Europa | 27.06.2018 (editiert am 29.06.2018)

Die Türkei, Erdogan und die wirtschaftspolitische Herausforderung

Erdogan hat gewonnen, doch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind enorm. Man darf aber nicht vergessen, dass vieles davon die Spätfolge eines enormen Booms in der Türkei seit der globalen Finanzkrise war.

Recep Tayyip Erdogan hat die Präsidentschaftswahl in der Türkei gewonnen, obwohl das Land mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. Viele in Deutschland hatten gehofft, die Wirtschaftskrise könnte das System Erdogan erschüttern. Doch das ist zu kurz gedacht. Für die meisten Türken gilt Erdogan als der Vater eines Wirtschaftswunders, das sich in den vergangenen Jahren vollzogen hat.

Positive wirtschaftliche Entwicklung unter Erdogan

Und in der Tat zeigen die offiziellen Zahlen seit 2010 einen Boom ohnegleichen (Abbildung 1). Für die Jahre 2010 und 2011 weist die amtliche Statistik Zuwachsraten der Investitionen von über zwanzig Prozent aus und eine Wachstumsrate des BIP von nahe zehn Prozent. Auch der private Konsum ist in den Jahren massiv ausgeweitet worden, nämlich auch um fast zehn Prozent.

Selbst wenn man diese Zahlen mit Vorsicht betrachten muss, ist es doch offensichtlich und unbestreitbar, dass die Türkei mit enormem Schwung aus der globalen Krise herausgekommen ist. In diesen Jahren hatte sich auch die Arbeitslosigkeit, die nach der offiziellen Messung jetzt wieder in der Nähe von zehn Prozent liegt, ebenfalls deutlich verringert.

Abbildung 1

Dieser Boom wird der Regierung und Präsidentschaft Erdogan zugerechnet, was seine Popularität auch jenseits des Islam jedenfalls teilweise erklärt.

Danach gab es zwar eine Schwächephase, aber schon 2013 hatte sich die Wirtschaft erholt und erzielte auf der Basis eines starken privaten Verbrauchs auch im vergangenen Jahr eine Zuwachsrate von deutlich mehr als fünf Prozent.

Der Boom der Zeit nach der Finanzkrise hatte sicher damit zu tun, dass die Zinsen nach der Krise deutlich gefallen sind (Abbildung 2). Gemessen an der Inflationsrate waren die kurzfristigen Zinsen 2010 und 2011 praktisch Null, was im Vergleich zu der Zeit vor der Krise ein extrem günstiger Realzins war. Erst zuletzt und besonders in den letzten Monaten ist der Zins enorm angestiegen, weil die Zentralbank versucht (gegen den erklärten Willen von Präsident Erdogan), mit hohen Zinsen den Absturz der türkischen Lira zu stoppen. Die letzte Anhebung Ende Mai führte zu einem Zentralbankzinssatz von über 15 Prozent.

Abbildung 2

Der Grund für die veränderte Lage und für den Absturz der Lira lässt sich aus Abbildung 3 leicht ablesen. Im Zuge des oben beschriebenen Booms und der günstigen Lage danach sind in der Türkei die Löhne kräftig gestiegen. Nachdem 2012 bei der Zuwachsrate der Lohnstückkosten schon einmal zehn Prozent erreicht worden waren, gab es 2016 eine massive Beschleunigung auf 19 Prozent, was natürlich bedeutete, dass das Land ohne eine drastische Abwertung mit einer schweren Krise im Außenhandel rechnen musste.

Inflationsgefahren und Abwertung

Abbildung 3 zeigt, dass die Lohnstückkosten auch in Euro gerechnet 2015 und 2016 kräftig zulegten. Erst 2017 kam es hier zu einer Wende: Auch in nationaler Währung fiel die Zuwachsrate der Lohnstückkosten deutlich. Noch stärker war allerdings der Rückgang, wenn man in Euro rechnet, weil die türkische Währung mehr und mehr an Wert gegenüber dem Euro verlor (in Abbildung 5 gezeigt).

