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Aufgelesen | 25.05.2018 (editiert am 28.05.2018)

Ein Brief aus Ramallah

Die dramatischen Ereignisse der letzten Wochen in Palästina sind aus deutscher Sicht nicht leicht angemessen zu würdigen. Insbesondere ist die Frage, wie wichtig Jerusalem für die Palästinenser ist, von Europa aus kaum nachzuvollziehen. Ein Brief, den wir aus Ramallah bekommen haben, zeigt das sehr klar.

Mein früherer Kollege und Freund Raja Khalidi schrieb mir vor wenigen Tagen die folgenden Zeilen, nachdem ich mich nach der Lage in Palästina erkundigt hatte:

„Du brauchst dir keine Sorgen um jene von uns zu machen, die sich in der Sicherheit der neoliberalen Hauptstadt Palästinas sonnen. Es ist die arme, hoffnungs- und machtlose Masse in Gaza, die den Preis dafür zahlt, dass die Palästinenser sich weigern, sich zu ergeben.

Die Entscheidung Donald Trumps, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, hat das Gleichgewicht völlig durcheinander gebracht. Es war ein Schlag ins Gesicht aller Palästinenser. Die Einstellung der USA ist jetzt noch feindseliger gegenüber jeglichen palästinensischen Rechten. Sie stehen in einem gefährlichen Bündnis mit Israel und Saudi-Arabien, das zu einem weiteren regionalen Krieg mit Iran, Syrien und der Hisbollah führen könnte.

In vielerlei Hinsicht wurde das Feld noch nie so sehr zugunsten Israels bestellt, das sich im Segen der USA, seiner Eurovisionspopularität und seiner Rolle als Abschreckung gegen den Iran sonnt. Die Palästinenser erscheinen und fühlen sich daher marginaler denn je.

Doch jede Wolke hat ihren Silberstreifen, zumindest aber ist immer das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen im Spiel: Wie ein ehemaliger US-Diplomat sagte, statt „Jerusalem vom Tisch zu nehmen“, wie Trump seine Entscheidung beschrieb, ist jetzt „Jerusalem der Tisch“. Und wenn eines die Palästinenser und sogar die arabischen Völker vereint, dann ist es Jerusalem.

Tatsächlich steht Jerusalem seit fünf Jahren im Mittelpunkt des populären Widerstandes gegen Israel: Nach der Ermordung und Verbrennung des Kindes von Abu Khdeir durch verrückte Siedler, den einsamen Wolfsmesser- und Autorammangriffen von 2015-2016, den gewaltfreien Massenprotesten im letzten Sommer um die Al-Aqsa-Moschee und jetzt als Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Gaza bis zur Westbank.

Ferner sind alle drei Parteien dieses unheiligen Bündnisses auf unsicherem nationalem und internationalem Boden: Trump mit seinen Skandalen und seiner tyrannischen Diplomatie, Netanyahu bedrängt durch Korruptionsermittlungen, der sich möglicherweise mit seinem iranisch-syrischen Vabanquespiel übernommen hat. Das Letzte, was sich die Israelis wünschen, ist ein Krieg mit Flugkörpern, die vom Norden regnen. Und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman ist noch nicht König geworden und sein bisheriger steiniger Weg, so beeindruckend er auch sein mag, ist mit inneren und äußeren Gefahren behaftet.

Am wichtigsten aber ist, dass die Araber in den besetzten Gebieten, in Jerusalem und im Land des historischen Palästinas, anstatt vertrieben oder assimiliert worden zu sein, jetzt fast demographisch gleichgestellt sind mit den Juden. Sie sind nicht entwurzelt worden, sie können es nicht sein, und sie bauen, wachsen, lernen und leisten nach 70 Jahren erstaunlicherweise immer noch Widerstand.

Folglich bin ich taktisch pessimistisch, aber strategisch hoffnungsvoll.“

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