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Genial daneben | 07.05.2018

„Pekings wahre Macht“

Die armen Amerikaner haben sich in die Hand der Chinesen begeben, weiß die Welt zu berichten. Weil sie sich bei den Chinesen verschuldet haben, können die nun den Amerikanern drohen, ihre Kreditlinien zu kürzen.

Ein schönes Beispiel für die allgemein herrschende Konfusion in Geldfragen lieferten einige Medien anlässlich des Besuches des amerikanischen Finanzministers in Peking. Dort ging es um Handelsfragen, aber – nach Meinung vieler Journalisten – auch um die Frage, ob die Chinesen nicht in dem Handelsstreit „ihre wahre Macht“ (so die WELT hier) ausspielen. Diese Macht wird an der Tatsache festgemacht, dass die chinesische Notenbank der größte Einzelgläubiger des US-Regierung ist, weil sie in den vergangenen Jahrzehnten über 1000 Milliarden Dollar in amerikanischen Staatsanleihen angelegt hat.

Um diese Frage gibt es schon lange eine gewaltige Konfusion, die bis in die höchsten Ökonomenkreise reicht, weil die meisten Ökonomen leider immer noch nicht verstehen, was eine Zentralbank tut und welche Folgen das hat. So hat man beim Entstehen der chinesischen Reserven schon vermutet, die „bösen“ Chinesen saugten in großen Mengen „Liquidität“ von den Geldmärkten der Welt ab und machten auf diese Weise die amerikanische Geldpolitik wirkungslos. Andere mutmaßten von Anfang an, dass die Chinesen nichts anderes im Sinn haben, als auf diese Weise die Weltherrschaft an sich zu reißen. Nobelpreisträger spekulierten, dass man an den gewaltigen chinesischen Reserven einen „Sparüberschuss“ (savings glut) in China ablesen könne, der gewaltige Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben müsse.

Die Schulden der Amerikaner

„Bei keinem anderen Land“, schreibt die WELT, „haben die USA so hohe Schulden wie bei China. Schuldscheine des Washingtoner Finanzministers im Gesamtwert von rund 1200 Milliarden Dollar hat Peking in den vergangenen Jahrzehnten aufgekauft, finanziert überwiegend aus den Überschüssen im Handel. Hinzu kommen weitere 200 Milliarden Dollar, die Hongkong zugerechnet werden. Die ehemalige britische Kolonie gilt zwar als Sonderwirtschaftszone und wirtschaftet formal eigenständig, im Zweifelsfall hätte aber Peking auch Zugriff auf den Schatz der dortigen Währungsbehörde.

 China hält damit acht Prozent der gesamten am Markt ausstehenden Staatsschulden der US-Bundesregierung und ist damit gleichsam die Bank von Uncle Sam“, sagt Bernd Weidensteiner, Ökonom bei der Commerzbank. Und eine Bank hat natürlich die Möglichkeit, Kreditlinien zu erweitern, sie kann sie aber auch kürzen oder sogar eine sofortige Rückzahlung der Schulden verlangen. Konkret könnte China also mit dem Verkauf seiner US-Staatsanleihen drohen, was deren Wert verfallen und die Zinsen in die Höhe schießen ließe.“

Die armen Amerikaner haben sich in die Hand der Chinesen begeben, die, wie eine Bank, der amerikanischen Regierung die Kreditlinie kürzen und sie damit in gewaltige Schwierigkeiten bringen könnte! Man fragt sich da gleich zu Anfang, wann eigentlich die amerikanische Regierung als Nachfrager nach Krediten bei den Chinesen vorstellig geworden ist und um eine Finanzspritze gebeten hat. Man kann das Beispiel auch auf Europa übertragen, wo die Schweizerische Notenbank (SNB) der größte Gläubiger der meisten Eurostaaten ist. Auch hier ist nicht bekannt, dass Schäuble in der Schweiz gewesen wäre und um Kredite gebeten hätte.

Steigen die amerikanischen Zinsen?

Wenn man aber nicht um einen Kredit gebettelt, sondern Papiere auf einem anonymen Markt verkauft hat, kann es einem dann nicht vollkommen egal sein, wer die Titel hält, die man irgendwann auf den Markt geworfen hat? Die chinesische Zentralbank kann, wenn sie das wollte, die Papiere ja nur wieder auf dem extrem großen amerikanischen Markt verkaufen, wo sie sicher Käufer dafür finden wird. Wenn kurzfristig ein großes Angebot an Papieren auf den Markt käme, könnte es die Kurse drücken und der Zins stiege für ein paar Tage oder ein bis zwei Wochen.

Was sollten die Amerikaner daran fürchten? Sie könnten mit der Ausgabe neuer Papiere ein paar Tage warten, bis sich die Lage wieder beruhigt hat. Und die Lage wird sich mit Sicherheit beruhigen, weil der amerikanische Markt genau wie alle anderen Märkte für langfristiges Kapital in dieser Welt nicht losgelöst von den Märkten für kurzfristiges Kapital (oder Geld) ist und diese Märkte eindeutig und dauerhaft von niemand anderem beherrscht und gelenkt werden als von den nationalen Zentralbanken. Zwar könnte die amerikanische Zentralbank bei einem kurzfristigen Zinsanstieg sofort intervenieren (also ihrerseits die Anleihen des eigenen Staates kaufen) und die Zinsen wieder normalisieren, aber das braucht sie vermutlich nicht einmal zu tun, weil die Märkte sowieso wissen, dass es für die langfristigen Zinsen immer nur die gleiche Richtung gibt wie für die kurzfristigen.

