istock/com/RomoloTavani
Theorie | 08.01.2018 (editiert am 15.01.2018)

Komplizierter als die Badewanne: Strom-und Bestandsgrößen in der Ökonomie

Auf Makroskop betonen wir häufig, wie wichtig es ist, Strom- und Bestandsgrößen voneinander zu unterscheiden. Wenn man beide Größen miteinander vergleicht, muss man Effekte wie Wechselkursschwankungen berücksichtigen. Denn die können gerade Entwicklungsländern zum Verhängnis werden.

Strom- und Bestandsgrößen

Fangen wir mit einem einfachen Beispiel an: Wenn ein Liter pro Minute in eine Badewanne fließt, so ist dieser eine Liter eine Stromgröße. Die Einheit dieser Größe wird über einen gewissen Zeitraum gemessen, in diesem Fall über eine Minute. Wenn wir uns anschauen, wie viel Wasser insgesamt in der Badewanne ist, sagen wir 200 Liter, so betrachten wir eine Bestandsgröße. Die 200 Liter werden zu einem gewissen Zeitpunkt betrachtet, und nicht über eine Zeitperiode hinweg wie bei der Stromgröße.

In diesem Fall ist es einleuchtend, dass wenn um 18 Uhr 200 Liter in der Badewanne sind, man 60 Minuten später 260 Liter haben wird (wenn sie nicht überläuft). Es gibt daher einen einfachen Zusammenhang zwischen den Bestands-und Flussgrößen. Oft ist das ziemlich ähnlich in der Ökonomie. Manchmal kann es aber auch etwas verwirrend werden. Das wollen wir uns nun etwas genauer anschauen.

Neuverschuldung und Gesamtverschuldung

Die Neuverschuldung Deutschlands zum Beispiel ist eine Stromgröße. Sie misst, um wie viel Euro sich das Land in einem Jahr neu verschuldet hat (oder bestehende Schulden reduziert hat). Im Jahr 2016 beispielsweise ist die Verschuldung von Bund, Ländern und Kommunen um 15 Milliarden Euro gesunken (Stromgröße). Die Gesamtschulden (Bestandsgröße) im Jahr 2016 waren 2.005 Milliarden Euro. Dies wiederum sind genau 15 Milliarden weniger als 2015, als es 2.020 Milliarden Gesamtschulden waren.

In diesem einfachen Beispiel lassen sich die Strom- und Bestandsgrößen sehr leicht in Verbindung setzen. Wie im Beispiel der Badewanne addieren sich die Ströme (englisch: flows) zu den Beständen (englisch: stocks) auf. Nur kurz erwähnt sei an dieser Stelle, dass ein geringerer Schuldenstand natürlich nichts bringt, wenn gleichzeitig die deutsche Infrastruktur den Bach runter geht.

Währungseffekte verändern Bestandsgrößen…

Was im Fall von deutschen Staatsschulden einfach ist, kann im Fall von argentinischen Staatsschulden schon komplizierter werden. Argentinien hat sich in den 90er Jahren viel Geld in einer Fremdwährung, dem US-Dollar, geliehen. Anfangs war der argentinische Peso direkt an den Dollar gekoppelt.

Was aber, wenn der Wechselkurs nicht mehr fix ist, sondern der argentinische Peso gegenüber dem Dollar abwertet? In diesem Fall kann sich die Bestandsgröße, also die Gesamtverschuldung, ändern, obwohl sich die Stromgröße nicht verändert hat: Misst man die Schulden in Pesos und wertet dieser ab, so werden die Dollar-Schulden auf einmal viel teurer. Die Staatsverschuldung in Pesos steigt also an.

Ein einfaches Beispiel hierzu: Im Jahr 2000 entsprach ein Dollar genau einem Peso. Wenn ich mir 100 Dollar leihe, habe ich, gemessen in Peso, 100 Peso Schulden. Drei Jahre später jedoch war ein Dollar schon 3 Pesos wert. Meine 100 Dollar Schulden steigen somit, in Peso gemessen, an, und sind nun 300 Pesos groß.

