istock.com/grinvalds
Genial daneben | 04.05.2018

Darum will die NZZ die „Privilegien“ der Rentner abbauen

Es ist immer das gleiche Spiel: Man erfinde „Privilegien“, und fordere deren Abschaffung. Am besten im Namen der „kommenden Generationen“. Auch die NZZ spielt auf dieser Leier. Ein Faktencheck.

Die NZZ weiß Bescheid. Und weil die Sache ja sonnenklar ist, geht sie davon aus, dass alle, die das Gegenteil behaupten, dies gegen besseres Wissen tun. Dass sie bewusst “angenehme Schwindelargumente“ vorbringen, nur um nicht zugeben zu müssen, dass es ihnen bloß um eitlen Eigennutz gehe.

Man darf ein bisschen ehrlich sein“, lautet deshalb der Titel des Textes, mit dem sich NZZ-Redaktor Hansueli Schöchli wieder mal mit den Leuten auseinandersetzen muss, die zwar wohl begreifen, aber nicht wahrhaben wollen, dass das Pensionierungsalter endlich heraufgesetzt werden muss.

Gleichsam zum Aufwärmen zerpflückt Schöchli schnell mal eines dieser Schwindelargumente: „Es sei verfehlt, das Rentenalter zu erhöhen, wenn schon viele 55-Jährige kaum mehr eine Stelle fänden.“ Schöchli kontert mit Ironie: In dieser Logik wäre das Rentenalter auf null zu senken, denn es gibt auch arbeitslose 45-Jährige, 35-Jährige und 25-Jährige.“ Und überhaupt sei die Erwerbslosenquote der 55- bis 64-Jährigen mit knapp 4 % sogar geringer als jene der Gesamtbevölkerung mit knapp 5 %. Da könne es wohl nicht schwierig sein, auch noch die 66- und 67-jährigen zu beschäftigen.

Doch auf diese Details kommt es laut NZZ eh nicht an. Entscheidend ist etwas anderes. Was? Es ist die Demographie Dummkopf! Zitat:

„Die Erhöhung des ordentlichen Pensionierungsalters sollte angesichts der starken Zunahme der Lebenserwartung «eigentlich» selbstverständlich sein.“

An beiden Argumenten ist etwas dran. Es sind zwei Indizien dafür, dass ein höheren Rentenalter verkraftbar wäre: Wenn die Alten länger leben, konsumieren sie auch länger mehr und das schafft zusätzliche Arbeit. Immer vorausgesetzt, die Alten verfügen über hinreichend Kaufkraft.

Doch was genau will die NZZ mit diesen Indizien beweisen? Welches Unglück geschieht, wenn ihre Mahnungen nicht endlich beachtet werden? Die Antwort liegt in diesem Halbsatz. Was die Linken mit ihren „Scheinargumenten“ bezweckten, sei:

„Das Bestreben, die eigenen Privilegien möglichst lange zu halten und die Rechnung dafür den kommenden Generationen anzuhängen.“

O.k., das sind überprüfbare Behauptungen: Genießen die Rentner tatsächlich Privilegien? Konsumieren sie mehr als die Aktiven? Und überwälzen sie diese Kosten tatsächlich auf die nächste Generation? Müssen die Aktiven ihren Konsum einschränken?

Schauen wir also nach: Zuerst einmal in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung beim Posten „übrige Welt“. Da erfahren wir, dass die Schweiz als ganzes jährlich gut 70 Milliarden Franken zusätzliche Guthaben gegenüber dem Ausland aufbaut. All die „Privilegien“ der Rentner haben also bisher nicht dazu geführt, dass wir den kommenden Generationen Schulden anhängen.

Im Gegenteil, wir hinterlassen ihnen dank unserer Sparsamkeit ständig steigende Guthaben und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass diese Überschüsse kleiner werden. Das gilt natürlich nicht für jeden Einzelnen, sondern nur für die Schweiz insgesamt. Doch darum geht es ja bei dieser Auseinandersetzung.

Auch ein Blick auf das Konto der privaten Haushalte zeigt, dass wir den Konsum der Rentner locker aus den laufenden Einnahmen zahlen können. Unter dem Strich bleibt auch bei den Privathauhalten jährlicher Überschuss (Finanzierungssaldo) von rund 75 Milliarden Franken. Dieser wird zu mehr als Hälfte durch den Einnahmeüberhang der Pensionskassen (Zunahme betrieblicher Versorgungsansprüche) gespeist. Unser Rentensystem nimmt also laufend sehr viel mehr ein, als es ausgibt.

Im Klartext heißt das, dass die „Privilegien“ der Rentner nicht dazu führen, dass die Aktiven ihren Lebensstandard in irgend einer Weise einschränken müssen. Sinkende Rentenausgaben (etwa dank einem höheren Pensionierungsalter) würden bloß dazu führen, dass die Aktiven noch mehr sparen könnten. Das allerdings wäre keineswegs in ihrem Interesse, denn weniger Renten heißt weniger Einkommen, weniger Nachfrage, weniger Jobs und mehr Arbeitslosigkeit.

Dass die Schweizer keine Privilegien auf dem Buckel der Erwerbstätigen genießen, zeigt schließlich auch ein Faktencheck bei der Haushaltsbudeterhebung. Danach konsumieren Paarhaushalte unter 65 – also die aktive Generation – im Schnitt gut 20 % mehr als Rentnerhaushalte mit 2 Personen. Die Aktiven können zudem (im Schnitt) noch fast 30 % ihres (nach Steuern und Sozialversicherungsbeträgen) verfügbaren Einkommens zur Seite legen, während die Rentnerhaushalte kaum noch Reserven anlegen. Das müssen sie allerdings auch nicht.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht haben die aktiven Schweizer also ein großes Interesse daran, dass die Rentner ihre „Privilegien“ wahren und ausbauen. Damit machen sie die Jobs der Aktiven sicherer und sorgen dafür, dass die Arbeitsplätze in der Schweiz etwas weniger von unseren chronischen Exportüberschüssen abhängen. Die Schweiz würde krisenfester.

Doch wie lässt sich das nun aber mit der unbestritten hohen Zunahme der Lebenserwartung vereinbaren? Trifft es denn nicht mehr zu, dass heute 100 Aktive 29 Rentner unterhalten müssen, während es 1985 bei der Einführung des Pensionskassenobligatorium erst deren 23,5 waren?

Doch, aber Tatsache ist auch, dass 100 Aktive von heute gleich viel produzieren wie 136 Aktive von damals. So gesehen ist der Altersquotient sogar gesunken – von 23,5 auf 21,3 Rentner auf 100 Aktive. Gleichzeitig müssen 100 Aktive von heute fast zehn Kinder und Jugendliche weniger über die Runden bringen als damals.

Wenn also irgendjemand Privilegien genießen sollte, dann sind das die Aktiven. Die kombinierte Wirkung von Demographie und Produktivität hat ihnen sozusagen eine Hängematte gebaut auf der sie sich jetzt – unterstützt von der NZZ – im Selbstmitleid suhlen können.

Anmelden