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Theorie | 18.05.2018

Wohlstand ohne Wachstum?

Viele glauben, dass den ökologischen Herausforderungen nur durch einen Umbau der Marktwirtschaft in Richtung Kreislaufwirtschaft Genüge getan werden kann. Doch dafür spricht – politisch und wirtschaftlich – nichts.

Immer wieder werden wir gefragt, auf welche Weise es gelingen soll, eine endliche Erde mit scheinbar unendlichen Bedürfnissen der Menschen in Einklang zu bringen. Wie viele Planeten braucht die Menschheit, wird allenthalben gefragt. Die Antwort ist klar. Jeder, der Kopfrechnen kann, weiß, was es bedeutet, wenn die Chinesen so reich werden wie wir und sagt im Brustton der Überzeugung: „zwei oder drei“. Zugleich fühlt er sich moralisch berechtigt, unser „Wachstumssystem“ fundamental in Frage zu stellen.

Heraus kommt bei solchen Überlegungen das, was Nico Beckert vergangene Woche zu dem vielgepriesenen Buch von Kate Raworth (Doughnut Economics) angemerkt hat: Es wird viel geklagt und beklagt, aber es fehlt an praktischen Vorschlägen und umsetzbaren Ideen. Vor allem aber fehlt es, das will ich heute hinzufügen, den ökologisch bewegten Autoren an einer realistischen Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, auf deren Basis man ökologische Prinzipien glaubwürdig und verantwortungsvoll in das vorhandene Wirtschaftssystem einbauen könnte.

Auch das Buch von Tim Jackson (Prosperity Without Growth), das mir einige Leser sehr ans Herz gelegt haben, leidet genau darunter. Immer endet man irgendwie in einer Kreislaufwirtschaft, wo der Staat trotz Produktivitätsfortschritten Wachstum verhindert (was mit Arbeitszeitverkürzung aufgefangen werden muss) oder der Staat verordnet den technologischen Stillstand von vorneherein. Auch Jackson philosophiert über Schulden und Sparen, über Keynesianismus und Finanzmärkte und wer weiß nicht noch was, ohne jede Chance, zum Kern der Dinge vorzudringen.

Weil wir keine überzeugende Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung haben, ist die Sache eben nicht so einfach wie es scheint. Denn es ist gar nicht „Wachstum“ in dem primitiven Sinne eines „mehr von dem Gleichen“ oder doch wenigstens „mehr vom Materiellen“, das unser Wirtschaftssystem antreibt. Es ist auch nicht das Gewinnstreben der Unternehmen, der Zins, die Messung des Wachstums durch das BIP oder ein „zu viel an Geld“, die letztlich verantwortlich gemacht werden könnten für die Dynamik einer kapitalistischen Wirtschaft.

Das Neue vertreibt das Alte

Die einzige Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, die man ernst nehmen kann, ist die von Schumpeter. Darin vertreibt immer wieder etwas Neues das Hergebrachte, das Alte. Doch warum ist das so? Liegt das daran, dass jemand beschließt, einen Gewinn machen zu wollen? Liegt es daran, dass er für seinen Versuch, Gewinn zu machen, einen Kredit bekommt? Liegt es daran, dass es dem nach Gewinn Strebenden gelingt, seine Mitarbeiter auszubeuten? Liegt es daran, dass er versuchen muss, eine positive Rendite zu erzielen, um einen positiven Kreditzins bezahlen zu können? Liegt es daran, dass seine Aktivität das BIP erhöht und deswegen gesellschaftliche Anerkennung findet?

Offensichtlich ist das alles nicht sehr überzeugend. Nein, es liegt daran, dass Menschen vernunftbegabte Wesen sind und jemand eine Idee hat. Er oder sie hat eine Idee, wie man etwas besser oder billiger produzieren kann, wie man die vorhandenen Produktionsprozesse effizienter, weil billiger macht oder wie man ein ganz neues Produkt an den Mann oder die Frau bringen kann. Die vielen jungen Leute, die sich heute in Start-Ups engagieren, wollen sicher auch gerne Gewinn machen, doch es ist nicht der Wunsch nach Gewinn, der sie von den anderen, die nichts unternehmen, unterscheidet, sondern es ist die Idee. Ob die Idee dann erfolgreich ist oder nicht, ist eine andere Frage. Die Marktwirtschaft ist aber ohne Zweifel ein System, das gute Ideen belohnt und knallhart diejenigen scheitern lässt, deren Ideen nicht auf ausreichende Resonanz stießen.

