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MMT: Theorie mit Sprengstoff | 12.04.2018 (editiert am 19.04.2019)

Was ist zu kritisieren an der MMT?

Die Modern Monetary Theory nimmt für sich in Anspruch, über ein geschlossenes wirtschaftspolitisches Konzept zu verfügen. Bei näherem Hinsehen ist das aber nicht so einfach wie es oft klingt. Die internationale Währungsordnung und die Inflationstheorie sind klare Schwachpunkte.

Wir haben in den vergangenen Wochen der Modern Monetary Theory (MMT) großen Raum eingeräumt, um ihre Position darzustellen. Bill Mitchell, einer der geistigen Väter dieser Theorie, hat in drei langen Teilen die Position der Vertreter dieser Theorie dargestellt (hier der erste Teil). Daraufhin hat es auf Makroskop eine (freundlich gedachte und explizit freundlich genannte) Kritik von Martin Höpner gegeben (hier), die sofort von Bill Mitchell auf seinem Blog (hier der erste Teil) aufgegriffen und wiederum heftig und in aller Ausführlichkeit kritisiert wurde. Auch Dirk Ehnts, der sich als direkter Vertreter der MMT sieht, hat rasch einen Aspekt der höpnerschen Aussagen kritisch aufgegriffen (hier). Paul Steinhardt hat ebenfalls zu der Debatte beigetragen (hier).

Ich werde heute nicht versuchen, mich mit der MMT in allen ihren Aspekten auseinanderzusetzen. Große Teile (bei weitem die Mehrheit) der Positionen dieser Theorie decken sich mit unseren Analysen, so dass es sich erübrigt, dass ich das explizit durchdekliniere. Ich werde auch nicht versuchen, herauszufinden, was wirklich neu oder modern an dieser Theorie ist. Ich halte den Namen allerdings schon für problematisch: Wer eine Theorie als modern bezeichnet, statt zu sagen, worum es dabei geht, suggeriert, dass alle anderen, die sich mit dem gleichen Sujet befassen, altmodisch sind.

Ich will bei meiner Kritik umgekehrt vorgehen: Ich ignoriere die Übereinstimmung und konzentriere mich auf drei kritische Punkte dieser Theorie, die teilweise auch in der Kritik Martin Höpners angeklungen sind. Ich tue das explizit auch auf die Gefahr hin, sofort von allen MMTlern dieser Welt in der Luft zerrissen zu werden. Ja, man muss leider anmerken, dass einige Vertreter dieser Theorie mit Kritik nicht sehr gut umgehen können und immer sofort heftig austeilen. So hat Bill Mitchell an einer Stelle sogar gesagt, wegen einer kritischen Stelle in Höpners Papier hätten wir den Beitrag von Martin Höpner nicht veröffentlichen dürfen. Das geht eindeutig zu weit. Solche Bemerkungen erwecken bei vielen Beobachtern den Anschein, die Vertreter der MMT verstünden sich inzwischen eher als Glaubensgemeinschaft, denn als Wissenschaftler, die bestimmte Positionen teilen. Diesen Eindruck sollte man auf alle Fälle vermeiden.

Flexible Wechselkurse

Ein großer Schwachpunkt der MMT ist sicher ihr Eintreten für flexible Wechselkurse ohne großes Wenn und Aber. Martin Höpner hat das angemerkt und Bill Mitchell hat das zurückgewiesen. Doch die Argumentation von Mitchell ist an diesem Punkt mehr als schwach. Ich habe das vor einiger Zeit in Berlin auch im direkten Austausch mit Mitchell diskutiert und auch damals schien mir, dass er sich an dieser Stelle das Leben sehr leicht macht, zu leicht sogar, um wirklich überzeugend zu sein.

Er argumentiert in der Antwort auf Höpner vor allem mit der Erfahrung Australiens, das in der Vergangenheit große Wechselkursschwankungen erlebt hat. Sein wichtigstes Argument scheint zu sein, dass in einer bestimmten Phase trotz einer kräftigen Abwertung die Lohneinkommen gestiegen sind. („So even with a massive exchange rate depreciation, which followed major declines in our terms of trade, real per capita living standards barely fell using the Real net national disposable income measure and rose using the GDP per capita measure“). Doch das sagt gar nichts. Wenn die Einkommen ohne die Abwertung stark gestiegen wären, bedeutet es immer noch, dass die Abwertung mit einem hohen Realeinkommensverlust verbunden war. Wer diese Art von Argumenten benutzt, ist sich offenbar seiner Sache nicht sehr sicher.

