Bild: Ausblick von Schloss Tutzing auf den Starnberger See: Gerbil - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link
Debatte | 11.05.2018 (editiert am 03.07.2018)

Die Beharrungskraft des Status Quo

Realitätsferne, keine Vielfalt, keine Interdisziplinarität und das Fehlen von zentralen Fragen für die Gesellschaft. Ist der ökonomische Mainstream überhaupt noch „umzuformen“, fragt man sich auf dem Kongress „Reshaping Economics“.

Was hat sich eigentlich seit 2008, dem Jahr der globalen Finanz- und dem Beginn der großen Wirtschaftskrise, getan? Statt auf die bis heute andauernden Verwerfungen zu reagieren – die Verstetigung hoher Arbeitslosigkeit, horrender Ungleichheit, niedrigem Wachstum, Investitionen und Produktivität – herrscht quasi politische Eiszeit.

Nicht ganz. Seitdem wird mit noch mehr Verve und Dringlichkeit das gepredigt und durchgesetzt, was auch vor 2008 schon alles zu hören und zu spüren war: Haushaltsdisziplin, Lohnzurückhaltung, Liberalisierung, Strukturreformen und Flexibilität. Gebote also, die im wachsenden globalen Wettbewerb angeblich unverzichtbar sind. Anders gesagt: Austerität – eine noch radikalere Durchsetzung der Maastricht-Kriterien als vor der Krise. Politische Agenda, insbesondere in der EU, ist die einer marktkonformen Angleichung der Mitgliedsländer.

Doch müsste die verheerende Bilanz des vergangenen Jahrzehnts nicht zwangsläufig zu einem wirtschaftspolitischen Umdenken einladen? Zumindest, was den Output der hiesigen, bequem in die Medien, Institutionen und Politikberatung eingebetteten Ökonomenzunft betrifft? Immerhin: Letztere ist spätestens mit der Finanzkrise vermehrt in den Fokus einer kritischen Öffentlichkeit geraten. Der Vorwurf: Sie habe die Krise nicht nur nicht vorausgesehen, sondern selbst zur ihrer Entstehung beigetragen.

Die zentralen Fragen für die Gesellschaft fehlen

Dass die Kritik lauter wird und sich institutionalisiert, zeigt schon die Entstehung des Netzwerk Plurale Ökonomik, ein in Deutschland, Österreich und Schweiz aktiver Dachverband. Der Verein mit Sitz in Heidelberg kritisiert den Zustand von Forschung und Lehre in der Wirtschaftswissenschaft und fördert wissenschaftliche Tagungen zum interdisziplinären Austausch. Oder die Gründung der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues 2015, die sich im Masterstudiengang „Ökonomie“ ausdrücklich als Alternative zu den konventionellen Wirtschaftswissenschaften positioniert.

Um deren Zustand ging es auch auf der Tagung „Reshaping Economics“, die das Netzwerk Plurale Ökonomik und die Cusanus Hochschule gemeinsam mit der Evangelischen Akademie Tutzing vom 27. – 29. April veranstalteten. Bei sommerlichen Wetter wurde im idyllischen Schloss Tutzing am Starnberger See über die Beziehung zwischen Wirtschaftswissenschaft und Realität referiert und diskutiert.

Das Programm der Veranstalter versprach kontroverse und spannende Vorträge: Manipulieren die Lehrbücher der Mikroökonomie?, das Volkswirtschaftslehre-Studium als alltägliche Lebensrealität über den Nutzen von Pluralismus in der ökonomischen Politikberatung bis zu den Netzwerken „des Marktes“ in ihrem Einfluss auf die Gesellschaft.

Anders kann es auch nicht sein, wenn man den Titel der Veranstaltung ernst nimmt, und die Ökonomie „umformen“ will. Und so fangen Walter Ötsch und Katharina Hirschbrunn in Ihrer Begrüßungsrede bei null an und fragen, was Ökonomik überhaupt sei. Beschreibt sie, berät und beliefert sie, performt sie, soll sie Märkte erschaffen helfen (Market Design, Privatisierungen), Diskurse beeinflussen und Rahmen setzen? Kann man überhaupt zwischen Wirtschaft und Gesellschaft differenzieren?

So grundlegend diese Fragen für das Selbstverständnis von Wirtschaft und ökonomischer Bildung sind, so fundamental sind auch die zentralen Vorwürfe der Referenten an den Lehrbetrieb des ökonomischen Mainstreams: Keine Vielfalt, Realitätsferne, keine Interdisziplinarität und das Fehlen von zentralen Fragen für die Gesellschaft.

