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Genial daneben | 15.06.2018 (editiert am 19.06.2018)

Trumps Probleme gibt es gar nicht!

Donald Trump fühlt sich im bilateralen Handel benachteiligt. Nun will er einen Handelskrieg führen und meint, ihn nur gewinnen zu können. Eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung widerlegt Trump nun – selbstverständlich streng wissenschaftlich – in allen Punkten.

Deutschland ist Exportweltmeister. Es produziert also in einer Größenordnung Wirtschaftsgüter fürs Ausland wie kein anderes Land. Damit nicht genug. Seine Wirtschaft ist auch wie kein anderes Land vom Verkauf seiner Güter ins Ausland abhängig. Inzwischen werden nahezu 50 % der in Deutschland produzierten Güter ins Ausland verkauft.

Exportorientiertes deutsches Wachstumsmodell

Noch erstaunlicher ist, dass – wie die beiden Ökonomen Stefan Kooths und Ulrich Stolzenburg vom Kieler Institut für Weltwirtschaft errechnet haben – das Wachstum Deutschlands mehr als doppelt so stark vom Geschäft mit dem Ausland als mit von dem im Inland getragen wird. Deutschlands wirtschaftliches Wohl und Wehe ist also ganz erheblich davon abhängig, dass die Bedingungen, die dieses exportorientierte Wachstumsmodell Deutschlands ermöglichen, aufrechterhalten werden.

Es ist, wie Martin Höpner in einem bislang unveröffentlichten Manuskript überzeugend dargelegt hat (hier das Argument in Kurzform), ein institutionelles Set-up, dessen Entstehung bis in die Anfänge der Bundesrepublik zurückreicht und das Deutschland erlaubt hat, sich durch eine Unterbewertung preisliche Wettbewerbsvorteile im Außenhandel zu verschaffen. Jörg Bibow und Heiner Flassbeck machen in ihrem kürzlich veröffentlichten Buch denselben Punkt und weisen darauf hin, dass der Erfolg dieser Strategie darauf beruhte, eine „niedrigere Inflationsrate als seine Handelspartner“ zu erzielen. In einem „System fester Wechselkurse“, so Bibow und Flassbeck weiter, hat eine solche Politik „automatisch den angestrebten Effekt: Deutschland gewinnt (kumulative) Wettbewerbsvorteile gegenüber seinen Handelspartnern“.

Deutschland ist es, wie die folgende Grafik belegt, gelungen, die Inflationsrate seit 1998 fast immer unter der der Amerikaner zu halten.

Mit dem Euro wurde Deutschland nach dem Ende von Bretton Woods ein Substitut bereitgestellt, um die Strategie der Wettbewerbsvorteile durch niedrige Inflationsraten noch wirksamer verfolgen zu können. Überraschend ist daher auch die Entwicklung der realen effektiven Wechselkurse zwischen Deutschland und den USA seit 1998 nicht, die in der folgenden Grafik dargestellt wird.

Aus Sicht der deutschen Politik gibt es keinen Grund, irgendetwas zu verändern. Man kann mithilfe dieses exportorientierten Wachstumsmodells ein relativ hohes Konsum- und Beschäftigungsniveau halten, macht mit der dazu notwendigen Lohnzurückhaltung alle Unternehmen und „Leistungsträger“ glücklich, da sie glauben, niedrige Löhne bedeuteten für sie alle höhere Profite und vor allem kann man dem Wahlvolk demonstrieren, welch solide und zukunftsorientierte Finanzpolitik die Bundesregierung betreibt. In gewissem Sinne ist das deutsche Wirtschaftsmodell in einem gesellschaftlichen Gleichgewicht, das nur durch einen externen Schock gestört werden kann.

Trump als Störenfried

An dieser Stelle tritt Donald Trump als Störenfried auf die Bühne. Er droht mit, wie es in der deutschen Presse nahezu unisono heißt, „Strafzöllen“, was deutsche Produkte verteuern und dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit reduzieren würde. Was aber stört ihn daran, dass Amerikaner gute und günstige Produkte aus Deutschland erwerben können? Schließlich hat sie ja niemand dazu gezwungen?

Nun, es stört ihn an dieser Tatsache gar nichts! Was ihn stört, ist, dass Deutschlands mehr Güter in die USA verkauft hat als es von dort gekauft hat. Es stören ihn also die permanenten Leistungsbilanzdefzite der USA gegenüber Deutschland, die in der folgenden Grafik zum Ausdruck kommen.

Trump will, dass Deutschland und andere Überschussländer politisch intervenieren, um diese Überschüsse rasch abzubauen. Trump stören die Defizite, weil sie in Amerika Arbeitsplätze kosten. Würden Güter und Dienstleistungen in Höhe des Saldos in den USA hergestellt oder aber würde Deutschland mehr Güter und Dienstleistungen aus den USA kaufen, dann wäre es möglich, mehr Menschen in den USA sinnvoll zu beschäftigen.

Dieses Argument ist zweifelsohne korrekt. Die deutsche Politik aber, unterstützt von den Leitmedien und führenden deutschen Ökonomen, verteidigt die Überschüsse Deutschlands mit Zähnen und Klauen. Die Amerikaner seien doch selber schuld, sie sollten doch einfach bessere Produkte herstellen, heißt es da. Oder es wird gefragt, was denn an den Leistungsbilanzdefiziten schlecht sein könne, wenn sie doch gleichzeitig von deutschen Sparern großzügig finanziert würden? Auf jeden Fall aber, so wird auch erzählt, könne die Politik daran nichts ändern, denn die Salden seien das Ergebnis unzähliger Entscheidungen freier Wirtschaftssubjekte. Und überhaupt, der Freihandel würde, wie doch jeder weiß, immer alle besserstellen und damit würde Trumps Protektionismus – logisch – alle zu Verlierern machen (wir haben dazu eine Vielzahl von Artikeln veröffentlicht, z.B. hier).

