Theorie | 01.03.2018 (editiert am 13.03.2018)

Kapitalismus und Ketchup – 3

Welche Bedeutung kommen den in den beiden vorangegangenen Artikeln vorgenommenen Bestimmungen des Begriffs der Handlung, der Institution und der essentiellen Elemente des Kapitalismus bei der Erklärung politikökonomischer Phänomene zu?

Das von mir in den vorangegangenen Teilen vorgestellte Forschungsprogramm hält einen in seinem Rahmen arbeitenden Wissenschaftler dazu an, bei der Erklärung sozioökonomischer Sachverhalte zunächst zu prüfen, ob sie sich als Effekte der organisatorischen Eigenschaften und der Wirtschaftspolitik eines bestimmten Staates interpretieren lassen. Es ist daher kein Zufall, dass ich z.B. die Eurokrise primär mit der von der rot-grünen Regierung initiierten Lohndrückerei im Rahmen der politischen Organisation des Euro erkläre.

Ein Forschungsprogramm, so zeigt das Beispiel, legt implizit fest, welche Sachverhalte als erklärungsbedürftig gelten (das Explanandum) und welche Sachverhalte zu einer Erklärung taugen (das Explanans). Die Festlegung auf den Staat als Explanans ist wiederum eine Folge der Konzeptualisierung einer Marktwirtschaft als einer aus einer Vielzahl von Institutionen bestehenden Institution und der (teilweisen) Bestimmung des Begriffs einer Institution über den der generellen Anweisungen von Regelautoren an Regeladressaten. Nun ist der Staat ein äußerst mächtiger Regelautor, ohne dessen Anweisungen wohl kaum eine der den Kapitalismus charakterisierenden Institutionen existieren würde. Die ein Forschungsprogramm definierenden Grundsatzentscheidungen – wie die Verwendung bestimmter Schlüsselbegriffe, z.B. dem der Institution – definieren also bestimmte Suchregeln für die Erklärung sozialer Tatsachen.

Sicher schließt die Verwendung eines Forschungsprogramms nicht die Verwendung eines anderen Forschungsprogramms aus. Und es ist prinzipiell möglich, dass zur Erklärung bestimmter Phänomene sich unterschiedliche Forschungsprogramme ergänzen können.

Richtig ist auch, dass die gewählte Konzeptualisierung eines Gegenstandsbereich, die verwendeten Grundbegriffe und ihre Zusammenhänge und die gewählten Forschungsmethoden durch empirische und logische Tatsachen unterdeterminiert sind. Das heißt aber nicht, dass Forschungsprogramme lediglich hinsichtlich ihrer Fruchtbarkeit für bestimmte Fragestellungen miteinander verglichen werden könnten. Forschungsprogramme lassen sich auch auf ihre systematische Kohärenz und empirische Adäquatheit hin analysieren und miteinander vergleichen. Es ist daher durchaus möglich, ein Forschungsprogramm einem anderen gegenüber rational begründet vorzuziehen.

Die Aufgabe, die ich mir in dieser Artikelserie gestellt habe, ist, Argumente vorzubringen, die auf der Basis solcher Grundlagenreflexionen für die Verwendung des von mir favorisierten Forschungsprogramms und gegen das der „Spielarten des Kapitalismus“ (engl. „Varieties of Capitalism“, kurz „VoC“) – des gegenwärtig wohl populärsten Forschungsprogramms zur Erklärung politikökonomischer Phänomene – sprechen.

Die ersten zwei Teile dieser Artikelserie habe ich der Aufgabe gewidmet, zu zeigen, welcher Handlungs-, Institutionen- und Marktbegriff dem von mir favorisierten Forschungsprogramm zugrunde liegt. Diese Begriffe sind auch für das  VoC-Paradigma von fundamentaler Bedeutung. Sie werden aber von den VoC, wie die folgenden Ausführungen zeigen werden, völlig anders bestimmt.

Der Handlungsbegriff der VoC

Martin Höpner kritisiert in seinem Debattenbeitrag, dass die Vertreter der These von der „falschen Wirtschaftspolitik“ die Handlungsspielräume von Staaten überschätzen. Interessant im Kontext der vorrangig wissenschaftstheoretischen Fragestellung dieser Artikelserie ist Höpners Erkärung für diese „Fehleinschätzung“. Nach seiner Meinung ist sie darauf zurückzuführen, dass „der zwischen Mikro und Makro gelegenen Meso-Ebene, bei der es um die von Land zu Land unterschiedliche institutionelle und organisationale Verfasstheit von Volkswirtschaften geht“ nicht ausreichend Beachtung geschenkt wird.

