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Theorie | 13.04.2018

Freihandelstheorie: Vollends statische Welt

Die Annahmen, die zutreffen müssen, damit Spezialisierung und „Freihandel“ vorteilhaft für alle Beteiligten werden, sind wahrhaft heroisch: Keinerlei internationale Kapitalmobilität, keine Arbeitslosigkeit, perfekte Wechselkursanpassungen, ein allgemeines Gleichgewicht – ferner von der Realität geht nicht.

Wo es keine Kapitalmobilität gibt, gibt es keine Direktinvestitionen. Dieser einfachen Kausalität kann man sich zwar entziehen, indem man einfach perfekt funktionierende Märkte annimmt, die es zwar nicht gibt, die aber Direktinvestitionen überflüssig machen. Jedoch richten Unternehmen ihre Produktion gerade nicht nach den relativen Preisen von Arbeit und Kapital aus, sondern kombinieren produktives Kapital mit niedrigen Löhnen. Das wiederum hat weitreichende Implikationen für die Theorie des Freihandels.

Das Problem der Direktinvestitionen

Vor allem in den letzten 30-40 Jahren hat die Bedeutung der Direktinvestitionen für die globalen Handelsströme zugenommen. Der Handel in Intermediaries, also der Komponenten, die für ein finales Produkt benötigt werden, ist deutlich stärker gestiegen als der Handel mit fertiggestellten Gütern, was sich in einer stark fragmentierten internationalen Wertschöpfungskette widerspiegelt.

Vor allem in kapitalintensiven Industriesektoren wird diese Wertschöpfungskette durch Direktinvestitionen regelrecht konstruiert, wobei es einige wenige Konzerne sind, die den Großteil der Investitionen tätigen (in weniger kapitalintensiven Industrien geht vieles über sog. Contractors, sprich Subunternehmen).

Bestes Beispiel in Europa ist die deutsche Automobilindustrie, die für die wirtschaftliche Integration Osteuropas in die Wertschöpfungskette eine bedeutende Rolle spielt. So ist der Anteil der im finalen Auto eingebauten Komponenten, die auch hierzulande produziert wurden, um ca. 15 % gesunken (von ca. 70 % im Jahre 1990 auf ca. 60 % im Jahr 2010). Hingegen ist der Anteil der Komponenten in deutschen Autos, die in anderen Ländern hergestellt werden, rapide gestiegen. Den stärksten Zuwachs verzeichneten dabei Tschechien, Ungarn und Polen – alles Länder, in denen die nominalen Lohnkosten am niedrigsten waren[1]. Wertschöpfungsketten entstehen somit nicht aufgrund irgendwelcher komparativer Vorteile, sondern werden von Großkonzernen durch Direktinvestitionen ganz entscheidend mitgestaltet.

Dies führt auch zu einer Relativierung der Ausführungen von Hartmut Elsenhans, der schreibt, dass „die aufholenden Länder [nicht überraschend] komparative Kostenvorteile bei Produkten moderner Hochtechnologie errungen [haben]“, da „internationale Spezialisierung dem Gesetz der komparativen Kostenvorteile folgt“. Wie gesehen, handelt es sich jedoch weniger um ein Gesetz (structure), als vielmehr um bewusstes Handeln mächtiger wirtschaftlicher und politischer Spieler (agency).

Einfache Auslagerungen in Billiglohnländer schaden der wirtschaftlichen Dynamik und dem daraus resultierenden Fortschritt erheblich, da die bisherigen Produktionsmethoden einfach beibehalten werden und kein Anreiz besteht, neue Methoden zu entwickeln. In dieser Hinsicht mag es kein Zufall sein, dass das Produktivitätswachstum seit den 1980ern in den G7 Staaten kollektiv zurückgegangen ist.

Mehr noch: Wie jüngst der britische Ökonom Simon Wren-Lewis darlegte, haben Staaten wie das Vereinigte Königreich mit einer gewaltigen „Innovations Gap“ zu kämpfen. Der Begriff steht für den Unterschied des gegenwärtigen Outputs mit dem, der zu erreichen wäre, wenn die Firmen die beste verfügbare Produktionstechnologie benutzen würden.

