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Soziales | 07.06.2018 (editiert am 10.06.2018)

Nichts Neues vom Geldspeicher

Larry Fink, CEO von Blackrock, plädiert für langfristiges Sparen in Wertpapieren, um die Krise der Altersvorsorge zu lösen. Ein Zwischenruf zur neuen (alten) Rentendiskussion.

In der F.A.Z. vom 25. April 2018 begründet Fink sein Plädoyer wie folgt:

„Vor sechs Jahren, kurz bevor mein Vater im Alter von 87 Jahren starb, habe ich mit ihm zum ersten Mal darüber gesprochen, was Sparen und Geldanlage ihm gebracht haben. Dank seiner Überzeugungen, seiner Zuversicht, des langen Zeithorizonts und des Zinseszinseffekts verfügte er am Ende über etwa das Siebzigfache dessen, was er und meine Mutter durchschnittlich pro Jahr brutto verdient hatten. Das Siebzigfache. Das beeindruckt mich bis heute.“ [1]

Mich auch. Ich habe mal nachgerechnet. Tatsächlich, wenn man z.B. eine konstante Sparquote von 10% und eine jährliche Rendite von knapp 10% unterstellt, dann kriegt man das 70-fache nach mehr als 45 Jahren Sparen locker hin. Und die Kinder von Warren Buffet oder Bill Gates können irgendwann vermutlich noch dollere Geschichten erzählen: ex-post erscheinen ökonomische Erfolgsbiographien nur allzu leicht als Folge „vernünftigen“ Verhaltens, geradezu als harmonisch sich fügende Sequenz zielführender Entscheidungen der Protagonisten.

Es ist jedem (und auch Larry Fink) freigestellt, solche Erfahrungen zur alleinigen Grundlage einer allgemeinen Alterssicherungspolitik zu empfehlen – aber sollte die Politik dem auch folgen?

Singapur – auf Sparen ist Verlass. Wirklich?

Es gibt Länder, die das getan haben. Im Folgenden konzentriere ich mich auf Singapur, weil es ein Land (unter nur wenigen) ist, das sich seit Jahrzehnten praktisch ausschließlich auf Sparen in individuellen Konten als Grundlage von Alterssicherung verlegt und gleichzeitig eine erfolgreiche Wachstumsgeschichte mit hohen Kapitalmarktrenditen hat. Also ein ideales Habitat für Larry Finks Vorschlag. In der Tradition seiner früheren englischen Kolonialherren hat Singapur in den 1960ern seinen Central Provident Fund (CPF), allerdings mit Zwangsmitgliedschaft, eingerichtet. Der CPF wird oft fälschlich als eine Art Sparkasse bezeichnet – in Verkennung der Tatsache, dass er eben keine Bank ist, sondern eine Kapitalsammelstelle, die auf die Ersparnisse der unteren bis mittleren Mittelschicht ausgerichtet ist. Es gibt ähnlich strukturierte PFs in anderen asiatischen Ländern, auch solche mit freiwilliger Mitgliedschaft, die (wenig erfolgreich) auch arme Bevölkerungsschichten einzubeziehen versuchen.

Beiträge zum CPF werden innerhalb einer unteren und einer oberen Bemessungsgrenze (BBMG) erhoben, wobei die obere in der Nähe des gesamtwirtschaftlichen Durchschnittslohnes, also niedrig, liegt; sie werden auf drei Konten verteilt, die folgenden sozialpolitischen Zwecken dienen: der individuellen Finanzierung von Wohneigentumserwerb u.a.m., der Altersvorsorge (Rente) sowie der Begleichung von Krankheitskosten (Tabelle). Die vom Lohn berechneten Beiträge sind im asiatischen Vergleich (erfreulicherweise) durchaus hoch, und sie sind altersabhängig.

Ein Blick auf die Zuweisungsbeträge verdeutlicht, dass der Fonds hauptsächlich dem Erwerb von Wohneigentum „in jungen Jahren“ dient: Die in die Eigentumsfinanzierung gehenden Beiträge sind hoch, die für die Rente hingegen gering. Es ist bei dieser Beitragsstaffelung wenig verwunderlich, dass Singapurs Mittelschicht mittlerweile in hohem Maße Wohneigentum besitzt (im Alter zu einem Teil durchaus auch schuldenfrei), aber nur geringe regelmäßige Renteneinnahmen.