Die Bedeutung dieser Analyseebene beschreibt er wie folgt:

„Der Ausgangspunkt der Beschäftigung mit Institutionen und Organisationen ist die Einsicht in eine gewisse Dauerhaftigkeit ökonomischer Verhaltensmuster. Entscheidungen zwischen Handlungsalternativen fallen nicht im luftleeren Raum, sondern stets im Kontext historisch geerbter struktureller Gegebenheiten, die Verhalten zwar nicht vollständig determinieren, die Entscheidungsfindung aber vorstrukturieren. Solche Institutionen sind beispielsweise Budgetregeln, die Verfasstheit der Arbeitsbeziehungen oder etwa die Reichweite der Notenbankautonomie; lenken wir den Blick von den Institutionen zu den Organisationen, geht es beispielsweise um die Stärke und Beschaffenheit der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände.“

Martin Höpners Drei-Ebenen-Modell beruht auf den folgenden, unter Sozialwissenschaftlern weit verbreiteten Annahmen:

  1. Auf der Mikroebene tummeln sich Handlungsakteure. Handlungen werden dabei implizit als ein Verhalten bestimmt, das auf Entscheidungen der Handlungssubjekte beruht. Wer handelt, weiß, was er tut und er tut, was er will. Und was er will, hängt davon ab, welchen Nutzen er sich von der Realisierung einer Handlungsweise verspricht.
  2. Erst auf der Meso-Ebene kommen nun die Freiheit der Akteure begrenzenden Regeln ins Spiel. Regeln setzen nach dieser Vorstellung den Rahmen, innerhalb dessen Handlungen auf Basis subjektiver Nutzenerwartungen vollzogen werden. Solche aus Regeln bestehenden Rahmen werden dann als Institutionen bezeichnet.
  3. Auf der Makroebene schließlich sind die Folgen der aufeinander bezogenen Handlungen von Subjekten angesiedelt. Hier wird dann z.B. über das BIP und seiner Verteilung zwischen unterschiedlichen Gruppen von Einkommensempfängern, von Inflationsraten, Produktivität, Währungsrelationen, der Wirtschaftsstruktur etc.pp geredet.

Der in (1) kurz skizzierte Handlungsbegriff der VoC legt die Form, die befriedigende sozialwissenschaftliche Erklärungen annehmen müssen, implizit fest. Soziale Sachverhalte sind demnach nur dann befriedigend erklärt, wenn sie auf die Entscheidungen von Handlungssubjekten zurückgeführt werden können.

Die Entscheidungen selbst wiederum werden mit Bezug auf den Nutzen erklärt, den sich die entsprechenden Handlungssubjekte von solchen Handlungen erwarten. In der Entscheidungstheorie spricht man in diesem Zusammenhang vom Erwartungswert des Nutzens. Erklärungen dieser Art setzen daher implizit voraus, dass die Handlungssubjekte der Eintrittswahrscheinlichkeit und dem Nutzen einer Handlungsalternative einen numerischen Wert zuordnen können. Denn der Erwartungswert des Nutzens ist definiert als das Ergebnis der Multiplikation von Eintrittswahrscheinlichkeit und Nutzenwert einer Handlungsalternative. Erklärungen auf dieser Basis müssen daher ein rationales Handlungssubjekt postulieren, das die Fähigkeit besitzt, immer die Handlungsalternative mit dem höchsten Erwartungswert zu wählen.

Der Institutionenbegriff der VoC

In sozialwissenschaftlich relevanten Kontexten stehen die rationalen Handlungssubjekte vor einer ganz besonders heiklen Aufgabe. Da der Erwartungswert des Nutzens in solchen Kontexten auch von den Handlungen anderer Handlungssubjekte abhängt, müssen den Entscheidungen der Handlungssubjekte auch Überlegungen über die zu erwartenden Handlungen anderer Handlungssubjekte vorausgehen.

