Kommentar | 08.05.2018 (editiert am 13.05.2018)

Ohne Lieferhelden wären wir geliefert

In einer Gesellschaft, die sich mehr und mehr per Onlinebestellung mit Konsumgütern eindeckt, da ist der, der die Waren ranschafft, in einer prosperierenden Rolle. Das möchte man jedenfalls meinen.

In den letzten Jahren haben wir uns zu einer Bestell- und Anliefergesellschaft entwickelt. Per Klick bis vor die Haustür: Das ist mehr als ein Serviceangebot – es ist ein Lebensgefühl geworden. Konnte man früher bei Otto oder Quelle Klamotten und Möbel nach Hause bestellen, so hat sich die Palette der lieferbaren Ware vergrößert. Selbst Blumen werden mittlerweile online bestellt und vom Paketboten gebracht. Und die Pizza, die man vor Zeiten noch mühselig mit einigen Sätzen bei einem Telefonat bestellen musste, kann heute wortlos per App und Klick bestellt werden.

Hierzu wächst auch die Armada der Lieferdienste an. Wobei das Wort Lieferdienst oft verschleiert, denn es handelt sich nicht um gut organisierte Unternehmen, die etwas von ihren Mitarbeitern vorbeibringen lassen, sondern um schlecht ausgestattete Lieferanten im Privat-PKW oder behelmte Radler. Letztere kariolen die Pizza geschickt durch den Feierabendstau der Großstädte, oft unter halsbrecherischem Einsatz, weil Zeit ja bekanntlich Geld ist und weniger verbrauchte Zeit auch einen warmen Teigfladen garantiert, der nicht vom Kunden reklamiert werden muss. Der Lieferant mausert sich gewissermaßen zu einer neuen sozialen Klasse, deren Geschäftsmodell leider nicht beinhaltet, auch sozial klasse im Sinne von sozialem Ausgleich zu sein.

Der systemrelevante Typ: Paketbote, Ausfahrer, Lieferheld

Gesucht wird fast überall: Jemand, der belastbar, flexibel und kundenorientiert ist, und der sich vorstellen kann, etwas auszuliefern. Schilder an Läden und Gaststätten, an Apotheken und Supermärkten dokumentieren die händeringende Suche nach zuverlässigen Ausfahrern. Selbst an Postfilialen hängen Plakate, die anheuern wollen. Zwar schreiben die Menschen immer weniger Briefe, stampft man die tägliche Ausfuhr der Briefpost ein, stellt immer öfter auch Briefträger in Mini- und Midijobs an oder lässt sie über einen Subunternehmer ausfahren – aber Paketfahrer sucht die Post unter Hochdruck.

Kein Wunder, das Kaufverhalten hat sich massiv verändert und die Zukunftsaussichten verheißen noch mehr Couchshopping als es jetzt schon gibt. Irgendwer muss die bestellten Artikel ja dann vor die Haustür schleppen. So ein Wachstumsmarkt bietet freilich mehreren Dienstleistern Platz – ob nun Post, DPD, Hermes, GLS oder UPS: Sie alle suchen stets, eigentlich kontinuierlich jemanden für die eigene Zustellflotte.

Der »An-die-Tür-Bringer« erlebt eine Hochkonjunktur. Anlieferer ist der Beruf der Stunde in der Bestellklickokratie. Lieferheld nennt sich sogar eine der vielen Bestell- und Lieferapplikationen, die man sich momentan downloaden kann. Da kommt dann nicht nur ein Paket- oder Speisenbote vorbei: Nein, ein richtiger Held klingelt an der Haustür, ein Lieferheld kommt die Treppe hochgestapft, der Heroe unseres Onlineshopping-Zeitalters, der systemrelevante Typ schlechthin. Ohne ihn bräche das gemütliche Geschäftsmodell, das den Kunden im bequemen Liegestuhl belässt, um dort zu stöbern und den Einkauf per Maustaste zu absolvieren, in sich zusammen. Ein Klick ohne jemanden, der dann ausführt, was bestellt wurde (der zusammensucht, in ein Paket steckt, zuklebt, es beschriftet und endlich auch ausfährt), ist doch relativ sinnbefreit. Ohne Lieferhelden wäre dieses gemütliche System geliefert.

In der Werbung läuft der Lieferheld dann auch stilecht mit einem Superman-Cape über Hausdächer und er beglückt dabei eine entzückte Kundschaft. Leute, die offenbar ziemlich sicher wissen, dass die Person, die eben die Bestellung bis auf jener Fußmatte absetzte, die den Übergang in die Wohnräume des Bestellers ausweist, eine große Bürde für sie übergenommen hat. Die logistische Selbstüberlegung, wie man dies oder jenes befördert und ins Haus kriegt: Der Lieferheld hat das erledigt. Er hat es abgeholt, verladen, durch die Gegend gefahren und dann auch noch herangetragen bis an die Wohnräume. Natürlich hatte er Hilfe, aber er steht als letztes Rädchen im Getriebe vor der Kundschaft und erfreut sich der Wertschätzung für seine Dienstleistung. Nun ja, in der Werbung mag das so sein. Im realen Leben ist der Bote, ganz egal in welchem Metier, der lästige Klingler, dessen Verspätung man anmahnt und der dafür verantwortlich ist, dass die Bestellung gleich mal 5,95 Euro extra kostete. Aber wer Porto zahlt, der ist ja schließlich selbst schuld.

