Theorie | 08.03.2018 (editiert am 14.03.2018)

Kapitalismus und Ketchup – 4

Das Forschungsprogramm der VoC ruht auf einem rationalistisch-funktionalistischen Fundament und der damit verbundene Sprachgebrauch suggeriert die Befolgung höchster wissenschaftlicher Standards. Es begegnet jedoch Einwänden, die die Frage aufwerfen, ob die Suchregeln des VoC nicht systematisch in die Irre führen.

Im letzen Teil dieser Artikelserie habe ich beschrieben, auf welchen Grundpfeilern das VoC-Paradigma gebaut ist. Ihre Analysen politökonomischer Sachverhalte beruhen auf einem (1) über Entscheidungen definierten Handlungsbegriff, (2) Institutionen werden als Nash-Gleichgewichte bestimmt und (3) wird angenommen, die Funktionsweise einer Marktwirtschaft werde durch die Neue Keynesianische Makroökonomik prinzipiell korrekt beschrieben.

In diesem Artikel will ich diese Grundpfeiler auf ihre Tragfähigkeit hin untersuchen.

Der rationale Entscheider

Eine Erklärung sozialer Sachverhalte mit Bezug auf die Entscheidungen der involvierten Handlungssubjekte, erfordert den Nachweis, dass Handlungen tatsächlich so etwas wie eine Berechnung des Erwartungswert des Nutzen vorausgeht. G.L.S Shackle meint, dass diese Annahme in sozial relevanten Kontexten nicht zu rechtfertigen ist:

„In general, in life at large, in history, business, politics, diplomacy and public affairs, where can any list be found, of detailed answers giving all relevant particulars? There is no source of such list, except what the exception former can conceive in his own mind. The list, if we allow ourselves to call it such, is the work of his own thought, unbounded in its scope except by what experience or formal instruction or logic tell him is outside the principle of Nature or the Scheme of Things.“ (S. 365)

Womit man im wirklichen Leben also rechnen muss, ist, dass man nicht um alle relevanten Handlungsalternativen weiß, geschweige denn ihnen Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnen kann. Es kann daher sein, dass man nach der Realisierung einer Handlungsalternative über deren Konsequenzen überrascht ist. Man ist überrascht, weil nicht eine der Konsequenzen eingetreten ist, die man als möglich erachtet hat, sondern eine, mit der man gar nicht gerechnet hat.

Nicht weniger problematisch ist die Annahme, dass Menschen ihre Entscheidungen auf der Basis ihrer sogenanten Präferenzordnungen treffen. Wenn Menschen tatsächlich auf dieser Basis entscheiden würden, dann wären Menschen schon längst ausgestorben, wie Walter Otto Ötsch mit dem folgenden Gedankenexperiment überzeugend belegt:

„Nehmen wir an, ein Haushalt habe sich (1) zwischen dreißig Gütern zu entscheiden […] und (2) könne von jedem Gut nichts oder von ein bis zehn Stück kaufen, also elf mögliche Mengen pro Konsumgut. Nun formen wir Güterbündel und fragen den Haushalt Stück für Stück nach seinen Vorlieben. […] unser bescheidenes Beispiel besitzt 1130 mögliche Kombinationen. Wenn alles blitzschnell abläuft – für jedes Güterbündel nur eine Billionstel Sekunde, dann brauchen wir 5,5313 Jahre, um diese einfache Präferenzordnung zu erstellen. Das ist mehr als die bekannte Zeit des Universums! (S.151)

Solche Einwände haben allerdings der Popularität rationalistischer Erklärungen keinen Abbruch getan. Gerade die avanciertesten Wirtschaftstheorien beruhen auf diesen Annahmen, die als Mikrofundierung bezeichnet wird  und als Ausweis der Anwendung höchster wissenschaftlicher Standards gilt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Lucas meint, dass wer gegen die Figur Homo Oeconomicus argumentiert, schlicht die Methode der Wirtschaftstheorie nicht verstanden hat:

„Die Wirtschaftstheorie ist eine Methode, menschliches Verhalten zu verstehen, bei der so verfahren wird, dass man künstliche, fiktive Menschen – Roboter könnte man sagen – konstruiert und das Funktionieren künstlicher Wirtschaftsordnungen, die sich aus solchen Akteuren zusammensetzen, untersucht.“

