Theorie | 15.02.2018 (editiert am 22.02.2018)

Ricardos „Vorteil“ – Theorie ohne Überschuss und Defizit

Ricardos „komparativer Vorteil“ ist wohl eines der geläufigsten Modelle der Ökonomie – und wird gerne als Beleg für die Potenziale des freien Handels benutzt. Was dabei meist außer Acht gelassen wird: In dieser Theorie kann es auf Dauer weder Überschüsse noch Defizite geben.

Die Theorie des komparativen Vorteils, so wie sie der Ökonom David Ricardo im Jahr 1817 ausgelegt hat, ist wohl das am weitesten verbreitete und prima facie stärkste Argument für den Freihandel. Häufig wird dabei vergessen, dass die zugrundeliegenden Annahmen sehr heroisch sind, was allerdings zur Vereinfachung eines komplexen Sachverhaltes zunächst in Ordnung ist. Abstrus wird es jedoch, wenn Merkantilisten ihre hohen Überschüsse auf Grundlage dieser Theorie verteidigen, wie es der Spiegel im letzten Jahr tat.

In dem Artikel, der vor Schäubles USA-Reise (die zu einer „deutschen Nachhilfestunde für Donald Trump“ werden sollte) erschien, hieß es, solche Handelsbilanzungleichgewichte seien „in einer offenen Wirtschaft der Normalfall“, da „Ausdruck unterschiedlicher komparativer Vorteile der verschiedenen Volkswirtschaften sowie der damit einhergehenden Spezialisierung.“

Eine solche Ansicht wird auch regelmäßig von der Bundesregierung, der deutschen Wirtschaft und anderen Presseorganen vertreten. Ein Blick auf Ricardo zeigt, dass diese Argumentation eine Perversion seiner Theorie ist, da seiner Ansicht nach der Freihandel zwangsläufig zu einem ausgeglichenen Handel führt.

Ricardo sah den Wert des Handels für ein Land daran gebunden, wie viele Waren im Austausch für die importierten Güter gegeben wurden. Er stellt in seinem Buch The Principles of Political Economy and Taxation direkt am Anfang des Kapitels On Foreign Trade[1] dar, dass ein Handel mit hohen Überschüssen und Defiziten kein guter Handel ist:

„As the value of all foreign goods is measured by the quantity of the produce of our land and labour which is given in exchange for them, we should have no greater value if […] we obtained double the quantity of foreign goods in exchange for a given quantity of hours.” (S. 77)

Die Unumgänglichkeit eines ausgeglichenen Handels wird in seinen weiteren Ausführungen bestärkt, indem er argumentiert, dass die Nachfrage nach den einheimischen und ausländischen Produkten ein Nullsummenspiel ist, das von der jeweiligen Menge des Kapitals in einem Land abhängt. Wenn sich in England zum Beispiel die Menge an Weinimporten durch einen Preisverfall verdoppelt, die Menge der Ausfuhren im Austausch dafür aber gleich bleibt, so können die Menschen in England entweder die doppelte Menge an Wein trinken oder bei gleichbleibendem Weinverbrauch mehr einheimische Produkte konsumieren:

„If my revenue had been £ 1000 with which I purchased annually one pipe of wine for £ 100, and a certain quantity of English commodities for £ 900; when wine fell to £ 50 per pipe, I might lay out the £ 50 saved, either in the purchase of an additional pipe of wine or in the purchase of more English commodities. (S. 79)

Im ersten Fall, würde der Handel zwischen zwei Ländern nicht beeinträchtigt werden, da der Wert der importierten und exportierten Güter unverändert bliebe. Im letzteren Fall würden jedoch durch den Konsum einheimischer Produkte weniger Güter exportiert werden können, da diese ja jetzt auf dem Binnenmarkt verbraucht werden. Kurzum, in beiden Szenarien bleibt der Handel ausgeglichen.