Singapur – die Probleme

Kurz, Rentner sitzen in ihren Wohnungen und können nicht raus, weil sie kaum laufende Einkünfte haben. Woran liegt’s? Im Kern daran, dass der CPF (trotz anderslautender Meldungen) eben primär keine Altersvorsorge betreibt, sondern die Bauindustrie ko-finanziert. Dies wird politisch (wie ja auch immer wieder gern in Deutschland) mit dem Argument unterlegt, die Bildung von Wohneigentum sei (Substitut für) „Rente“ – je mehr Wohneigentum im Alter umso geringere Rente brauche „man“. Zum anderen daran, dass die in das Altersvorsorgekonto fließenden Beiträge viel zu niedrig sind, um auch nur annähernd anständige Altersbezüge zu finanzieren, selbst wenn man eine ordentliche Verzinsung unterstellt. Aus einer Vielzahl von aktuarischen Analysen unterschiedlicher Alterssicherungssysteme in einer Vielzahl von Ländern ist bekannt, dass für eine einigermaßen gute Rente in jedem Fall implizit (wenn staatliche Zuschüsse hinzukommen) oder explizit (bei reiner Beitragsfinanzierung) mindestens Beiträge in Höhe von 25% bis 30% des im Alter zu ersetzenden Einkommens notwendig sind – mindestens 35 bis 40 Beitragsjahre vorausgesetzt, idealerweise mehr. Dies ist in der sozialpolitischen, fiskalischen und ökonomischen Realität international im Wesentlichen unabhängig davon, ob man Umlageverfahren wählt oder (wenn alles im je individuellen Leben einigermaßen gut geht) individuelle Konten mit schlussendlicher Auszahlung einer regelmäßigen Annuität präferiert. [2]

Zum sub-optimalen Alterssicherungsergebnis des CPF trägt weiterhin bei, dass er seinen Mitgliedern erlaubt, bei prädefiniertem Bedarf größere Kapitalbeträge „zwischendurch“ abzuziehen, was zwar in jedem Einzelfall den Präferenzen des Sparers entsprechen mag; die Wahrnehmung dieser Möglichkeit dokumentiert aber gleichzeitig das für den Einzelnen illusionäre eines Systems, das ohne die Vergemeinschaftung von Risiken (englisch: „pooling“) auszukommen versucht: Sparen sichert im Regelfall den Median-Mittelständler, der als solcher auch den üblichen Aufs und Abs des Lebens ausgesetzt ist, eben nicht gegen die wichtigsten finanziellen Risiken des Lebens (Langlebigkeit; Krankheit; Unfall; Behinderung; Arbeitslosigkeit; Pflegebedürftigkeit) ab.

Schließlich ein letzter Grund: Sparsysteme wie der CPF haben das grundsätzliche Problem, dass sie ungeeignet sind, einkommensarmen Menschen eine armutsfeste Rente zu bescheren – wenn das zugrundeliegende Einkommen gerade an der Armutsgrenze liegt, dann kann die rein beitragsfinanzierte Rente im Alter nicht sorgenfrei machen. Zwar kann man auch mit einer Sparquote von 6% bis 11.5% (Tabelle) und knapp 10% jährlicher Rendite nach 45 Beitragsjahren in einer Excel-Tabelle ein Vermögen in Höhe des ca. 50-fachen des lebenslangen Durchschnittseinkommens erzeugen – aber der CPF-Board sieht sich gegenwärtig allenfalls in der Lage, einen Zins von 2.5% zu garantieren und offenbar war auch die längerfristige Finanzmarktrealität für den CPF nicht ausreichend überschüssig. Jedenfalls ist es inzwischen so, dass