Solche fiktiven Menschen können dann ganz erstaunliche Dinge, wie Präferenzordnungen ausbilden, die die gesamte Lebensspanne eines – natürlich fiktiven – Menschen umfassen, alle logisch nur möglichen Handlungsalternativen abwägen und ihnen Wahrscheinlichkeiten zuordnen und schließlich und endlich ihre gegebenen Nutzenfunktionen maximieren. Bei diesen Konstruktionen darf einfach alles angenommen werden. Ein Realitätsanspruch wird nicht gestellt. Es handelt sich um ein Modell, das lediglich in Analogie zu realen Handlungen konzipiert ist.Rationalistische Erklärungen erklären also nicht, warum ein super rationales reales Subjekt eine bestimmte Handlung vollzogen hat. Eine mikrofundierte ökonomische Erklärung besteht vielmehr in dem Nachweis, dass beobachtbare Phänomene sich so verhalten, als ob ein „ideal rationales Subjekt“ eine eine entsprechende „Handlung“ vollzogen hätte.

Dem Einwand, dass mit Bezug auf ideal rationale Subjekte ein geschickter Konstrukteur wohl jedes beliebige Phänomen als Ergebnis von Nutzenerwägungen erklären kann, hat Milton Friedman ausdrücklich zugestimmt. Eine gute Theorie sei aber nicht gut, weil sie wahr ist, sondern sie sei dann gut, wenn sie erfolgreiche Vorhersagen beobachtbarer, aber bislang nicht beobachteter Phänomene ermögliche. Theorien sind nach dieser Auffassung nicht wahr oder falsch, sondern mehr oder weniger fruchtbar. Nach diesem instrumentalistischen Theorieverständnis gibt es also keinen logischen Unterschied zwischen einer Erklärung und einer Prognose. Für Instrumentalisten ist also das ihrer Theorie zugrundegelegte handlungstheoretische Konstrukt eine Art Black Box, die, mit Daten gefüttert, empirisch überprüfbare Vorhersagen auswirft.

Vertreter der VoC sind nun keineswegs in diesem Sinne Instrumentalisten. Konfrontiert man sie mit Einwänden, wie den obigen, dann wird meist bereitwillig zugestanden, dass die Rationalitätsstandards von kaum einem Handlungssubjekt erfüllt werden und man daher von beschränkt rationalen Akteuren auszugehen hätte. Diese Antwort aber ist wenig befriedigend, denn wer meint, soziale Phänomene mit Bezug auf Nutzenerwägungen erklären zu können, der muss einen Mechanismus benennen, der in der Lage ist, plausibel zu machen, wie Präferenzen und Glaubenszustände dazu führen, dass bestimmter Akteuere bestimmte Handlungsweisen vollziehen.

Solange man das nicht  kann, hängt an einem über Entscheidungen definierten Handlungsbegriff, wie Marco Iorio bemerkt, ein Rätsel:

„Von solchen Entscheidungen wissen wir oft nichts: Es gibt keine Zeugen. Um unbewusste oder implizite Entscheidungen steht es folglich nicht besser als um Einhörner, Götter oder Schneewittchen. Warum sollte man an die Existenz von derlei Dingen glauben?“ (S. 170)

Ein Vertreter rationalistischer Erklärungen könnte nun erwidern, dass es doch aber nicht zu bestritten sei, dass es Handlungen gibt, denen Entscheidungen vorausgehen. Und alle anderen beruhten eben auf Entscheidungen unter bestimmten Bedingungen immer bestimmte Handlungsweisen zu realisieren. Manchmal beruhen unsere Handlungen eben, wie schon im letzten Artikel dargestellt, auf Handlungsmaximen.

Was aber heißt es, dass sich jemand eine Handlungsmaxime zu eigen gemacht hat, und was auf Basis einer Handlungsmaxime zu handeln?

Auf die erste Frage gibt es im Wesentlichen zwei Antworten: Wer einen Handlungsmaxime hat, 1.  will  oder 2. beabsichtigt unter bestimmten Umständen immer eine bestimmte Handlungsweise zu realisieren.

Die Handlungsmaxime haben, z.B. „dreimal die Woche mindestens zwei Stunden mit dem Fahrrad zu fahren“, heißt entsprechend dem ersten Vorschlag, dreimal die Woche zwei Stunden mit dem Fahrrad fahren zu wollen. Was aber machen wir mit demjenigen, der zwar will, aber aus Erfahrung weiß, dass er das, was er will, nicht schafft?

