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Weltwirtschaft | 16.03.2018 (editiert am 29.03.2018)

Globalisierung der Rente oder des Profits?

Nicht wegen dem Aufstieg der Finanzmärkte und der „Entgrenzung“[1] des Kapitalverkehrs steht der Kapitalismus vor neuen Herausforderungen. International vernetzte Finanzmärkte gibt es schon lange. Entscheidend für die globale Wirtschaft ist die Rolle des Südens.

Globalisierung ist nichts Neues. Schon die Telegrafenverbindungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben die gegenseitigen Abhängigkeiten des Finanzkapitals intensiviert und Globalisierungsprozesse verstärkt. Das im Verhältnis zur Realwirtschaft überproportionale Wachstum der Finanzmärkte hatte andere Ursachen. Es war stets die Folge unzureichender Nachfrage aus Masseneinkommen und – daraus abgeleitet – unzureichender Investitionstätigkeit.

Im Übrigen ist die Globalisierung der Finanzmärkte heute noch geringer als Ende des 19. Jahrhunderts. In Form der Goldbindung hatte die gesamte entwickelte Welt damals eine gemeinsame Währung – nicht nur ein Teil derselben wie heute in der Form des Euro. Allerdings waren damit kurzfristige Währungsspekulationen (heute knapp drei Viertel der kurzfristen Finanzmarktgeschäfte, 1,25 Trillionen Devisenhandel, 0,5 Trillionen Derivate) ökonomisch sinnlos.

Im Bereich des langfristigen Kapitalverkehrs erreichten die britischen Auslandsinvestitionen im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg 50 % der gesamten britischen Investitionen – ein Anteil, den bis heute keine Industrienation erreicht. Der Anteil des Handels am Volkseinkommen der führenden Industrieländer hatte Ende des 19. Jahrhunderts Werte, die erst in den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wieder erreicht wurden.

Nicht das Ausmaß der Globalisierung, sondern ihre Instrumentalisierung im Kampf gegen die Macht der organisierten Arbeit ist das Problem. Genauer: die Rolle der herrschenden Wissenschaft. Die Neoliberalen verdrängen,

  • dass das auf den Finanzmärkten umherirrende, kurzfristig handelbare Finanzkapital keine Bedeutung für die Finanzierung der Investitionen in der Realwirtschaft hat
  • dass für das „Race to the bottom“, den Kampf um möglichst niedrige Lohnkosten, nicht die Reallohnabschlüsse, sondern der Wechselkurs entscheidend ist.

Allerdings hat das Wachstum der Finanzmärkte wiederum den Mangel an Nachfrage nach realen Gütern weiter verstärkt, indem Finanzmittel zunehmend liquide gehalten werden können, ohne dass dadurch Nachfrage nach Arbeit und Beschäftigung entstünde. Ein Teufelskreislauf.

Weil die Mittel für Finanzanlagen aus dem Geldschöpfungsprozess entstehen können, stellt deren Aufblähung zwar nicht notwendig einen Abzug von der Nachfrage dar, die die Unternehmen der Realwirtschaft durch Beschäftigung geschaffen haben. Die Nachfrage wird vermindert, weil durch die Begünstigung der Liquiditätspräferenz die Investitionsneigung der Unternehmen verringert wird. Mit anderen Worten: Die Unternehmen können in großem Umfang Geld halten, ohne dessen Wert durch Profit generierende Investitionen in der realen Wirtschaft sichern zu müssen.

Die Globalisierung der Finanzmärkte mindert auch die Möglichkeiten der Zentralbanken, dieses Aufblähen von Blasen zu blockieren. Die so um Preisstabilität besorgten Neoliberalen haben es bisher unterlassen, die Zentralbanken in den Stand zu versetzen, der Inflation der Finanzanlagen auf den Finanzmärkten Paroli bieten zu können.

Diese destruktiven Wirkungen hat das Wachstum der Finanzmärkte unabhängig davon, ob die Finanzmärkte internationalisiert sind oder nicht. So stieg gerade in den USA der 1920er Jahre die Massennachfrage trotz hoher Produktivitätszuwächse viel zu wenig. Kompensierende Mechanismen wie das Wachstum der Bautätigkeit oder des Luxuskonsums der Reichen waren bald erschöpft. Es blieb nur die Börsenspekulation die dann zum Crash von 1929 führte.

