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Kommentar | 28.06.2018 (editiert am 29.06.2018)

Deutschlands Aus – Mikro- oder Makroerklärung?

Schuld am deutschen WM-Aus waren die grottenschlechten Spieler? Das erinnert frappant an die Erklärung der Wirtschaftsweisen für den deutschen Leistungsbilanzüberschuss.

Deutschland ist nach einer Niederlage gegen Mexiko im Auftaktspiel, einem Last-Minute Sieg gegen die Schweden und nach einer Niederlage im alles entscheidenden letzten Spiel gegen Südkorea, 57. der FIFA-Weltrangliste, ausgeschieden. Jogi Löw hat damit einen neuen Rekord aufgestellt. Denn noch nie ist ein deutsches Fußballteam in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft in der Vorrunde ausgeschieden.

Kein Wunder, dass der Bedarf nach Erklärungen riesig ist und alle Medien bereitwillig ihre Sicht der Dinge der trauernden deutschen Fußballwelt präsentieren. In einem solchen historischen Moment wollen auch wir nicht elitär an der Seite stehen bleiben. Schon deshalb nicht, weil beim Fußball – nicht anders als bei der Ökonomie – ganz überwiegend Erklärungen auf der Mikroebene angeboten werden und die Makroebene dabei vollständig aus dem Blick gerät.

Oliver Kahn hatte schon kurz nach Spielschluss seine immer gleiche Erklärung aus dem psychologischen Küchenkabinett vortragen dürfen. Wirkliche Kerle, wie er es einer war, haben der Mannschaft gefehlt, nicht gierig genug, zu satt etc.pp. Weitere Fußballexperten wie etwa Michael Ballack beklagten ebenfalls die mangelnde Mentalität der Spieler.

Bei der Süddeutschen Zeitung findet sich eine exemplarische Erklärung nach diesem Muster:

„Die DFB-Elf ist exakt mit einer Das-wird-schon-glatt-laufen-Haltung durch dieses Turnier gegangen, sie überschritt die Grenze zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung viel zu deutlich – sie war gelassen, wo längst keine Gelassenheit mehr angebracht war.“

Der Kicker schließlich und endlich kam bei seiner Benotung der individuellen Leistung der Spieler zu einem Notendurchschnitt von 4,6. Schuld an der deutschen Niederlage waren also die grottenschlechten Spieler.

Das erinnert frappant an die Erklärung der Wirtschaftsweisen für den deutschen Leistungsbilanzüberschuss. Es handele sich dabei, so schrieben sie, um eine „makroökonomische Ergebnisgröße, die auf „freiwilligen Entscheidungen und Handlungen“ einer „Vielzahl von Handlungsakteuren“ rückführbar sei. Daher sei es eine „Fehleinschätzung“, wenn man glaube, dass eine Volkswirtschaft von „Regierungen gelenkt werden“ könnte.

Zuzugeben ist nun, dass Fußballanalysten ein Stück weiter sind als deutsche Ökonomen. Es wird nicht generell bezweifelt, dass ein Trainer seine Mannschaft lenken kann. Womit wir nach meiner Meinung beim wesentliche Grund des Ausscheidens der deutschen Nationalmannschaft angelangt sind. Es scheint, dass Löw den Artikel meines Kollegen Sebastian Müller gelesen hat, wo dieser mit Bezug auf Aussagen der argentinischen Trainerikone César Luis Menotti „die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme beklagte“ und für „Abenteurer auf dem Feld“ warb.

Gut, schaute man in die Gesichter der Akteure der Nationalmannschaft, dann ist zuzugeben, dass einem durchaus der Verdacht kommen kann, dass es sich hier um eine Gruppe von überwiegend wenig inspirierten, recht pomadigen und arroganten neoliberalen Ich-AG’s handelt und ein kreativer Abenteurer durchaus hilfreich gewesen sein könnte.