Diese Lücke ist vor allem seit der Finanzkrise größer geworden. Da es unsinnig wäre anzunehmen, dass diese jeglichem technologischen Fortschritt ein Ende bereitete, müssen die Gründe für die Innovations Gap darin liegen, dass die Nachfrage zu gering ist, die Zukunftsaussichten trübe und eine Senkung der Kosten durch Auslagerung der Produktion ins Ausland profitabel bleiben.

Diese Entwicklungen könnten dazu führen, dass Elsenhans Idee des „Geleitzugmodells der Globalisierung“ in einer vollständig liberalisierten Wirtschaft in einer Massenkarambolage endet. Die Grundvoraussetzung nämlich ist, dass „sobald alle Volkswirtschaften durch hohe Beschäftigung gekennzeichnet sind, eine auf ein einzelnes Land beschränkte Innovation bei diesem zu Handelsbilanzüberschüssen [führt].“ Bei dauerhaften Überschüssen, so Elsenhans, wertet die Währung auf und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der anderen Länder wird erhöht.

Nun, falls es zu keiner Lockerung des Patentrechts kommt und Firmen sich ihre Produktionsstandorte weiterhin überall aussuchen können, wird sich der Trend der vergangenen Jahrzehnte fortsetzen: die Produktion findet dort statt, wo sie am billigsten ist (mit entsprechendem Drohpotenzial für die Lohnentwicklung in der heimischen Produktion), während die Renten auf Design und Entwicklung bei einigen Wenigen akkumuliert werden[2]. Die Mär vom komparativen Vorteil hilft somit denen, die „komparativ“ im Vorteil sind – mit Handel hat das Ganze aber wenig zu tun.

Komplette Auslastung der Wirtschaft und Gleichgewichtsdenken

Eine weitere stark realitätsferne Annahme Ricardos ist, dass alle Volkswirtschaften komplett ausgelastet sind. Es gibt keine Arbeitslosigkeit und die Hersteller selbst haben keinerlei Möglichkeit, ihre Produktion auszuweiten. Was allerdings passiert, falls Produktionsfaktoren brachliegen, es Arbeitslosigkeit gibt, oder die Unternehmen eines Landes sich Maschinen zulegen, mit denen absolute Vorteile ausgenutzt werden, sagt Ricardo nicht.

Ebenso wenig erfährt man bei Ricardo über die wirtschaftliche Entwicklung, da er in einer vollends statischen Welt lebt. Über die unterschiedlichen Skaldenerträge, die die Produktion verschiedener Güter mit sich bringt, verliert er kein Wort (vermutlich, weil es das ganze Gleichgewichtskonzept aus den Angeln heben würde). Dabei ist es für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes entscheidend, diese Faktoren mit zu berücksichtigen – denn nur auf Basis der Industrieproduktion ist es möglich, hohe Produktivitätszuwächse zu erzielen und auf diese Weise Wohlstand zu generieren.

Falls sich ein Land auf die Produktion von Wein beschränkt, sind zunehmende Skalenerträge (increasing returns) mit höherem Kapitaleinsatz sehr limitiert. In England hingegen, welches sich seinem komparativen Vorteil zufolge auf die Herstellung von Tuch fokussieren soll, können hohe anfängliche Kapitalinvestitionen die Produktionskosten jeder weiteren Einheit Tuch stark senken. Sobald die Produktion von Tuch (fast) vollautomatisiert ist, können sich die Unternehmen anderen Produkten zuwenden.

Die hohe Produktivität in den Industriesektoren führt dort zu hohen Löhnen, was wiederum weitreichendere Auswirkungen auf die Löhne in den angrenzenden Sektoren hat. So können zum Beispiel die Preise für Dienstleistungen und sonstige Güter an die neue Kaufkraft angepasst werden, was das Lohnniveau allgemein s teigen lässt. Die daraus resultierende höhere Nachfrage regt die Investitionen an, sodass es zu einem positiven Kreislauf in der wirtschaftlichen Entwicklung kommt (sog. cumulative causation). All diese Externalitäten haben keinerlei Platz bei Ricardo und seinen Freihandelsanhängern, die alles durch eine Gleichgewichtsbrille sehen.