Nach dem zweiten Vorschlag handelt es sich um entsprechende Absichten. Daraus folgt, dass wenn wir, was immer wir in diesem Fall tun, auf Basis einer solchen Absicht tun. Und diese Schlussfolgerung ist falsch:

„Zum Beispiel, ich betrete einen Raum, in dem mein Vortrag stattfinden soll, und sehe unter den Leuten eine alte Freundin, die ich lange aus den Augen verloren hatte – sofort gehe ich zu ihr hinüber und begrüße sie mit Freude. War es eine absichtliche Handlung, sie zu begrüßen? Auf jeden Fall. Ich habe sie nicht aus Versehen begrüßt, und es war auch kein Reflex, daß ich es tat. Hatte ich die Absicht, sie zu begrüßen? Nein. Sowie ich sie sah, begrüßte ich sie, ich durchlief nicht erst eine Phase, in der ich beabsichtigte, es zu tun; und bevor ich sie sah, beabsichtigte ich auch nicht, sie zu begrüßen, da ich überhaupt nicht an die Möglichkeit dachte, sie hier zu treffen.“ Rüdiger Bittner, S. 64

Sagen wir, wir wissen, was es heißen soll, eine Handlungsmaxime zu haben. Was heißt es dann, danach zu handeln? Die Standardantwort geht auf Aristoteles zurück und wird mit dem Begriff des „praktischen Syllogismus“ benannt. Die Konklusion eines praktischen Syllogismus ist ein Satz der Form „Subjekt i realisiert Handlungsweise H in Situation S “ und die Prämissen sind „i glaubt, dass Situation S der Fall ist“ und der Handlungsmaxime „in S tue H “.

„Die Schwierigkeit ist in der Diskussion um Aristoteles’ Theorie des Handelns wohlbekannt. Sie besteht darin, der wiederholten Aussage des Aristoteles Sinn zu geben, daß der Schluß eines praktischen Syllogismus die Handlung ist: wie kann man eine Handlung folgern? Die Antwort darauf ist, daß man es nicht kann.“ Rüdiger Bittner, ebd.

Mit der Einführung des Konzepts von Handlungsmaximen scheint man also dem Rätsel, dass wir oftmals nichts über unseren Handlungen vorausgehenden Entscheidungen wissen, nicht auf die Spur kommen zu können.

An dieser Stelle wird man dann meist mit der Zusicherung beruhigt, dass uns unsere entsprechenden mentalen Zustände eben nicht unmittelbar zugänglich sind. Sie seien unterbewusste oder gar vollkommen unbewusste Handlungsdispositonen. Das mag zwar sein, dann aber stellt sich die Fragen, was uns eine Erklärung mit Bezug auf die Präferenzen und Glaubenszuständen von Handlungsubjekten erklärt wird. Es scheint sich wieder um eine „als ob“ Erklärung zu handeln, die weder empirisch bestätigt noch falsifiziert werden kann.

Instiutionen als Nash-Gleichgewichte

Eine historisch-genetische Erklärung für die Existenz bestimmter Institutionen versetze uns die Lage, so unterstellen Vertreter der VoC, zu verstehen, welche Funktion eine bestimmte Institution erfüllt. Funktionale Erklärungen in diesem Sinne kommen in zwei zu unterscheidenden Varianten: Sie sind entweder teleologisch oder evolutionär. Im ersten Fall bestehen Institutionen, weil die Handlungssubjekte mit ihren Handlungen darauf zielten. Im zweiten Fall dagegen sind sie die nicht intendierten Folgen von Handlungen.

Betrachten wir uns zur Illustration einer teleologischen Erklärung Ludwig von Mises Geschichte der Entstehung der Institution des Eigentums.

Obwohl von Mises vehement die Verwendung spieltheoretischer Modelle ablehnte, erklärt er die Existenz dieser Institution mit Kosten- und Nutzenüberlegungen und einer daraus resultierenden Vereinbarung zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft, wie folgt:

„It was only when a country was more densely settled and unoccupied first class land was no longer available for appropriation, that people began to consider such predatory methods wasteful. At that time they consolidated the institution of private property in land.“

Solange es noch genügend nicht bewirtschaftetes Land gab, gab es also keinen Grund, für die Institution des Eigentums. Als dann aber Land immer knapper wurde und sich daher das Problem stellte, wer es denn nun bebauen darf, und vor allem wer nicht, haben die Menschen nachgedacht – oder besser gesagt, angefangen zu rechnen. Aufgrund ihrer je individuellen Nutzenerwägungen, sind sie dann zu dem Schluss gekommen, dass Privateigentum an Land sich einfach unter den neuen Umständen am besten rechnet.

