Thomas Straubhaar, Bild: INSM via flickr / CC BY-ND 2.0
Kommentar | 04.05.2018 (editiert am 24.05.2018)

Ein Star-Ökonom und seine Prognosen

Thomas Straubhaar sieht die Welt in einem dramatisch schnellen Veränderungsprozess, der zu einer Bedrohung für die Wirtschaftswissenschaften werde, da ökonomische Vorhersagen immer schwieriger würden. In der Tat lag der Ökonom bereits mit früheren Prognosen oft weit daneben.

Thomas Straubhaar, ehemaliger Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, zählt zweifellos zum Kreis der bekanntesten und gefragtesten Ökonomen in Deutschland, was sich nicht nur in zahllosen Gastbeiträgen und Interviews in Zeitungen und Zeitschriften wie der „Welt“, der „Zeit“, dem „Handelsblatt“, der „Süddeutschen Zeitung“, dem „Cicero“, dem „Spiegel“, dem „Focus“ oder dem „Stern“ widerspiegelt, sondern auch in Bezeichnungen wie „Star-Ökonom“ (Focus, Handelsblatt), „Top-Ökonom“ (Welt) und Ähnlichem.

Mit seinem neuen, in der vorletzten Woche erschienenen Artikel Prognosen von Ökonomen werden zur reinen Spekulation heize Thomas Straubhaar der Ökonomenzunft mächtig ein, meint die „Welt“ in ihrer Einleitung zu dem Beitrag. Straubhaars zentrale These lautet dort:

„Mit ihren Theorien versuchen Wirtschaftswissenschaftler, anhand der Vergangenheit die Zukunft vorherzusagen. Doch im Zeitalter der Digitalisierung funktioniert das nicht mehr. Die Ökonomen müssen umdenken.“[1]

Gravierende Veränderungen, spekulative Prognosen?

Straubhaar beruft sich zunächst auf den britischen Economist, der kürzlich den Ökonomen vorgeworfen hatte, zu wenig über die Ursachen des Wirtschaftswachstums zu wissen. Das sei – so Straubhaar – richtig, aber es komme in der jüngeren Vergangenheit erschwerend dazu, dass mit der Digitalisierung derart schnelle und drastische technologische und gesellschaftliche Veränderungen und Brüche einhergingen, dass bisher geltende Gesetzmäßigkeiten keine Gültigkeit mehr hätten. Die Welt von morgen werde mit der Welt von heute nur noch wenig gemein haben. Wenn aber die Zukunft ganz anders sein werde als die Vergangenheit, lasse sich aus letzterer kaum noch auf erstere schließen. Während es früher noch möglich gewesen sei, Trends aus der Vergangenheit verlässlich in die Zukunft zu extrapolieren, biete bereits heute die Vergangenheit keine Orientierungshilfe für die Zukunft mehr. Immer weniger werde man zukünftig aus der Vergangenheit brauchbare Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen können.

Für die Ökonomik stelle dies eine „fundamentale Bedrohung“ dar, gerade, was ihre Vorhersagen betreffe: „Vermeintlich sichere Prognosen erweisen sich zunehmend als reine Spekulation.“ Die Ökonomen sollten daher das beherzigen, was der „Economist“ zur Erklärung des Wirtschaftswachstums anmerkt:

„Bis sie in diesem Bereich bessere Antworten geben können, sollten Wirtschaftswissenschaftler mit größerer Demut darüber sprechen, wie diese Strukturreform oder jene Steueränderung das langfristige Wachstum beeinflussen könnten. Sie haben das Recht auf Vertrauen nicht verdient“ (Übersetzung durch Thomas Straubhaar).

Wenig Dramatisches in den Statistiken

Die Berufung Straubhaars auf den „Economist“ verwundert etwas, weil dieser – im völligen Gegensatz zu Straubhaar – mit der Gruppe von Forschern sympathisiert, die eine Erklärung des Wachstums aus der Geschichte herleiten wollten. Diese hätten zwar – so der „Economist“ –  mit dem Problem zu kämpfen, dass zu wenig zuverlässige Daten zur Verfügung stünden, aber „ihr Ansatz ist in gewisser Weise der vielversprechendste […]“ (hier, Übersetzung G.G.).

