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Italien | 05.06.2018

Der italienische Patient: Eine aktuelle Bestandsaufnahme

Italien leidet politisch noch immer unter einer vollkommen unangemessenen Analyse seiner wirtschaftlichen Situation durch den Norden. Das ist der allgemeinen ökonomischen Unkenntnis dort geschuldet, aber auch besonderen Vorurteilen, mit denen unsere südlichen Nachbarn zu kämpfen haben.

Vor zwei Jahren habe ich in einer gründlichen makroökonomischen Bestandsaufnahme die italienische Krankheit beschrieben (hier und hier) und das Land als das am schwersten betroffene Opfer des europäischen Anschlags auf die ökonomische Vernunft bezeichnet. An den Verhältnissen hat sich seitdem wenig geändert, so dass man die damalige Analyse auch jetzt noch ohne Einschränkungen verwenden kann. Ich will daher heute nur einige Abbildungen ohne großen Kommentar aktualisieren und mich weitgehend auf die politische Analyse konzentrieren.

Die Lage ist fast unverändert schlecht

Man spricht aktuell häufig davon, Italien habe in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt, der jetzt von der neuen Regierung gefährdet werde. Das mit dem Aufschwung ist nicht falsch, aber mit Vorsicht zu genießen. Schaut man auf das BIP (Abbildung 1), sieht man in der Tat eine leichte Aufwärtsbewegung nach 2014. Angesichts der gewaltigen Rezession zuvor ist das aber nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.

Abbildung 1

Die Aufwärtsbewegung, das zeigt die Abbildung 2, kommt ziemlich eindeutig aus der Industrie, während sich in der Bauwirtschaft und beim Einzelhandel (das haben wir hier zuletzt gezeigt) in Italien seit Jahren absolut nichts tut. Gerade die Industrie liegt in Italien aber dermaßen am Boden, dass man die extrem schwache Belebung nicht voreilig zum Aufschwung erklären sollte.

Abbildung 2

Zuweilen wird auch auf den Überschuss in der italienischen Leistungsbilanz verwiesen als „Beweis“ dafür, dass es dem Land gar nicht so schlecht gehe und es gar nicht unter Deutschland leiden könne (Abbildung 3). Doch das ist ein Irrtum. Abbildung 3 zeigt eindeutig, dass der Umschwung in der italienischen Leistungsbilanz von einem Defizit (das 2010 und 2011 größer war als das französische) zu einem leichten Überschuss einhergeht mit der Rezession, die ab 2011 in Italien erneut und besonders hart zuschlug.

Abbildung 3

Betrachtet man Exporte und Importe getrennt (Abbildungen 4 und 5), sieht man, dass Italien – genau wie Frankreich – in den letzten Jahren durchaus eine gewisse Belebung seiner Exporte zu verzeichnen hat. Diese bleibt aber in beiden Ländern auch nach der globalen Rezession von 2008/2009 weit hinter der deutschen zurück.

Abbildung 4

Setzt man, wie in Abbildung 5 geschehen, 2009 gleich einhundert, wird das besonders klar. Was nichts anderes heißt, als dass auch zu diesem Zeitpunkt der Weg zu einer wirklichen Erholung für Frankreich und Italien über steigende Exporte sehr stark vom deutschen Exporterfolg eingeschränkt wurde.

Abbildung 5

Bei den Importen sieht man dann, warum Italien im Vergleich zu Frankreich im Außenhandel trotz seines Überschusses nicht wirklich besser dasteht (Abbildung 6). In Italien sind die Importe vor allem nach 2011 noch einmal absolut eingebrochen, was in Frankreich nicht der Fall war. In Frankreich sind die Importe fast so stark wie in Deutschland gestiegen.

Abbildung 6

Die insgesamt schlechte Außenhandelsperformance Italiens (und Frankreichs) kann man natürlich auch nicht seriös mit Schlagworten erklären. Und natürlich nicht damit (wie wir viele Male gezeigt haben), dass die deutschen „Sparer“ unbedingt ihr Kapital im Ausland „investieren“ wollten. Was hätte wohl die französischen und italienischen Sparer daran hindern sollen, ebenfalls im Ausland zu „investieren“? Nein, es ist eindeutig: Die Divergenz in der Wettbewerbsfähigkeit, die sich seit Beginn der Europäischen Währungsunion eingestellt hat, ist für die großen Diskrepanzen in der Außenhandelsperformance verantwortlich (vgl. dazu insbesondere dieses Stück).

Am besten wird die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes mit dem sogenannten realen Wechselkurs abgebildet, also einem (weltweit) handelsgewichteten Durchschnitt der Differenzen in der Lohnstückkostenentwicklung und der Veränderung der nominalen Wechselkurse (Abbildung 7). Hier zeigt sich, dass die Abwertung Deutschland, also die Verbesserung seiner Wettbewerbsfähigkeit insbesondere gegenüber Italien bis 2009 enorme Ausmaße erreicht hatte. Aber auch heute noch gibt es einen Abstand von zwanzig Prozent, der Italien von Deutschland trennt und das Land daran hindert, die Möglichkeiten auf den Weltmärkten und in Europa so zu nutzen wie es das ohne diese Lücke könnte.