„Hybris gepaart mit kognitiver Blindheit“

Vor allem Silja Graupe von der Cusanus Hochschule und Helge Peukert von der Universität Siegen sorgen mit ihrer Kritik an den heute verwendeten Lehrbüchern – basierend auf einer Studie zu Klassikern wie Nicholas Gregory Mankiws „Principles of Economics“ oder Olivier Blanchards „Macroeconomics“ (das Ergebnis der Studie gibt es als Buch) – für reichlich Diskussionsstoff.

Die Finanzkrise, so Graupe, sei das Ergebnis einer „Hybris gepaart mit kognitiver Blindheit“. Vorgefertigte Deutungsrahmen – Frames, durch Sprache im Gehirn aktiviert – stünden vor den Fakten. In den Lehrbüchern kämen „selektives und ideologisches Framing“ zum Einsatz, in dem Wirtschaft mit „dem Markt“ gleichgesetzt würde. Gleichzeitig würde die Rolle des Staates fast vollständig verschwiegen. Im Lehrbuch Microeconomics von Robert Pyndick, einem angesehenen Mikroökonomen vom renommierten Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge und Daniel L. Rubinfeld käme der Begriff „Market“ ganze 2876-mal vor, „State“ hingegen nur 362-mal – „Hyperkognition“ nennt Graupe das. Die Manipulation sei Absicht, eine Indoktrination in der politischen Bildung und damit im Ergebnis auch politische Propaganda und ein Appell an die Autoritäten für die „Invisible Hand“. In ihrem Befund lehnt sich Graupe an den Ökonomen Paul Romer an, der die Wirtschaftswissenschaft als „Mathiness“, also als Verbindung von Mathematics und Message geißelt.

Peukert ergänzt, dass die Lehrbuchlandschaft hochkonzentriert und einseitig sei. So läge der Fokus nicht nur auf wenige Titel und Autoren wie eben Mankiw, Blanchard, Pyndyck/Rubinfeld oder Hal Varian. Durch den einschlägigen Hintergrund von Autoren wie Varian, dem Chefökonomen von Google, bestünden zudem Interessenkonflikte. Kein Wunder sei es da, dass sich seit 1941 ein festes Fundament der neoklassischen Mikroökonomie herausgebildet und durchgesetzt habe, das ein Idealbild der Konkurrenzwirtschaft zeichnet: produktiv, auf Augenhöhe, ohne asymmetrische Machtkonzentrationen (Google), aus dem unzulässige marktliberale Folgerungen abgeleitet würden. Widersprüche der Forschungsergebnisse würden dabei gar nicht abgebildet werden. Die Frage, was Konkurrenzwirtschaft ist, werde nicht gestellt, präzise Analysen fehlten.

Die Kritik von Peukert endet hier nicht, und sie ist vernichtend. Es werde in den untersuchten Lehrbüchern „schlampig“ und „mit falschen Zitaten“ gearbeitet, oft gebe es keine empirischen Belege, keine theoriegeschichtlichen Bezüge, kritische Diskurse schon gar nicht. Vielmehr würden alternative Bausteine ausgeklammert und die fragwürdigen neoklassischen Annahmen als selbstverständlich hingenommen. Strömungen wie der Post-Keynesianismus oder die Historische Schule würden nicht berücksichtigt. Staat und Gewerkschaften hätten lediglich die Rolle als „dumme Störenfriede“ einzunehmen; die Demokratie – sowieso eine Mission impossible: Ökologie, Sozialpolitik würden randständig behandelt; öffentliche Güter gelten als tendenziös.

Ach ja – die Finanzkrise. Bis heute, so Peukert, gäbe es keine Selbstkritik in den Lehrbüchern, konzeptionelle Änderungen? Fehlanzeige. Dogmatisch würden Mankiws Grundregeln gepredigt: Durch Handel könne es jedem besser gehen; Märkte wären per se gut; bringe der Staat Geld in Umlauf, stiegen die Preise; Kreditgeldschöpfung aus dem Nichts existiere nicht; Investitionen des Staates würden private Investitionen verdrängen (Crowding-Out).

… wie die Quantenphysik von Newton

Carl Christian von Weizsäcker, eine Koryphäe im deutschen Universitätsbetrieb der VWL, scheint von all dem unbeeindruckt. Erst einmal holt er tief Luft und dann weit aus. Fast im Plauderton erzählt er In Anspielung auf Graupe über seine ganz eigenen Erfahrungen zur Bewusstseinsforschung – nämlich über sein weit gestrecktes Studium über Jura, Soziologie, Germanistik, Geschichte und schließlich Mathe und der VWL. Erst dieser Exkurs hätte ihm gezeigt, wie wichtig das „Axiom der Mathematik“ sei, welches das Problem der Begrifflichkeit löse. In den weichen Wissenschaften hingegen würde man „Pudding an die Wand nageln“.

