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Theorie | 11.04.2018 (editiert am 16.04.2018)

Ricardos Freihandel im Angesicht der Realitäten

Die Auseinandersetzung mit der ricardianischen Freihandelstheorie ist eine Einladung, pragmatisch über den Welthandel nachzudenken. Adam Smith hat in Wohlstand der Nationen vorgemacht, wie ein wenig mehr Reflexivität in der Theoriebildung aussehen könnte.

Theorien sind unabdingbar, um die Welt zu verstehen und die Wirtschaftspolitik zum Wohle der Allgemeinheit zu gestalten. Ohne Zweifel war dies auch der Ansatz des Begründers des „Freihandels“, Adam Smith. Liest man seinen Klassiker Wohlstand der Nationen, so fällt auf, dass Smiths Analyse darin explizit auf die zugrundeliegenden Annahmen und Umstände eingeht, unter denen Handel Wohlstand schaffen kann. Man nehme das Beispiel der vorsichtigen, schrittweisen Öffnung der Märkte, um eine für die Allgemeinheit vorteilhafte wirtschaftliche Integration zu gewährleisten:

„Der Fall, in welchem man bisweilen zu überlegen hat, inwiefern und in welcher Art es gut ist, die freie Einfuhr […] wiederherzustellen, liegt vor, wenn gewisse Manufakturen […] eine große Menge Hände beschäftigen. Dann kann die Humanität fordern, dass der freie Handel nur langsam und mit vieler Zurückhaltung und Behutsamkeit hergestellt werde. Würden die Zölle und Verbote auf einmal weggenommen, so würden sich die wohlfeileren fremden Güter so unaufhaltsam schnell auf den inländischen Markt stürzen, dass sie viele Tausende unseres Volkes aus ihrem gewöhnlichen Geschäft und Brot bringen würden.“ (S. 465)

Handel dient für Smith als Mittel zum Zweck und nicht als Selbstzweck. Eine vollkommene Öffnung der Märkte würde die „[aus dem Handel] entstehende Unordnung“ (ebd.) nur dann verringern, wenn zwei Annahmen zuträfen. Zum einen, so glaubte Smith, wäre freier Handel vorteilhaft, weil sich die Exporte eines Landes ohnehin auf die Industrien beschränken, in denen das jeweilige Land den absoluten Vorteil in der Produktion hat:

„Nun wird aber jährlich ein großer Teil unserer verschiedenen Wollenzeuge, unseres gegerbten Leders und unserer Eisenwaren nach anderen europäischen Ländern ohne Ausfuhrprämie versandt, und dies sind gerade diejenigen Manufakturen, welche bei uns die meisten Hände beschäftigen. [Deshalb wird die heimische Produktion] durch die vollkommen freie Einfuhr fremder Güter nur wenig leiden.“ (S. 466)

Die zweite notwendige Annahme zur Vorteilhaftigkeit des „Freihandels“ ist die perfekte Mobilität der Arbeiter und Vollbeschäftigung. Allerdings sieht Adam Smith auch hier keine Probleme, und bringt ein zu seiner Zeit aktuelles Beispiel an:

„Obgleich bei einer solchen Herstellung der Handelsfreiheit eine große Menge Menschen aus ihrer gewöhnlichen Beschäftigung und ihrem bisherigen Broterwerb gesetzt würde, so folgt daraus doch keineswegs, dass die nun auch überhaupt aller Beschäftigung und alles Borterwerbs beraubt sei. Durch die Verminderung der Land- und Seetruppen wurden am Ende des letzten Krieges (1763) mehr als hunderttausend Soldaten und Seeleute […] auf einmal aus ihrer bisherigen Beschäftigung gerissen. Die meisten Seeleute begaben sich […] in den Dienst auf Handelsschiffen, und in der Zwischenzeit verloren sowohl sie als die Soldaten sich in der großen Masse des Volkes und wurden mit allerlei Arbeiten beschäftigt. Es entsprang aus einer so großen Veränderung in der Lebensweise von mehr als hunderttausend Menschen […]nicht nur keine gewaltige Störung, sondern auch kaum eine wirkliche Unordnung.“ (S. 466-467).

In dieser Welt des vorteilhaften Freihandels hat also jeder Mensch eine Arbeit und jedes Land spezialisiert sich auf die Produktion der Güter, in denen es absolute Vorteile hat. Sollten diese Bedingungen nicht erfüllt sein, müsse man pragmatischer in der Bewertung des Freihandels vorgehen, damit alle Menschen in der Gesellschaft vom internationalen Warenhandel profitieren.

Bei David Ricardos „Grundsätze[n] der Politischen Ökonomie und der Besteuerung“ ist der Grad an Reflexivität in seinen Ausführungen im Vergleich zu Smith deutlich zurückgegangen – ein Trend, der sich in den nachfolgenden Generationen nur verstärkte. Die den Modellen zugrundeliegenden Annahmen werden als gegeben angenommen, und alles, was in irgendeiner Weise Probleme bereiten könnte, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Direktinvestitionen oder Währungskurse, wird einfach ignoriert bzw. wegdefiniert.

Da die Theorie des komparativen Vorteils einen gewaltigen Einfluss auf die Freihandelsdebatte nimmt, werden ihre Annahmen im Folgenden kritisch untersucht.