Eine gebrauchte Klasse – und trotzdem prekär

Es gibt doch genügend Möglichkeiten, sich das Porto zu sparen. Indem man den Mindestbestellwert einhält oder überschreitet etwa. Manchmal gibt es ja Aktionen von Online-Versandhäusern, da spart man sich die Beförderungsgebühr garantiert. Da freut sich das Konsumentenherz mit Internetzugang, denn dieses Porto stellt ja für viele nur einen Kostenfaktor ohne Wert dar. An der Haltung der Kundschaft zu den Versandkosten lässt sich deutlich ablesen, wie man zu der Dienstleistung, die ein Logistikunternehmen und nicht zuletzt dessen Bote anbietet, steht. Obwohl der Lieferant in dieser Gleichung des heimischen Einkaufens eine existenzielle Rolle einnimmt, quasi als Mittler zwischen Laden und Kunde fungiert, gilt »das Hinterhertragen der bestellten Ware« als lästiges Beiwerk, als etwas was man sich gerne sparen würde. Der Druck auf die Versandkosten ist eine Komponente, die die Arbeitsrealität der Lieferhelden prägt. Es muss billig sein, effizient, schnell, zuverlässig und gleichzeitig das immer höhere Bestellaufkommen in den Lieferfahrzeugen stemmen.

Obgleich man eine, ja eigentlich die gebrauchte Klasse in dieser schönen neuen Einkaufswelt ist, obwohl man jetzt schon weiß, dass in der Zukunft noch viel mehr Liefervorgänge abgewickelt werden müssen, als es jetzt schon ohnehin der Fall ist, bleibt der Lieferheld im Regelfall ein schlecht bezahlter Arbeitnehmer – oft dazu noch prekär beschäftigt, in Teilzeit oder auf geringfügiger Basis, teils als Scheinselbstständiger, der mit seinem privaten Gefährt sein Liefergeschäft bedient. Der Lieferant, ganz gleich ob bei GLS oder beim Pizzaservice um die Ecke, wird bei der Abwicklung von Verkaufs- und Geschäftsvorgängen als anpackende Hand benötigt, als realwirtschaftliche Größe in einem ansonsten digitalen Kontext.

Als gebrauchte Entität in dieser Rechnung endet der in der Werbung karikierte Lieferheld aber als Gebrauchsgegenstand. Er ist ein austauschbarer Faktor innerhalb des Abwicklungsmodells. Im Niedriglohnsektor, den ganzen Stolz der politischen Klasse im Lande, wartet die postindustrielle Reservearmee, die auch dank Hartz IV willig gehalten wird, einen Job in der modernen Gesindebranche anzutreten. Das Prekariat ist mit politischen Kalkül als ein Pool ersetzbarer Handlanger eingerichtet worden.

Neoliberales Wirtschaftswunder: Wohlstand für alle, die es sich leisten können

Eine benötigte Leistung führt zwangsläufig zu einem Angebot durch Nachfrage. Und letztlich damit auch zu Konditionen, die diese Nachfrage auch in pekuniären Wert widerspiegelt. Eine Arbeit wird ordentlich bezahlt, weil sie gesellschaftlich notwendig ist – oder eben sogar als systemrelevant angesehen wird. So jedenfalls nimmt man das in der naiven Theorie zuweilen an. Das Wirtschaftsmodell, welches wir aufrechterhalten und politisch stützen, blendet diese Logik aber völlig aus. Es geht davon aus, dass benötigte Arbeitskraft möglichst günstig zu haben sein muss. Besonders dann, wenn es sich um Arbeit in einem Tätigkeitsfeld handelt, für das man keine spezielle Ausbildung benötigt oder gar ein langes Studium.

Liefern kann schließlich jeder – und weil er es zu schlechten Konditionen tut, ist er unser Lieferheld. Selbstlos, ganz ohne sich gut dotiert entlohnen zu lassen. Der aktuelle Arbeitsmarkt meint es nicht gut mit den Leistungsträgern. Die FDP hat insofern recht, wenn sie sagt, dass Leistung sich wieder lohnen müsse. Sie meint es nur anders, denn mit »Leistungsträgern« meint sie nicht die buchstäblichen Lastenträger, die wir uns gesellschaftlich leisten, die wir alle in Anspruch nehmen und die nicht mehr wegzudenken sind von unserem Kaufverhalten. Leistung lohnt sich nicht: Und das ist nicht nur dekadent, weil wir uns bedienen lassen wollen, ohne dafür in fairer Weise aufzukommen.

Es ist auch noch ein Abgesang auf den Leistungsgedanken, denn Perspektiven bieten sich den dort Werktätigen nicht. Eine Art Versprechen sich hochzuarbeiten: Das gibt es nicht. Der Takt wird immer höher, wer heute sein Pensum schafft, wird sich morgen gefallen lassen müssen, demnächst einen Zahn zuzulegen. Der Bote wird möglichst günstig verbraucht, einer wird seine Stelle schon einnehmen, wenn er nicht mehr kann.

Was für eine Art von Wirtschaftswunder ist das, bei dem Bedarf geschaffen wird, aber diejenigen, die den Bedarf stillen, davon nicht leben können? Welche Wirtschaftspolitik soll das sein, die diesen Missstand nicht aufheben, nicht regulieren kann, weil sie so tut, als sei es eine Art ökonomisches Grundgesetz, wonach menschliche Arbeitskraft preiswert zu halten sei?

Dieser Arbeitsmarkt bietet keine Chancen. Er gestaltet sich in vielen dieser Jobs, die gezielt im Niedriglohnsektor gehalten werden, als ein sozialer Rückschritt innerhalb des technologischen Fortschritts. Der soziale Ausgleich hält nicht Schritt zu all den fortschrittlichen Möglichkeiten, die sich uns auftun.

Das ist ideologisch gewollt, denn der neoliberale Kapitalismus war stets als das elitäre Heilversprechen von einer fortschrittlichen Welt gedacht, an deren Erträge ein breiter Teil der Menschheit nicht teilhaben darf. In dieser Welt bestellen die einen und die anderen liefern. Aber bezahlen werden wir am Ende alle.

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