Richtig ist, dass die Internationalisierung der Finanzmärkte nationale Politiken zur Begrenzung ihrer Expansion ausbremst. Vorexerziert und analysiert wird dies seit den 1970er Jahren am Beispiel des Eurodollarmarktes, heute der Euro- und anderer Offshore-Märkte. Das Problem ist simpel und schon lange bekannt: Für Papiergeldwährungen braucht es eine Regulierung durch Zentralbanken, und wenn Papiergeld international konvertibel ist, eben eine internationale Regulierung für das Gebiet, in dem diese Währungen unkontrolliert ausgetauscht werden können. Der Verzicht auf solche Regulierungen dient dem Bereicherungsinteresse der Spekulanten und Banken, auf die sich der Austausch stützt.

In der heutigen Diskussion wird meist ignoriert, dass die Internationalisierung der Finanzmärkte nicht unbedingt deflationäre Tendenzen auslöst. Im Zusammenhang mit dem Aufstieg der Offshoremärkte, wie des Eurodollarmarkts, haben internationale Finanzmärkte vor allem die nationalen Geldpolitiken bei ihrem Versuch scheitern lassen, die Überhitzung der Konjunktur zu bekämpfen.[2] Denn günstige Finanzierungsmöglichkeiten außerhalb des durch nationale Zentralbanken regulierten Bereichs verschaffen international tätigen Unternehmen Kredite zu wesentlich günstigeren Bedingungen, als das nationale Zentralbanken zulassen wollen.

Zurecht schreckt die Europäische Zentralbank heute allerdings davor zurück, eine Börsenkrise durch Kreditverknappung auszulösen. Trotz des „Quantitative Easing“, des Hineinpumpens von Papiergeld in die europäische Wirtschaft, ist der Erfolg der EZB bei der Wiederankurbelung der Wirtschaft gleichwohl begrenzt. Das zeigt, dass die deflationären Tendenzen andere Ursachen als die finanzielle Globalisierung haben.

Die neue Wettbewerbsfähigkeit des Südens und das Fehlen der Verhandlungsmacht von Arbeit

Die Globalisierung der Realwirtschaften seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Globalisierung des späten 19. Jahrhunderts. Die nationalen Volkswirtschaften konkurrieren heute in einer Weltwirtschaft, die aus Branchen mit global übergreifend preis- und einkommenselastischen Produkten besteht.

Das Problem: Selbst beim Wachstum dieser Branchen kommt hier ein essentieller Mechanismus kapitalistischer Entwicklung – nämlich steigender Masseneinkommen, die zu Beschäftigung und Verhandlungsmacht von Arbeit führen – nicht zu Stande. Und zwar, weil ein erheblicher Teil der Arbeitskräfte arbeitslos bleibt und von den Exportsektoren nur langsam aufgenommen werden kann.

Die wettbewerbsfähiger gewordenen Volkswirtschaften des globalen Südens tragen mehr zur Weltproduktion bei, als sie an Nachfrage bereitstellen können. Das Resultat sind eine hohe und strukturelle Arbeitslosigkeit sowie niedrige internationale Arbeitskosten. Die Auslagerungen von Produktionskapazitäten in solche Wirtschaften (Verbilligung der Arbeitskosten) wirken dabei wie Produktivitäts- ohne Lohnsteigerungen.

Im Verhältnis zu den Produktivitätssteigerungen sind die Binnenmärkte des Südens schwach. Auf Absatzschwierigkeiten ihrer neuen Industrien reagieren die aufstrebenden Länder des Südens mit Kostensenkungen, die vor allem über Wechselkurssenkungen (Währungsabwertung) erfolgen.