Spezialisierung vs. Monopolisierung

Einer unserer sehr aufmerksamen Leser wies vor einiger Zeit auf zwei sehr grundsätzliche Probleme in Ricardos Theorie hin. Und zwar, inwiefern erstens die „ricardianische Spezialisierung durch viele rationale Einzelentscheidungen überhaupt hergestellt werden“ könne. Diesem berechtigten Einwand folgend, müssten eigentlich jene, die sich als Vertreter der liberalen Schule sehen, die größten Gegner Ricardos sein, da eine Umsetzung der Theorie des komparativen Vorteils gewaltige staatliche Eingriffe erfordern würde. Zugleich nimmt sie den Individuen die Freiheit, ihr Kapital beispielsweise in Wein- anstelle der Tuchproduktion zu investieren.

Zumal das Zustandekommen des komparativen Vorteils auch theoretisch auf sehr wackligen Füßen steht. Ein Grundpfeiler ist nämlich die sogenannte Arbeitswerttheorie, nach der die Quantität an Arbeit, die in der Produktion eines Gutes gebraucht wird, sich in dem Wert der Ware widerspiegelt. In Ricardos Welt gilt die Arbeitswerttheorie nur innerhalb einzelner Länder (nicht zwischen den Ländern!). Händler, die ihre Ware folglich dort kaufen, wo der Einsatz der Arbeit in der Produktion eines Gutes günstig ist (d.h. einen hohen Output mit sich bringt), verkaufen diese Güter dann dort mit Profit, wo die Produktion desselben Gutes einen deutlich höheren Aufwand mit sich brächte. Auf diese Weise stellt sich jedes Land mit der Zeit auf die Produktion des Gutes ein, in dem es im Gleichgewicht einen komparativen Vorteil hat.

Das zweite Problem, auf das unser Leser verwies, liegt darin, dass das Modell aus wettbewerbspolitischer Sicht überhaupt nicht erstrebenswert sei. Falls sich jedes Land auf die Produktion der Güter beschränkt, in denen es komparative Vorteile hat, so wird der „Freihandel“ zu einem Handel unter Monopolisten. Das wiederum bedeutet, dass es gerade nicht möglich ist, die Vorteile des Freihandels mit Ricardos Theorie und zugleich einem erhöhten Wettbewerb zu erläutern – beide Punkte schließen sich gegenseitig aus. Genau diese beiden Argumente werden jedoch häufig in einem Atemzug genannt, wenn es darum geht, den „Freihandel“ zu verteidigen. Idealtypisch schrieb Gabriel Felbermayr in einem Gastbeitrag in der ZEIT:

„Freier Handel, also die internationale Arbeitsteilung, ermöglicht die Spezialisierung; wenn jeder das tut, was er am besten kann, steigert das den Wohlstand aller. Zugleich erleichtert Handel Innovationen, weil sich Forschung und Entwicklung auf globalen Märkten mit mehr Kunden schneller auszahlen. Und er verschärft den Wettbewerb unter den Unternehmen und sorgt so für sinkende Produktpreise.“

Problematische Annahmen

Neben diesen grundsätzlichen Problemen sind auch die Annahmen, die der Theorie des komparativen Vorteils zugrunde liegen, höchst schwierig. In akademischen Kreisen ist nicht selten von einer Theorie für die „komparativ begünstigten“ in der Gesellschaft die Rede. Allein die globale Einkommensentwicklung der letzten 40 Jahre ist dafür empirischer Beleg.

Um die Realitätsferne von Ricardos Theorie zu begreifen, gehen wir kurz durch eine Vielzahl verschiedener Annahmen, die absolut zentral für seine Argumentation sind. So wäre da zunächst die Grundvoraussetzung, dass es international keine Kapitalmobilität gibt, da Kapital ansonsten dort hinfließen würde, wo es den höchsten Ertrag erbringt (was innerhalb einzelner Länder laut Ricardo auch tatsächlich der Fall ist). Auf diese Weise käme es wiederum auf absolute, nicht komparative Kostenvorteile an.

Erinnern wir uns, dass Adam Smith eine sehr ähnliche Sichtweise über Kapitalmobilität hatte und kein Unterstützer freier Kapitalmärkte war. Tatsächlich steht der Begriff der „unsichtbaren Hand“ in direktem Zusammenhang mit einer Investitionspolitik, die sich ganz klar auf die heimische Industrie beschränkt:

„Indem er den einheimischen Gewerbefleiß dem fremden vorzieht, hat er nur seine eigene Sicherheit vor Augen, und indem er diesen Gewerbefleiß so leitet, dass sein Produkt den größten Wert erhalte, beabsichtigt er lediglich seinen eigenen Gewinn und wird in diesen wie in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, dass er einen Zweck befördern muss, den er sich in keiner Weise vorgesetzt hatte.“ (S. 451)

In einer Welt liberalisierter Kapitalmärkte ist Ricardos Theorie nicht haltbar. Da aber kein vernünftig denkender Mensch bestreiten würde, dass es eben jene Welt ist, in der wir leben, müssen daraus entsprechende Schlussfolgerungen für die Gültigkeit der Theorie des komparativen Vorteils gezogen werden. Damit gelangt man direkt zur zweiten problematischen Annahme: es gibt keine Überschüsse und Defizite.

Ricardo zufolge gleicht der Goldautomatismus die Leistungsbilanzen zwischen Ländern aus. In einem System freier Wechselkurse bedeutet dies, dass die Anpassung der Wechselkurse hohe Überschüsse und Defizite entsprechend ausgleichen müsste, was in der Realität leider nicht der Fall ist.

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