In einer Entscheidungssituation, in der zwei Handlungssubjekte in diesem Sinne von einander abhängig sind, werden unter Voraussetzung, dass sie um die Handlungen der jeweils anderen wissen und auch wissen, dass der jeweils andere das weiß (sogenannte Entscheidungen unter Sicherheit), dann die Handlungsalternativen wählen, bei denen kein Handlungssubjekt einen Anreiz hat, einseitig eine andere Handlungsalternative zu wählen. Rationale Subjekte werden daher in solchen Situationen, die man Spiele nennt, ein sogenanntes Nash-Gleichgewicht finden.

Solange sich Handlungssubjekte aber zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder im gleichen Spiel befinden, gibt es für sie offensichtlich keinen Grund, ihre Handlungsstrategien einseitig zu verändern. Ein Sozialwissenschaftler wird unter solchen Umständen eine entsprechende Regelmäßigkeit beobachten können, die er mithilfe eines Regelsatzes der folgenden Form beschreiben kann:

„Alle Handlungssubjekte einer bestimmten Art realisieren in einer Entscheidungssituation einer bestimmten Art immer dieselben Handlungsweisen.“

Unser Sozialwissenschaftler hat also ein Verhaltensmuster entdeckt, das von den spieltheoretisch argumentierenden Autoren als „Institution“ bezeichnet wird.

Auf diese Weise erklärt Martin Schröder etwa die Institution des Kündigungsschutzes in Deutschland als einen Zustand, in dem sich Arbeitgeber und und Arbeitnehmer in einem Nash-Gleichgewicht befinden (S. 44 f). Nun ist sicherlich für Menschen, die von Lohnarbeit abhängig sind, ein möglichst hoher Kündigungsschutz in ihrem Interesse. Warum aber sollte es für einen deutschen Arbeitgeber nicht besser sein, wenn der Kündigungsschutz abgebaut wird?

Nun, weil in Deutschland ein bedeutender Anteil der Unternehmen sich dadurch auszeichnet, langfristig ein Produkt stetig zu verbessern und solche Unternehmen benötigen nun einmal

„[…] Arbeitnehmer, die auf das jeweilige Produkt spezialisiert sind. Arbeitnehmer wollen aber jedoch prinzipiell eine Ausbildung, die ihnen bei Arbeitslosigkeit viele Möglichkeiten bietet, einen neuen Job zu finden, was eine eine spezialisierte Ausbildung gerade nicht leisten kann.“

Ein hoher Kündigungsschutz ist daher im Interesse auch der Arbeitgeber, weil er den Arbeitnehmern einen Anreiz bietet, „sich auf eine spezialisierte und damit risikoreichere Ausbildung einzulassen“.

An diesem Beispiel wird auch deutlich, was Erklärungen im Rahmen des VoC erklären. Sie erklären, warum es bestimmte Institutionen unter ganz bestimmen Umständen gibt. Bestimmte Institutionen gibt es, weil sie es den entsprechenden „Spielern“ erlauben, in dem durch die Umstände definierten Spiel ihren jeweiligen Nutzen zu maximieren. In der Wissenschaftstheorie bezeichnet man solche Erklärungen als funktionale Erklärungen.

Mit solchen Erklärungen werden, so führt der Wissenschaftstheoretiker Larry Wright aus, keine Wozu-Fragen beantwortet. So könnten z.B. Nasen dafür gut sein, Brillen zu halten, und Kugelschreiber dazu, Fingernägel zu reinigen. Solche Funktionszuschreibungen hätten jedoch mit funktionalen Erklärungen nichts zu tun, weil sie nicht erklären, warum die betreffenden Funktionsträger existieren.

Wenn aber Institutionen Verhaltensmuster sind, die mit Regelsätzen beschreibbar sind und funktionale Erklärungen mit Bezug auf Nutzenerwägungen lediglich deren Existenz erklären, dann können Institutionen kein Explanans sein. Was aber kann es dann heißen, dass die „Regeln des Spiels“, wie Douglas North meint, menschliches Verhalten beschränken und lenken und dadurch die Unsicherheit bezüglich des Verhaltens anderer verringert wird? (S. 3 f.) Wird hier der Regelbegriff nicht einmal deskriptiv und einmal präskriptiv verwendet und daher mit demselben Wort auf völlig unterschiedliche Konzepte referiert?