  1. der CPF-Board sich (anders als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten) nicht länger imstande sieht, ein Zielrentenniveau anzugeben;
  2. verschiedene Studien zu stark unterschiedlichen (tatsächlich zu erwartenden) Rentenniveaus kommen[3]: die OECD schätzte auf der Basis von Daten und Gesetzgebung von 2011, dass ein Durchschnittsverdiener mit stabilem Einkommen über den vollen aktiven Lebenszyklus, der dem CPF im Jahr 2008 im Alter von 20 Jahren beitritt, eine Brutto-Annuität in Höhe von ca. 11% bis 13% des durchschnittlichen (aktiven) Lebenseinkommens erzielen würde; später berechnete die OECD zu erwartende Nettorentenniveaus in Höhe von 24% bis 42% für Männer und von 21% bis 38% für Frauen. [4] Die jeweils höheren Werte beziehen sich auf beitragspflichtige Einkommen in Höhe von 50% / 100% des Durchschnitts, die niedrigen (wegen der BBMG) auf solche in Höhe von 200% des Durchschnittsverdienstes. Eine Studie im Auftrag des CPF-Board rechnet Bruttorentenniveaus in Höhe von ca. 50% des Medianverdieners aus, relativiert das Ergebnis aber insofern, als dieser Wert um bis zu 30%-Punkte fallen könne – abhängig vom erworbenen Wohneigentum (und den damit verbundenen laufenden Kosten); [5]
  3. die absehbar zunehmende Altersarmut weiblich sein wird: der CPF hat den vielen überlebenden Witwen nichts zu bieten – ein Phänomen, das sich in ganz Asien (Indien!) trotz aller PFs absehbar drastisch verschlimmern wird.

Was tun? – Ratlosigkeit

Nun ist es nicht so, dass die Regierung die Probleme nicht erkannt hätte. Aber die ergriffenen / vorgeschlagenen Maßnahmen wirken doch hilflos gemessen an den zunehmenden sozialpolitischen Problemen. Vorgeschlagen wird: Verbesserung der Effektivverzinsung der Ersparnisse durch den Board; Verbesserung der „financial literacy“ der Bevölkerung; schließlich der Ratschlag, so lange wie irgend möglich Beiträge zu zahlen und möglichst spät in Rente zu gehen: z.Z. wird Renteneintritt mit 70 empfohlen. Das übliche halt. Schon mal gehört? Tatsächlich: so bekannt, so langweilig, so wohlfeil. Und so eklatant im Widerspruch zu den Versprechungen, die Kapitalmärkte würden das Alterssicherungsproblem schon lösen. Individuelle Ansparsysteme sind Schönwettersysteme: wenn es sozialpolitisch eng wird, haben Regierungen nichts in der Hand, mit dem sie helfend eingreifen könnten. Da bleibt dann nur wegducken.

Singapurs Sozialpolitik ist z.Z. in den Problemen des CPF gefangen. Es gibt daneben noch Sozialhilfe, die allerdings (noch) ein Mauerblümchendasein führt. Solidarische Absicherung sozialer Risiken oder Umverteilung finden nicht statt, und die Bürger des Landes müssen sich fast ausschließlich auf die (zu geringe) Akkumulation von Ersparnissen in ihren CPF-Konten und auf inner-familiäre Transfers verlassen. [6] Wegen der Demographie stehen Kinder allerdings immer seltener zur Verfügung: Singapurs Gesellschaft altert drastisch.

Singapur ist ein gutes Beispiel dafür, wie der Gedanke individuellen Vorsorgesparens, sobald er allein die sozialpolitischen Erfordernisse einer Gesellschaft befriedigen soll, und nicht lediglich als Sahnehäubchen obenauf gedacht ist, in sozialpolitische Probleme läuft. Tatsächlich ist soziale Sicherung, soll sie erfüllen was der Name sagt, viel teurer als 37% von einem Lohn, der lediglich bis zu einer (zu) niedrigen BBMG reicht – in einer Gesellschaft mit Bedarf an zunehmendem Ressourcentransfer „zu den Alten“ ohnehin.

Die internationale Reputation von Singapurs CPF ist (noch) hervorragend, nicht zuletzt wegen seiner fast makellosen Administration und seinem – jedenfalls international so wahrgenommenen – Beitrag zur ökonomischen Entwicklung des Landes. [7] Wie so oft im Leben ergeben sich aus einem näheren Hinschauen allerdings Probleme, von denen einige oben angesprochen wurden.

Singapur – Reformen?