Aber dies ist nicht der eigentliche Punkt. Zunächst wüsste man gern, worauf Thomas Straubhaar seine Behauptung eines in jüngerer Zeit immens beschleunigten „Tempos der Veränderungen“ stützt. Selbstverständlich umfasst technischer Fortschritt mehr als nur eine Steigerung der Arbeitsproduktivität. Dennoch müsste sich ein technologischer Wandel, der – wie Straubhaar meint – „rasend schnell“ verläuft, auch in einem relativ hohen Produktivitätszuwachs widerspiegeln – einige Beobachter gehen ja sogar von regelrechten Produktivitätssprüngen als Folge der zunehmenden Digitalisierung aus.

Davon allerdings ist in den Daten bisher wenig zu sehen. Tatsächlich sind in den entwickelten Marktwirtschaften die Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität heute deutlich niedriger als in der Vergangenheit. So zeigt etwa eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) vom letzten Jahr eine merkliche Verlangsamung des Produktivitätsfortschritts in den G7-Volkswirtschaften spätestens seit der Jahrtausendwende, in den meisten dieser Länder sogar schon ab den 1970er Jahren.[2]

Wer – wie Straubhaar – behauptet, dass wir uns in einer Zeit eines nie da gewesenen Tempos technologischer Veränderungen befinden, müsste eigentlich nach einer Erklärung dafür suchen, warum dies nirgendwo aus den Statistiken hervorgeht. Zumindest aber sollte er darstellen und begründen, warum und auf welche Weise nunmehr alle „früher und bis anhin geltenden Gesetzmäßigkeiten“ außer Kraft gesetzt werden, so dass seriöse Prognosen immer weniger möglich sind. Der alleinige Verweis auf einen stark beschleunigten technischen und sozialen Wandel (und dies auch noch ohne Beleg), der dafür gesorgt habe, „dass eigentlich alles neu und anders geworden ist und wenig bis nichts so sein wird, wie es früher war“ (so Straubhaar wörtlich), reicht da nicht aus.

Doch viel mehr dazu findet sich bei Straubhaar leider nicht. Stattdessen reiht er munter Schlag- und Reizworte wie Drohnen, Roboter und künstliche Intelligenz aneinander, mit denen sich trefflich Ängste schüren lassen.

Spektakuläre Fehlprognosen

Interessant ist, dass Thomas Straubhaar in den vergangenen Jahren immer wieder mit aufsehenerregenden Prognosen in die Öffentlichkeit getreten ist. Nun könnte man vermuten, dass es sich dabei um kluge und weitsichtige Vorhersagen gehandelt hat, denn wie wäre sonst seine hohe Medienpräsenz zu erklären? Doch davon kann keine Rede sein.

Um nur drei Beispiele zu nennen: Wie fast alle seiner (neoklassischen) Kollegen wurde auch Straubhaar von der globalen Finanzkrise 2007-2009 kalt erwischt. Eigentlich durfte es eine solche Krise nach der herrschenden Lehre ja gar nicht geben, mithin konnte es sich allenfalls um ein kurzfristiges Phänomen, ein Versehen sozusagen, handeln. Entsprechend prognostizierte Thomas Straubhaar im September 2008:

„Für Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsentwicklung in Deutschland werden die Turbulenzen nach dem Winter 2008/2009 überwunden sein“ (zitiert nach spiegel.de).

Eine Wiederbelebung schon im Frühjahr 2009? Nicht ganz: Tatsächlich verzeichnete die deutsche Wirtschaft im Jahr 2009 ihren stärksten Einbruch der gesamten Nachkriegszeit, bei dem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 5,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr schrumpfte.

Und dann das: Schuldenfinanzierte, milliardenschwere Konjunkturprogramme, eine starke Ausweitung der Zentralbankgeldmenge als Ergebnis der Anti-Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) – das konnte für einen Neoklassiker wie Straubhaar nur Inflation bedeuten. „Star-Ökonom rechnet mit Horror-Inflation“ meldete focus.de in einem Artikel von Februar 2009, in dem der Star-Ökonom Thomas Straubhaar mit den Worten zitiert wird:

„Schon in einigen Monaten wird die Inflation [in Deutschland; Anmerk. d. Verf.] deutlich nach oben schießen.“

In Wirklichkeit betrug die Inflationsrate in Deutschland (gemessen an der Veränderung des Verbraucherpreisindex gegenüber dem Vorjahr) im Jahr 2009 nur 0,3 Prozent und lag damit weit unterhalb der von der EZB angestrebten Preissteigerungsrate von „unter, aber nahe 2 Prozent“. In keinem der folgenden Monate des Jahres 2009 (März bis Dezember), in denen sie ja mit ihrem sprunghaften Anstieg beginnen sollte, lag die Inflationsrate (gegenüber dem Vorjahresmonat) bei mehr als 0,8 Prozent, in zwei Monaten rutschte sie sogar ins Minus.