Veranschaulichen lässt sich das am Beispiel der ostasiatischen Länder, die erfolgreich eine exportorientierte Industrieproduktion betrieben haben. Deren Wechselkurse lagen zumindest in der ersten Phase ihrer Industrialisierung erheblich unter der Kaufkraftparität. In den neunziger Jahren konnte sich ein chinesischer Haushalt in Peking für sein Einkommen sechs bis zehn Mal so viel an Waren und Dienstleistungen kaufen, als mit diesem Geld zum offiziellen Wechselkurs in Kanada.[3] Im Fall der BRICs Länder lässt sich der Zusammenhang zwischen Unterbewertung der Währung und Wachstum schön belegen: Indien hat heute die höchsten Wachstumsraten, weil es dem Land gelang, die Unterbewertung seiner Währung aufrechtzuerhalten.[4]

Der Export von Waren bei einem Wechselkurs unterhalb der Kaufkraftparität heißt also, dass von den Exporterlösen ein erheblicher Anteil für die Bezahlung von Importen an Technologie und Vorprodukten zu reservieren ist, der höher liegt als der Wertschöpfungsanteil in nationaler Währung. Da die Kaufkraft in internationaler Währung durch die Unterbewertung niedrig ist, werden die zu importierenden Vorleistungen und Vorprodukte entsprechend teurer. Für den Konsum der zusätzlich im Export beschäftigten Arbeiter kann nur wenig vom Weltmarkt importiert werden.

Die Abwertungen können sogar so weit gehen, dass die Erlöse für die Exporte gerade zur Bezahlung der importierten Vorprodukte (auch Maschinen) und die Eigentumsansprüche der Eigentümer (z.B. Rücküberweisungen von Profiten in die westlichen Heimatländer) reichen. Sofern die Lohngüter, also vor allem die Nahrungsmittel, lokal produziert werden können, müssen die Exportunternehmen nur so viel in der nationalen Währung verdienen[5], dass es gerade so zur Ausschüttung eines Arbeitslohns reicht, der zum Überleben befähigt.

Arme Haushalte verwenden in den Ländern des globalen Südens bis zu 50-60 % ihres Geldes für Nahrungsmittel und jeweils weitere Anteile von bis zu 10 % für Kleidung, Unterkunft (auch im Slum muss Miete bezahlt werden) und lokal produzierte Haushaltsgeräte. Selbst moderne dauerhafte Konsumgüter wie Fernseher, Kühlschränke und Handys werden in den heute exportstarken Ländern des Südens lokal produziert. [6]

Das heißt, die lebensnotwendigen Güter müssen lokal hergestellt werden. Erfolgreich bei der exportorientierten Industrialisierung sind deshalb jene Länder, die bei der „Grünen Revolution“, der von den Regierungen und internationalen Entwicklungshilfeorganisationen vorangetriebenen Entwicklung ertragreicherer Sorten, erfolgreich waren. Das gelang vor allem in Asien mit Ertragssteigerungen von bis zum Sechsfachen im Vergleich zu der Mitte des 20. Jahrhunderts. Nicht die armen Länder, wie die des subsaharischen Afrikas, sondern Länder mit landwirtschaftlichen Überschüssen haben sich auf diese Weise exportorientiert industrialisieren können.

Entscheidend ist, dass die heimische Landwirtschaft daran gehindert wird, ihre Überschüsse auf den Weltmarkt zu exportieren. Dafür reichen hohe Transportkosten oder administrative Hindernisse aus. Die Landwirtschaft des exportorientiert industrialisierenden Landes muss diese Überschüsse gegen die nationale Papierwährung an die Arbeiter des Exportsektors verkaufen, die mit der gleichen Währung bezahlt worden sind. Der Landwirtschaftssektor verzichtet damit auf eine Bodenrente, weil die Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt hätten teurer verkauft werden können. Stattdessen eignen sich die Arbeiter des Exportsektors mit ihren Löhnen den Überschuss der Landwirtschaft an. Auf diese Weise dient der landwirtschaftliche Überschuss der Subventionierung von Arbeit in der exportorientierten Industrie.

Dieser Transfer ist besonders effizient im Fall von Landwirtschaften mit kleinen Eigentümerbauern. Wie Anfang des 20. Jahrhunderts im Südwesten Deutschlands bieten die Bauern einen Teil ihrer Arbeitskraft der Industrie an, sofern die (noch sehr niedrigen) Löhne über dem (sinkenden) Grenzprodukt von Arbeit auf den kleinen Bauernhöfen liegen. Der Anteil der Industrielöhne zur Deckung der Lebensunterhaltskosten kann geringer sein als der Anteil der Industriearbeit an der Gesamtarbeitszeit,[7] weil in der Landwirtschaft schon bei wenigen Arbeitsstunden hohe Erträge erzielt werden: erst beim Wachstum des Arbeitseinsatzes auf den eigenen Feldern sinkt die Arbeitsproduktivität.