Es geht aber auch nicht um „pass through“ und die konkrete Wirkung von Ab- und Aufwertungen auf bestimmte Einkommen in der Volkswirtschaft, die in seiner Argumentation eine große Rolle spielen. Es geht vielmehr bei der Frage um feste und flexible Wechselkurse darum, ob es marktbestimmte flexible Wechselkurse geben kann, die dafür sorgen, dass Länder mit offenen Güter- und Kapitalmärkten nicht immer wieder massive außenwirtschaftliche Schocks durch reale Aufwertungen und reale Abwertungen erleben (vgl. mein Stück hier dazu). Die Antwort ist eindeutig nein, weil Währungsspekulation des carry trade Typs die Währungsrelationen massiv verzerren und gewaltige reale Kosten mit sich bringen (vgl. dazu das Papier hier und vor allem das dort erwähnte Papier von Massimiliano LaMarca und mir, das empirisch die Spekulation mit den Währungen vieler Länder nachweist).

Ich kann verstehen, dass die MMT für ihre Argumentation eine Welt vorzieht, bei der die „Devisenmärkte“ Störungen von außen fernhalten und so eine autonome Geldpolitik erlauben (das hat sich auch der Monetarismus immer gewünscht), doch eine solche Welt gibt es leider nicht. Wer eine bestimmte monetäre Steuerung vorschlägt, muss auch sagen, wie diese am besten in die internationalen Gegebenheiten eingepasst werden kann. Der Hinweis auf Kapitalverkehrskontrollen genügt dazu nicht, denn es ist noch keinem Land gelungen, sich bei offenem Handelsaustausch mit solchen Kontrollen wirklich abzuschotten. Gegen offene Grenzen hat aber auch MMT offensichtlich nichts einzuwenden, wenngleich eine Theorie des internationalen Handels, so weit ich sehe, im Rahmen von MMT fehlt.

Steuern und Staatsfinanzierung

Eines der größten Missverständnisse, dass die MMT immer wieder auslöst, ist ihr Umgang mit der Frage, ob der Staat Steuern zur Finanzierung der Staatsausgaben braucht oder nicht. Viele, und das ist offensichtlich auch Martin Höpner so gegangen, haben den Eindruck, hier werde gesagt, der Staat brauche eigentlich keine Steuern, weil er ja jederzeit auf die Finanzierung durch Notenbankgeld zurückgreifen könne. Ich glaube, dass die MMT hier einen richtigen Punkt macht, sich aber sehr ungeschickt ausdrückt, so dass ihre Ausführungen zu missverständlichen Interpretationen geradezu einladen.

In den Worten von Bill Mitchell klingt das im englischen Orginal so:

„If you think about that, while taxation has nothing to do with ‘funding’ the government spending, it still allows governments to spend without inflationary consequences. Once an economy is at (or near) full capacity, then increases in nominal spending growth will be inflationary. If the government is satisfied with its claim on the available real resources at that point then the current tax revenue is sufficient. However, if the government wants to increase its relative size in the economy it must reduce the non-government sector’s claim on the available real resources, to avoid inflationary pressures mounting.“

Das, liebe Kollegen von der MMT, kann leider kein normaler Mensch verstehen und auch als Ökonom muss man sich sehr anstrengen, was impliziert, dass man sehr gutwillig sein muss, um bei einer solchen Aussage nicht aus der Haut zu fahren.

Steuern braucht man, um Inflation zu vermeiden, aber man braucht sie nicht, um staatliche Ausgaben zu finanzieren. Also braucht man sie doch, wenn man inflationsfrei (und das will ja jeder!) staatliche Ausgaben durchführen will. Ich habe jetzt bewusst das Wort „durchführen“ benutzt und nicht „finanzieren“, weil mir bei „finanzieren“ sofort wieder die gesamte MMT an die Gurgel gegangen wäre.