Von Mises hat damit die inzwischen klassischen Argumente von Harold Demsetz, dem sogenannten „Property Rights“-Ansatz, fast zwanzig Jahre vorweggenommen.

Wie Robert Brenner (S. 36) nachgewiesen hat, ist diese Erklärung aber wenig überzeugend. In vielen vorkapitalistischen Gesellschaften, so schreibt er, konnten Bauern über ihre Subsistenzmittel weitgehend autonom verfügen und waren daher überwiegend vom Vollzug von Tauschhandlungen unabhängig. Diese Unabhängigkeit aufzugeben – und z.B. in die Stadt zu gehen, um in den aufkommenden Manufakturen Lohnarbeit nachzugehen –, wäre aus ihrer Sicht in höchstem Maße irrational gewesen. Warum hätten sie die Sicherheit, für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familien selbstständig sorgen zu können, gegen die mit Lohnarbeit verbundenen Risiken aufgeben sollen? Darüber hinaus, so Brenner weiter, liegt dem „Property Rights“-Ansatz die Annahme zugrunde, dass schon die Bauern in Feudalgesellschaften Eigentumsbeziehungen als produktive Ressource betrachtet haben und über deren möglichst effektive Nutzung reflektiert haben. Eine Annahme, die nach Brenner als völlig unplausibel abzulehnen ist, wenn sie beansprucht, eine empirisch überprüfbare Hypothese zu sein.

Die wohl bekannteste – und heute unter Ökonomen noch immer weit verbreitete – evolutionäre Erklärung für die Existenz einer Institution, gibt Carl Menger mit seiner Erklärung der Existenz der Institution Geld.

Menger lässt Geld aus dem Realtausch von Gebrauchsgütern entstehen. Er nimmt an, dass Subjekte sich bereits weitgehend auf die Produktion bestimmter Güter spezialisiert haben und es daher notwendig geworden ist, die Güter, derer es bedarf, über Tauschhandlungen zu erwerben. In einer solchen geldlosen Tauschwirtschaft, kann es dann aber wieder zu einem Problem kommen. Derjenige, dessen Gut man erwerben will, will nicht das Gut, über das man selbst verfügt.Glücklicherweise, so Menger, unterscheiden sich die Güter in ihrer Marktgängigkeit. Diese Tatsache wird nun aber sicher von einigen ganz besonders Cleveren erkannt werden, die daher versuchen, ihre Güter zunächst gegen solche marktgängigeren Güter zu tauschen.Der Erfolg der Cleveren bleibt nun aber auch den Dümmeren nicht verborgen und daher wird die erfolgreiche Handlungsstrategie sukzessive imitiert werden.

„Sicherlich haben Uebung, Nachahmung und Gewohnheit mit ihrer mechanisierenden Wirkung auf die Handlungen der Menschen auch in diesem Fall nicht wenig dazu beigetragen, dass die nach Massgabe örtlicher und zeitlicher Verhältnisse marktgängigsten Waren zu allgemein gebräuchlichen Tauschmitteln, das ist zu Waren wurden, welche nicht nur von vielen, sondern schließlich von allen wirtschaftlichen Individuen im Austausche gegen die zu Markte gebrachten (minder absatzfähigen!) Güter, und zwar von vornherein in der Absicht angenommen wurden, dieselben weiter zu vertauschen.“ Carl Menger, S.13

Diese auf den ersten Blick plausible evolutionäre funktionalistische Erklärung von Geld, hat aber wiederum einen Haken:

„No example of a barter economy, pure and simple, has ever been described, let alone the emergence from it of money; all available ethnography suggests that there never has been such a thing.“ Caroline Humphrey zitiert nach Steinhardt, S. 141

Zwei der unzweifelhaft bedeutensten Institutionen des Kapitalismus lassen sich also auf dem Fundament der VoC nicht erklären.

Liberale Markttheorien

Da auch alle liberalen Markttheorien in der einen oder anderen Form auf dem rationalistisch-funktionalistischen Fundament ruhen, sollte man die Verwendung von Denkfiguren aus diesen Theorien schon deshalb als inadäquat ablehnen.