Der komparative Vorteil

Die Theorie des komparativen Vorteils wird nun dadurch begründet, dass eine Steigerung der Vielfalt der Güter wichtig für die Zufriedenheit der jeweiligen Gesellschaft sei:

„It is quite as important to the happiness of mankind that our enjoyments should be increased by the better distribution of labour, by each country producing those commodities for which by its situation, its climate, and its other natural or artificial advantages it is adapted, and by their exchanging them for commodities of other countries, as that they should be augmented by a rise in the rate of profits. (S. 80)

Die weitere Absicht, die Ricardo durch einen solchen Handel verfolgt, ist eine Steigerung der Profitrate. Diese stiegen auf der einen Seite nur, wenn die Löhne gekürzt würden, wobei die Löhne aber wiederum nicht endlos weit fallen könnten. Aus letzterem Grund wäre es wichtig, dass die Güter, die zur Reproduktion der Arbeiter benötigt werden (z. B. Nahrungsmittel und Kleidung), durch den Handel insgesamt verbilligt werden, sodass die Lohnkürzungen real gesehen noch tragbar blieben.

Der Fokus bei Ricardo liegt jedoch klar auf einer Maximierung der Anzahl der Güter. Deren Produktion würde insgesamt am höchsten sein, wenn sich die Länder in einem freien Handelssystem auf ihre natürlich oder künstlich gegebenen Stärken besinnen. Unter diesen Umständen könnte Ideenreichtum belohnt und die Produktionsfaktoren am effizientesten eingesetzt werden – wobei Ricardo auch davon ausging, dass die sich daraus ergebenen Vorteile durch die gesamte „zivilisierte Welt“ verbreiten würden. Diese Prinzipien trügen Sorge dafür, dass „Wein in Frankreich und Portugal hergestellt, Getreide in Amerika und Polen angebaut, und Industriegüter (hardware) in England produziert werden.“

Bereits an dieser Stelle fällt auf, dass Ricardo die kontemporären Umstände seiner Epoche als gegeben und nicht als gewachsen annimmt. Sonst müsste ihm aufgefallen sein, dass der komparative Vorteil Englands das Resultat einer aktiven Industrialisierung war, und somit das Ende eines dynamischen (nicht statischen!) Prozesses war.

Wäre Ricardo konsequent in seiner Argumentation, müsste er eigentlich fordern, dass England seinen Handel mit Industriegütern aufgibt und fortan wieder Wolle nach Flandern verkauft. Ansonsten ist es schlicht unersichtlich, weshalb sich England auf seinem „künstlichen“ Vorteil, eine Industrienation zu sein, ausruhen darf, während alle anderen Länder in ihrer Entwicklung stehenbleiben und sich auf ihren jeweiligen „komparativen Vorteil“ konzentrieren sollen.

Wichtig ist, dass nach Ricardo eine Spezialisierung der Produktion auf ein bestimmtes Gut nicht davon abhängt, ob ein Land einen absoluten Vorteil in der Produktion des jeweiligen Gutes hat. In seinem Beispiel bezieht er sich auf England und Portugal. Angenommen England bräuchte für die Herstellung einer bestimmten Menge an Tuch und Wein die Arbeit von 100 bzw. 120 Mann pro Jahr, Portugal könnte aber beides in gleicher Menge und im gleichen Zeitraum mit der Arbeit von 90 bzw. 80 Mann produzieren, so hätte Portugal in beiden Fällen einen absoluten Vorteil gegenüber England. Trotzdem, so Ricardo, sei es für beide Länder vorteilhaft, wenn sich jedes Land auf die Produktion des Gutes konzentriere, in dem es einen komparativen Vorteil habe.

Im Kern beruht das Prinzip des komparativen Vorteils auf den unterschiedlichen Opportunitätskosten eines Landes, d.h. den Kosten einer Einheit, die aufgegeben werden muss, um das jeweils andere Gut zu produzieren. Falls England für die Herstellung einer Einheit Tuch eine Stunde benötigt, und in dieser Zeit auch eine halbe Einheit Wein hätte produzieren können, so lägen die Opportunitätskosten für eine Einheit Tuch bei einer halben Einheit Wein.