Vor diesem Hintergrund wird z.Z. international im Wesentlichen ein Reformvorschlag diskutiert, [8] nämlich die Einführung einer steuerfinanzierten Mindestrente für alle, wobei die Modalitäten im Einzelnen noch festzulegen wären: unabhängig von der Erwerbs- und Steuerzahlerbiographie wird allen ab einem bestimmten Alter der gleiche Betrag gezahlt („demogrant“), oder man macht die Höhe des Zahlbetrages z.B. von der Zahl der Beitragsjahre beim CPF abhängig (mit dieser Variante träte die Sozialhilfe sozusagen gleichberechtigt auf den Plan). Eine Demograntlösung wird z.Z. von der ILO aber auch vom IMF vorgeschlagen, ohne dass Details abgestimmt wären. Eine andere Option könnte sein, den CPF um eine Sozialversicherungskomponente zu ergänzen: entweder dadurch, dass ein Teil des jetzigen Beitragssatzes entsprechend umgewidmet wird, oder dadurch, dass der Gesamtbeitragssatz erhöht wird. Der erste Vorschlag würde eine weitere Verzettelung des Systems bedeuten, vermutlich ohne dass das Leistungsniveau angehoben würde und ist insoweit sozialpolitisch nicht wirklich attraktiv; der zweite Vorschlag würde zweifellos auf den Widerstand der Wirtschaft treffen.

Über den Tellerrand

Ähnliche PFs – mit ähnlichen Problemen und Reformüberlegungen – gibt es auch in Fidschi, Malaysia, Indien, Indonesien, Sri Lanka. Z.T. viel stärker als Singapurs CPF sind sie dadurch gekennzeichnet, dass ihre Mitglieder die geforderten Beiträge nicht kontinuierlich über den vollen Lebenszyklus leisten (können), dass die gesetzlichen Vorschriften einen zu frühen Renteneintritt erlauben – und dass die Fonds teilweise grotesk unterfinanziert sind (Beitragssätze nur im einstelligen Bereich) sowie eine zu große Zahl sozialpolitischer Funktionen übernehmen sollen.

Die tieferen Ursachen für die sozialpolitischen Dys-Funktionalitäten der PFs (einschließlich Singapurs CPF) liegen allerdings woanders, nämlich in ihrem Gründungsmythos, die Finanzmärkte garantierten ihnen langfristig derart hohe Verzinsungen, dass die sozialen Standardrisiken über einen ganzen Lebenszyklus auf jedem einzelnen individuellen Sparkonto abgedeckt werden könnten (Und dies selbst dann, wenn es sich um Konten armer Leute handelt, an denen die Märkte allerdings systemisch gar kein Interesse haben können.).

Es ist schon seltsam, was Politik so zulässt: da wurden bereits von der Hanse erste Formen solidarischer Absicherung ihrer Geschäfte erfunden; sie wurden von Portugiesen, Niederländern, Engländern und anderen zu Versicherungen weiterentwickelt; John Graunt (1662) und Edmund Halley (1693) legten mit ihren statistischen Arbeiten in/zu London und Breslau die Grundlagen für die aktuarische Profession – zusammen führten all diese Entwicklungen dazu, dass heute finanzielle Risiken des Einzelnen durch entsprechende Arrangements ziemlich erfolgreich zu minimalen Kosten abgedeckt werden können. Und den Mitgliedern von PFs wird geradezu vor-aufklärerisch (d.i. eigentlich mittelalterlich) geraten, sich gegen die Risiken des Lebens durch individuelles Sparen abzusichern. Das hätte man mal den Lübecker Kaufleuten sagen sollen! Wundert es vor diesem Hintergrund, dass die asiatischen Fonds-Verwaltungen oft vom Misstrauen ihrer Sparer begleitet werden? Tatsächlich sind die kleinen Leute klüger als oft gedacht …

Was hat das alles mit Larry Finks Einlassung in der F.A.Z. zu tun? Nun, erst einmal: das soeben Geschilderte lässt soziale Wirklichkeit auf einzelnes Glück treffen. Offenbar ist nicht jeder so lucky and thrifty, wie Larry’s Eltern es waren. Es mag ja durchaus sein, dass auch der eine oder andere Singapurer am Ende seines Lebens, Wohneigentum in guter Lage eingerechnet, das 70-fache seines jährlichen Durchschnittseinkommens als Vermögen angesammelt hat – man muss sich allerdings sehenden Auges den Wirklichkeitsvereinfachern zugesellen, oder zynisch sein, um solchermaßen individuelle und vor-moderne Sparstrategien zum allgemeinen Prinzip wirkungsvoller Alterssicherungspolitik zu machen.

