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Arbeit | 12.01.2018

Löhne, Inflation und Arbeitslosigkeit – auch 2017 haben die deutschen Gewerkschaften ihre Rolle nicht gespielt

Wieder sind die deutschen Löhne nicht angemessen gestiegen. Weder die Gewerkschaften noch der Mainstream der Ökonomen wollen das Offensichtliche zur Kenntnis nehmen: Die Löhne entscheiden über die Preise, nicht über die Arbeitslosigkeit.

„Deutsche Konzerne verdienen so viel Geld wie nie zuvor“ meldete (hier) kurz vor Jahresende die oberste Medienvertreterin der deutschen Konzerne, die FAZ. Das ist doch schön, da freuen wir uns alle. Und noch viel mehr freuen wir uns mit den deutschen Gewerkschaften, deren Lohnerhöhungsbemühungen im Jahre 2017, auch das wurde kurz vor Jahresende bekannt (hier), immerhin mit einem Zuwachs von 2,3 Prozent zu Buche schlugen. Das bedeutet für die Arbeitnehmer zwar auch mehr Geld als je zuvor, gemessen an den wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen ist es aber viel zu wenig.

Nein, man muss es anders sagen: 2,3 Prozent Erhöhung der Tarifverdienste sind ein Witz, aber leider ein ganz schlechter. Nach 2,0 Prozent im Jahr 2016 (immer inklusive Sonderzahlungen) und 2,1 im Jahr davor (aber 3,2 im Jahr 2014 und 2,4 in 2013), sind 2,3 Prozent in einem Jahr, wo konjunkturell auch am Arbeitsmarkt eine deutliche Belebung zu verzeichnen war, mehr als blamabel. Da die Preise um 1,8 Prozent gestiegen sind (hier) und die Produktivität um 0,8 oder 0,9, ist selbst nach dieser einfachen (aber unangemessenen) Rechnung der von den Gewerkschaften ausgehandelte Reallohnzuwachs hinter dem Produktivitätszuwachs zurückgeblieben.

Wieder verlieren die Arbeitnehmer

Damit ist klar, was sich schon Anfang vergangenen Jahres abzeichnete (und hier gezeigt wurde), nämlich, dass die Inflationsrate (in erster Linie ölpreisbedingt) im Laufe des Jahres steigen und die mickrigen Nominallohnzuwächse weitgehend zunichte machen könnte. Von den „deutlichen Reallohnerhöhungen“, die etwa Frank Bsirske beim Abschluss für den öffentlichen Dienst (von zwei Prozent für 2017) beschwor, ist nichts übrig geblieben.

Um den niedrigen verteilungspolitischen Status quo zu sichern, hätten die deutschen Arbeitnehmer 2,9 erhalten müssen (bei der unterstellten Zielinflationsrate von 1,9 Prozent). Das gilt jedoch nur bei einer schwachen Produktivitätsentwicklung von einem Prozent, bei einem realistischen Produktivitätszuwachs (von 1,5 Prozent) auf mittlere Sicht wären es eher 3,5 Prozent gewesen. Nimmt man den Nachholbedarf, den es wegen der Lücke in der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der EWU gibt, ist das Ergebnis weit mehr als enttäuschend.

Die deutschen Gewerkschaften bekommen ein ums andere Mal die Rechnung dafür serviert, dass sie den ungerechtfertigten deutschen Wettbewerbsvorsprung in der EWU verschweigen oder gar bestreiten (wie hier gezeigt). Sie haben sich damit selbst in eine unsägliche Position manövriert, die ihnen in den Lohnverhandlungen von den Arbeitgebern um die Ohren gehauen werden wird.

„Deutsche Wettbewerbsposition darf nicht gefährdet werden“

Was sagen Gewerkschaftsvertreter, wenn die Arbeitgeber in den Verhandlungen genau so argumentieren, wie das gerade der Chefvolkswirt der Wirtschaftswoche getan hat (hier zu finden)? Malte Fischer argumentiert – anders als die Gewerkschaften – explizit mit dem deutschen Vorsprung bei den Lohnstückkosten (und zeigt die dazugehörigen Kurven), der nun aber zu verschwinden drohe. Wörtlich:

„Wie sehr die Standortqualität bereits gelitten hat, zeigt der ungebremste Aufwärtstrend der Lohnstückkosten. Seit Jahren steigen sie schneller als im Schnitt des Euro-Raums. Und weil die Produktivität der Entwicklung der Löhne auch im nächsten Jahr hinterherhinkt, wird sich an dem schleichenden Verlust der preislichen Wettbewerbsfähigkeit nichts ändern.

Dass auch Sozialabgaben, Steuern und Energiekosten seit Jahren steigen, schmälert die Standortqualität zusätzlich. Berechnungen der Commerzbank auf Basis von Daten der Weltbank zeigen, dass Deutschland in puncto Standortqualität seit 2009 gegenüber den Top-Standorten in der EU massiv zurückgefallen ist.“

Das ist zwar absoluter und gefährlicher Unsinn, weil der „schleichende Verlust“ unumgänglich ist. Beim derzeitigen deutschen Lohnwachstum geht er aber viel zu langsam vonstatten. Bleibt es bei diesem Tempo, haben viele europäische Länder nur mit absoluten Lohnsenkungen eine Chance, sich aus der Wettbewerbsfähigkeitsfalle zu befreien (wie hier zuletzt erklärt). Wie aber kann ein Gewerkschafter den „schleichenden Verlust der Wettbewerbsfähigkeit “ oder das „Zurückfallen in der Standortqualität“ glaubhaft von sich weisen, der vorher bestritten hat, dass ein solcher Vorsprung für Deutschland überhaupt eine bedeutsame Rolle spielt.

