Debatte | 16.04.2018

Die Debatte um MMT: Eine Nachlese

Es gilt die Praxistauglichkeit der MMT gewissenhaft gegen die verfügbaren Einsichten in das Verhalten realer, mit „traditionalistischen“ Mindmaps ausgestatteter individueller und kollektiver Akteure zu prüfen. Hier hat die Theorie eine Leerstelle.

Vor kurzem hatte ich auf Makroskop für die Beschäftigung mit der MMT geworben, aber auch konstruktive Einwände erhoben (hier). Die daraufhin dankenswerterweise eingegangenen Antworten (hier, hier und hier) enthielten Klarstellungen zur ökonomischen Logik der MMT und behandelten ihrerseits Schwachstellen der Theorie (letzteres gilt insbesondere für den Beitrag von Heiner Flassbeck). Aus den Antworten habe ich viel gelernt. Gleichwohl lässt mich der Austausch in der Nachlese etwas ratlos zurück. Denn der Einwand, auf den es mir eigentlich ankam, betraf nicht die ökonomische Logik der MMT, sondern ihre Blindheit für die Grenzen ihrer eigenen Praxisrelevanz.

Diesen Umstand möchte ich nun nicht den Antwortenden anlasten. Offenbar ist es mir nicht gelungen, zu verdeutlichen, warum ich dieses Problem in der MMT angelegt sehe (Bill Mitchell las meinen Einwand gar als neoliberale Ansprache, hier). Bevor ich die Sache für mich ad acta lege, möchte ich daher den Versuch unternehmen, mein Anliegen noch einmal in hoffentlich größerer Klarheit auszudrücken. Dies auch deshalb, weil ich den Punkt über die MMT-Debatte hinaus für relevant halte. Das Problem betrifft die MMT in besonderem Maße, tritt potenziell aber überall dort auf, wo mutige progressive Reformpläne entworfen werden und die Praktiker mit der Frage der Praxistauglichkeit alleingelassen werden.

Ein guter Startpunkt ist das Nachdenken über politische Steuerung. Die Brisanz der Theorie liegt in ihrem frischen Denken über die staatliche Steuerungsfähigkeit. Die MMT entlarvt die Unterscheidung zwischen Geld- und Fiskalpolitik ebenso als Mythos wie die Vorstellung einnahmebezogener Budgetrestriktionen („leere Kassen“). Das hat Implikationen für das grundsätzlich vorhandene (politisch-institutionell freilich erst noch freizulegende) Set an verfügbaren Steuerungsoptionen. Angesichts der unbegrenzten Geldschöpfungsmöglichkeit könnte der Staat mehr tun, als er hier und fast überall zu können vorgibt – eine wichtige aufklärerische Einsicht.

In der Steuerungstheorie stellt sich aber stets nicht nur die Frage nach der Steuerungsfähigkeit der Politik, sondern auch die Frage nach der Steuerbarkeit der Zielpunkte der Interventionen. Denken wir als Beispiele an prinzipiell verfügbare, aber ungenutzte Optionen wie die direkte (ohne den Umweg über die Kapitalmärkte verlaufende) Staatsfinanzierung über die Notenbank oder das Helikoptergeld. Solche Maßnahmen sollen Verhaltensänderungen bei den Bürgerinnen und Bürgern bewirken. Sie sollen so viel (oder wenig) konsumieren, investieren und sparen, dass die Wirtschaft auf einen stabilen, inflationsfreien Wachstumspfad umgelenkt wird.

Hierauf nun zielt mein Einwand. Die Zielpunkte der Steuerung sind keine Roboter, sondern wirkliche Menschen. Menschen kann man verwirren, man kann sie verängstigen. Sie haben lebensweltliche Erfahrungen von der Funktionsweise der Wirtschaft und damit auch des Geldes. Von diesen Alltagsvorstellungen entfernt sich wohl keine ökonomische Theorie so weit wie die MMT. Die Vorstellung, dass der Staat noch bei Trost ist, wenn er Geld drucken lässt und es ohne Gegenleistung an alle verteilt (das Helikoptergeld), ist mit den Alltagserfahrungen unvereinbar. Mit diesen müsste also mit großer Radikalität gebrochen werden. Und das Helikoptergeld ist hier nun ein besonders plastisches Beispiel, dasselbe gilt für die direkte Staatsfinanzierung über die Notenbank.

Nur eine höchst simplifizierende, vor-soziologische (und daher gerade nicht „moderne“) Handlungstheorie würde annehmen, dass man solche Brüche erzeugen kann, ohne dass das nicht-intendierte Wirkungen auf die Bürgerinnen und Bürger hätte. Das würde selbst dann gelten, würden alle Experten mit einer Stimme sprechen und beteuern, die Brüche gingen in Ordnung und es bestünde kein Anlass zur Sorge. Tatsächlich freilich würden die Experten genau das nicht tun. Man sieht den „Aufruf der 300 Ökonomen“ geradezu vor sich, der gegen die Optionen in Stellung gebracht würde, würden diese auch nur in Sichtweite der politischen Praxis geraten.

Nun behaupte ich nicht, die Wirkungen solcher Brüche im Einzelnen vorhersagen zu können (die Vermutung eines Mehrs an Angstsparen liegt nahe). Wahrscheinlich ist die Anfälligkeit für solche Disruptionen zudem keine Konstante, sondern historisch kontingent und im Ländervergleich variabel. Der Punkt ist vielmehr: Will eine Theorie praxisrelevant werden, was man MMT nur wünschen kann, wird sie beginnen müssen, sich für die potenziellen Kosten solcher Brüche zu interessieren.

Was für einzelne Akteure gilt, gilt auch für kollektive Akteure. Die Möglichkeit nicht intendierter Verhaltensänderungen ist auch für diese mitzudenken. In meinem ursprünglichen Beitrag hatte ich als Beispiel auf die Anspruchsinflation verwiesen, die aufseiten der Interessengruppen unweigerlich ausbrechen müsste, würde der Mythos der von den Einnahmen ausgehenden Budgetrestriktionen effektiv beseitigt. (Am Rande sei angemerkt, dass ich genau diesen Mythos aufgrund seiner perfekten Einpassung in die Alltagserfahrungen für praktisch unausrottbar halte. Wer auch immer aus politischen Gründen an ihm festhalten will, hat im öffentlichen Diskurs einen uneinholbaren Startvorsprung – die Beliebtheit der „schwarzen Null“ trotz gut sichtbarer Infrastrukturmängel und Nullzinsen spricht hier Bände.)

Dies alles ist nun kein Plädoyer dafür, die von der MMT identifizierten Optionen nicht weiter zu beachten. Es gilt vielmehr, sich eingehend mit ihnen zu beschäftigen und ihre Praxistauglichkeit gewissenhaft gegen die verfügbaren Einsichten in das Verhalten realer, mit „traditionalistischen“ Mindmaps ausgestatteter individueller und kollektiver Akteure zu prüfen. Hier hat die Theorie eine Leerstelle. Sie muss gefüllt werden, bevor man Mitstreiterinnen und Mitstreitern guten Gewissens raten kann, ihre Forderungskataloge mit Posten wie dem Übergang zur direkten Staatsfinanzierung durch die Notenbanken zu füllen.

 

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