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EU | 06.02.2018 (editiert am 27.02.2018)

Der kranke Mann Europas wird gesund, der Rest bekommt Fieber

Deutschlands Überschüsse werden hierzulande als Resultat erfolgreicher Strukturreformen und überragender Produktqualität gewertet. Ein „Erfolgsmodell“ für alle anderen Länder Europas? Tatsächlich zeigen die bilateralen Handelsdaten, dass Deutschlands Handel mit seinen europäischen Nachbarn nichts weiter als perfektionierter Merkantilismus ist.

Sucht man im Duden das Wort Merkantilismus, erhält man die folgende Definition:

„(in der Zeit des Absolutismus) Wirtschaftspolitik, die besonders den Außenhandel und die Industrie fördert, um Finanzkraft und Macht der jeweiligen Staatsmacht zu stärken.”

Die praktische Umsetzung einer solchen Handelspolitik wurde wohl von niemandem zutreffender formuliert als von Sir Thomas Mun, dem ehemaligen Direktor der East India Company. In einem seiner bekanntesten Werke, England’s Treasure by Forraign Trade (1664), schrieb Mun:

„Die normalen Mittel […] zur Steigerung unseres Wohlstands und Vermögens sind die über den Außenhandel, wobei wir immer folgende Regel beachten müssen: Wir müssen jährlich mehr an andere verkaufen als wir an fremden Waren konsumieren.“ (freie Übersetzung)

„The ordinary means […] to encrease our wealth and treasure is by Forraign Trade, wherein wee must ever observe this rule; to sell more to strangers yearly than wee consume of theirs in value.” (original)

Exportüberschüsse und schwarze Null sind somit keine neuen Ideen deutscher Politiker und Wirtschaftsbosse, sondern einfach ein Ausdruck dessen, dass ein großer Teil der Eliten intellektuell im 17. Jahrhundert hängengeblieben ist. Besonders perfide wird diese Ideologie, wenn wir uns die Entwicklung des deutschen Handels mit seinen europäischen Nachbarn anschauen. Dazu habe ich die Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) analysiert. Sie zeigen, wie sich der bilaterale Handel der meisten europäischen Staaten mit Deutschland über den Zeitraum von 1998 bis 2016 hin verändert hat.

Um die Grafiken besser interpretieren zu können, ist es zunächst wichtig zu begreifen, was die unterschiedlichen Werte aussagen. Die bilaterale Handelsbilanz selbst ist der Unterschied zwischen den Exporten und den Importen eines Landes i mit einem Partnerland d (d ist in diesem Fall Deutschland) zum Zeitpunkt t. Um eine Skala zu erstellen, die einen standardisierten Wert widergibt, habe ich die bilaterale Handelsbilanz im Verhältnis zum gesamten Handelsvolumen gesetzt, sodass:

Handelsbilanzidt = (Exporteidt – Importeidt) / (Exporteidt + Importeidt)

Auf diese Weise entstehen Werte von -1 bis +1, wobei -1 impliziert, dass der gesamte Handel eines Landes mit dem jeweiligen Partnerland nur aus Importen besteht (+1 entsprechend nur aus Exporten) und 0 eine ausgeglichene Handelsbilanz darstellt. Um es an einem Beispiel zu veranschaulichen, nehmen wir an, dass Land A Waren und Dienstleistungen im Wert von € 5 Mrd. nach Deutschland exportiert. Deutschland wiederum exportiert Güter im Gesamtwert von € 10 Mrd. in das Land A, welches somit ein bilaterales Handelsbilanzdefizit von € 5 Mrd. aufweist. Im Verhältnis zum gesamten Handelsvolumen (€ 15. Mrd.) ergibt sich auf diese Weise ein Wert von -0,33 in unserer Skala.

Deutschlands Handel mit Europa

Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Handelsungleichgewichte zwischen Deutschland und seinen europäischen Handelspartnern. Länder, die mit Deutschland Überschüsse/Defizite erwirtschaften, werden in grüner/roter Farbe dargestellt, wobei die Intensität der Farbe jeweils von der Intensität des Überschusses/Defizits abhängt.