Die deutsche Diskussion

Und damit sind wir bei der deutschen Diskussion. Der deutsche Alterssicherungsmainstream ist ja spätestens mit den Schröder-Riester’schen Reformen ebenfalls beim systemisch unzureichenden und unsolidarischen individuellen Sparmodell angekommen.

Während man einige (staatsnahe) Gruppen im Schoß klassischer Umlageverfahren mit definierten Rentenleistungen belässt, ganz so wie dies auch viele asiatische Autokratien tun, verweist man den Normalverdiener an seine Eigenverantwortung und die Finanzmärkte. So Riester, und zuletzt, sich dafür feiernd und von den Gewerkschaften gefeiert, Nahles. Auch Geringverdiener mahnt man ohne rot zu werden, auf keinen Fall das Vorsorgesparen zu vergessen – und sich dafür jedenfalls finanztechnisch weiterzubilden. Sonst sähe es düster aus im Alter.

Es ist interessant: bei der Lohnfrage wurde (nach zu langem Zögern) schließlich erkannt, dass mit den Agenda-Reformen ein allgemeiner Mindestlohn notwendig wurde. Wer Anfangs der 2000er A gesagt hatte, musste ein Dutzend Jahre später schließlich auch B sagen. In der Frage der Alterssicherung hat sich aber immer noch nicht herumgesprochen, dass jetzt eine entsprechende weitere Reform notwendig ist: in einem beitragsfinanzierten System erzeugt ein Mindest-Lohn auch nur eine Mindest-Rente im Alter. Wenn aber der Mindestlohn so gestaltet ist, dass der in der sozio-ökonomischen Wirklichkeit allenfalls so um die Mindestbedarfsgrenze schrappt, dann tut dies die spätere Rente nicht: sie kann dann entsprechend eingeübter aktuarischer Logik nur eine Rente in Armut sein.

Ob es die allgemeine Verbreitung dieser Logik ist, die dazu geführt hat, dass sich immer mehr junge Leute – wenn im Selbständigen-Prekariat erst einmal bei einer Sparquote Null angelangt – so resigniert-widerspruchslos damit abfinden, dass sie im Alter zum Sozialamt müssen, wird hier nur vermutet.

Europa im asiatischen Sozialmodell angelangt?

Inzwischen gibt es in Europa etwa 100 bis 110 Millionen atypisch-prekär Beschäftigte und Arbeitslose, das sind bei etwa 230 Millionen Erwerbspersonen wahrlich eine Menge: darunter sind einige, die die Statistik „selbständig“ nennt. Diese Größenordnung ist beeindruckend. Besagt sie doch nichts anderes, als dass sich Europa strukturell längst in das ökonomistisch-unsoziale Schema Asiens, eingereiht hat. Es bedarf nur noch eines vergleichsweise geringfügigen zivilisatorischen Rückschritts, um das europäische Prekariat in einen dem asiatischen ähnlichen informellen Sektor zu verwandeln.

Das asiatische Sozialmodell wurde (und wird) mit recht guten Gründen als „produktivistisch“ („productivist“) bezeichnet: bei generell niedrigen Löhnen technologie- und exportorientiert.[9] Europa – Deutschland und seine wenigen Epigonen gewollt, die anderen notgedrungen zunehmend – fährt seit einigen Jahren das gleiche Modell: tatsächlich (noch) nicht ganz so extrem wie Asien, aber konzeptionell-perspektivisch passts schon. Es stellt sich für Europa somit ernsthaft die Frage, ob es nicht Zeit ist, sich mit Asien sozialpolitisch zu koordinieren, um weitere Verschlimmerungen zum gegenseitigen Nutzen zu vermeiden. Vorüber sind jedenfalls die Zeiten, in denen es sich Europa mit einiger Überheblichkeit herausnehmen konnte, den „Rest der Welt“ im Rahmen internationaler (Entwicklungs-) Zusammenarbeit sozial- und arbeitsmarktpolitisch zu beraten.

In Europa ist der Lack so oder so längst ab – die jahrzehntealte Grundierung ist deutlich zu sehen. Und die anderen wissen es. Während es jedoch in Asien so scheint, dass die Regierungen bereit sind, auf die vorhandene bislang schlechte sozialpolitische Grundierung bald ordentlich Farbe aufzutragen – jedenfalls gibt es dafür gewisse Anzeichen (siehe – durchaus mit bitterem Beigeschmack – China!) –, ist es in Europa wohl so, dass man erst noch sehen will/muss, wie der braune Rost durchbricht, ehe sich etwas ändert. Tatsächlich hat sich international längst die Einsicht durchgesetzt, dass Alterssicherung, um sie in neo-liberal organisierten Arbeitsmärkten armutsfest zu machen, durch eine steuerfinanzierte allgemeine Einheitsrente ergänzt bzw. überhaupt organisiert werden muss, auf die dann andere Rentenkomponenten aufgesetzt werden können, so man denn will.