Die jeweiligen Opportunitätskosten eines Landes (in diesem Fall bei der Produktion zweier Güter) spiegeln sich in der Steigung der Produktionsmöglichkeitskurve wider, die angibt, wie stark negativ sich die höhere Produktion eines Gutes auf die Produktion des anderen Gutes auswirkt.

Um bei Ricardos Beispiel und seinen Zahlen zu bleiben, lässt sich sein Prinzip folgendermaßen darstellen:



Bei Autarkie (ohne Handel) können somit durch den Einsatz von insgesamt 390 Mann (220 in England und 170 in Portugal) jeweils 2 Outputs an Wein und Tuch fabriziert werden. Falls sich beide Länder jedoch spezialisieren und miteinander Handel treiben, kann die Menge an produzierten Gütern gesteigert werden. Die höheren Opportunitätskosten Englands bei der Produktion von Tuch und Portugals in der Herstellung von Wein sind Ausdruck des jeweiligen komparativen Vorteils, sodass sich beide Länder auf die Produkte beschränken sollen, in denen sie diesen Vorteil haben. Im Falle der Spezialisierung können in England nun alle 220 Mann an der Produktion von Tuch arbeiten, sodass am Ende 2.2 Output Tuch gefertigt werden (220/100 = 2.2). In Portugal hingegen, wo nun nichts anderes als Wein erzeugt wird, beläuft sich die Gesamtsumme des Outputs auf 2.125 Wein (170/80 = 2.125).

Anstelle von ursprünglich 2 Outputs Tuch und Wein in Autarkie, wurden durch Spezialisierung 2.2 Outputs Tuch und 2.125 Outputs Wein produziert. Welches Land nun wie viel vom Handel profitiert, hängt von der Verteilung der zusätzlichen 0.2 Output Tuch und 0.125 Output Wein ab. Auf Grundlage dieses Modells ist es somit richtig, dass es beiden Ländern insgesamt besser gehen könnte – inwiefern das jedoch tatsächlich der Fall ist, ist eine Frage der Distribution.

Ricardo relativiert die Theorie des komparativen Vorteils damit, dass sie nur unter den Bedingungen von internationalem Handel, beschränktem Kapitalverkehr und imperfekter Information zutrifft. Falls sich Kapital nämlich gänzlich frei bewegen könnte, würde es automatisch dorthin gelenkt, wo es die höchsten Erträge erwirtschaftet. In dem oben genannten Beispiel würde dies bedeuten, dass sowohl Wein als auch Tuch in Portugal produziert würde. Da sich Kapital selten über die Grenzen des eigenen Landes hinausbewege, so Ricardo, träfe die Theorie des komparativen Vorteils innerhalb eines Landes nicht zu, beim Handel zwischen Ländern jedoch schon.

Es gibt auf Dauer keine Überschüsse und Defizite

Zwar zeigt sich nun, dass beide Länder theoretisch mehr Güter konsumieren können, jedoch sagt dies nichts über die bilaterale Handelsbilanz aus. Nach gesamtwirtschaftlicher Logik ist es unmöglich, dass beide Länder höhere Einnahmen als Ausgaben (also einen Überschuss) ausweisen können. Ricardo klärt den Leser über diese Frage noch im Rahmen seines Beispiels auf, wobei er davon ausgeht, dass es längerfristig keine Überschüsse und Defizite geben kann.

