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Kommentar | 09.02.2018 (editiert am 24.05.2018)

Zahlen lügen nicht. Oder doch?

Die IG-Metall hat nach unserem Artikel zum Tarifabschluss einige erboste Emails geschickt. Wir hätten Einmalzahlungen nicht berücksichtigt und prinzipiell falsch gerechnet. Daher hier noch einmal die Basis unseres Rechenbeispiels mit den Zahlen, die uns zugeschickt wurden.

Die Ausgangsbasis

Die Zahlen der IG-Metall sind in den Spalten 3-4 der Tabelle 1 angegeben. Wir haben die 5. Spalte für die ersten drei Monate in 2020 ergänzt. Die Zahlen unterscheiden sich von unserer Berechnung lediglich darin, dass der gewählte Medianlohn zu Beginn dieses Jahres höher liegt als bei unserem Beispiel. Zudem haben wir als Vergleich nicht die Vorjahreswerte genommen, sondern die jetzigen Löhne über den Vergleichszeitraum fortgeschrieben.


Anmerkung: Jeweils im Juni wurde das Weihnachtsgeld in Höhe von 55 % des Monatslohnes und im November das Urlaubsgeld in Höhe von 70 % des Monatslohnes hinzugerechnet. Im Juli 2019 wurde zudem die Einmalzahlung von 27,5 % plus 400 Euro eingerechnet. Da wir Euro-Beträge ohne Nachkommastellen verwenden, gibt es vernachlässigbare Rundungsfehler in der Summenberechnung.

Um dem Vorwurf der Manipulation zu entgehen, zeigen die Spalten 6-8 unsere Berechnung noch mal mit dem Ausgangsmedianlohn der IG-Metall. Die kumulierte Lohnsumme bis einschließlich März 2020 ist in etwa gleich. Dies zeigt, dass ein vergleichbarer jährlicher Lohnanstieg mit diesen Zahlen sogar nur 3,1 % (statt 3,17 %) entspricht. Aber auch in unserem Szenario steigt die gesamte Jahreslohnsumme in 2018 im Vergleich zum Vorjahr prozentual stärker an als 3,1 %. Dies liegt aber nicht am Verhandlungsgeschick der IG-Metall, sondern daran, dass in 2017 das Lohnniveau von Januar bis März etwas niedriger war als im Rest des Jahres. Würde die bisherige Vereinbarung einfach weiterlaufen, wäre die Lohnsumme in 2018 auch von alleine schon angestiegen. [i]

Richtig oder falsch?

Welche Berechnung ist nun richtig? Beide! Aber sie beantworten unterschiedliche Fragen. Wenn die IG-Metall mit einer Kennzahl wie „6 % mehr Lohn für 12 Monate“ in die Verhandlung geht, dann stellt sich der gewöhnliche Arbeitnehmer darunter vor, dass zum Jahresbeginn sein monatlicher Lohn um 6 % steigt. Will man das Ergebnis mit dieser Forderung vergleichen, muss man also die Prozentzahl suchen, die über den gesamten Zeitraum bei jährlicher Erhöhung über den verhandelten Zeitraum zum gleichen Ergebnis kommt wie der neue Tarifvertrag. Und das sind nun mal nur 3,1 % bis März 2020.

Aber die Arbeitszeitverkürzung (AZV)?

Man mag jetzt einwenden, dass die IG-Metall mit der Option der AZV ja auch etwas verhandelt hat, dass man nicht in monetären Werten messen kann. Daher würde der Vergleich mit einer einfachen Kennzahl in die Irre führen. Zunächst einmal sei gesagt, dass es absolut verständlich ist, dass ein Arbeitnehmer in einer gut verdienenden Branche (zumindest in gewissen Zeiträumen) eine Verkürzung der Arbeitszeit wünscht und dafür bereit ist, auf Lohn zu verzichten. Auf Makroskop wurde mehrfach gezeigt, dass eine AZV bei Lohnverzicht aus einer makroökonomischen Perspektive allerdings fragwürdig erscheint (z.B. hier). Aber hier geht es ja nicht mal darum, sondern bisher nur um die Option, die Arbeitszeit zu verkürzen. Es ist ja gar nicht wirklich klar, ob dies am Ende genutzt werden kann. Und sollte man die Option ziehen, so verzichtet man dann ja auch auf die Zusatzzahlung von 27,5 %. Für die Bewertung der monetären Zahlungen ist die Option der AZV also zu vernachlässigen.

Der Blick in die Zukunft

Des Weiteren wurde uns vorgeworfen, wir hätten nicht berücksichtigt, dass die Einmalzahlungen dauerhaft und tarifdynamisch wären. In dem betrachteten Zeitraum haben wir das getan, aber wie sollten wir das für die Zukunft einrechnen? Die IG-Metall hat doch selbst nur bis Ende 2019 gerechnet. Zudem ist in unserem Szenario der monatliche Lohn ja auch dauerhaft höher als in der jetzigen Vereinbarung (sogar schon ab 2019, erst recht ab 2020). Die Zeit nach März 2020 einzubeziehen ist daher nicht zielführend, weil es darauf ankommt, was die Gewerkschaft für den Zeitraum danach verhandelt. Bei einer einfachen jährlichen Lohnerhöhung von 3,1 % wäre der Monatslohn ab 2020 schon mal 221 Euro höher. Das könnte sogar eine bessere Ausgangsbasis bieten als die tarifdynamischen Einmalzahlungen, hängt aber wie gesagt vom Verhandlungsgeschick in 2020 ab.

Fazit

Der ausgehandelte Tarifvertrag ist ausgesprochen schwer zu bewerten. Dies liegt daran, dass er durch die vielen Einmalzahlungen ähnlich intransparent ist wie ein Handyvertrag mit kleingeschriebenen Fußnoten. Im Vergleich zum Vorjahr mag die Gesamtlohnsumme nun etwas kräftiger steigen, auf den gesamten Verhandlungszeitraum bezogen ist das Ergebnis aber keineswegs der Durchbruch. Insbesondere nicht, wenn man bedenkt, dass es sich um eine Branche handelt, der es sehr gut geht und in der die Gewerkschaft noch stark organisiert ist. Als wegweisende Tarifvereinbarung für das Jahr 2018 lässt die Vereinbarung befürchten, dass die aggregierten Reallöhne auch dieses Jahr bestenfalls um den Produktivitätsfortschritt steigen. Das ist gerade aus einer europäischen Perspektive zu wenig, da ja die europäischen Handelspartner relativ zu uns günstiger werden müssen.

Ärgerlich ist zudem, dass man nun überall die Tarifvereinbarung in einer Staubsaugervertretermentalität als deutliche Entgelterhöhung verkauft wie die folgende Abbildung der IG-Metall verdeutlichen soll:



Fehlt nur noch die Kaffeemaschine und der Toaster als Einmalzahlung zu Weihnachten. Dann wäre die Verwirrung perfekt.


Anmerkungen

[i] Zudem ist es noch nicht einmal klar, dass die 400 € Einmalzahlung in Juli 2019 überhaupt gezahlt wird, da man dies von der wirtschaftlichen Lage abhängig gemacht hat.

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