Man mag das mögen oder nicht (ich selbst gehöre zu denen, die es – wie die Notwendigkeit des Mindestlohns – bedauern), aber wenn die europäischen Gesellschaften nicht für immer die traurigen Überreste ihrer vormals lebendigen sozialen Seele[10] im Schuppen des Vergessens über den Haken hängen wollen, bleibt kein anderer Weg. Natürlich bedeutete das in Deutschland weitestgehend das Ende von Bismarck – aber nochmals: wer damals A sagte, der muss jetzt auch C sagen.

Oh Stillstand, oh Elend!

Leider sind aus der Zusammensetzung der jüngst beim BMAS installierten Rentenkommission keinerlei Anzeichen zu erkennen, dass die deutsche Alterssicherung in die oben angedachte Richtung weiterentwickelt werden könnte. Zwar hat die Bundesregierung im Jahr 2012 die sog. (im Übrigen unsäglich neo-liberale) Social Floor Recommendation (ILO-R202), zusammen mit den deutschen Gewerkschaften und Arbeitgebern sowie den entsprechenden Vertretern von 186 weiteren ILO Mitgliedstaaten, feierlich verabschiedet – sie hat das aber (wie die Europäischen ILO-Mitglieder generell) wohl immer so verstanden, dass dies eine Empfehlung entwicklungspolitischer Praxis für den Rest der Welt, nicht aber für Europa selbst ist, sie also eigentlich ignoriert werden könnte. Ja, wenn denn die Verhältnisse in Europa noch so wären! Sind sie aber längst nicht mehr, auch nicht in Deutschland. ILO-R202 gäbe in durchaus neoliberaler Logik der Bundesregierung allen Anlass, eine ausreichend ausgestattete steuerfinanzierte Komponente ins deutsche Rentensystem einzuführen.

Leider werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass stattdessen wohl weiterhin verstärkt auf Sparsysteme gesetzt werden wird. Zu stark sind hier nicht nur die Interessen der Finanzmärkte sondern auch die der Gewerkschaften, die ja schon Nahles‘ letzte Reform aus institutionellen Gründen begrüßt und damit die Einheit von Finanzmarkt- und Sozialpolitik festgestellt haben. Der Jubel gewerkschaftsnaher Fondsmanager war jedenfalls nicht zu überlesen. Wen wundert es da noch, dass die Gewerkschaften bei Lohnverhandlungen lahmen? Aber vielleicht kommen ja irgendwann die internationalen Entwicklungsberater aus Kambodscha und zeigen uns, wie Sozialpolitik geht.

Zum guten Schluss: pessimistische Hoffnung

Ich habe übrigens einmal versucht, für mich dieselbe Rechnung aufzumachen, wie dies Larry Finks Vater getan hatte: ich bin, meine Einkommen großzügig ab- und das Angesammelte großzügig aufrundend, lediglich auf rund das 5–fache gekommen. Tout alors! — Und warum erfüllt mich das in keiner Weise mit Neid? Weil es in Deutschland noch ein gutes, überwiegend solidarisch finanziertes Alterssicherungssystem gibt. Jedenfalls für mich. Die Frage, was mit der deutschen (und europäischen) Ökonomie passieren würde, wenn tatsächlich die gesamte deutsche Bevölkerung den gleichen Sparwillen an den Tag legte wie Larry Finks frugaler Vater – sie bleibe hier lediglich in den Raum gestellt, andere haben dazu bereits Kompetentes gesagt.

Larry Finks Vorschlag muss als das bezeichnet werden, was er ist: ein sozialpolitischer Fetisch den man eigentlich nicht ernst zu nehmen brauchte, irrlichterte er in seiner sozialpolitisch uninformierten Simplizität nicht immer wieder in abgewandelter Form durch die Medien. Unaufgeklärt-vormodern wie er ist, trägt er so beharrlich zur Unterminierung der demokratischen Verfasstheit unserer Gesellschaft und dem Verlust ihrer früheren Großzügigkeit bei. Die Gesänge der Böcke und das Blöken der Schafe sind inzwischen deutlich angeschwollen; und es deutet kaum etwas darauf hin, dass Märkte und Politik endlich aufhören würden, immer wieder genau diese eine Sau durchs Dorf zu jagen.