Abbildung 3

Die Leistungsbilanz der Türkei war in dem gewaltigen Boom von 2010 folgende schon tief ins Defizit gerutscht, hatte sich aber gefangen auf einem Niveau, das durchhaltbar schien. Mit dem erneuten Anstieg des Defizits im Jahre 2017 kam dann aber ein erheblicher Kursrutsch zustande, der allerdings die für die nächsten Jahre durchaus positive Folge hatte, die Wettbewerbsfähigkeit des Landes deutlich zu verbessern, so dass man damit rechnen kann, dass sich das Defizit in der Leistungsbilanz wieder erheblich verringert.

Abbildung 4

Die Krise und deren Lösung

Die Türkei ist der typische Fall eines Landes, das mit offenen Grenzen und voller Konvertibilität seiner Währung immer wieder in krisenhafte Situationen gerät, die üblicherweise durch eine starke Abwertung bereinigt werden. Für ein Land, das eine im internationalen Vergleich hohe Inflationsrate aufweist, gibt es keinen Ausweg aus dem Dilemma, dass sich die Finanzmärkte temporär immer wieder in diesem Land mit hohen Beträgen kurzfristig engagieren, um die natürlich im internationalen Vergleich auch relativ hohen Zinsen zu nutzen (wir haben diesen carry trade u. a. hier erklärt). Dadurch wird die heimische Währung aufgewertet oder zumindest, wie zuletzt im Fall der Türkei, viel weniger abgewertet als es eigentlich aufgrund der Inflations- und Lohnstückkostendifferenzen angebracht wäre. Erst wenn die Spekulanten unsicher werden, weil sich die Datenlage verschlechtert, kommt es zur Krise und zu einer kräftigen Abwertung, die dann üblicherweise von der betroffenen Notenbank mit hohen Zinsen bekämpft wird.

Abbildung 5

Die hohen Zinsen der Notenbank sind allerdings Gift für eine Wirtschaft, die genau in dieser Übergangssituation (die Abwertung wirkt nämlich noch nicht stark genug) positive Impulse bräuchte, um eine Rezession zu vermeiden.

Das gelingt in Ländern wie der Türkei aber praktisch nie, weil man nicht versteht, dass nur eine Intervention bei den Lohnverhandlungen Erfolg bringen kann bzw. die Moderation der Löhne, wie sie seit 2017 in der Türkei schon zu beobachten ist, das Inflationsproblem sicherer und mit weit weniger großen Kosten löst als eine Restriktionspolitik der Notenbank. Gäbe es darüber auch Übereinstimmung mit dem Internationalen Währungsfonds, würde man ein solches Land (mit Dollarkrediten) bei der Stützung der Währung (nicht der Verhinderung der Abwertung, sondern nur deren Begrenzung) helfen, ohne dass dazu die Zinsen so drastisch erhöht werden müssten.

Auch auf längere Sicht gibt es bei offenen Grenzen nur das Mittel einer Nominallohnmoderation (nicht Reallohnmoderation!), mit der man dafür sorgen kann, dass die eigene Inflationsrate und das eigene (nominale) Zinsniveau so niedrig sind, dass es keinen großen Anreiz für die Anlage in dieser Währung gibt.

Die Türkei wird in überschaubarer Zeit aus dieser Krise herauskommen, weil die positiven Impulse der Abwertung der Lira vermutlich gewaltig sein werden. Erdogan wird sich dann als der erfolgreiche Manager dieser Krise feiern, obwohl er die gleichen Fehler gemacht hat wie schon viele Entwicklungsländer vor ihm. Auch ist meine Hoffnung, dass er oder die Weltgemeinschaft aus dieser Krise lernen, wie bedeutend ein funktionierendes internationales Währungssystem wäre, leider sehr gering.

Anmelden