen Kategorie zuordnen kann. Institutionen kommen in allen nur möglichen Kategorien vor.

Als Beispiel für eine institutionalisierte Qualität nennt Jansen die Approbation, für Quantitäten unsere konventionellen Maßsysteme, für Relationen die Beziehungen von Menschen in sozialen Hierarchien, wie z.B. der Vorgesetzte von jemandem zu sein, für Orte nennt er Damentoiletten, für die Zeit Festtage, für Handlungen die Beförderung und die Degradierung, für ein Ereignis die Promotion und für Handlungssubjekte Präsidenten und Unternehmen.

Institutionen können natürlich nun selbst wiederum aus einer Vielzahl von anderen Institutionen konstituiert sein, die selbst wiederum durch weitere Institutionen konstituiert sein können etc.pp. Institutionen sind in diesem Sinne von ihren Konstituenten ontologisch abhängig. Die Existenz eines Verkehrsschildes z.B. ist, wie Lynne Rudder Baker argumentiert, möglicherweise von einem Stück Metall ontologisch abhängig. Es wäre nun aber ein Fehler, aus diesem Abhängigkeitsverhältnis zu schließen, dass die Eigenschaften der Konstituenten allesamt auch Eigenschaften der konstituierten Entität sind. Denn dass eine Entität durch eine andere Entität konstituiert wird, heißt nicht, dass beide Entitäten miteinander identisch sind.

„A traffic sign is a different kind of thing, with different causal powers, from a scrap piece of metal that you find in your garage. Yet the traffic sign does not exist separately from the constituting piece of metal. Constitution is a relation of unity – unity without identity.“ (S.32)

Deshalb können zwar Verkehrsschilder aus Metall rosten. Die Verkehrsordnung in einem bestimmten Land ist aber sicher niemals angemessen als rostig zu bezeichnen. Von einigen Eigenschaften eines Gegenstands, die ein Verkehrsschild konstituieren, können wir bei Analyse der Funktionsweise der Verkehrsordnung also sicherlich ganz unproblematisch abstrahieren und sollten es auch.

Analoges gilt für den Kapitalismus. Der Versuch, die essentiellen Eigenschaften des Kapitalismus zu bestimmen, ist also sicherlich nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Im zweiten Teil dieser Artikelserie möchte ich erläutern, wie im Rahmen des kurz skizzierten Forschungsprogamms der Begriff des Kapitalismus zu konzeptualisieren ist. 

Weitere Teile dieser Serie

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