… und können Schuldnern zum Verhängnis werden

Anders ausgedrückt: Die Bestandsgröße kann gegebenenfalls durch Bewertungseffekte verändert werden. Dies ist in der Tat vielen Entwicklungsländern zum Verhängnis geworden. Man lieh sich Dollar zu günstigen Zinssätzen, achtete aber nicht darauf, dass man selbst keine Kontrolle über den Dollar hat. Ein Land kann immer nur seine eigene Währung „drucken“. Wenn die eigene Währung abwertet, wird es viel schwieriger, die Dollar-Schulden zurück zu zahlen.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass eine Abwertung dem Land eventuell hilft, seine Exportprodukte günstiger zu verkaufen. Wenn sich der Staat und der Privatsektor aber viele Dollar geliehen haben, droht eine Abwertung der heimischen Währung die Wirtschaft abzuwürgen. Es bleibt daher zu hoffen, dass Länder in Zukunft nicht mehr durch den IWF, die Weltbank oder andere in die Schuldenfalle gedrängt werden. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat immerhin schon einen Artikel über den eben erwähnten „Dollar-Effekt“ publiziert.

Nicht nur Währungseffekte spielen eine Rolle: Buch- oder Marktwert?

Aber nicht nur Währungseffekte beeinflussen Bestandsgrößen. Eine typische Frage in der Buchhaltung ist, ob Posten als Buch- oder Marktwert aufgeschrieben werden sollen. Wer eine griechische Staatsanleihe mit einem Buchwert von einer Million Euro kauft, diese aber aktuell auf dem Anleihenmarkt für nur 300 000 Euro verkaufen kann, wie hoch ist dann das Vermögen des Käufers? Laut Buchwert ist er Millionär, laut Marktwert besitzt er jedoch nur 300 000.

Je nach Akteur und Fragestellung ist somit der Buch- oder Marktwert entscheidend. Der griechische Staat muss, um die Höhe seiner Schulden zu analysieren, immer den Buchwert betrachten (hätte aber sinnvollerweise auf einen Schuldenschnitt drängen sollen, was aber wieder ein anderes Thema ist). Sich verändernde Vermögenspreise beeinflussen also Bestandsgrößen ähnlich wie Wechselkurseffekte.

Neben dem Währungseffekt und der Frage, ob ich zum Buch- oder Marktwert bilanziere, gibt es noch andere Effekte, welche die Bestandsgrößen beeinflussen können. Dazu gehören statistische Messfehler sowie andere statistische Effekte.

Ein Datenbeispiel zur Schweiz veranschaulicht all diese Effekte. Genauer gesagt, werden das Schweizer Auslandseinkommen (Stromgröße) mit dem Schweizer Auslandsvermögen (Bestandsgröße) vergleichen (Werner Vontobel hatte dies hier bereits in ähnlicher Form getan).

Das Schweizer Auslandsvermögen ist viel kleiner als die Summe der Auslandseinkommen

Die Schweiz hat, ähnlich wie Deutschland, einen hohen Leistungsbilanzüberschuss.

Das Land bezieht also Nettoeinkommen vom Rest der Welt (Stromgröße). Naiv könnte man erwarten, dass das Auslandsvermögen der Schweiz entsprechend seinen Auslandseinkommen wächst: Wenn ich jedes Jahr Netto umgerechnet 100 Franken verdiene sollte ich nach zehn Jahren ein Vermögen im Wert von 1.000 Franken haben. Tatsächlich aber unterscheidet sich die Summe der Auslandseinkommen (Leistungsbilanzsalden) und das tatsächliche Auslandsvermögen markant, wie in folgendem Graph zu sehen:

Die nun aufgelisteten Faktoren können den Unterschied zwischen Netto-Auslandseinkommen und Netto-Auslandsvermögen erklären:

1) Währungseffekt

Wie erwähnt, können Währungsschwankungen einen Effekt auf die Bestandsgrößen haben. In der Tat halten die Schweizer viel Vermögen in US-Dollar. Wenn der US-Dollar aber im Vergleich zum Schweizer Franken abwertet, so sinkt auch das Auslandsvermögen der Schweizer. Leider existieren keine genauen Daten über all die verschiedenen ausländischen Vermögenstitel der Schweizer Bürger. Die Vermögen im Euro- und Dollarraum werden aber von der Zentralbank erhoben. Zusammen mit den Wechselkursdaten kann man abschätzen, dass zwischen 2000 und 2015 etwa Auslandsvermögen in Höhe von 9 % des BIP durch Abwertung des Euro und Dollars „vernichtet“ wurde.