Ricardo zufolge ist der Handel über den Austausch von Gold und Silber so geregelt, dass die edlen Metalle ausschließlich als Mittel zum Zweck (means of exchange) dienen. Konsequenterweise könne man deshalb den Handel als reines Tauschgeschäft betrachten. Falls England nun eine Methode entwickelte, mit der es Wein selbst produzieren könnte, würde ein Teil des Kapitals vom Außenhandel in den Binnenmarkt gelenkt werden. Als Folge würde der relative Preis für Wein in England fallen, während die Preise für beide Güter in Portugal unverändert blieben. England würde weiterhin Tuch exportieren, dafür im Gegenzug jedoch Geld anstelle von Wein erhalten. Portugal hätte entsprechend für kurze Zeit ein Defizit, jedoch würden sich durch den Strom der Edelmetalle die relativen Preise der gehandelten Güter immer so ausgleichen, dass keine Handelsbilanzdefizite oder -Überschüsse entstehen.

Ricardo argumentiert wie folgt: Angenommen vor der Entdeckung der Technologie betrüge der Preis für die Herstellung eines Weinfasses in England £ 50 und die Produktion einer bestimmten Menge an Tuch £ 45; in Portugal würden sich diese Kosten auf jeweils £ 45 für den Wein und £ 50 für das Tuch betragen. Der portugiesische Wein- sowie der englische Tuchexport brächten in diesem Szenario jeweils einen Profit von £ 5. Die Händler, die diese Transaktionen durchführen, bezahlen den Import mit Wechselbriefen, die in Devisen bezahlt und gegen einen bestimmten Betrag an Edelmetallen eingetauscht werden können.

Falls der Preis für Wein in England aufgrund der dort eingeführten neuen Technologie fällt, wird es zunehmend weniger profitabel, den Wein zu importieren. In dem Wissen, das der Ausgeber der Wechselbriefe über die Preise von Tuch und Wein hat, wird er folglich von den portugiesischen Tuchimporteuren einen höheren Preis für die Wechselbriefe verlangen, da die Gegenleistung des Landes (Weinexporte) weniger einbringt und ein höheres Risiko mit der Transaktion verbunden ist. Die Höhe der Risikoprämie im Verhältnis zum erwarteten Gewinn aus dem Verkauf von Tuch in Portugal wird die Ausgabe von Wechselbriefen und den Fluss der Edelmetalle bestimmen.

Wenn beispielsweise Tuch mit einem Gewinn von £ 5 pro Einheit in Portugal verkauft werden kann, die Prämie aber nur 2 % beträgt, sodass zur Tilgung von £ 100 Schulden in England £ 102 in Portugal bezahlt werden müssen, solange würden Wechselbriefe gekauft und Edelmetalle exportiert. Ein starker Abfluss von Geld würde allerdings dazu führen, dass diese Transaktionen zunehmend weniger profitabel werden. In Portugal käme es folglich zur Deflation, in Großbritannien zur Inflation, sodass der Handel zwischen beiden Ländern letztendlich ausgeglichen wäre. Der hier von Ricardo beschrieben Mechanismus beruht im Kern auf der Idee des Goldautomatismus, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts von David Hume entwickelt wurde (price specie flow mechanism).

Ricardo auf den Kopf gestellt

Obwohl ich hier auf viele problematische Aspekte der Theorie des komparativen Vorteils nicht eingegangen bin, wird deutlich, dass Ricardos Idee vom Freihandel eine Idee des ausgeglichenen Handels ist. Die Rechtfertigung extremer Überschüsse und merkantilistischer Politik mit Hilfe dieses Modells stellt die fundamentalen Grundannahmen Ricardos völlig auf den Kopf. Bevor die deutschen Medien und Politiker nun aller Welt „Nachhilfestunden“ über die „Vorteile des Freihandels“ geben, wäre es ratsam, selbst einige solcher Nachhilfestunden zu nehmen – oder, um es ein wenig simpler zu gestalten, einfach mal ein wenig Ricardo zu lesen.


[1] In diesem Kapitel wird die Theorie des komparativen Vorteils eingeführt. Die in dem Artikel verwendete Edition ist die im Martino Publishing Verlag erschienene Version von Ricardos Buch The Principles of Political Economy & Taxation

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