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Konjunktur | 21.06.2018 (editiert am 02.07.2018)

Die deutsche und europäische Konjunktur im zweiten Quartal des Jahres 2018 – 3

Der Abschwung in Europa ist derzeit vor allem ein Abschwung der Industrie. Bauwirtschaft und Einzelhandel halten sich noch auf den erreichten Niveaus. Dennoch ist jetzt die Zeit für eine neue anregende Wirtschaftspolitik.

Die Bauproduktion in Europa ist im April gestiegen, weil es in Deutschland einen deutlichen Zuwachs gab und sich Frankreich auf niedrigem Niveau leicht nach oben bewegte (Abbildung 1). Große Impulse werden aber von der Bauwirtschaft vermutlich auch in den nächsten Monaten nicht ausgehen.

Abbildung 1

In Südeuropa herrscht immer noch Flaute in der Bauwirtschaft, weder in Spanien noch in Italien gibt es eindeutige Aufwärtsbewegungen (Abbildung 2). Alle drei Länder stagnieren nunmehr schon seit 2014.

Abbildung 2

In Mittel- und Osteuropa ist das Bild immer noch uneinheitlich (Abbildung 3). Ungarn und Bulgarien verzeichnen eine leichte Stabilisierung nach dem schweren Absturz zu Beginn des Jahres. In Polen dürfte es trotz leichter Abschwächung im April weiter aufwärts gehen, Tschechien ist nach langer Flaute auf einem stabilen Wachstumspfad bei der Bauproduktion, liegt aber noch weit unter dem Niveau von vor der globalen Finanzkrise.

Abbildung 3

In einigen anderen kleinen und mittelgroßen Ländern ist ebenfalls kein einheitlicher Trend erkennbar (Abbildung 4). In Österreich und ist die kurze Aufschwungsphase wohl zu Ende und in Belgien bleibt es bei Stagnation. Auch in Schweden scheint der Bauboom auszulaufen. Dagegen geht es in Dänemark und in den Niederlanden weiter ungebrochen aufwärts.

Abbildung 4

Beim Einzelhandel ist die EWU noch immer nicht über die Stagnation der letzten Monate hinausgekommen (Abbildung 5). Zwar ging es in Deutschland im April kräftig nach oben, doch Frankreich schwächelte und in Italien war trotz des extrem tiefen Niveaus noch einmal ein Rückgang zu verzeichnen.

Abbildung 5

In Südeuropa geschieht in Sachen Einzelhandel weiterhin fast nichts (Abbildung 6). Portugal verzeichnet einen Rückschlag auf niedrigem Niveau, Spanien und Griechenland stagnieren. Man darf wirklich gespannt sein, wie hoch das (errechnete) Wachstum des spanischen BIP für das zweite Quartal ausfällt, bisher hat sich diese Zahl ja vor allem durch ausgezeichnet, dass sie völlig losgelöst von den wirklichen Indikatoren war.

Abbildung 6

Die Arbeitslosigkeit in der EWU geht weiter nur sehr langsam zurück (Abbildung 7). In Italien und in Frankreich gibt es seit Beginn dieses Jahres praktisch keinen Fortschritt mehr. Eine verstärkte konjunkturelle Abkühlung kann sehr schnell die Zahlen sogar wieder steigen lassen.

Abbildung 7

In Südeuropa sinken die gemessenen Zahlen zwar weiter (Abbildung 8), doch auch hier ist das Tempo extrem langsam und es ist nicht zu erwarten, dass sich das in absehbarer Zeit ändert.

Abbildung 8

Die Preisentwicklung in der EWU hat sich „normalisiert“ in dem Sinne, dass zuletzt die Verbraucherpreise exakt entsprechend der Zielinflationsrate gestiegen sind (Abbildung 9). Das ist in Wirklichkeit noch keine Normalisierung, weil dafür vor allem externe Faktoren wie der stark gestiegene Ölpreis verantwortlich sind. Die Lohnentwicklung ist immer noch sehr schwach, die Lohnstückkosten legen deutlich weniger zu als die Zielinflationsrate.

Abbildung 9

Die Erzeugerpreise zeigen allerdings keine Beschleunigung der allgemeinen Entwicklung für die nächsten Monate an (Abbildung 10).

Abbildung 10

Wirtschaftspolitik

Eine angemessene Wirtschaftspolitik für Europa würde jetzt auf die Abschwächungssignale reagieren und dagegen halten. Das muss die Finanzpolitik betreffen, da die Geldpolitik ihr Pulver verschossen hat. Doch statt sich um die aktuelle Lage zu kümmern, werden von den Spitzenpolitikern Deutschlands und Frankreichs abstrakte Fragen diskutiert wie ein Eurozonenbudget. Ein solches Budget wird auf jeden Fall viel zu klein sein, um eine europäische Abschwächung wie die derzeitige angemessen zu bekämpfen. Hinzu kommt, dass man bezweifeln muss, dass das Budget von Politikern verwaltet wird, die besser als die nationalen Politiker eine solche Lage einschätzen und die Rolle der Finanzpolitik dabei angemessen würdigen können.

Vom privaten Verbrauch ist jedenfalls in nächster Zeit kein Impuls zu erwarten. Die Einkommensentwicklung in Europa ist weiterhin sehr schwach, nach Angaben von Eurostat (hier zu finden) sind die Lohnkosten (und damit die Lohneinkommen) im ersten Quartal um 1, 8 Prozent gestiegen, die Verbraucherpreise allerdings auch in dieser Größenordnung, so dass es keinen Anstieg der Reallöhne gibt.

Schwächt sich folglich die Nachfrage aus dem Ausland weiter ab, geht Europa zu einem Zeitpunkt einer neuen Rezession entgegen, zu dem die Folgen der alten Rezession noch lange nicht überwunden sind. Das ist fatal, aber wieder einmal dem Dogma der wirtschaftspolitischen Enthaltsamkeit geschuldet, dem man sich unter der Führung Deutschlands verschrieben hat. Für die bisher konjunkturell zurückhängenden Länder bedeutet das, dass der politische Druck, sich entschieden gegen die unsinnigen europäischen Regeln zu stemmen, noch viel größer wird.

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