Aber selbst dann, wenn man der Überzeugung ist, dass diese Theorien uns ein überzeugendes Modell der Preisbildung von produzierten Gütern zur Verfügung stellt, kann es unmöglich zur Erklärung von Phänomenen des sogenannten Arbeits- bzw. Geldmarkts herangezogen werden.

Im ersten Fall scheitern solche Erklärungen an der simplen Tatsache, dass die Angebots- und Nachfragefunktionen von und nach Arbeit unmöglich als unabhängig voneinander erachtet werden können. Ein niedriger Lohn z.B. wird nicht wie in neoklassischen Arbeitsmarktmodellen angenommen, dazu führen, dass mehr Arbeit nachgefragt wird. Denn die Höhe des Lohnes bestimmte gleichzeitig die Höhe der effektiven Nachfrage. Sinkt aber die effektive Nachfrage, dann werden weniger Güter produziert werden, was wiederum dazu führen wird, dass weniger Arbeitskräfte nachgefragt werden.

„Die Lohndynamik in einem geschlossenen System wie der Welt ist dann eine ganz andere als von der Neoklassik vorhergesagt. Eine Senkung der nominalen Löhne kann entweder sofort zu einer Preissenkung führen, (was den eigentlich erwarteten und von der Neoklassik erhofften Effekt der Reallohnsenkung unmöglich macht) oder zu einer Reallohnsenkung, weil die Preise nicht sofort reagieren.“ Heiner Flassbeck

Ihre Theorie über den sogenannten Kapitalmarkt, dessen Angebot und Nachfrage über den Zins gesteuert wird, beruht auf auf der Annahme, eines aus Ersparnissen gespeisten Geldtopfs. Je höher der Zins desto mehr wird auf Konsum verzichtet und Geld zur Ausleihe zur Verfügung gestellt und umgekehrt. Der  potentielle Geldleiher dagegen wird mehr Geld nachfragen, je niedriger der Zinssatz ist und umgekehrt.

Auf Basis einer solchen Kapitalmarkttheorie werden von den VoC „Theorien“ entwickelt, die zu belegen versuchen, dass bei Verleihung knapper Geldmittel zwischen liberalen und koordinierten Marktwirtschaften ein auffälliger Unterschied beobachtet werden könne:

„Das Finanzsystem koordinierter Länder funktioniert in der Regel anders als in liberalen Ländern. Menschen investieren ihr Geld weniger direkt in börsennotierte Unternehmen. Sie legen es eher aufs Sparbuch ihrer Bank. Diese wiederum reicht das Geld als Kredit an Unternehmen weiter mit denen sie langjährige Geschäftsbeziehungen hat. Dies hat zwar den Nachteil, dass ein Teil der Unternehmensgewinne bei der Bank verbleibt und den Gewinn der Geldgeber schmälert.“

So meint Martin Schröder die Finanzierung von Unternehmen mithilfe von Banken beschreiben zu können. Auf dieser Basis stellt sich dann natürlich die Frage, warum denn die Geldgeber in liberalen Marktwirtschaften so dumm sind, auf zusätzliche Einkünfte freiwillig zu verzichten. In typischer VoC-Manier wird der Verzicht wie folgt rationalisiert:

„Sie kennen die Unternehmen oft besser, in die sie investieren; teilweise sitzen sie sogar in deren Aufsichtsräten. (Sie müssen daher) auch weniger besorgt sein, getäuscht zu werden.“

Das „Sie“ bezieht sich eindeutig auf die Banken. Die geringere Sorge der Banken scheint dann aber irgendwie direkt in eine geringe Sorge der Investoren transformiert zu werden, die dann wieder den Verzicht auf höhere Zinsgewinne erklärt. Wie auch immer, die Erklärung basiert wie alle Makroskop-Leser wissen, auf einer, wie Günther Grunert schreibt und erklärt, Vorstellung der Funktionsweise moderner Geldsysteme „fernab der Realität“.

Fazit

Das VoC ruht auf einem Fundament, dessen Statik einer ernsthaften Belastungsprobe nicht standhalten kann.

 

Ausführlich beschäftige ich mich mit solchen Grundlagenfragen in meinem Buch: „Was ist eigentlich eine Marktwirtschaft? Erschienen beim Metropolis-Verlag, 478 Seiten und für € 29,80 zu haben. 

 

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