Wie viele Ideen von wie vielen Menschen auf diesem Globus in die Welt gesetzt werden, wissen wir einfach nicht. Wir haben uns entschlossen, ein relativ offenes System zu erlauben, in dem wir erst hinterher, nachdem all die Ideen (die innerhalb des gesetzlichen Rahmens zulässig waren) umgesetzt worden sind, Bilanz ziehen und feststellen, was herausgekommen ist aus den Ideen unserer Kinder. Ob das dann in einer BIP-Messung auftaucht oder nicht, ist nicht entscheidend, weil das nur die Frage nach bestimmten Konventionen ist, die richtig oder falsch, angemessen oder unangemessen sein können.

Der Kreislauf als Maxime?

Die Offenheit ist der fundamentale Punkt, um den es geht. Sobald eine Kreislaufwirtschaft eingeführt werden soll, ist es mit der Offenheit vorbei. Dann muss jemand vorgeben, wie viel Neues und was von dem Neuen versucht werden darf. So bald das Neue droht, die vorher festgesetzte Grenze zu sprengen, muss der Staat eingreifen und irgendwo (nach welchen Kriterien?) Neues verhindern. Stoppt er den Start-Up, der Produkte im Internet verkauft oder den, der sich mit technologischen Neuerungen an der Einführung selbstfahrender Autos beteiligt? Oder greift er pauschal ein und würgt jeden Investitionsschub durch Makropolitik ab, weil der ja die festgesetzten Grenzen der Produktion überschreiten könnte?

Ja, man muss es so brutal sagen: Kreislaufwirtschaft ist Planwirtschaft. Und genau wie die ehemals real existierende Planwirtschaft ist sie innovationsfeindlich. Und das liegt an unserem notwendigen und durch nichts zu überwindenden Unwissen über die Zukunft. Wir können einfach nicht wissen, welches das Ergebnis all der vielen Versuche ist, neue Ideen umzusetzen. Das Ergebnis kann Wachstum im herkömmlichen Sinne sein, es kann eine andere Art von Wachstum sein, es kann aber auch Rückschritt sein. Jeder Versuch, im Vorhinein festlegen zu wollen, was rauskommen muss, kann und wird die Offenheit mit all ihren Chancen (und Risiken) im Kern treffen.

Das heißt natürlich nicht, dass man sich nicht dennoch für eine Kreislaufwirtschaft einsetzen sollte und dürfte. Doch all die vielen Autoren, die mit Inbrunst Kreislaufwirtschaft predigen, sollten ehrlicherweise klar sagen, was das heißt. Es heißt, unseren Gesellschaften (unseren Kindern vorneweg) die Offenheit zu nehmen und damit womöglich auch die Chance, Neues zu entwickeln, das dabei hilft, die ökologischen Herausforderungen, die kein vernünftiger Mensch bestreitet, zu meistern.

Ökologische Vorsorge und Offenheit verbinden

Man kann allerdings diesen Konflikt minimieren, indem man die Innovationsfähigkeit des Systems unmittelbar für die ökologische Vorsorge einsetzt. Doch genau das vertreten die wenigsten und politisch ist es nahezu ein Tabu. Der Staat (die Staatengemeinschaft) muss dazu an den Märkten intervenieren, von denen die größten negativen Effekte ausgehen. Wer den Klimawandel verhindern will, muss dafür sorgen, dass fossile Energie im globalen Maßstab systematisch und auf lange Sicht teurer wird. Wer natürliche Ressourcen schützen will, muss die Nutzung einschränken oder auch hier die Preise drastisch erhöhen. Wer den Wasserverbrauch einschränken will, muss Wasser verteuern. Wer saubere Luft will, muss Technologien verbieten oder verteuern, die zur Luftverschmutzung besonders beitragen. Das alles ist möglich und sicher sinnvoll, es hat mit Kreislaufwirtschaft aber nichts zu tun. Trotz all der Einschränkungen bleibt das System offen für Änderungen, für neue Produkte und für neue Produktionsverfahren. Es bleibt aber auch offen für Entwicklung, die man „Wachstum“ nennen kann, aber nicht muss, denn es handelt sich ja nicht mehr um Wachstum im herkömmlichen Sinne.

Doch vieles von dem ist politisch tabu, weil man vermutet, schon hier werde der Marktwirtschaft bzw. den Bürgern zu viel zugemutet. Das ist richtig und falsch zugleich. Richtig, weil es tatsächlich eine Zumutung sein kann, jedes Jahr wesentlich höhere Anteile des eigenen Einkommens für fossile Energie ausgeben zu müssen, weil es der Staat so will. Falsch ist es aber, weil man hier nicht die Offenheit des Systems in Frage stellt, die ja bedeutet, dass ich als Einzelner innerhalb eines gesetzlichen Rahmens aktiv werden darf. Niemand hat aber einen Anspruch darauf, in einem bestimmten Bereich oder einem bestimmten Markt mit einer neuen Idee aktiv werden zu dürfen.