Wie aus der Animation hervorgeht, wird ganz deutlich, dass ganz Europa (mit Ausnahme von Spezialfällen wie Irland, Norwegen und den Niederlanden) bis in die späten 2000er Jahre hinein in einem immer tiefer werdenden rot versinkt. Man könnte auch sagen, die Gesundung des „kranken Mannes“ führte zur Fieber-Epidemie im Rest des Kontinents. Die Extremtemperatur erreichen die Ungleichgewichte zum Zeitpunkt der großen Finanzkrise 2007-2008.

Wichtig ist dabei, dass vor der Krise der intra-EU Handel besonders ausgeprägt war. Schön verdeutlichen das Colin Hay und Daniel Wincott in ihrem Buch The Political Economy of European Welfare Capitalism. Demnach gab es kaum Länder, die mehr in den Rest der Welt als zu ihren EU Partnern exportierten – und die EU Beitritte änderten nichts an diesem Bild. Zwischen 1980 und 2005 galt dies sogar für jedes einzelne Land (insgesamt fanden bis 2015 mehr als 2/3 aller Exporte innerhalb der EU statt). Der unten stehende Graph (S. 81) gibt das Verhältnis von intra-EU Exporten zu extra-EU Exporten für die EU-15 an und verdeutlicht diesen Trend (schwarze Linie). Ein Wert von 1 (rote Linie) impliziert dabei, dass 50 % der Exporte eines Landes intra-EU Exporte sind und die übrigen 50 % auf den Rest der Welt entfallen. In diesem Zusammenhang ist es absurd, die deutschen Überschüsse nicht als Teil des Problems anzusehen, das zur großen europäischen Krise führte.



Aus der Animation geht zwar hervor, dass die Intensität der Überschüsse im Zuge der Austeritätsprogramme abgenommen hat, jedoch weicht Deutschland größtenteils nicht von seiner merkantilistischen Handelsposition ab, die 1664 von Mun so schön vorgegeben wurde. Selbst die Überschüsse Osteuropas passen ideal in die merkantilistische Schiene der deutschen Politik und Wirtschaft, denn sie entstanden nicht durch eine positive Nachfrageentwicklung hierzulande, sondern sind das Resultat deutscher Direktinvestitionen, die in der Region billiger produzieren können und die Produkte entsprechend rückimportieren. Die folgende Grafik illustriert dabei die krasse Diskrepanz zwischen den Ländern Westeuropas und denen Ost- und Zentraleuropas (CEE) – wobei auffällt, dass die Tendenz im Handel mit westeuropäischen Ländern wieder auf höhere bilaterale Handelsungleichgewichte hinweist.



Betrachtet man ergänzend die zugrundeliegenden Daten, wird die Entwicklung einiger wichtiger bilateraler Handelsbeziehungen noch erschreckender. Über den gesamten Zeitraum liegen die meisten Werte in der bilateralen Handelsbilanz mit Deutschland zwischen -0.1 und -0.2. Das impliziert, dass die Importe aus Deutschland die Exporte um ca. 22 % (-0.1) und 50 % (-0.2) überstiegen.

Zum selben Ergebnis kommt man, wenn man die Daten nach dem jeweiligen Handelsvolumen gewichtet. Insbesondere im Handel mit den Ländern, die durch eine starke Industrie geprägt waren, dürfte es unter normalen Umständen niemals zu persistenten und gravierenden Handelsungleichgewichten kommen. Allerdings wuchs zum Beispiel Italiens Defizit mit Deutschland von 1998 – also ein Jahr bevor der Euro ins Leben kam – bis 2007 um einen Faktor von mehr als 38 (von USD 585.570.000 auf USD 22.637.560.000). Selbst 2009 überstieg das italienische Defizit mit Deutschland das gesamte italienische Außenhandelsdefizit.

