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Kommentar | 14.06.2018

Schweizer Fronarbeit für Chinas Oberschicht

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Der Freihandelsvertrag mit Mercosur wirft Grundsatzfragen auf: Sollen sich die Schweizer Bauern endlich „dem Markt stellen“? Oder wären wir mit weniger Markt nicht alle besser dran?

Schauen wir uns erst einmal die Details an.

„Wann begreift eigentlich der Mensch, dass wir von der Globalisierung weg müssen, und zurück zur Regionalisierung!“ Diesem Leserbrief auf der Homepage des Schweizer Fernsehens SRF haben 122 zugestimmt bei 21 Ablehnungen. Viele ähnliche Kommentare haben in etwa die gleichen Reaktionen ausgelöst. Etwa dieser: „Agrar- und Fleischimporte aus Südamerika fördern die Abholzung der Regenwälder zur Gewinnung von Weideflächen und die Futtermittel werden mit genmanipuliertem Saatgut in Kombination mit Glyphosat angebaut. En Guete!“

Der Anlass für diese Grundsatzdiskussion ist eigentlich ein nichtiger: Die EU steht kurz vor einem Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Es soll den Exporteuren aus der EU Zollerleichterungen von durchschnittlich 35 % bringen. Nun will die Schweiz nachziehen. Schweizer Exporteure sollen nicht benachteiligt werden, also muss auch die Schweiz ein Freihandelsabkommen haben. Doch mit jährlichen Exporten von 3,5 Milliarden Franken ist Mercosur für die Schweizer Exportwirtschaft eigentlich ein Klacks. Kein Grund für eine Grundsatzdebatte.

Aber das kann man natürlich auch anders sehen. „Es geht um einen „Markt von 260 Millionen“, liest man immer wieder. Und der Schweizer Wirtschaftsminister, Bundesrat Johann Schneider-Ammann betont bei jeder Gelegenheit, dass „jeder zweite Franken im Export verdient“ wird, und dass unsere Industrie „gute Rahmenbedingungen“ brauche, um unsere Arbeitsplätze auch in Zukunft zu sichern. Und eine schlechte Rahmenbedingung sind wohl die jährlich gut 7 Milliarden Agrarsubventionen und Zollschutz.

Die Details dieses angestrebten Vertrags sind komplex. Deshalb wird jetzt vor allem über Hand- und Bissfestes diskutiert: Argentinisches Rindfleisch und Schweizer Käse. Das Rindfleisch steht für das wichtigste Agrarprodukt, das Mercosur vermehrt in die Schweiz exportieren will. Käse ist das Paradebeispiel für ein High-End-Produkt, das die Schweizer Bauern dem „weltweit wachsenden Mittelstand“ verkaufen könnten. Wenn sie sich denn nur bemühen würden. Alle anderen müssen sich schließlich auch dem globalen Wettbewerb aussetzen.

„Ich bin überzeugt, dass wir noch viel mehr Marktanteile erreichen können gegenüber der europäischen Konkurrenz in den europäischen Ländern, aber vor allem auch in neuen Märkten in Fernost“, meinte Schneider-Ammann neulich bei einem Besuch auf einer Agrarmesse in Paris. Auch die NZZ forderte kürzlich erneut, dass sich auch die Bauern endlich „dem Markt stellen“ müssen.

Dass dies geht, hat neulich das Schweizer Fernsehen mit dem Beitrag „Schweizer Kühe fressen Gras für China“ am praktischen Beispiel gezeigt. Danach hat die Milchorganisation „Swissmooh“ letztes Jahr 5 Millionen Liter  Milch (meist als Käse) nach China exportiert. „Wir haben auf die Karte China gesetzt, weil die Chinesen an die Schweiz glauben und ein sehr gutes Bild von der Schweiz haben“, sagt der Geschäftsführer René Schwager. „Swissness“ habe einen Wert. In China sei der Käsemarkt noch jung, als First Mover habe Swissmooh eine Chance. Ferner weist der Beitrag darauf hin, dass dieser Exporterfolg nicht möglich gewesen wäre, hätte Herr Schneider Ammann im Freihandelsvertrag mit China verdienstvollerweise nicht auch noch Erleichterungen für Schweizer Agrarexporte durchgesetzt.

Was in der Reportage nicht gesagt wird, sind diese Details: Die Schweizer Bauern erhalten pro Liter Exportmilch 32 Rappen. Die effektiven Kosten liegen jedoch bei 85 Rappen. Zudem zahlt der Bund den Käsereien (in diesem Falle also der MIBA, der Mutter von Swissmooh) pro Liter eine Verkäsungszulage von 15 Rappen. Per Saldo verramscht die Schweiz Milch also für 17 Rappen oder rund 20 % der Gestehungskosten.

Und die Sache wird noch viel absurder, wenn wir hier entdecken, dass chinesische Konsumenten für 400 Gramm Swissmooh-Emmentaler 168 Yuan bezahlen. Das sind umgerechnet etwa 26 Dollar oder 8 Arbeitsstunden zum chinesischen Mindestlohn. Unsere Mittelschicht könnte und würde sich einen solchen Käse nicht leisten, aber offenbar gibt es in China und auch in Mercosur eine sehr gehobene Mittelschicht, der fast nichts zu teuer ist – und die von den Schweizer Milchbauern noch subventioniert werden kann. Die haben nämlich von dem Export gar nichts. Die 32 Rappen für die Exportmilch decken noch nicht einmal die Fixkosten. Die Arbeit ist gratis.

Für Schneider-Ammann und für die NZZ geht die Rechnung auf: Wir lassen argentinisches Rindfleisch rein und exportieren dafür Käse nach China. Win-Win. Freihandel macht uns alle noch reicher. Doch wenn man genau hinschaut sieht es so aus: Die Argentinier holzen ihren Regenwald ab, um uns Schweizer noch mehr zu verwöhnen und Schweizer Milchbauern leisten Fronarbeit für die chinesische Oberschicht – die vielleicht schon morgen ihre Lust auf Swissmooh verliert und auf ein anderes Land und eine andere Gaumenfreude setzt.

Die Debatte um das argentinische Rindfleisch ist auch ein Beispiel für die Kluft, die sich auch innerhalb der Schweiz auftut. Die „Elite“ diskutiert immer noch kenntnisreich über die Details eines Handelsvertrags, über die Rahmenbedingungen der Exportwirtschaft und über Wettbewerbsnachteile gegenüber der EU. Das „Volk“ hingegen ist längst zur Grundsatzdiskussion übergegangen: Brauchen wir diesen Freihandel überhaupt noch? Wären wir mit mehr Regional- und weniger Globalisierung nicht alle besser dran?

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