 


Literatur & Anmerkungen

[1] Fink, Larry: Stoppt die Altersvorsorge-Krise! Frankfurter Allgemeine Zeitung, Mittwoch, 25. April 2018; Nr. 96; Seite 25

[2] In aktuarischen Lehrbüchern findet man unterschiedliche „Ansparmodelle“ die (bei gleichen Geldleistungen im Alter) zu mehr oder weniger unterschiedlichen langfristigen Beitragssätzen führen – diese Modelle beruhen jedoch auf Annahmen langfristiger, üblicherweise über 3 Generationen (ca 75 Jahre) gehender Parameterkonstanz, die in der Realität nur selten erfüllt sind. (Siehe zB Plamondon, Pierre, Anne Drouin, Gylles Binet, Michael Cichon, Warren R. McGillivray, Michel Bédard, Hernando Perez-Montaz (2002): Actuarial practice in social security. Quantitative Methods in Social Protection Series. International Labour Office, International Social Security Association, Geneva.) Aktuarische Analysen leiden ohnehin darunter, dass sie von idealisierten langfristigen ökonomischen Entwicklungen ausgehen – was bleibt ihnen aber auch anderes übrig? Ihre Modellrechnungen sowie die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen würden weitgehend hinfällig, unterstellten sie systematisch in ihren Berechnungen ökonomische und Finanz- sowie Arbeitsmarktkrisen sowie entsprechende Reaktionen der Politik. Ein weites Feld.

[3] Ng, Kok-Hoe (2015): Can Singapore’s Central Provident Fund still meet retirement income needs? In: Sherridan et al (2015), S. 104 bis 122

[4] OECD (2012): Pensions at a glance Asia/Pacific 2011. Paris OECD publishing; OECD (2013): Pensions at a glance Asia/Pacific 2013. Paris OECD publishing.

[5] Chia, Ngee Choon and Albert K. C. Tsui (2012): Adequacy of Singapore’s Central Provident Fund Payouts: Income Replacement Rates of Entrant Workers. Report. Singapore: National University, Department of Economics.

[6] Daneben existiert ein beitragsfreies Umlagesystem für Beamte und Offiziere, sowie ein freiwilliges steuerprivilegiertes System (ohne Arbeitgeberbeteiligung). Die Zahl der Beamten im Umlagesystem hat in den letzten Jahren stark abgenommen, sie sind inzwischen zunehmend Mitglieder im CPF. http://www.pensionfundsonline.co.uk/content/country-profiles/singapore/101

[7] Sherraden, Michael (1997): Provident Funds and Social Protection: The Case of Singapore. In: Midgley, James and Michael W. Sherraden (eds) (1997): Alternatives to Social Security: An International Inquiry. Auburn House, Westport, US; Greenwood Publishing Group. (Kindle Edition.); Sherraden, Michael; Li Zou; Hok-bun Ku; Suo Deng; and Sibin Wang (eds) (2015): Asset-Building Policies and Innovations in Asia. Routledge Research on Social Work, Social Policy and Social Development in Greater China. Routledge/Routledge.

[8] Wichtig ist auch, dass der CPF nur Staatsbürger und Ausländer mit Aufenthaltsstatus abdeckt. Die Wirtschaft Singapurs ist ganz wesentlich von Pendlern abhängig, die allerdings nicht einbezogen sind. Daher: während der CPF über 80% der Staatsbürger und Ausländer mit Aufenthaltsstatus abdeckt, beträgt dieser Anteil nur ca. 50% aller Erwerbspersonen.

[9] Holliday, Ian (2000): Productivist Welfare Capitalism: Social Policy in East Asia. Sage Journals, Political Studies. September. http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1111/1467-9248.00279

[10] Vaughan-Whitehead, Daniel (2015): The European Social Model in Crisis: Is Europe losing its soul? International Labour Organisation. http://www.ilo.org/global/publications/ilo-bookstore/order-online/books/WCMS_314465/lang–de/index.htm

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