Überhaupt sei die von Graupe kritisierte Mathematisierung der ökonomischen Theorie durch Paul Samuelson die Grundlage seines Erfolges sowie des seiner Schüler im Massachusetts Institute of Technology (MIT) und in der Weltbank gewesen. Dabei sei das „1mal1 der Neoklassik“ als Methode zum Verständnis der Ökonomie so elementar „wie die Quantenphysik von Newton“ und Ökonomie schließlich „eine empirische Wissenschaft“. Deren Gründungsvater Adam Smith sei ein Kind der Aufklärung, der die zentrale Frage aufgeworfen hätte: Wie verstehen wir eine Gesellschaft von freien Bürgern, also eine arbeitsteilige Gesellschaft in einer „spontanen Ordnung“. Das wäre der „logische Kursus des allgemeinen Gleichgewichts.“

Weizsäcker verteidigt also all das, was die Tagung in Tutzing diskutieren und hinterfragen will: Die Vorstellung einer objektiven Wissenschaft, die ihren Erkenntnisbereich realitätsgetreu abbildet; dass der neoklassische „Mainstream“ mit dem Wahrheitsanspruch einer Naturwissenschaft auftreten würde.

Auch der Vorwurf Graupes und Peukerts, dass die Lehrbücher auf einer Ablehnung des Staates basieren würden, ist für ihn „abwegig“. Die Theorie der öffentlichen Güter sei doch ein Plädoyer für staatliche Aktivität, findet Weizsäcker, während Graupe – jetzt vom Plenum – einwendet, dass dieses bei Microeconomics aber erst im 18. Kapitel ganz am Ende des Buches zu finden ist.

„thinking like an economist“

Nun kann man sich fragen, inwieweit die Vielfalt der Lehre, das Weizsäcker an seinem eigenen Werdegang exemplifiziert, für die heutige Studentengeneration zutreffend ist. Genau das taten die jungen Wissenschaftler Stephan Pühringer und Lukas Bäuerle. Unter dem Titel „Wie denken zukünftige Ökonom_innen?“ referierten sie über ihren Versuch, den Status Quo der Lehre auf der alltäglichen Ebene zu rekonstruieren – VWL als alltägliche Lebensrealität.

Pühringer und Bäuerle befragten dafür Studenten verschiedener deutscher Universitäten. Ihr Befund: Die Lebensrealität drücke sich in einer „Homogenität der Erfahrungen“ der Studierenden aus. Es gäbe ein „hohes Standardisierungsniveau“, wobei die Mathematik „als Katalysator monistischer Studieninhalte“ diene. Zudem führe das Studium zu einer „Internalisierung ökonomischer Denk- und Handlungsgewohnheiten“ im Alltag und in der politischen Wahrnehmung.

Als fiktives Beispiel führen sie die Frage der Größe der Belegschaft in einem Unternehmen an. Soll das Unternehmen alle 100 Beschäftigten behalten und nur geringen Gewinn abwerfen, oder im Sinne der Gewinnmaximierung die Belegschaft auf 50 Beschäftigte halbieren? Während Nicht-Ökonomen zu ersterer Option tendieren würden, so Pühringer und Bäuerle, neigten Studenten der VWL überwiegend zur Gewinnmaximierung.

So entstünde eine mehrfache Kluft zwischen den realweltlichen ökonomischen Erfahrungen/Anforderungen der Studenten und dem im Studium vermittelten Inhalten: Die Befähigung zum Verständnis realer ökonomischer Phänomene würden durch die Inhalte des Studiums nicht ermöglicht; die Vermittlung von praktischen Wissen sei zu abstrakt und isoliert von konkreten Tätigkeitsfeldern; das Studium stehe im moralischen Widerspruch zu der Motivation, gesellschaftliche Verantwortung durch ein ganzheitliches Wissen über die Funktionsweise von Ökonomie übernehmen zu können. Diese Kluft würde letztlich durch „moral outsourcing“ überbrückt.

Die Frustration der Studenten, entgegnete wiederum Weizsäcker, sei doch gerade das Ziel – die mathematische Grundausbildung diene auch der Selektion. Auch Ulrich Witt, emeritierter Direktor der ehemaligen Abteilung Evolutionsökonomik am Max-Planck-Institut in Jena, will das Bild, das Pühringer und Bäuerle zeichnen, nicht unkommentiert lassen: „Nur ein Viertel der Studenten liest den Wirtschaftsteil in den Zeitungen“. Zu seiner Zeit, so Witt, wäre zwar die Ausbildung heterodoxer gewesen, die gleiche Frustration wurde dennoch empfunden.