Insbesondere das Spiel gegen Schweden spricht aber eindeutig gegen diese und alle anderen psychologisierenden Erklärungen. Es zeigte sich, dass es den Spielern keineswegs am Willen und an Leidenschaft mangelte oder gar alle plötzlich in ein rätselhaftes Formtief gefallen waren. Löw hatte sich etwas einfallen lassen – und seine Spieler setzten es weitgehend ganz hervorragend um. Mit Sebastian Rudy als tiefem 6er hatte er einen Mann, der der Defensive Stabilität verschaffte. Wirklich überraschend und wirkungsvoll war auch, dass beim Spielaufbau Kroos in eine Dreikette mit Rüdiger und Boateng einrückte und von dort das Spiel aufbaute. Die Strategie, dann auch Boateng auf der rechten Seite wie Kroos auf der linken weit in die gegnerische Spielhälfte vorrücken zu lassen, war genial. Die millimetergenauen Seitenwechsel von Kroos und Boateng und die ausgleichenden Bewegungen von Werner auf der linken und Reus auf der rechten Seite brachten die schwedische Abwehr eins ums andere Mal in Verlegenheit. Glück hatten, wenn man das Spiel realistisch bewertet, nicht die Deutschen, sondern die Schweden, die sich über eine höhere Niederlage nicht hätten beschweren dürfen.

Das Spiel gegen Schweden führte mich daher zu der Schlussfolgerung, dass Löw beim Spiel gegen Mexiko ausnahmsweise einen extrem schlechten Matchplan entwickelt und einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte, der ihn daran hinderte, auf die offensichtliche Strategie der Mexikaner, Deutschland im rechten Mittelfeld in Pressingfallen zu locken, zu reagieren. Ich war mir daher ziemlich sicher, dass er auch gegen Südkorea einen Plan in der Tasche hatte, um mit dieser Truppe von Ausnahmespielern das Spiel souverän zu gewinnen.

Der Matchplan stellte sich dann schon ziemlich schnell als extrem konservativ heraus. Gespielt wurde in einem 4-2-3-1, in dem Khedira offensichtlich aufgetragen wurde, in erster Linie nach hinten die Vorstöße von Kimmich abzusichern. Während die Koreaner beim deutschen Spielaufbau zunächst mit drei, teilweise sogar vier Spielern die Abwehrreihe Deutschlands pressten, zog die deutsche Mannschaft sich weit ins Mittelfeld zurück und beschränkte sich auf ein recht passives Zustellen der Passwege. Selbst das aber gelang nur ungenügend.

Geradezu rätselhaft war dann, dass Löw auf das offensichtliche Scheitern seines konservativen Matchplanes nicht frühzeitig reagierte. Nach den Erfahrungen sowohl des Spieles gegen Mexiko als auch Schweden war unverständlich, warum Mario Gomez nicht von Anfang an spielte. Nach spätestens 30 Minuten hätte ihm klar werden können, dass der extrem vorsichtige Spielaufbau mit dem Versuch, flache Pässe zwischen die beiden Viererketten der Koreaner zu spielen, wenig Erfolgsaussichten zeigte.

Löw hätte versuchen müssen, schon den Spielaufbau der Koreaner mit einem aggressiven Angriffspressing zu stören und vor allem Druck über die Flügel aufzubauen. Dazu brauchte es dann natürlich einen kopfballstarken Spieler wie Gomez, der aber erst in der 58. Minute für Khedira eingewechselt wurde. Für Khedira wurde dann Özil auf die 6 beordert, was sich für die Statik des deutschen Spiels als katastrophal herausstellen sollte. Ohne geradezu heldenhafte Rettungstaten von Hummels und Süle hätten die Koreaner schon früher in Führung gehen können.

Anstatt aggressiver, wurde das Spiel der Deutschen lediglich hektischer. Nicht nachvollziehbar war zudem die Auswechslung von einem der bis dahin wirkungsvollsten Spieler, nämlich Leon Goretzka, in der 63. Minute. Vor allem deshalb, weil Goretzka mit seiner Kopfballstärke und Torgefahr Gomez hätte unterstützen können.

Es führt daher kein Weg daran vorbei, für die Niederlage und das Ausscheiden der Deutschen einen Großteil der Verantwortung Jogi Löw und seinem Trainerteam zuzuschreiben. Da auch die Vorbereitungsspiele aus einer taktischen Perspektive schon wenig überzeugend waren, kann die einzig richtige Schlussfolgerung nur sein: Good bye Jogi Löw.

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