Klar, der Staat braucht in der Tat die Steuern nicht, um jede zusätzliche Ausgabe des Staates zu finanzieren. Weil aber auch die MMT sich einen niedrige Inflationsrate zum Ziel gesetzt hat, braucht man Steuern, um die realen Ressourcen für den Staat zu mobilisieren, die er für seine eigenen Zwecke braucht (und die er, da es sich um öffentliche Güter handelt, nicht einfach wie ein Privater durch Verkauf der von ihm hergestellten Produkte bekommt). Hätte er keine Steuern, müsste er in der Tat versuchen, durch das Erzeugen einer unerwarteten Inflation den Bürgern die Ressourcen abzunehmen, was eine verrückte Übung wäre.

Er braucht also Steuern, selbst wenn sie nicht „finanzieren“. Sich an dem Wort „finanzieren“ festzubeißen, ist in meinen Augen jedoch extrem ungeschickt und trägt wieder dazu bei, das muss ich leider sagen, dahinter eine Glaubensfrage zu vermuten, und das bei einem Sachverhalt, der eigentlich für jedermann leicht zu verstehen ist. Der Staat erhebt Steuern und tätigt Ausgaben, ist aber bei der Gesamtmenge seiner Ausgaben nicht auf die Höhe der Steuereinnahmen beschränkt, weil er sich sowohl am Kapitalmarkt als auch bei der Notenbank jederzeit viel mehr Mittel beschaffen kann.

Ich habe es schon mehrfach gesagt (hier z. B.) und will mich nicht wiederholen: So lange die meisten Menschen so wenig Verständnis für gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge haben, dass sie nicht einmal die Bedeutung der Ersparnis und der Finanzierungssalden generell verstehen, kann man sich die meisten der Aussagen sparen, die daraus hinauslaufen, dem Staat jederzeit und vollumfänglich den Zugriff auf Notenbankgeld zu geben. Es geht dabei nicht um Mythen, die gepflegt werden sollen, wie Bill Mitchell vermutet, sondern es geht darum, Kommunikationskanäle offenzuhalten, die man sonst allzu leicht verschüttet. Verschüttete Kommunikationskanäle verhindern aber, dass auch nur kleine Schritte in Richtung einer besseren Wirtschaftspolitik gegangen werden können, von revolutionären Veränderungen ganz zu schweigen.

Vollbeschäftigungsgarantie und Inflation

Ein wirklicher Schwachpunkt der MMT ist für mich neben den flexiblen Wechselkursen die fehlende Inflationstheorie. Dieses Fehlen ist offenbar eng verbunden mit der Vorstellung, der Staat könne und solle jederzeit eine Beschäftigungsgarantie abgeben. Vollbeschäftigungsgarantie heißt bei den meisten MMTlern, dass der Staat allen Arbeitswilligen jederzeit eine Beschäftigung zum Mindestlohn anbieten sollte. Aber klar ist das leider nicht. Liest man etwa dieses Kapitel von Mitchell über die möglichen (und zu erwartenden) Konflikte zwischen Inflation und Vollbeschäftigung, lernt man viel darüber, was die herrschende Lehre fasch macht, wie genau die Alternative funktionieren soll, ist weit weniger klar.

Irgendwie kommt hier unweigerlich die gute alte Phillipskurve aus der Kiste, die ich eigentlich in der realen Welt für ziemlich unwichtig halte, die man aber nicht mehr ignorieren kann, wenn der Staat eine Vollbeschäftigungsgarantie geben soll. Die „Marktkräfte“ sollen bei der MMT entscheiden, wie viel Beschäftigung entsteht, da der Staat anbietet, jeden Arbeitswilligen jederzeit zu beschäftigen, der mit dem Mindestlohn zufrieden ist. („Conversely, the employment buffer stock approach represents a shift from spending on a quantity rule to spending on a price rule. Accordingly, the government offers a fixed wage (that is, a price) to anyone willing and able to work, and thereby lets market forces determine the total quantity of government spending that would be required to satisfy the demand for public sector jobs under the Job Guarantee.“)