Apolitisch und ahistorisch

Aus dem obigen apolitischen und gleichgewichtsorientiertem Fetischismus lässt sich das letzte Problem ableiten – nämlich die Annahme, dass komparative Vorteile aus dem Nichts entstehen oder einfach gegeben seien. Das mag in einigen Fällen der Fall sein, beim Handel mit Rohstoffen etwa (wo allerdings ganz andere, machtpolitische Implikationen auftreten). Meistens werden komparativen Vorteile jedoch politisch konstruiert, da sie Ergebnis einer aktiven Industriepolitik sind.

Die Geschichte des Handels und des Kapitalismus zeigen, dass Politik und Handel häufig nicht voneinander zu trennen waren. Selbst dort, wo den Unternehmen im internationalen Handel vermeintlich „freie Hand“ gelassen wurde, stand ein starker Staat mit Kanonenbooten bereit, um „den Freihandel“ ein wenig voranzutreiben (man denke an die Opiumkriege in China). Ebenso offensichtlich ist, das mächtige Staaten wie die USA die Interessen ihrer Konzerne weltweit durchsetzen. Auch die Bundesrepublik leistet Schützenhilfe für deutsche Konzerne, indem die Politik durch Lohndumping ideale Rahmenbedingungen für einen gefährlichen Merkantilismus der Neuzeit setzt. Werner Vontobel legte bereits am Beispiel der Fleischindustrie dar, wie naiv die Theorie des komparativen Vorteils sein kann. Absolute Vorteile werden immer genutzt, sofern sie denn vorhanden sind.

Was passiert also, wenn einige Länder keine Möglichkeit haben, eine aktive Industriepolitik zu betreiben, weil man a) entweder durch internationale Institutionen (wie den IWF oder die EU) darin eingeschränkt wird und/oder b) die Institutionen selbst gar nicht hat, um eine Industriepolitik zu implementieren?

Dann liegt die logische Konsequenz des „komparativen Vorteils“ darin, dass bei einer Liberalisierung des Handels die ärmeren Länder sich eben weiterhin „darin spezialisieren müssen, in Armut zu leben“ (Erik Reinert).

Fazit

Die Annahmen, die in der wirklichen Welt zutreffen müssen, damit Spezialisierung und „Freihandel“ vorteilhaft für alle Beteiligten werden, sind wahrhaft heroisch. Keinerlei internationale Kapitalmobilität (somit auch keine Direktinvestitionen), vollständig ausgelastete Volkswirtschaften (also keine Arbeitslosigkeit), perfekte Wechselkursanpassungen (folglich keinerlei Überschüsse und Defizite), ein allgemeines Gleichgewicht – nichts könnte ferner von der Realität sein.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Annahmen der ricardianischen Freihandelstheorie ist somit gleichzeitig eine Einladung, pragmatisch über den Welthandel nachzudenken. Selbiges gilt für modernere Handelstheorien, die im Kern auf Ricardos Modell beruhen (Günther Grunert hat dazu bereits einen sehr lesenswerten Beitrag geleistet). Adam Smith hat es in seinem Buch Wohlstand der Nationen vorgemacht, wie ein wenig mehr Reflexivität in der Theoriebildung aussehen könnte. Vielleicht ist dies Anreiz genug, um zu den Wurzeln der politischen Ökonomie zurückzufinden.


[1] Der Bezug hierbei beschränkt sich auf Länder, denen in der Wertschöpfungskette eine wichtige Rolle zuteilwird. Die Zahlen stammen aus einer noch andauernden wissenschaftlichen Untersuchung von Nadia Garbellini, die auf der letzten INET Konferenz präsentiert wurden. Mit ihr stehe ich durch unsere gemeinsamen Forschungsinteressen in regelmäßigem Kontakt, sodass ich ihre Arbeit verlinken werde, sobald sie veröffentlicht wird.
[2] Dies soll kein Plädoyer für ein generelles Verbot von Direktinvestitionen sein, sondern eher als Anregung gesehen werden, um darüber nachzudenken, wann Direktinvestitionen vorteilhaft sind und wann nicht. China hat es durch den „Joint-Venture Zwang“ begriffen, dass der Transfer von Wissen und Technologien, die der eigenen Wirtschaft nutzen, ein Segen für deren Entwicklung sein kann. Andere Länder (wie zum Beispiel Japan) kamen in ihrer Entwicklung fast gänzlich ohne ausländische Direktinvestitionen aus.

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