Frankreichs Defizit wuchs ebenfalls um mehr als das 30-fache in einem fast identischen Zeitraum – von USD 1.317.100.000 (1998) auf USD 40.461.100.000 (2008). Der größte Anstieg folgte in beiden Fällen von 1998 auf 1999, als sich das Defizit der Franzosen mit den Deutschen mehr als versechsfachte (USD 1.317.100.000 auf USD 8.619.530.000), und das der Italiener sich fast verfünffachte (USD 585.570.000 auf USD 2.840.150.000). Dass die bilateralen Defizite innerhalb eines Jahres so explodierten, können keine „erfolgreichen Strukturreformen in Deutschland“ erklären. Ebenso wenig plausibel ist es anzunehmen, dass die deutschen Produkte so radikal an Qualität hinzu gewannen.

Leider gibt es nur wenige Anzeichen dafür, dass Deutschland sich durch eine dynamischere Nachfrageentwicklung mit seinen großen europäischen Handelspartnern in Richtung eines ausgeglicheneren Handels bewegt. Zwar gibt es eine quälende italienische Aufwärtsbewegung, diese stammt allerdings primär von einer Reduzierung der Importe (von ca. € 90 Mrd. (2008) auf ca. € 66 Mrd. (2016)). Frankreichs Wert hat sich bei -0.15 eingependelt und stagniert seither, was bedeutet, dass die deutschen Importe die französischen Exporte um ca. 35 % übersteigen. Im Falle Großbritanniens ist das Handelsungleichgewicht noch viel ausgeprägter.



Frankreich – der andere Nachbar

Makroskop-Leser wissen, dass Frankreich das einzige Land war, dass sich mit der Lohnpolitik exakt dem Inflationsziel der EZB angepasst hat – und durch Deutschlands Lohndumping dafür bitter bestraft wurde. Da die deutschen Produkte deutlich billiger wurden, verlor Frankreich an Wettbewerbsfähigkeit. In gewisser Weise spiegelt die Entwicklung der europäischen Handelsungleichgewichte Frankreichs das Gegenteil der deutschen Entwicklung wider. Wobei Frankreich zu Beginn der 2000er Jahre – und wieder kürzlich – ein Muster aufweisen kann, dass Deutschland nicht kennt: mit einigen Ländern werden Defizite, mit anderen Ländern werden Überschüsse erwirtschaftet.



Warum innereuropäische Handelsbeziehungen wichtig sind

Die Analyse bilateraler Handelsungleichgewichte erzählt selbstverständlich nur einen Teil der Geschichte. Die hier außen vorgelassen deutsch-amerikanischen und deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen sind enorm wichtig und tragen gewaltig zu den deutschen Überschüssen bei. Allerdings ändert das nichts daran, dass der regionale Handel der wichtigste Antrieb für eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung in Europa bleibt.

Die Übertragung des merkantilistischen Modells auf die gesamte EU (insbesondere die Eurozone) wird auf Dauer nicht nachhaltig sein können. Zunächst macht sich Europa damit abhängig von der Nachfrage in der übrigen Welt. Zweitens wird der Euro bei gravierenden Überschüssen und restriktiverer Geldpolitik so stark aufwerten, dass jeglicher Wettbewerbsvorteil, der durch Lohnzurückhaltung erreicht wurde, zunichte gemacht wird. Drittens hat Europa einen Exportanteil von 15 % und es ist ebenso unwahrscheinlich wie irrational, diesen Anteil signifikant steigern zu wollen; die Welt ist kein großer und integrierter Markt, sondern besteht aus mehreren, recht geschlossenen Volkswirtschaften. Viertens, und das ist mindestens ebenso wichtig, stellt sich beim Merkantilismus natürlich auch eine moralische Frage, weshalb die einen immer auf Kosten der anderen die Überschüsse fahren müssen, anstatt sich einem fairen und ausgeglichenen Handel zu widmen.

Im Wahn des Wettbewerbs der Nationen jedoch, den Deutschland mit allen Mitteln vorantreibt, bleibt wahrscheinlich keine Zeit dafür, über solche Dinge nachzudenken.

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