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Finanzsystem | 15.03.2018

Können Geschäftsbanken bei Nullzins Gewinne machen?

Banken können tatsächlich auch bei einem Null- oder Minuszins Geld verdienen. Damit unterscheiden sich Banken grundlegend von Geldverleihern. Eine Replik auf Norbert Häring.

Der von mir sehr geschätzte Norbert Häring hat in seinem dritten Teil der Serie über das Geldsystem die These vertreten, dass Banken keinen Gewinn machen können, wenn die Realverzinsung der von ihr vergebenen Kredite inflationsbedingt gleich null ist. Bei der Tilgung erhalten sie schließlich – zwar nicht nominal so doch real – genau das zurück, was sie dem Kreditnehmer anvertraut haben:

„Wenn Nominalzins und Inflationsrate gleich hoch sind, ist der Realzins (Nominalzins minus Inflation) allerdings null. Kreditrückzahlung einschließlich Zinsen ist dann nicht mehr wert als der Kreditbetrag zum Zeitpunkt der Kreditvergabe wert war. Die Bank macht dann keinen Gewinn.“

Ich werde zu zeigen versuchen, dass dem nicht so ist. Banken können auch bei einer Realverzinsung von null oder sogar unter null ihr Geschäft mit Erfolg betreiben. In dieser Fähigkeit unterscheiden sie sich grundlegend vom Geschäft der „Geldverleiher“. Aus diesem Grund eignet sich das hier diskutierte Thema sehr gut, den Unterschied zwischen dem Geschäftsmodell der Banken und dem der Geldverleiher zu verdeutlichen.

Meine Kritik an diesem speziellen Punkt von Härings Artikel, schränkt meinen Respekt vor seiner Arbeit, insbesondere seinem fachlich soliden und elegant geschriebenen Text über das Bankwesen in keiner Weise ein.

Wie häufig bei ähnlichen Fragen hilft auch hier einfaches bilanzielles Denken, um Klarheit zu schaffen. Der Übersichtlichkeit halber werden wir in den folgenden Beispielen die Kosten der Kreditvergabe vernachlässigen. Zudem nehmen wir an, dass alle Kredite nebst Zinsen vertragsgemäß zurückgezahlt werden und deshalb keine Kreditausfälle einzukalkulieren sind. Außerdem wird angenommen, dass Giralgeldabflüsse durch Zuflüsse voll ausgeglichen werden. Was verdeutlicht werden soll, zeigt sich am einfachsten, wenn wir in allen Beispielen von einer Kreditlaufzeit von 12 Monaten ausgehen. Wie Häring auch, unterstellen wir in den Beispielen eine Inflationsrate von 3 %.

Zunächst betrachten wir das Geschäft des Geldverleihers. Es unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem des Autoverleihers. Er kann nur verleihen, was er in der Kasse oder auf seinem Girokonto effektiv verfügbar hat. Der Autoverleiher ebenso: Er kann nur das KFZ wieder verleihen, das der vorherige Kunde wieder auf den Hof gestellt hat. Betrachten wir die Bilanzen des Geldverleihers vor und nach dem Abschluss des Kreditvertrages sowie nach der endgültigen Tilgung.



Bei 3 % Inflation ist die Eigenkapitalrendite als Realverzinsung ausgedrückt 0 %. Das Geschäft ist (wenn es denn risikolos ist) dennoch besser als eine einjährige Kassenhaltung des Eigenkapitals, zwar ohne Inflationsverlust, aber auch ohne realen Gewinn. Es entsteht lediglich ein Nominalgewinn, der die inflationsbedingte Entwertung des Eigenkapitals ausgleicht.

Wie sehen die entsprechenden Bilanzen der Geschäftsbank aus, die wir zunächst auch ein Geschäft mit einem Kredit von 1.000 € machen lassen? Wir statten die Geschäftsbank, ebenso wie den Geldverleiher, mit einem Eigenkapital von 1.000 € aus, dem ein gleich hohes Guthaben der Bank bei der Zentralbank gegenübersteht.