Masahiko Aoki meint, dass zwischen den beiden Regelbegriffen zwar streng konzeptuell unterschieden werden muss, dass sie aber dennoch eng wie folgt miteinander verbunden sind:

„An instituiton is a self-sustaining, salient pattern of social interaction, as respresented by meaningful rules that every agents knows, and incorporated as agents‘ shared beliefs about the ways the game is to be played. (S. 6)

Ein Handlungsakteur erkennet also, dass er immer dann, wenn er unter bestimmten Umständen bestimmte Handlungsweisen realisiert, seinen Nutzen maximiert. Er wird sich daher die Mühe ersparen, immer wieder neu zu entscheiden, welche Handlungsalternative er denn nun unter denselben Umständen wählen sollte. Er folgt stattdessen, wie es bei Immanuel Kant heißt, einer Handlungsmaxime.

Besucht ein rationales Handlungssubjekt, wie etwa mein Sohn Vincent, daher seine Großeltern, dann wird er nicht darüber nachdenken, was er am besten tun soll, wenn der Großvater die Tür öffnet. Er wird erkennen, dass er sich in einem Spiel befindet, indem er der Handlungsmaxime „immer dann, wenn du dich in Süddeutschland in einem Begrüßungsumstand befindest, sage ‚Grüß Gott'“ folgen soll.

Das von mir favorisierte Forschungsprogramm und das des VoC unterscheiden sich – das sollte schon an dieser Stelle deutlich geworden sein – also durch ihre verwendeten Handlungs- und Regelbegriffe fundamental. Die VoC nehmen ganz offensichtlich an, dass es Handlungen auch ganz ohne „Regeln“ gibt, denn ansonsten könnten Institutionen nicht als das Ergebnis der auf Nutzenmaximierung zielenden Handlungssubjekte im Kontext interdependenter Handlungszusammenhänge konzeptualisiert werden.

Meine im zweiten Teil dieser Artikelserie skizzierte Konzeptualisierung des Kapitalismus sollte deutlich gemacht haben, dass ich – um im Bild zu bleiben – bereits auf der Mikroebene eine Vielzahl von Institutionen und Organisationen angesiedelt sehe. Regeln spielen bei mir also bereits auf der sogenannten Mikroebene eine konstitutive Rolle. Denn ob jemand eine bestimmte Handlungsweise realisiert, wie z.B. „Fußballspielen“, scheint bereits davon abhängig zu sein, dass er sein Verhalten an bestimmten diese Handlungsweise auszeichnenden Regeln orientiert.

 „Solche Richtigkeitsnormen beinhalten im Falle herstellender Handlungen bspw. eine bestimmte Abfolge, Ausführung und Dauer von Handlungsschritten, die Verwendung bestimmter Werkzeuge und Materialien und anderes mehr.“ Frank Kannetzky ( hier S.68)

Deshalb spielt jemand, der auf einem Fußballplatz Gänseblümchen pflückt, keinen Fußball, ob er das nun meint oder ob er sich dazu entschieden hat oder auch nicht.

Implizit müssen auch die Vertreter der VoC von der Existenz solcher konstitutiver Regeln ausgehen. Unternehmen, deren Entscheidungen und den daraus resultierenden Institutionen, die sie in den Mittelpunkt ihres Forschungsprogramms stellen, setzen ganz offensichtlich bereits die Geltung einer Vielzahl von Regeln voraus.

Die Regeln, die dabei einschlägig sind und die makroökonomischen Effekte, die sich aus dem Zusammenwirken der für den Kapitalismus relevanten Akteure entlang dieser Regeln ergeben, werden allerdings nicht explizit gemacht. Sie scheinen wohl der Meinung zu sein, dass es in diesem Zusammenhang ausreicht, auf die ökonomische Theorie zu verweisen, die sie ihren Erklärungen zugrunde legen.

Der Marktbegriff der VoC

Diese Theorie ist die sogenannte „Neue Keynesianische Makroökonomik (NKM)“. David Hope und einer der Begründer der VoC, David Soskice, gestehen nun zu, dass die NKM durchaus kritikwürdig ist, dass diese Kritik aber nicht anwendbar sei auf

„what might be called realistic modern macroeconomics, which has been gradually, informally developed by many leading macroeconomists and is in practice used by central bank policymakers and macroeconomic forecasters around the world. It combines many of the theoretical advances of New Keynesian macroeconomics but steps away from the (unrealistic) assumption that all actors are fully forward-looking and rational. (S. 219)