Veranschaulicht wird der Mechanismus durch die vielen jungen Frauen in ostasiatischen Weltmarktfabriken, die gerade die laufenden Kosten ihres Überlebens erwirtschaften, und sich damit begnügen können, weil die Kosten ihres Unterhalts in der Jugendzeit und im Alter von der Familie und ihrem Bauernhof gedeckt werden.[8]

Grundlage für eine exportorientierte Industrialisierung sind also Überschüsse der heimischen Landwirtschaft. Alle Wirtschaften, die auf diesem Weg erfolgreich waren, hatten in den Anfangsphasen Nahrungsmittelselbstversorgung erreicht. Die industriellen Produkte, die arme Haushalte konsumieren, bestehen zu 4/5 aus lokal produzierten einfachen Produkten, die im Regelfall der lokale kleinbetriebliche Sektor herstellen kann, dessen Produktionsausweitung vom Zugang zu Nahrungsmitteln abhängt. Länder mit Erfolgen im Export von verarbeiteten Produkten stellen nun höherwertige Produkte – Kühlschrank, dann Fernseher und heute das Mobiltelefon – selbst her, statt diese Produkte zu importieren.

Der Erfolg der exportorientierten Industrialisierung ist also Ergebnis des Erfolgs in der Steigerung lokaler Lohngüter und liegt gerade nicht darin, diese zu exportieren. Grundsätzlich würde das nun größere Angebot Strategien der Umverteilung der Einkommen erlauben. Aufgrund der organisatorischen und politischen Schwäche der Arbeitnehmer scheitert aber der Zugriff auf die Produktionskapazitäten. Erst ihre Beschäftigung in der Exportproduktion verschafft ihnen ein solches Zugriffsrecht.


[1] Brock, Lothar; Albert, Mathias: „Entgrenzung der Staatenwelt: Zur Analyse weltgesellschaftlicher Entwicklungstendenzen“, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 2, 2 (Dezember 1995): 2
[2] Helleiner, Eric: „Explaining the Globalization of Financial Markets: Bringing States Back in“, in: Review of International Political Economy, 2, 2 (1995): 315-342. Junne, Gerd: Der Eurogeldmarkt. Seine Bedeutung für Inflation und Inflationsbekämpfung (Frankfurt am Main; New York: Campus, 1976).
[3] Chen, Haichun; Gordon, M.J.; Zhiming, Yan: „The Real Income and Consumption of an Urban Chinese Family“, in: Journal of Development Studies, 31, 1 (Oktober 1994): 201-213.
[4] Elsenhans, Hartmut; Babones, Salvatore: The BRICS or Bust (Stanford, Cal.: Stanford University Press, 2017): 82.
[5]  Diese Mittel könnten sie auch vom Staat erhalten, aber der Westen würde wegen Dumping protestieren
[6] Elsenhans, Hartmut; Kleiner, Elmar; Dreves, Reinhart Joachim: Gleichheit, Markt, Profit, Wachstum. Kleinindustrie und Expansion des Massenmarkts mit einer Untersuchung aus Algerien (Hamburg: Deutsches Übersee-Institut, 2001): 92. Chai, Joseph C.H.: „Consumption and Living Standards in China“, in: China Quarterly, 33, 131 (September 1992): 747. Hu, Teh-wei; Li, Ming; Wei, Shangjin: „Household Durable Goods Ownership in Tianjin, China“, in: China Quarterly, 30, 120 (Dezember 1989):.791.
[7] Dasgupta, Partha; Ray, Debraj: „Inequality as a Determinant of Malnutrition and Unemployment“, in: Economic Journal, 97, 385 (März 1987): 177.
[8] Boyd, Rosalind: „Labour’s Response to the Informalization of Work in the Current Restructuring of Global Capitalism: China, South Korea, and South Africa“, in: Canadian Journal of Development Studies, 27, 4 (2006): 488. Chung, Jennifer Jihye: „Legal Liminality: The Gender and Labour Politics of Organising South Korea’s Irregular Workforce“, in: Third World Quarterly, 30, 3 (2009): 535.

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