Mengen und Preise

Wenn aber Preissteuerung – selbst in kleinem Maßstab – weitgehend tabu ist, obwohl fast alle politischen Parteien versichern, sie wollten verhindern, dass die eine Erde, die den Menschen zur Verfügung steht, geplündert wird, wie kann man dann allen Ernstes hoffen, die Politik werde den wesentlich größeren Schritt gehen, das System aus den Angeln zu heben. Das wird sie nicht und deswegen muss man darauf bauen, dass die Politik wenigstens versteht, dass eine Steuerung über die Preise vollkommen systemkonform ist. In welchem Maße man dann bereit ist, den Menschen etwas zuzumuten, ist eine vollkommen offene Frage, da Politiker auch Einzelinteressen vertreten (was eindeutig nicht systemkonform ist).

Die größten Hindernisse für eine konsequente Preissteuerung (das ist immer inklusive kleinerer direkter Verbote bestimmter Produkte und Produktionsverfahren gemeint) sind, ich habe darauf in meiner langen Serie zu Wachstum und Entwicklung hingewiesen (hier der letzte Teil), die Verteilungswirkungen. Wer in einer Demokratie den Strukturwandel systemkonform durch Preissteigerungen in Richtung ökologische Vorsorge steuern will, kann das nicht durchsetzen, ohne die unteren Einkommen massiv zu entlasten, denn sonst tragen diese Gruppen – gemessen an ihrem Einkommen – einen weit größeren Teil der Gesamtlast als die oberen Einkommen. Da auch das in den Zeiten des Neoliberalismus in den meisten westlichen Demokratien ein Tabu ist, kommt man trotz vieler Sonntagsreden zum Thema ökologische Vorsorge und Klimavorsorge überhaupt nicht voran.

Wenn aber selbst kleinste Schritte des systemkonformen Weges der Preissteuerung nicht möglich sind, kann man sich das Fordern von umfassenden Mengenbeschränkungen im Sinne eines Umbaus des Systems zu einer Kreislaufwirtschaft gleich sparen. Ich glaube sogar, die ständige Forderung nach Umbau des Systems aus ökologischen Gründen ist kontraproduktiv. Sie schreckt auch diejenigen ab, die bereit wären, einen stark beschleunigten Strukturwandel, der die Offenheit des Systems erhält, offensiv mitzumachen. Dabei mag am Ende eines solchen Strukturwandels durchaus eine Wirtschaft stehen, die in vieler Hinsicht einer Kreislaufwirtschaft nahe kommt. Doch das ist etwas ganz anderes, als dieses Ergebnis zum unmittelbaren Ziel des Totalumbaus zu machen.

Was folgt?

Ökologische Vorsorge ist absolut notwendig und ein beschleunigter Strukturwandel in Richtung naturverträglichen Wirtschaftens ist ein Gebot der Vernunft. Doch der Weg über absolute Mengenbeschränkungen für den gesamten Output eines Landes, wie er in den Vorstellungen zum Nullwachstum und vielen Ideen einer Kreislaufwirtschaft zu finden ist, führt ökonomisch und politisch in die Irre. Notwendig ist vielmehr der allmähliche Umbau unserer Wirtschaftsordnung über vom Staat (von der Staatengemeinschaft) geschaffene Knappheit der Produkte, die nicht ökologisch verträglich sind.

Die kritische Frage dabei ist, was „allmählich“ bedeutet. Das kann nur politisch beantwortet werden. Wie viel Strukturwandel traut die Politik den Bürgern zu und wie erfolgreich kann sie die Wähler überzeugen, dass dieser Strukturwandel auch sozial und wirtschaftlich verträglich ist.

Doch genau hier liegt der springende Punkt, der von den einen radikalen Umbau fordernden Autoren vollkommen übersehen wird: So lange unsere Politik gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge nicht versteht und die Mehrheit der Ökonomen sich aus ideologischen Gründen weigern, über diese Zusammenhänge auch nur nachzudenken, so lange kann selbst der „allmähliche“ systemkonforme Umbau nicht gelingen. Wenn selbst Strukturwandel mit Verlust von Arbeitsplätzen und „Wachstum“ gleichgesetzt wird, wie das fast täglich noch geschieht, kann eine ökologische Aufklärung niemals erfolgreich sein. Gelingt die wirtschaftliche Aufklärung nicht, scheitert die ökologische allemal.

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