Straubhaar war sich indes sicher: Er gehe von „einer Geldentwertung zwischen fünf und zehn Prozent pro Jahr für die Zeit nach 2010“ (zitiert nach focus.de) aus.[3] Und obwohl im Verlauf des Jahres 2009 nichts auf eine solche Entwicklung hindeutete, bekräftigte Straubhaar seine Prognose etwa sieben Monate später noch einmal in einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“:

„Die Geldentwertung wird so stark ausfallen wie seit Anfang der 1990er-Jahre nicht mehr. Der Grund: Es wurde sehr viel Geld in die Märkte gepumpt. Zudem muss der Staat von seinen explodierenden Schulden herunterkommen. Da ist Inflation eine sehr einfache Lösung“ (Neue Osnabrücker Zeitung, 12.9.2009).

Die Inflationsrate zu Beginn der 1990er Jahre, auf die sich Straubhaar bezieht, lag übrigens bei durchschnittlich rund 4 Prozent jährlich, mit einem Höchstwert von 5,1 Prozent im Jahr 1992.

Straubhaars Prognose erwies sich als grandioser Unsinn: Tatsächlich bewegte sich die jährliche Inflationsrate in Deutschland von 2010 bis 2017 zwischen 0,3 und 2,1 Prozent und lag im Durchschnitt bei knapp 1,3 Prozent. Eine Horror-Inflation sieht anders aus.

Es überrascht kaum, dass Straubhaar auch ein entschiedener und lautstarker Gegner des am 1. Januar 2015 in Deutschland eingeführten flächendeckenden Mindestlohns war. Anders als etwa Hans-Werner Sinn, der die Vernichtung von gut einer Million Arbeitsplätze bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro voraussagte (hier), nahm Staubhaar zwar keine Bezifferung der Jobverluste vor, aber die Botschaft war dennoch eindeutig: Auf die Frage, welchen Effekt ein Mindestlohn in Deutschland hätte, antwortete Straubhaar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in einem Interview:

„Ein Mindestlohn in Deutschland ist schädlich. Er vernichtet Arbeitsplätze. Die Folge in Deutschland sind Arbeitsplatzabbau und Rationalisierung.“[4]

Auch diese Vorhersage war – wie heute kaum noch jemand bestreitet – völlig falsch. Um jetzt Missverständnissen vorzubeugen: Wirtschaftsprognosen sind schwierig, immer mit Unsicherheiten verbunden und daher fehlerbehaftet. Wenn sie aber komplett in die falsche Richtung gehen – wie bei Thomas Straubhaar in den obigen Beispielen – , sollte man schon die Frage nach den Ursachen stellen.

Falsche Theorien, falsche Ergebnisse

Und die liegen keineswegs in der zunehmenden Digitalisierung und dem beschleunigten technologischen und gesellschaftlichen Wandel, die seriöse Prognosen unmöglich machen, wie man nach den Ausführungen Straubhaars vielleicht vermuten könnte. Sie liegen vielmehr in der (nicht nur von Straubhaar) verwendeten Theorie:

  • Wer die wirtschaftliche Entwicklung auf Basis der gängigen Mainstream-Modelle – insbesondere der weit verbreiteten DSGE-Modelle (Dynamic Stochastic General Equilibrium) – analysiert, die gar keinen Finanzsektor enthalten (oder diesen bestenfalls nur als eine Quelle von Friktionen behandeln, welche die Konvergenz zum Gleichgewicht verlangsamen), muss sich nicht wundern, dass er die globale Finanzkrise nicht vorhersehen und damit auch ihre Auswirkungen nicht abschätzen konnte.

DSGE-Modelle sind dadurch gekennzeichnet, dass sie mikrofundiert sind. Sie stellen auf eine Reihe „repräsentativer Agenten“ (z.B. einen typischen Haushalt oder ein typisches Unternehmen) ab, die interagieren.[5] Mit den hochkomplexen und abstrakten mathematischen Modellen wird versucht, gesamtwirtschaftliche Phänomene wie Wirtschaftswachstum oder Konjunkturzyklen zu erklären.