Das Problem haben die Chinesen

Die Lage ist in Wirklichkeit jedoch viel schwieriger – allerdings für die Chinesen. Denn wie kam ihre Zentralbank an die amerikanischen Staatsanleihen? Nun, sie kaufte die Anleihen (schon länger ausgegebene oder neue tut nichts zur Sache) tatsächlich an den Märkten anderen Akteuren ab, denen sie dafür heimische Währung, also US-Dollars, gab. Woher aber nehmen, um es einmal so zu sagen, ausländische Notenbanken heimische Währung. Die bekommen sie eben nicht irgendwie automatisch aus „den Überschüssen im Handel“, sondern die bekommen sie nur, wenn sie an den Devisenmärkten intervenieren. Und zwar genau dann, wenn sie intervenieren, um ihre eigene Währung zu schwächen. Die chinesische Notenbank wie die Schweizer Notenbank haben jahrelang mit eigener, aus dem Nichts geschaffener Währung Dollars (die SNB vor allem Euros) aufgekauft, um eine Aufwertung ihrer eigenen Währung zu verhindern.

Ob das gerechtfertigt war, darüber mag man streiten. Es gibt aber überhaupt keinen Zweifel daran, dass die Umkehr dieser Aktion, also der Verkauf der amerikanischen Anleihen und der Umtausch der daraus erzielten Dollars in eigene Währung die eigene Währung enorm stärken würde, was nichts anderes heißt als Aufwertung des Renmimbi. Wenn die Chinesen also letzte Woche mit dem Verkauf der amerikanischen Anleihen gedroht hätten, dann wären die Amerikaner sicher mächtig erschrocken, denn dann hätten die Chinesen damit gedroht, ihre eigene Währung aufzuwerten. Das ist dummerweise genau das, was die Amerikaner wollen. So etwas scheint auch der WELT-Autor am Ende seines Artikels zu ahnen, verstanden hat er es aber sicher nicht.

Geld aus dem Nichts geht wieder ins Nichts

Es ist nämlich vollkommen aus der Welt, dass – wie das in der WELT anklingt – die chinesische Notenbank mit den Dollars, die sie nach dem Verkauf der amerikanischen Staatsanleihen in Händen hält, auf Einkaufstour in den USA geht oder die Dollars in andere Währungen umtauscht (deren Wechselkurs dann aufwertete und wiederum Interventionen der betroffenen Notenbanken auslösen würde, bei denen der Dollar womöglich wieder aufwertete). Die Weltgemeinschaft (und hier geht es um die Gemeinschaft der Notenbanken, die hinter den Kulissen – vor allem im Rahmen der BIZ – viel enger zusammenarbeitet als man es vermutet) kann Interventionen wie die chinesische und die schweizerische nur dann tolerieren, wenn das bei den Interventionen mit Geld aus dem Nichts geschaffene „Vermögen“ auch irgendwann wieder im Nichts verschwindet.

Das tut es aber nur dann, wenn unter günstigen Umständen (also zum Beispiel Abwertungsdruck für den Schweizer Franken und den Chinesischen Renmimbi an den Devisenmärkten) die Notenbanken das mit Geld aus dem Nichts eingekaufte Vermögen wieder vernichten. Das geschieht, wenn – wie in unserem Beispiel mit China – die chinesischen Notenbank die aus dem Erlös der Papiere erzielten Dollars unmittelbar gegen Renmimbi eintauscht, was zur Vernichtung des „Vermögens“ führt, denn Renmimbi, die zur Notenbank zurückfließen, existieren nicht mehr. Auch das angehäufte Schweizer „Vermögen“, das 2017 mit 800 Milliarden CHF, sage und schreibe, inzwischen mehr als dem gesamten BIP der Schweiz entspricht, muss irgendwann wieder einmal vernichtet werden. Alles andere wäre eine wirklich unerhörte Störung des unausgesprochenen, aber eindeutigen internationalen Verständnisses von Notenbankpolitik. Andere Länder akzeptieren zwar, dass fremde Notenbanken auf einem großen anonymen Markt Papiere kaufen und temporär in ihrer Bilanz parken, zu einer dauerhaften Vermögensbildung aus dem Nichts zulasten anderer Länder darf das allerdings nicht führen.

Was ist ein „Currency Manipulator“?

Die amerikanische Administration hat mit ihrem „Currency Report“ (der für 2018 ist gerade erschienen und hier zu finden) im Prinzip ein wichtiges Instrument geschaffen, mit dessen Hilfe globale Fehlentwicklungen bei den Währungsrelationen identifiziert und korrigiert werden könnten. Das Problem ist nur, dass die gleiche Administration, die gerne andere Länder als Manipulator an den Pranger stellt, sich seit Jahrzehnten auf die Fahnen geschrieben hat, den „Märkten“ blind zu vertrauen, wenn es um die Bewertung von Währungen geht. Selbst bei den wildesten spekulativ bedingten Kursbewegungen, die Ergebnisse bringen, die gegen jede ökonomische Vernunft verstoßen, macht sie konsequent die Augen zu, um der Wall Street das lukrative Geschäft mit Währungen nicht zu verderben. Auch die Bedeutung der Löhne bei der Entwicklung der letztlich entscheidenden realen Wechselkurse will sie aus ideologischen Gründen („Löhne sind ein Marktergebnis“) nicht verstehen.

Was die Welt daher dringender denn je braucht, ist eine möglichst unabhängige Institution (der IWF müsste nach seinen Statuten eigentlich diese Institution sein), die nicht nur die Währungsrelationen der Welt verfolgt, sondern Kriterien dafür entwickelt, wann Interventionen mit langfristigen Folgen angemessen sind und wann nicht. Dass die Welt darüber hinaus ein rationales Währungssystem braucht, um die Minimalvoraussetzungen für ein effizientes Handelssystem zu schaffen, sollte man eigentlich nicht mehr betonen müssen.

 

 

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