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Ökologie | 30.05.2018

Tiefseebergbau: Die (fast) letzte Grenze

Die sichere Versorgung mit Rohstoffen ist ein zentrales Ziel der deutschen Handels- und Außenwirtschaftspolitik. Dafür setzt man nun auf eine der letzten großen Rohstofflagerstätten: die Tiefsee.

Deutschland ist Weltmeister im Export von Autos, Maschinen oder chemischen Erzeugnissen. Bei den Rohstoffen, die deutsche Unternehmen zur Produktion ihrer Exportgüter brauchen, ist Deutschland jedoch von Importen abhängig. Bei metallischen Rohstoffen – Kupfer, Eisenerz, Zink oder Gold – sogar zu 100 %.

Zentrales Ziel der deutschen Handels- und Außenwirtschaftspolitik ist dementsprechend die sichere Versorgung mit Rohstoffen. Seit einigen Jahren zielen deutsche Industrie und Politik verstärkt auf eine der letzten großen Rohstofflagerstätten der Erde: die Tiefsee.

Auf Wunsch der deutschen Industrie

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) spricht sich schon seit längerem für den Tiefseebergbau aus. Der Verband verknüpft das Thema geschickt mit der Verkehrswende und den Technologien der Zukunft: Sollen in Zukunft Elektromotoren und Batterien in Deutschland produziert werden, müsse eine sichere Rohstoffversorgung gewährleistet sein, so der BDI.

Der Abbau der Rohstoffe der Tiefsee durch deutsche Unternehmen wird dabei als „große Chance“ gesehen, um die Importabhängigkeit zu senken. 2006 und 2014 hat die Bundesregierung jeweils eine Erkundungslizenz erworben, um im Pazifik und Indischen Ozean den Tiefseebergbau zu erforschen. Die beiden Gebiete befinden sich in internationalen Gewässern und erreichen mit einer Fläche von 75.000 bzw. 100.000 Quadratkilometern etwa die Größe Norddeutschlands.

Die Versorgungssicherheit soll durch politische Bemühungen erreicht werden. So unterstützt Deutschland über die EU 15 pazifische Staaten bei der Erschließung und Vermarktung ihrer Tiefseerohstoffe. Damit will man sich gute Verbindungen zu jenen Regierungen sichern, die zukünftig über den Abbau der Rohstoffe in ihren Hoheitsgewässern entscheiden (hier). Subventioniert werden von der Bundesregierung auch Industrie- und Forschungsinitiativen zum Tiefseebergbau.

Das Engagement der deutschen Politik ist ganz im Sinne des BDI. Der Verband forderte schon 2014 in einem Positionspapier ein „klares politisches Bekenntnis“ zum Tiefseebergbau, um „Deutschlands Rolle im Wettbewerb um Rohstoffe“ (so der Titel des Papiers) zu stärken. Die Politik solle die Industrie „flankieren“ und die „wirtschaftlichen und außenpolitischen Chancen“ des Tiefseebergbaus erkennen.

Die neue Große Koalition hat diese Forderung erfüllt. Im jüngsten Koalitionsvertrag wird der Tiefseebergbau zweimal erwähnt. So will die neue Bundesregierung „Projekte im Tiefseebergbau vorantreiben“ und nennt hier – wie das BDI-Positionspapier zuvor – den „wachsenden Bedarf an Hochtechnologie-Rohstoffen“ als Antrieb.

Während der Koalitionsvertrag in der Passage zum Meeresschutz von einem umweltverträglichen Tiefseebergbau spricht, ist die Umweltverträglichkeit im Rohstoffkapitel kein Thema. Im letzten Koalitionsvertrag von 2013 wurde der Tiefseebergbau noch nicht im Hinblick auf die Versorgungssicherheit der deutschen Industrie betrachtet. Stattdessen wurde das Thema nur einmal in einer Passage zum Gewässer- und Meeresschutz erwähnt.

Probleme und Risiken

Auf den ersten Blick mag Tiefseebergbau sinnvoll erscheinen. Schließlich findet er unter der Meeresoberfläche statt. Doch wie der Klimawandel, der zu immer heftigeren Stürmen und zum steigenden Meeresspiegel und starken Überschwemmungen führt, gefährdet auch der Tiefseebergbau das Lebensumfeld der Menschen vor allem im Pazifik. Denn beim Abbau der Rohstoffe, die in Form von Manganknollen, Kobaltkrusten und Massivsulfide vorkommen, wird der Meeresboden großflächig zerstört. Eine Zerstörung, die Jahrzehnte bestehen bleibt, wie Tests am Meeresgrund in den 1970er Jahren gezeigt haben (hier).

Hinzu kommen Lärm, Vibrationen und Licht der am Meeresgrund eingesetzten Maschinen und Roboter. All diese Einwirkungen töten oder beeinträchtigen die Tierwelt am Meeresgrund, was wiederum negative Auswirkungen auf die komplexen maritimen Nahrungsketten hat. Die beim Abbau aufgewirbelten Sedimentwolken und die in ihnen enthaltenen Schwermetalle drohen durch Meeresströmungen zudem weitflächig ausgebreitet zu werden. Die Schadstoffe könnten über die Nahrungskette schließlich auch auf dem Teller von Menschen landen. Der Tiefseebergbau bedroht Fischbestände und somit das Einkommen von hunderttausenden Fischern im Pazifik und indischen Ozean.

Der Geologe Chris Yeats warnt:

„Wir wissen mehr über die Oberfläche von Mars und Venus als über den Meeresboden. Die Tiefsee ist eine große Unbekannte für uns“.

Die Ozeane nehmen einen Großteil des vom Menschen verursachten Kohlendioxids (CO2) auf. Die Zerstörung der Ökosysteme der Tiefsee könnte den Kohlenstoffzyklus empfindlich stören, befürchtet das Hilfswerk Misereor. Da die Erforschung der Tiefsee sehr teuer ist, werden viele Forschungsprojekte von der Industrie bezahlt. Ob Unternehmen, die an den Schätzen der Tiefsee interessiert sind, jedoch einen unvoreingenommenen Forschungsblick einnehmen, ist fraglich.

Während der BDI in früheren Kommentaren zum Thema stets betont hat, dass sich die Bundesregierung und die G7 für hohe Umweltstandards im Tiefseebergbau einsetzen sollen, klang dies bei einer Äußerung Ende letzten Jahres anders. Da betonte ein BDI-Vertreter, hohe Umweltstandards seien eine wichtige Voraussetzung, „sie dürfen aber nicht zu Lasten der Wirtschaftlichkeit gehen“.

Obwohl die Umweltfolgen noch nicht erforscht sind, stellt der BDI den Tiefseebergbau im Vergleich zu herkömmlichen Bergbau auch als umweltschonendere Alternative da (hier).

Ein Zusammenschluss von NGOs fordert hingegen Maßnahmen wie Recycling, eine effizientere Nutzung von Ressourcen und reparierbare Produkte, um den Rohstoffverbrauch zu senken (hier).

Wie schon beim herkömmlichen Bergbau drohen Menschen in den Abbauregionen hohe Kosten und Umweltschäden, während die lukrative Wertschöpfung im Ausland stattfindet. Wenig überraschend ist, dass die Regierungen der Anrainerstaaten des Tiefseebergbaus diesen als Wachstumsmotor und Chance auf hohe Staatseinnahmen sehen.

Staatschefs werden es schwer haben, den Verlockungen der Unternehmen und des Tiefseebergbaus zu widerstehen. Die Staaten im Pazifik gehören zu den ärmsten der Welt, sodass sie von externen Geldern und Investitionen besonders abhängig sind.

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