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Kommentar | 11.06.2018

G 7 oder Gelaber ist in der Tat noch keine Politik

G 7 ist das älteste und unsinnigste aller Gipfeltreffen. Es wurde nur wiederbelebt, weil man Russland „bestrafen“ und aus irgendeinem internationalen Gremium herauswerfen wollte. Die politische Bedeutung ist ganz nahe Null, weswegen das Aufheulen über das „Scheitern“ mindestens so bedeutungslos ist wie das Treffen selbst.

Das war offensichtlich so etwas wie der Untergang der Menschheit: Trump verhindert, dass die G 7 sich auf ein Kommuniqué zu ihrem Treffen in Kanada einigen. Die deutsche Presse verfällt kollektiv in Schnappatmung und kann sich gar nicht einholen ob des amerikanischen Rüpels, der anscheinend konstruktive internationale Politik verhindert.

Was wird die Menschheit arm sein ohne dieses Kommuniqué. Wie hätte es die Problemlösungsfähigkeit unserer Politiker verbessern können. Hätten nicht gar die wichtigsten Konflikte der Menschheit gelöst werden können, wenn sich ein dutzend Beamte während einer langen Nacht geeinigt hätten? Und dann das: Trump fegt den „Erfolg des Gipfels“ mit einem Tweet vom Tisch.

Alles dummes Zeug. Ein Kommuniqué mehr oder weniger ist so wichtig, als wenn in China das berühmte Rad umfällt. Überhaupt, und das ist viel schlimmer, ist das kollektive Gedächtnis, was die Bedeutung von G 7 angeht, nicht nur lückenhaft, es ist nicht vorhanden. Ich muss nur wiederholen, was ich dazu im Jahr 2015 geschrieben habe:

„Wer ein wenig älter ist, muss sich in diesen Tagen manchmal an den Kopf fassen und fragen, ob er jetzt nur ein lang andauerndes déja vue-Erlebnis hat oder ob das die Wirklichkeit ist. G 7 ist nämlich eigentlich eine Gruppierung, die einer fernen Vergangenheit angehört. Mit G 7 (oder G 6) begann nach dem Ende des Systems von Bretton Woods die internationale Zusammenarbeit in weltwirtschaftlichen Fragen. Das geschah in der Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als man diese Gruppe von Ländern in der Tat noch als maßgebend ansehen konnte für die Geschicke der Region der Welt, die man den „Westen“ nannte.

Nach der Öffnung des „Ostens“ zu Anfang der neunziger Jahre war G 7 schon nicht mehr besonders relevant und wurde in der Tat auch auf G 8 erweitert, indem man Russland dazu nahm. Das war schon ein grandioser Fehler, weil Russland natürlich nicht für die Länder stehen konnte, die bis dahin dem Osten zugerechnet worden waren. Folglich hatte man eine Gruppe geschaffen, die nicht nur wenig repräsentativ für die Weltwirtschaft war, sondern auch sehr inkohärent, denn Russland fühlte sich extrem unwohl in seiner Rolle und ahnte wohl, dass es mit diesen sieben westlichen Ländern wenig gemein hatte. Folglich begann man auch im Westen schon Ende der neunziger Jahre darüber nachzudenken, wie man diese Formate der „westlichen“ Zusammenarbeit durch eine Einbeziehung der wichtigsten Entwicklungs- und Schwellenländer, insbesondere Chinas, wieder für die Weltwirtschaft relevant machen könnte.

So entstanden Versuche mit unterschiedlichen Gruppen (etwa einer G 33, deren erste Tagung ich selbst in Bonn leiten durfte, pikanterweise am 11. 3. 1999). Aber es bedurfte der großen Finanzkrise von 2008/2009, um eine wirklich arbeitsfähige und sinnvoll besetzte Gruppe zu gründen, die G 20, die – in der Besetzung der Staatoberhäupter – zum ersten Mal 2008 tagte. Die G 20 haben auch einiges erreicht, aber es ist natürlich schwierig, sich auch mit Vertretern aus Entwicklungsländern über sinnvolle Politikansätze zu einigen, weil man dazu auch deren Sicht der Welt zur Kenntnis nehmen und ernsthaft bedenken muss.

Statt aber in diesem Gremium weiterzuarbeiten und wirklich globale Lösungen für die globalisierte Wirtschaft zu suchen, dreht man nun kurzerhand die Zeit zurück, indem G 7 wiederbelebt wird (offiziell wurde diese Gruppe nie beerdigt, weil sie auch nie offiziell gegründet wurde, sie hat in den vergangenen Jahren allerdings keine Rolle mehr gespielt). Natürlich hat diese Retro-Politik viel damit zu tun, dass man Russland vorführen will, aber es ist natürlich auch ein Affront für die anderen Mitglieder der G 20, wenn sich mit großem Pomp zunächst die Finanzminister in Dresden treffen und nächste Woche mit noch viel größerem Pomp die Staatschefs in Elmau. Dass Deutschland sich bei diesem indirekten Russland-Bashing besonders hervortut, ist nicht wirklich erstaunlich, dass aber Frankreich und Italien diese Zeremoniengipfel mitmachen, ohne inhaltlich in den wirtschaftspolitischen und in den außenpolitischen Fragen auch nur einen Akzent zu setzen, sagt viel über die Qualität der politischen Spitze dieser Länder aus.“

Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen.

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