Pluralismus – oder die Fehlbarkeit von Theorien

Sebastian Dullien macht den Kritikern auf der Tagung etwas Hoffnung. Der ehemalige Wirtschaftsredakteur bei der Financial Times Deutschland, heute Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations, meint, dass es seit der Finanzkrise große Sympathien der Medien für Pluralismus in der VWL-Lehre gäbe. Und der sei auch wichtig für die Politikberatung, wo er bisher ebenfalls einen schweren Stand habe. Dullien nennt exemplarisch einen Kommentar von Niklas Potrafke in der FAZ. Potrafke schrieb, mit Minderheitenvoten wie die von Peter Bofinger im Sachverständigenrat werde die Politikberatung beschädigt.

Dullien verteidigt den Pluralismus, indem er die Fehlbarkeit von Theorien auch in der Naturwissenschaft benennt: Das Ptolemäisches Weltbild (16. Jahrhundert), die Phlogiston-Theorie (18. Jahrhundert), die Ablehnung der Existenz der Kontinentaldrift bis in die 1950er oder die Rolle von Viren bei der Entstehung von Krebs bis in die 1970er Jahre. Anders aber als die Physik oder Chemie, so Dullien – nicht ohne Seitenhieb auf Weizsäcker – habe die VWL heute eine schlechte Prognosefähigkeit für Alltagsphänomene wie die Finanzkrise. Denn anders als die Naturwissenschaft sei die Ökonomie wertbeladen, die Position von Ökonomen zu wichtigen Politikmaßnahmen hänge von deren Werteinstellungen ab. „Objektivität“, wusste schon Max Weber, sei in den Sozialwissenschaften, zu denen Dullien die VWL zählt, schwer einzuhalten.

Umso mehr sei es für Politiker empfehlenswert, nicht allen Ökonomen zu trauen. Denn es gäbe eine „Beharrungskraft des Status Quo“ – auch wenn dieser falsch sei. Das hänge mit der Reputation und der Plausibilität des Narrativs zusammen, der als Filter für die Wahrnehmung der Politiker diene.

Dass es sich aber manchmal durchaus lohne, gegen die Empfehlungen der politischen Berater zu handeln, zeigt Dullien anhand des Konjunkturprogramms als Reaktion auf die Finanzkrise 2008 und die Einführung des Mindestlohns 2015, vor denen der Sachverständigenrat jeweils vehement warnte. Das Konjunkturpaket führte entgegen dessen Prognosen zu einer schnellen Erholung der Wirtschaft, und die Verluste von hunderttausenden Jobs durch den Mindestlohn bewahrheiteten sich ebenfalls nicht. Ein weiteres Beispiel ist die Verteilungswirkung des Freihandels. Laut Ökonomen wie Paul Krugman habe dieser wenig Einfluss auf die wachsende Ungleichheit. Heute wisse man: Der internationale Handel habe in einzelnen Regionen zu großen Ungleichheiten geführt.

Versperren nicht, fragt die Chefredakteurin des Wirtschaftsdienstes Brigitte Preissl, Mythen wie jener, das Schulden schlecht seien, den Einfluss der Politikberatung auf die Politik? Dullien stellt eine Gegenfrage: Sei dieser Mythos nicht vielmehr das Ergebnis der Pfadabhängigkeit der bisherigen Politikberatung?

Zu dieser Pfadabhängigkeit, so Dullien, führe auch das Berufungssystem zu den wissenschaftlichen Beiräten auf Lebenszeit. Ein sinnvolles Gegenbeispiel wäre vielleicht der Council of Economic Advisers, dessen Mitglieder vom US-Präsidenten mit Zustimmung des Senats ernannt werden. Weizsäcker, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Wirtschaftsministeriums, pflichtet Dullien bei: Die Tendenz zur Homogenität sei gegeben, weil ähnlich gesinnte nachrücken würden.

Was also kann man tun? Und wo trägt die Wissenschaft Verantwortung gegenüber der PR als „Gatekeeper of public opinion“ (Graupe)? Man müsse, so schließt Dullien seinen Vortrag am sonnigen Samstagmittag vor dem Mittagessen, den Pluralismus in „zitationsfähige Positionen“ rücken.

Der zweite Teil des Berichts wird einen Blick auf die Netzwerke des Marktes, die Arbeit der Satiresendung „Die Anstalt“ und die Abschlussdiskussion der Tagung werfen.

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