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Aufgelesen | 07.03.2018

EZB benennt Probleme der Eurozone

Mit vier Grafiken nähert sich ein Banker der Europäischen Zentralbank dem Zentrum des Orkans in der Eurozone – dem deutschen Lohndumping und dem Auseinanderlaufen der Inflationsraten. Gewinnt in der EZB ein makroökonomischer Blick die Oberhand?

Auf einer gemeinsamen Konferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF) und des französischen Ministeriums für Wirtschaft und Finanzen hat Peter Praet, Mitglied des Executive Board der Europäischen Zentralbank (EZB), erstaunliche Slides zur Situation der Eurozone vorgelegt. Insbesondere das schwierige Verhältnis der deutschen und französischen Wirtschaft kommt dort zum Ausdruck. Mit vier Grafiken nähert sich Praet dem Zentrum des Orkans: dem deutschen Lohndumping und dem Auseinanderlaufen der Inflationsraten in der Eurozone. Weil die Konferenz einer Variante der Chatham House Rules folgte, es also keine Mitschnitte der Vorträge gibt, wurde der Text der Rede Praets nicht mit veröffentlicht. Doch die Grafiken sprechen aber auch so eine deutliche Sprache.

Die erste Grafik vergleicht das reale Bruttosozialprodukt und die Binnennachfrage in Frankreich und Deutschland. Ein solcher Ausgangspunkt ist schon für sich ungewöhlich, jedenfalls auf einer Konferenz des IWF. Seit wann interessiert sich der IWF für die Binnennachfrage?



Mehrere Punkte sind dabei wichtig:

  • Die Binnennachfrage bleibt in Deutschland deutlich hinter dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (hier engl. GDP) zurück – ein Abstand der sich seit 2005 etwa verdoppelt hat. Während des kurzen keynesianischen Augenblickes nach der großen Finanzkrise verringerte er sich etwas, aber das war nicht von Dauer.
  • In Frankreich ist die Situation umgekehrt. Hier treibt die Binnennachfrage das GDP.
  • Das GDP in Deutschland blieb bis etwa 2013 hinter des Französischen zurück, seitdem hat sich der Abstand verringert und vor kurzem hat Deutschland aufgeholt. Obwohl die Binnennachfrage stabil geblieben ist, schwächelt die Wachstumsrate in Frankreich insgesamt.

Praet stellt sich offenkundig die Ausgangsfrage, warum Frankreich im Vergleich zu Deutschland schwächelt. Die nächste Grafik ist noch ungewöhnlicher für den Rahmen, in dem die Präsentation stattfand. Denn er verwendet bei seiner Suche nach einer Antwort eine Methode, die unter deutschen Schulökonomen geradezu verpönt ist: Er betrachtet die Sektorbilanzen der beiden Staaten.

Ein typisches Beispiel für die Ignoranz der deutschen Ökonomen zeigte vor kurzem Heiner Flassbeck ebenfalls anhand des französisch-deutschen Verhältnisses.



Makroskop-Leser wissen, wie aufschlussreich eine solche Betrachtung ist. Leider ist unklar, wie Praet die Sektorbilanzen kommentiert hat. Allein, dass er zu diesem Verfahren greift, lässt hoffen, dass in der EZB ein makroökonomischer Blick auf die Situation in der Eurozone Raum gewinnt.

Die dritte Grafik nähert sich weiter dem Zentrum des Problems, dem Zusammenhang zwischen Exporterfolg, Lohnstückkosten und den Unternehmensgewinnen.



Der Zusammenhang: Die Lohnstückkosten bestimmen die Preise, die Preise entscheiden in der Eurozone über den Exporterfolg. Dank dem deutschen Lohndumping explodierte der deutsche Exportsektor und die Gewinne der deutschen Exportindustrie gingen durch die Decke.

Doch wie sieht das Praet? Traut sich ein führender Mitarbeiter der EZB tatsächlich vom deutschen Lohndumping zu reden? Ein Neoliberaler könnte den Zusammenhang bis hierhin auch so interpretieren, dass ebenso Frankreich den deutschen Weg einschlagen und seine Lohnstückkosten radikal senken müsse.

Die vierte Grafik gibt einen Hinweis:



Zu sehen sind zwei Grafiken, die die Entwicklung der Inflation in der Eurozone darstellen. Links, die Eurozone als Ganzes, wird die tatsächliche Entwicklung mit der Zielinflationsrade der EZB von 2 % verglichen. Rechts die Inflationsentwicklung in den verschiedenen Ländern. Deutlich erkennt man an der untersten Linie Deutschland, hervorgehoben in Rot. Man würde sich wünschen die 2 %-Linie wäre auch hier eingezeichnet. Aber auch so ergibt sich eine für ein EZB-Mitglied erstaunliche Argumentation:

Nimmt man die beiden letzten Grafiken zusammen, entsteht ein logischer Zusammenhang: Die Lohnstückkosten bestimmen die Inflation. Die Inflation in der Eurozone (HICP) weicht seit 2013 deutlich vom Inflationsziel der EZB ab. Verantwortlich: Schwergewicht Deutschland, das unter anderem Frankreich in arge Schwierigkeiten bringt.

Auch wenn Praet das Ganze sehr viel vorsichtiger formuliert haben mag: Eine logisch stringente Argumentation, die die Zielinflation der EZB von 2 % ernst nimmt und sie als Norm der Eurozone versteht, kann unmöglich für eine Anpassung nach unten plädieren.

Zwei Punkte sind hervorzuheben:

  • Es ist bemerkenswert, dass ein leitender Mitarbeiter einer großen Zentralbank auf einer prominenten Konferenz des IWF einen Zusammenhang zwischen Inflation und Lohnstückkosten nahelegt. Offenbar ist die Geldmengentheorie der Inflation tatsächlich auch in den Räumen der Zentralbanken mausetot und andere Theorien werden diskutiert.
  • Noch bemerkenswerter ist, dass Praet einen Zusammenhang zwischen der miserablen Entwicklung der Binnennachfrage in Deutschland, den niedrigen Lohnstückkosten, der zu geringen Inflation und dem deutschen Exporterfolg und den Problemen anderer Länder der Eurozone herstellt.

Insgesamt stimmt die Präsentation von Praet hoffnungsvoll. Es gibt doch noch Vernunft in Europa.

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