Hätten die Gewerkschaften und die sie beratenden Volkswirte konsistent und konsequent über die Jahre erklärt, dass der deutsche Vorsprung unhaltbar und für Europa extrem gefährlich ist, könnten sie jetzt (im Verein mit vielen konservativen Beobachtern wie im obigen Stück gezeigt) überzeugend argumentieren, dass Deutschland kräftige Lohnsteigerungen braucht, um den Binnenmarkt zu beleben und die Handelsungleichgewichte in Europa ernsthaft anzugehen. Wer aber den Zusammenhang leugnet oder sich bemüht, vollkommen geschichtslos in die Verhandlungen zu gehen, wird erleben, dass die Arbeitgeber genau dieses Argument schamlos einsetzen.

Löhne und Inflation

Zudem wäre es an der Zeit, dass die deutschen Gewerkschaften begreifen, dass die deflationären Tendenzen in Europa und die Nullzinspolitik der EZB von ihnen verursacht worden ist und weiter verursacht wird. Die Tatsache, dass in fast ganz Europa die Lohnkostensteigerungen sogar unter dem Inflationsziel liegen (wie in dem Stück zum europäischen Lohnskandal gezeigt), ist dem Druck geschuldet, der von der immer noch schwachen deutschen Lohnentwicklung ausgeht. Wer seine Position gegenüber Deutschland relativ verbessern will, muss auf einen deflationären Pfad einschwenken.

Wenn in dem Land, das am Arbeitsmarkt – aufgrund der Verbesserung seiner Wettbewerbsposition in der Vergangenheit – die beste Entwicklung erlebt, die Gewerkschaften ihre Rolle nicht spielen, kann es niemals eine Normalisierung und damit ein Überleben der Währungsunion geben. Da hilft es auch nichts, wie das zuweilen geschieht, auf andere Faktoren wie Immigration zu verweisen (so macht das Guntram Wolf von Breugel hier), weil es um den grundlegenden Zusammenhang von Inflation und Arbeitslosigkeit (also um eine spezifische Form der Phillips-Kurve, wenn man so will) geht.

Wer über den Außenhandel (also über deflationäre Lohnentwicklung) Vorteile erzielt und seine Arbeitsmarktsituation (ob mit oder ohne Immigration spielt dabei keine Rolle) verbessert hat, muss diesen Vorteil wieder vollständig aufgeben, damit die Währungsunion insgesamt ihre außenwirtschaftliche Balance und ihr Inflationsziel erreichen und halten kann. Nutzen die deutschen Gewerkschaften, aus welchen Gründen auch immer, die verbesserte Machtposition, die ihnen die sinkende Arbeitslosigkeit verschafft hat, nicht konsequent aus, bleibt die Europäische Währungsunion genau wie Japan auf unbegrenzte Zeit in einem Deflationsszenario gefangen. Ob sie das politisch überlebt, ist, anders als in Japan, die große und immer noch keineswegs beantwortete Frage.

Ein eindeutiger Zusammenhang

Wir haben die Beziehung zwischen Lohnstückkosten und Inflation, die in diesem Zusammenhang zentral ist, noch einmal neu berechnet. Wir haben dazu zwei Perioden gebildet (von 1970 bis 1990 und von 1990 bis heute), um die unterschiedlichen Inflationsphasen in verschiedenen Ländern zu identifizieren. Zudem haben wir die Berechnung – auf Anregung einiger Leser – zum einen mit dem BIP-Deflator, zum anderen aber auch mit dem Verbraucherpreisindex (CPI) durchgeführt. Das Ergebnis ist vollkommen klar und eindeutig (Abbildungen 1 und 2 im Anhang).  Der Zusammenhang ist unbestreitbar. Wir dokumentieren dazu auch die Zahlen in den beiden Tabellen, damit jeder Leser die Graphiken nachvollziehen kann.

Angesichts eines solchen Ergebnisses muss man sich erneut fragen, warum es nicht möglich ist, diesen einfachen empirischen Befund theorieübergreifend zur Basis der Analyse makroökonomische Zusammenhänge zu machen. Dass das nicht gelingt, zeigt, dass die Ökonomik keine Wissenschaft ist und offenbar auch nicht sein will. Man ahnt offenbar, dass die Anerkennung dieses Zusammenhangs den Zusammenbruch des neoklassischen Weltbildes am Arbeitsmarkt und darüber hinaus zur Folge hat. Das will das akademische Monopol des Mainstream um jeden Preis verhindern und beweist damit, dass es eine klar ideologische Agenda hat, die jedoch an den Universitäten nichts verloren hat. Man muss sich nur anschauen, wie der mediale Abklatsch des ökonomischen Mainstream in der FAZ (hier) bei der Erklärung der Inflation um den Brei (die Löhne) herumredet, um zu verstehen, wie tief die Angst vor wirklicher Erkenntnis ist.

Abbildung 1
Daten zu Abbildung 1
Abbildung 2
Daten zu Abbildung 2

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