Trotz ihrer Komplexität weisen die DSGE-Modelle erhebliche Defizite auf. Letztendlich handelt es sich um Modelle einer „realen Volkswirtschaft“ ohne Finanzsektor und ohne Geld[6], in der alle Menschen stets ihre Schulden begleichen und sich rational verhalten, was auch bedeutet, dass sie niemals in die Massenhysterie einer Blase geraten können. Es dürfte unmittelbar einleuchten, dass sich auf Grundlage solcher Modelle das Auftreten und die Folgen einer Finanzkrise nicht erklären lassen.

  • Wer mit der Inflationstheorie des ökonomischen Mainstream, die fälschlicherweise einen festen Zusammenhang zwischen Geldbasis und Geldmenge einerseits sowie zwischen Geldmenge und Inflation andererseits (letzteres auf Basis der Quantitätstheorie des Geldes) unterstellt, die Inflationsentwicklung prognostizieren will, muss zwangsläufig zu unsinnigen Ergebnissen gelangen (dazu ausführlicher hier und hier).
  • Wer unbeirrt an die Richtigkeit der Grenzproduktivitätstheorie der Arbeit glaubt (zur Kritik hier), die eine Messbarkeit der Produktivität jeder einzelnen Tätigkeit voraussetzt (vgl. auch Straubhaar in diesem Podcast), verstellt sich damit die Möglichkeit, die Beschäftigungseffekte eines gesetzlichen Mindestlohns realistisch zu analysieren.

Die systematischen Fehlprognosen Straubhaars sind also hausgemacht. Vielleicht sollte Straubhaar ja, statt mit immer neuen Voraussagen aufzuwarten – wie jetzt wieder der durch eine abnehmende Prognosefähigkeit bedrohten Wirtschaftswissenschaften –, die von ihm vertretene theoretische Position einmal kritisch überdenken. Und es wäre ihm zu empfehlen, seinem eigenen, vom „Economist“ inspirierten Ratschlag in leicht abgewandelter Form zu folgen: Nämlich „mit größerer Demut darüber sprechen“, wie sich diese oder jene wirtschaftspolitische Maßnahme oder neue Entwicklung auf die Volkswirtschaft auswirken wird. Den Medien wiederum kann nur dringend geraten werden, nicht länger angeblichen „Star-Ökonomen“ eine Plattform zu bieten, die sich bereits in der Vergangenheit mit grandiosen Fehlprognosen blamiert haben.


[1] Straubhaar stellt diese These in ähnlicher Form auch an anderer Stelle vor. Vgl. Aargauer Zeitung vom 19.4.2018: Und sie wiederholt sich nicht
[2] Auch andere Studien zeigen eine Produktivitätsverlangsamung in den entwickelten Volkswirtschaften. Vgl. z.B. Erber, G./Fritsche, U./Harms, P. 2016 und OECD 2015.
[3] Zu einer damaligen Kritik an dieser Vorhersage siehe hier.
[4] Da die politischen Entscheidungsträger und auch deren Wähler offenbar nicht bereit seien, sich – so Straubhaar – „die klugen ökonomischen Argumente [gegen Mindestlöhne; Anmerk. d. Verf.] zu Eigen zu machen“, schlug er vor, aktiv einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn auf niedrigem Niveau anzubieten, um Schlimmeres zu verhindern. Denn es gelte: „je tiefer der Mindestlohn ist, umso geringer sind seine volkswirtschaftlichen Schäden in Form von Beschäftigungsverlusten.“ (hier)
[5] Unter „Mikrofundierung“ ist – etwas vereinfacht dargestellt – zu verstehen, dass versucht wird, in einem makroökonomischen Modell das Verhalten der verschiedenen wirtschaftlichen Akteure durch mikroökonomische Theorien zu erklären. Die Grundlage der DSGE-Modelle sind folglich mikroökonomische Erkenntnisse etwa über Arbeitsmärkte, Produktivität etc. Diese Modelle sind dynamisch („dynamic“), d.h. sie nehmen für sich in Anspruch, die Entwicklung der Volkswirtschaft über die Zeit prognostizieren zu können, und sie sind zudem stochastisch („stochastic“), womit gemeint ist, dass sie die Berücksichtigung eines Grades an Unsicherheit über Entwicklungen der Zukunft inklusive vor allem systematischer Schocks erlauben.
[6] Inzwischen gibt es (wenig überzeugende) Bemühungen, den DSGE-Modellen Finanzsektoren hinzuzufügen. Zumindest einige Mainstream-Ökonomen wie etwa Willem Buiter haben die Sinnlosigkeit der Entwicklung solcher Modelle erkannt (hier).

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