Abbildung 7

Und es ist auch klar, dass diese Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nicht der deutschen „Tüchtigkeit“ zuzuschreiben ist, sondern allein der Tatsache, dass Deutschland in der Währungsunion von Beginn an die Löhne im Verhältnis zur eigenen Produktivität zu wenig er höht hat und Italien zu viel (Abbildung 8). Italien ist aber inzwischen zum Inflationsziel zurückgekehrt, während Deutschland noch immer weit darunter liegt.

Abbildung 8

Was wirklich zählt

Dem größten Missverständnis in Sachen Italien (wie auch vor einigen Jahren in Sachen Griechenland) liegt eine allgemeine Analyseschwäche zugrunde. Viele Menschen, die es nicht gewohnt sind, konkrete wirtschaftliche Abläufe zu erklären, neigen dazu, für die Erklärung einer zeitlich begrenzten Schwäche auch solche Faktoren heranzuziehen, die keineswegs zeitlich begrenzt sind. Dazu zählen etwa Korruption, ausufernde Bürokratie oder bestimmte Formen von Arbeitsmarktregulierungen.

Doch das muss man von vorneherein als ungeeignetes Vorgehen ablehnen. Wie ein italienischer Kollege einmal gesagt hat: In Italien gibt es mindestens zweitausend Jahre lang schon Korruption, aber das kann ja nicht erklären, warum die Wirtschaft in den letzten zehn Jahren nicht funktioniert. In der Tat, alle diese Faktoren spielen bei der Erklärung bestimmter zeitlich begrenzter Ereignisse keine Rolle, da sie schon viel länger da sind und das Land vorher nicht daran gehindert haben, zu wachsen und Arbeitsplätze zu schaffen.

Immer weiter leugnen?

Im Lichte dessen ist der weitaus größte Teil der aktuellen Stellungnahmen zu Italien mindestens so falsch wie das, was einst zu Griechenland produziert wurde. Man schaue sich nur die Titelgeschichte an, die den aktuellen Spiegel „ziert“. Das ist nicht nur extrem geschmacklos und beleidigend, sondern in seiner Substanz so dünn, dass das Wort „fremdschämen“ nicht mehr ausreicht, um zu beschreiben, was man beim Lesen empfindet. Der einzige Satz in diesem ganzen Pamphlet, der durchscheinen lässt, dass die Autoren doch einen Hauch von Ahnung haben, was eigentlich Sache ist, wird so versteckt, dass man zwar darauf verweisen kann, wenn man angegriffen wird, aber kein normaler Leser weiß, was damit gemeint ist. Ziemlich zu Anfang heißt es:

„Italien bietet ein trauriges Bild, es steht für das Versagen der Politik, aber auch für die Auswirkungen der Euro-Rettungsversuche, die nicht nur in Italien die Extremisten gestärkt haben.“

Ach, Italien steht auch für die Euro-Rettungsversuche. Wer aber war das wohl? War Deutschland daran beteiligt? Und warum steht Italien nicht für eine von Beginn an falsche Politik Deutschlands in der Währungsunion? Auch Hendrik Enderlein, der kurz darauf im Spiegel als „guter Europäer“ zu Wort kommt, hat beim Schreiben wohl gerade „vergessen“, welche Rolle Deutschland in Europa in der Vergangenheit spielte und noch immer weiter spielt.

Und dann die Kanzlerin, die in der FAS meint, man bräuchte „in der Eurozone eine schnellere wirtschaftliche Konvergenz der Mitgliedstaaten“, aber nicht einmal in der Lage ist, zu sagen, was sie damit eigentlich meint: Nominale Konvergenz, also Konvergenz der Inflationsraten und Lohnstückkosten oder reale Konvergenz, also Konvergenz der Lebensstandards. Ersteres braucht man in der Tat dringend, doch Deutschland liefert das dazu benötigte Material nicht, Letzteres braucht man in der Währungsunion nicht, selbst wenn es wünschbar ist, was kein Mensch bestreitet.

Man sieht, so geht es nicht. Es geht weder mit dem üblichen deutschen Leugnen noch mit hohlen missverständlichen Floskeln. Gibt es keinen ernsthaften Versuch, sich vom überkommenen Wirtschaftsverständnis zu trennen, ist Europa nicht zu retten. Immerhin sollten wir verstehen, dass das deutsche Leugnen jeder Schuld inzwischen für die Nachbarn unerträglich geworden ist. In Italien gibt es eine Reihe aufgeklärter Ökonomen gibt, die die relevanten Zusammenhänge durchschauen. Man muss hoffen, dass sich die neue Regierung nicht von den alten und nur noch dumm zu nennenden deutschen Gegenargumenten beeindrucken lässt, sondern lautstark die europäische Öffentlichkeit sucht, um ihren Fall und die Rolle Deutschlands dabei zu erklären.

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