Doch selbst wenn das funktionieren würde, bleibt offen, was mit den übrigen Löhnen passiert, wenn es diese Beschäftigungsgarantie gibt. Es gibt eigentlich eine klare, gut bewiesene Inflationstheorie, nämlich die Lohntheorie, die wir hier auf Makroskop offensiv vertreten. Wenn die Lohnstückkosten über längere Fristen in fast allen Ländern der Welt hoch korreliert mit der Inflationsrate sind, muss man sich fragen, was in einer Phase der Hochkonjunktur und/oder einer Beschäftigungsgarantie mit der Lohnentwicklung passiert. Wohlgemerkt, mit der Lohnentwicklung, es kommt also darauf an, ob und warum sich bei einer Vollbeschäftigungsgarantie die Löhne noch in dem Rahmen bewegen sollten, der eine stabile Inflationsrate erlaubt (also unsere „goldene Regel“).

Was passiert, wenn die Löhne und Preise aus dem Ruder laufen, weil die Gewerkschaften und die Arbeitgeber bereit sind, viel höhere Zuwachsraten der Löhne zu vereinbaren, als mit der Zielinflationsrate in Übereinstimmung zu bringen ist? Dann muss auch bei MMT die Notenbank (und die Fiskalpolitik) offenbar dagegenhalten und dafür sorgen, dass – via Investitionseinbruch und Arbeitslosigkeit – die Lohnzuwächse wieder auf ein Normalmaß schrumpfen. Dann genau aber gibt es keine Beschäftigungsgarantie mehr.

Mitchell beschreibt das, was auch für seinen Ansatz gilt, sehr klar, wenn er schreibt, dass es bei der herrschenden Lehre ein Dilemma gibt, das daher kommt, dass es immer wieder Situationen geben kann, wo man restriktive Politik einsetzen muss, um die Inflation zu bekämpfen (also Arbeitslosigkeit zu akzeptieren), ohne sicher zu sein, ob es danach wirklich zu einer stabilen Entwicklung der Preise kommt. („The overwhelming quandary that the unemployment buffer stock approach to inflation control faces is whether the economy, once deflated by restrictive aggregate demand management, can be restarted without inflation.“) Das gilt auch für das Vollbeschäftigungsregime der MMT, wenn man einmal die Inflation bekämpfen musste. Dann stellt sich nämlich die Frage, wie lange kann und muss Arbeitslosigkeit herrschen (muss also die Vollbeschäftigungsgarantie ausgesetzt sein), um die Inflationsrate wieder zu stabilisieren? Ein Jahr, drei Jahre oder auch zehn Jahre?

Wenn Arbeitslosigkeit aber auch in diesem Konzept unvermeidbar ist, kann man in meinen Augen auf die Idee der Vollbeschäftigungsgarantie ganz verzichten, weil sie nur politische Erwartungen weckt, die niemals bestätigt werden können. Und das alles gilt noch ganz unabhängig von den Problemen, die entstehen, wenn der Staat versucht, Millionen Menschen jederzeit zum Mindestlohn sinnvoll zu beschäftigen („Beschäftigungsgesellschaften“ nannte man in Ostdeutschland einen Versuch in dieser Richtung, der grandios gescheitert ist).

Das gibt es in der Tat also ein Dilemma, das so alt ist wie die Volkswirtschaftslehre selbst, und auch die „moderne“ Theorie hat es nicht aus der Welt schaffen können. Eine Vollbeschäftigungsgarantie ist in einer Marktwirtschaft so wenig sinnvoll wie eine Inflationsgarantie. Beides lädt dazu ein, die Grenzen zu testen und zwingt die Wirtschaftspolitik dazu, dem System immer wieder und vielleicht sogar immer öfter die Luft zum konjunkturellen Atmen zu nehmen. Die aber genau braucht es, weil wir bei hoher Unsicherheit über die Zukunft niemals von vorneherein sagen können, wo und wann Kompromisse im Hinblick auf unsere selbstgesetzten Ziele zu machen sind.

(Im drittletzten Absatz war ein Zitatfehler aufgetreten, den wir inzwischen korrigiert haben, der Text wurde entsprechend angepasst)

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