2) Andere Bewertungseffekte

Wenn Schweizer ihr Nettoeinkommen aus dem Ausland nutzen, um US-Aktien zu kaufen, und wenn diese Aktien an Wert verlieren, so sinkt auch das Netto-Auslandsvermögen der Schweizer. Letzteres wird nämlich überwiegend zum Marktwert erhoben (abgesehen von sogenannten Direktinvestitionen). Umgekehrt steigen aber auch die Verbindlichkeiten der Schweizer, wenn Schweizer Aktien wie Nestle an Wert gewinnen und in großen Mengen von ausländischen Investoren gehalten werden. Tatsächlich kaufen die Schweizer zum Großteil keine US-Aktien, sondern besitzen eher festverzinsliche Papiere im Ausland. Hier spielen Marktbewertungen eine geringe Rolle. Die Aktien von Schweizer Firmen wiederum sind vor allem in ausländischem Besitz.

Im Ergebnis sind die Verbindlichkeiten der Schweizer gegenüber dem Ausland vor allem Aktien, die Vermögen jedoch vor allem festverzinsliche Papiere. Diese Konstellation – verbunden mit der Tatsache, dass die Schweizer Aktien von 2000 bis 2015 an Wert gewonnen haben – führt dazu, dass das Netto-Auslandsvermögen langsamer wächst als die Summe der Einkommen (je nach Schätzung lassen sich etwa 50 % des Unterschiedes erklären).

3) Messfehler

Man wird nie erwarten können, dass die Einkommen und Vermögen eins zu eins zusammenpassen, selbst wenn man die beiden obigen Effekte berücksichtigt. Wieso? Die Daten sind nicht exakt, sondern werden geschätzt. Nicht jeder Haushalt, jede Bank und jede Firma muss hier detailliert Auskunft geben. Im Laufe der Zeit kann sich auch die Zusammensetzung der betrachteten Firmen und Haushalte ändern. Es ist also zu erwarten, dass bei der Datenerhebung einige Fehler gemacht werden. Wie groß dieser Effekt ist, lässt sich schwer ermitteln, dürfte aber in einem Land wie der Schweiz kaum den Großteil erklären.

4) Statistische Effekte

Schließlich kann es auch Effekte geben, die man auf den ersten Blick nicht sieht und mit der Erhebung der Daten zu tun haben. Grenzüberschreitendes Einkaufen (was die Schweizer gerne machen, wenn man in diesen Tagen in Stuttgart, Konstanz oder München unterwegs ist) wird nur unzureichend in der Importstatistik erfasst. Die Warenimporte werden als zu gering geschätzt, was einen Teil des Unterschiedes zwischen Auslandseinkommen und Auslandsvermögen erklären kann.

Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren statistischen Effekt: Wenn Firmen Gewinne einbehalten, wird dies in der Einkommensstatistik anders behandelt als in der Vermögensstatistik. In einem Fall werden diese Gewinne teilweise ausländischen Anteilseignern zugesprochen, im anderen Fall zu 100 % der Schweizer Firma. Dieser Effekt ist im Fall der Schweiz erheblich (aufgrund der Konstellation, die ich in Punkt 2 beschrieben habe) und kann über den Zeitraum von 2000 bis 2015 immerhin einen Betrag in Höhe von 20 % des BIP erklären. Der „wirkliche“ Schweizer Leistungsbilanzüberschuss ist also tatsächlich etwas kleiner, als man das aus den offiziellen Daten lesen kann. Trotzdem bleibt nach dieser Korrektur ein Überschuss von etwa 8 % des BIP pro Jahr, weshalb man der Schweiz nach wie vor Merkantilismus vorwerfen muss.

Auch wenn es nun etwas technisch wurde, ist eines hoffentlich deutlich geworden: Es lohnt sich, Daten genau anzuschauen. Das ist meist erkenntnis- und hilfreicher, als manch so kompliziertes mathematisches Modell zu studieren. Die Einkommen und Vermögen von verschiedenen Ländern zu analysieren, gibt gute Einblicke in die Wirtschafts- und Finanzstruktur des Landes.

Ähnlich wie in der Schweiz stagniert auch das deutsche Auslandsvermögen (Günther Grunert hat über diese „Geschenke an das Ausland“ hier geschrieben). Im Falle der USA ist es genau anders herum, weshalb man vom „Dollar-Bonus“ redet. Hier steigt das Netto-Auslandsvermögen langsamer an als die kumulierten Leistungsbilanzdefizite (Jörg Bibow hatte dies hier bereits ausführlich analysiert).

Anmelden