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Kommentar | 10.04.2018

Deutsche Bank: Der Spuk ist vorüber!

Die Ankündigung der Deutschen Bank, Christian Sewing zum Vorstandvorsitzenden machen zu wollen und die Demission des Co-Chefs des Investmenbanking, Marcus Schenk, personifizieren die Abkehr von einem gesellschaftlich schädlichen Geschäftsmodell. Zeit, dass die Politik diesem Beispiel folgt.

    „Was wir bewundern und nicht besitzen, ist die angelsächsische Kultur im Geldgeschäft.“

Dieser Satz stammt von Alfred Herrhausen, dem charismatischen Vorsitzenden des Vorstands der Deutschen Bank in den Jahren 1985 bis 1989. Herrhausen war überzeugt, dass die starke Fokussierung der Deutsche Bank auf das traditionelle Privat- und Firmenkundengeschäft und auf ihre deutsche Kundschaft keine Zukunft hätte. Die Deutsche Bank müsse sich verstärkt als ein Global Player aufstellen und vor allem das Investmentbanking ausbauen. Von der „angelsächsischen Kultur im Geldgeschäft“ erwartete man sich sagenhafte Renditen bei Übernahme minimalster Risiken.

Auch für Kulturrevolutionen im Bankensektor braucht man natürlich eine Avantgarde. Auserkoren dafür wurde die englische Morgan Grenfell, für deren Erwerb man 1988 bis 1990 die bis dahin größte Nachkriegsinvestition tätigte. Es war wohl ihrem enormen Preis zu verdanken, warum jeder, der bei der Deutschen Bank in einem Geschäftsfeld tätig war, das auch von ihren Mitarbeitern beackert wurde und nicht einen angelsächsischen Stammbaum bis in die vierte Generation nachweisen konnte, in den Verdacht geriet, ein unbelehrbarer Konterrevolutionär zu sein.

Ich war in der Zeit zwischen 1988 und 1995 selbst bei der Deutschen Bank und habe den Kulturkampf zwischen „deutschen Traditionalisten“ und „angelsächsischen Erneuerern“ als Leiter der Abteilung „Flugzeugfinanzierungen“ und als einer der Geschäftsführer einer auf das internationale Leasinggeschäft spezialisierten Tochtergesellschaft aus nächster Nähe miterlebt. Obwohl ich einen der profitabelsten Geschäftsbereiche innerhalb der Deutschen Bank verantwortete, wurde 1995 beschlossen, die Verantwortung dafür an die Morgan Grenfell zu übertragen. Mir erschien damals – sicherlich auch aus persönlicher Betroffenheit heraus – die gesamte Investmentbanking-Strategie auf einem Glauben zu beruhen, der an den von Mitgliedern einer Erweckungsbewegung erinnerte.

Ich war mit vielen meiner Kollegen einig, dass auf einer solchen ideologischen Basis sicherlich viele angelsächsische Banker für sich persönlich ungeheuere Reichtümer würden anhäufen können, aber dass die Deutsche Bank als Organisation damit langfristig zum Scheitern verurteilt war. Wir sollten Recht behalten, obwohl wir die Dauer von „langfristig“ sicherlich massiv unterschätzten.

Da ich damals das „langfristig“ dennoch als für mich für zu lange erachtete, hatte ich mich entschlossen, die Deutsche Bank zu verlassen. Ein Vorstand, zu dem ich eine sehr gute Beziehung unterhielt, versuchte mich damals mit der Behauptung umzustimmen, dass seine Kollegen einen Wunsch mit der Realität verwechselten und dass daher der „Spuk“ bestimmt „bald“ vorüber sei. Nun ist „bald“ ebenso wie „langfristig“ ein relativer Begriff. Man mag sich daher darüber streiten, ob mit der Ankündigung des Deutsche Bank Aufsichtsrats Christian Sewing zum neuen Vorstandsvorsitzenden ernennen zu wollen, seine Vorhersage sich schlussendlich als richtig erwiesen hat. Kein Zweifel aber kann daran bestehen, dass der Spuk bei der Deutschen Bank nun tatsächlich vorüber ist.

Die Ernennung eines Mannes zum Vorstandvorsitzenden, der schon seine Ausbildung bei der Deutschen Bank absolvierte, dort seit 27 Jahren arbeitet und im Vorstand für das Privat- und Firmenkundengeschäft verantwortlich zeichnet, ist ohne Übertreibung eine Zäsur. Mit der Ernennung eines Verantwortlichen für ein traditionelles Geschäftssegment einer Bank und der gleichzeitigen Demission von  Marcus Schenck, dem Co-Chef des Investmentbanking, der als .ehemaliger Goldmann Sachs Mann ganz ohne Zweifel ein Repräsentant der modernen „angelsächsischen Kultur im Geldgeschäft“ ist,  wird die Abkehr von einem Geschäftsmodell, das für die Bank, die Mehrzahl ihrer Mitarbeiter und die Gesellschaft schädlich war und ist, personifiziert.

Die von der Deutschen Bank durch riesige und anhaltende finanzielle Verluste erzwungene Abkehr vom Investment Banking sollte auch für die Politik Anlass sein, einen ebenso radikalen Strategiewechsel zu vollziehen. Banken, die zuverlässig den Zahlungsverkehr abwickeln und die Realwirtschaft mit Krediten versorgen können, braucht eine funktionierende Marktwirtschaft. Was sie nicht braucht, sind Wettspiele. Die Politik sollte aufhören, Zockereien an Börsen zu alimentieren, die für die Gesellschaft schädlich sind und daher sämtliche Aktivitäten zur Etablierung einer Kapitalmarktunion unverzüglich einstellen.

 

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