Zunächst einmal sollte man sich von dem „Keynesian“ im Namen der „Neuen Makrökonomik“ nicht in die Irre führen lassen. Es handelt sich dabei schlicht um ein ökonomisches Gleichgewichtsmodell, das sich nur graduell von dem des Gründungsvater der Neoklassik Leon Walras unterscheidet. Auch dort wird letztlich von nutzenmaximierenden rationalen Subjekten ausgegangen, die ihre Wirtschaftspläne über Marktpreise so aufeinander abstimmen, dass die Ergebnisse pareto-optimal sind. Es wird allerdings die Annahme fallen gelassen, dass diese Subjekte allwissend sind. Sie treffen ihre Entscheidungen daher nicht mehr unter Sicherheit, sondern unter Risiko. Das heißt, sie können den Konsequenzen ihrer Handlungen nur noch Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnen. Daher gibt es nun leider nicht mehr nur ein Gleichgewicht, sondern viele möglichen Gleichgewichte.

Während auch Vertreter dieser Version der Neoklassik der Meinung sind, dass ohne Staatseingriffe der Markt effizient ist, gestehen sie zu, dass die durch externe Schocks verursachten notwendigen Preisanpassungen, die das System wieder ins Gleichgewicht bringen, etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen können, als Walras implizit unterstellte (was nicht schwer ist, denn bei Walras gibt es keine Zeit). In wirklichen Marktwirtschaften kann es „Friktionen“ geben, denen insbesondere bei der Analyse der Funktionsweise des Arbeitsmarkts Beachtung zu schenken ist.

Darüber hinaus gibt es im Rahmen der sogenannten pragmatischen Verwendung dieser Theorie auch so etwas wie Geld und Zentralbanken. Die entsprechenden Annahmen sind weitgehend mit Friedman’s Monetarismus kompatibel und „garantieren“ – zumindest auf lange Sicht – die „Neutralität“ von Geld. Anders ausgedrückt, Geld wird als ein reiner Tauschvermittler erachtet und damit unterstellt, dass hinter dem Schleier des Geldes immer Waren gegen Waren getauscht werden. Bei Arbeits- und Kapitalmärkten sind zwar gewisse Besonderheiten zu beachten, sie funktionieren aber im wesentlichen nach denselben Prinzipien wie alle anderen Märkte auch. Auf dieser Basis kann man dann zugestehen, dass kurzfristig auch die die effektive Nachfrage das BIP beeinflussen kann, dass es eine „natürliche Arbeitslosenrate“ gibt, die man ohne strukturelle Reformen nicht mit Fiskalpolitik reduzieren kann, ohne dass es zu unerwünschter Inflation kommt und dass Zentralbanken mithilfe des Leitzinses die Inflationsrate steuern können.

Es ist offensichtlich, dass sich auch deren Markttbegriff fundamental von dem im letzten Teil dieser Artikelserie von mir vorgestellten Begriff unterscheidet (ausführlich zu dieser Thematik äußere ich mich in meinem Buch „Was ist eigentlich eine Marktwirtschaft?).

Fazit

Nun ist die Tatsache, dass ich ein Paradigma favorisiere, dass einen anderen Handlungs-, Regel- und Marktbegriff verwendet, sicherlich kein Argument gegen das Forschungsprogramm der VoC. Dessen Popularität ist aber auch kein Beweis dafür, dass es allen anderen überlegen ist. Wie Wolfgang Streeck schreibt, könnte sich deren Erfolg in erster Linie aus einer wissenschaftssoziologischen Perspektive erklären lassen:

“ […] academically it spoke the language of the rational choice institutionalism that was then rising to dominance almost everywhere: a language that lent itself to being presented and received as so much more “rigorous” and “theoretical” than that of competing models of capitalist diversity. Couched in those terms, and against the background of the apparent turnaround of the Anglo-American economy, Hall and Soskice delivered their message that alternative, “European” versions of capitalism were not doomed to converge on the neoliberal, American model, and that this could be demonstrated even in the much-admired language spoken at leading economics departments, thereby making that language finally available even to those unwilling to buy into the “best practice” universalism of neoliberal economics.“ (S. 24)

Im nächsten und abschließenden Artikel dieser Serie betrachten wir uns daher die drei Grundpfeiler, auf denen das VoC-Paradigma beruht etwas genauer.

 

 

 

 

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