Eigenkapital und Gewinn sind bei der Geschäftsbank bei 3 % Inflation genauso hoch wie bei dem Geldverleiher. Ein entscheidender Unterschied zeigt sich aber in beiden Bilanzen: Während der Geldverleiher in der Kreditlaufzeit kein Geld mehr in seiner Kasse verzeichnet und statt des Geldbetrags nunmehr eine Kreditforderung als Aktivum aufweist, hat die Bank nach der Kreditvergabe nach wie vor dieselbe Menge Zentralbankgeld. Die Bank hat eben kein Geld verliehen, sondern im Kreditprozess neu „geschöpft“. In der Bankbilanz gibt es deshalb bei einem Kreditvertrag keinen Aktivtausch „Kreditforderung an Kasse“ wie beim Geldverleiher, sondern eine Bilanzverlängerung „Kreditforderung an Kundeneinlage“. Die Kundeneinlage ist die Gutschrift auf dem Konto des Kunden.

Die geschäftlichen Möglichkeiten des Geldverleihers sind erschöpft, seine Kasse leer. Nicht so die der Geschäftsbank. Ihre Kasse oder ihr Guthaben bei der Zentralbank begrenzen ihre Kreditgewährung nicht. Als Geschäftsbank kann sie ihr Kreditvolumen ausweiten, wenn sie ausreichend kreditwürdige Kunden findet. Sie könnte insgesamt bis zu 11.500 € Kredit gewähren und stößt erst dann an die Grenze, die ihr durch die (hier vereinfacht angewendete) gesetzliche Regel gesetzt ist, 8 % der Aktiva als Eigenkapital auszuweisen. Ihre Bilanzen sähen dann folgendermaßen aus:



Wenn der Geldverleiher über ein Vermögen von 11.500 € verfügt, das er in der Kasse oder auf dem Girokonto hat, kann er selbstverständlich auch so viel Geld wie unsere Bank verleihen. Auf dieses erhöhte Eigenkapital berechnet bleibt sein Gewinn unter den genannten Bedingungen aber inflationsbereinigt gleich und er hat im Gegensatz zur Bank auch im Fall seiner Kreditausweitung keinen Gewinn und damit keine reale Vermögenssteigerung. Bei der Bank fällt bei der gleichen Kreditsumme aber ein Vermögenszuwachs an. Aus dem ursprünglichen Eigenkapital in Höhe von 1.000 € ist durch den Gewinn ein Eigenkapital in Höhe von nominal 1.350 € geworden (inflationsbereinigt 1.306 €).Wollte die Bank darüber hinaus weitere Kredite vergeben, könnte sie dies durch eine Eigenkapitalerhöhung ermöglichen.

Im vorliegenden Beispiel hat die Geschäftsbank nunmehr eine Eigenkapitalrendite von nominell 34,5 %. Inflationsbereinigt ist die EK-Rendite etwas geringer und beträgt 30,6 %. Die Inflation in Verbindung mit niedrigen Zinsen, die der Inflation genau entsprechen, muss also nicht notwendigerweise Gewinne einer Geschäftsbank verunmöglichen.

Die EK-Rendite ist in den Beispielen der Geschäftsbank so berechnet worden, dass zunächst das nominelle Eigenkapital für den Zeitpunkt der Kredittilgung 3 % höher angesetzt wurde, als es zum Zeitpunkt des Abschlusses des Kreditvertrages betrug, dass also die Bruttokreditrückzahlung zunächst den Inflationsverfall des Eigenkapitals in Höhe von 30 € ausgeglichen hat. Der Restgewinn in Höhe von 315 € wurde auf das Eigenkapital in Höhe von 1.030 € bezogen und als Prozentwert berechnet. (Das Finanzamt würde einen solchen Gewinnabzug für einen Inflationsausgleich selbstverständlich nicht akzeptieren.)

Selbst bei einer Verzinsung des Kredites unterhalb der Inflationsrate kann die Geschäftsbank Gewinne machen. Wenn wir im letzten Bilanz-Beispiel die Inflationshöhe unverändert bei 3 % belassen, die Kreditverzinsung aber auf 2 % senken, ist bei gleicher Berechnungsweise die nominelle EK-Rendite 23 % und die inflationsbereinigte 19,4 %.

Dieses Ergebnis – realer Gewinn bei real negativer Kreditverzinsung – wirkt vielleicht paradox oder kontraintuitiv. Es lässt sich aber nachvollziehen, wenn man sich klarmacht, dass Banken kein Geld verleihen, sondern im Kreditprozess „schöpfen“. Bei der Tilgung des Kredits wird es wieder „vernichtet“. Übrig bleibt und nicht vernichtet wird dagegen der Kreditzins, den die Banken einstreichen.

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