Angeklungen ist immer schon ein anderes Argument, das nun beim Münchner Institut für Wirtschaftsforschung  zu einer Studie ausgewalzt wurde. Quintessenz: Trump sieht ein Problem, das er bei Licht betrachtet gar nicht hat. Denn, wenn man die bilateralen Leistungsbilanzsalden mit der gesamten EU betrachtet, dann hat die USA sogar einen kleinen Überschuss! Die intendierte Botschaft dieser Studie fasst die Süddeutsche Zeitung (SZ) wie folgt korrekt zusammen:

„Die globale Arbeitsteilung funktioniert. Der US-Präsident jedoch tut weiterhin so, als sei er der Kapitän einer Fußballmannschaft, die mit 0:5 zurückliegt und nun alles nach vorn wirft, um doch noch die Wende zu erzwingen – Rempeleien, rüde Attacken und taktische Fouls inklusive.“

Um zu dieser erstaunlichen Schlussfolgerung zu kommen, macht man sich zunächst einmal die Tatsache zunutze, dass die Regelung und Steuerung des Außenhandels mit Drittstaaten aller EU Mitgliedsländer der EU übertragen wurde und daher die USA ihren Disput über Zölle mit der EU-Kommission austragen müssen. Klar aber sollte sein, dass Trump nicht alle EU-Länder, sondern alleine die mit Überschüssen im bilateralen Handel mit den USA im Visier hat. Diese Länder sollen mit der Erhebung von Zöllen unter Druck gesetzt werden, damit sie ihre Wirtschaftspolitik so ändern, dass die Überschüsse abgebaut werden. So könnten z.B. in Deutschland die Löhne kräftig erhöht werden und man hätte sich als Zeichen des guten Willens auf hohe Lohnabschlüsse im öffentlichen Dienst einigen können.

Darüber hinaus versucht man mit der Studie wieder Trump als Dummkopf darzustellen und ihm eine ökonomische Lehrstunde aus Germany zugute kommen zu lassen. Trump könne doch nicht nur auf die Handelsbilanz schauen, die zweifelsohne aus seiner Sicht gegenüber der EU mit € 153 Milliarden defizitär sei. Es sei doch auch zu beachten, dass die USA bei Dienstleistungen einen Überschuss von € 51,3 Milliarden erzielt haben. Das noch verbleibende Defizit werde dann aber in erster Linie durch sogenannte Primäreinkommen aufgewogen. Ergo:

„Das ist keine Wirtschaftsbeziehung wie Trump es darstellt, wo einer zahlt und einer bekommt.“ Gabriel Felbermayr

Deutsche Beggar-thy-neighbor Politik

Zunächst ist anzumerken, dass sowohl diese Primäreinkommen als auch die so genannte Sekundäreinkommen beim oben dargestellten Leistungsbilanzsaldo zwischen den USA und Deutschland berücksichtigt sind. Bezogen auf Deutschland funktioniert es also nicht, mit statistischen Zaubertricks das Problem zum Verschwinden zu bringen.

Allerdings muss und sollte man durchaus diskutieren, ob für die Frage, ob Deutschlands Exportüberschüsse nicht Arbeitsplätze in den USA kosten, die Primäreinkommen nicht herausgerechnet werden müssen. Denn die Primäreinkommen sind, wie die SZ richtig schreibt, „vor allem die Gewinne, die die europäischen Töchter von Digitalkonzernen wie Apple, Amazon, Facebook und Google an die Muttergesellschaften in den USA überweisen“. Diese Firmen haben ihren Sitz in europäischen Steueroasen, wie in Irland und den Niederlanden, so dass der Verdacht gerechtfertigt ist, dass die Gewinne überwiegend das Ergebnis von Steuerakrobatik sind. In diesem Fall könnten die Primäreinkommen bei der zur Diskussion stehenden Frage unberücksichtigt bleiben.

Rechnen wir aus den Leistungsbilanzsalden zwischen den USA und der EU den Primärsaldo heraus, dann ergibt sich das folgende in der Grafik dargestellte Bild.

Unterstellt man dagegen, dass die Gewinne der amerikanischen Unternehmen tatsächlich aufgrund von in der EU erbrachten Leistungen angefallen sind, dann sind unter der weiteren Annahme, dass diese Leistungen auch aus den USA heraus erbracht hätten werden können, Ausweis dafür, dass amerikanische Arbeitsplätze nach Europa verlagert wurden. Direktinvestitionen dieser Art dürften allerdings kaum in der Lage sein, Trump zu besänftigen.

Fazit

Die ifo-Studie ist nichts weiter, als ein sehr leicht durchschaubarer Versuch, Deutschlands exportorientiertes Wachstumsmodell aus der Schusslinie zu nehmen. Es fragt sich allerdings, wen sie mit dieser Argumentation und der folgenden „Schlussfolgerung“  meinen überzeugen zu können:

„Das bedeutet, dass Europa in den Verhandlungen mit den USA sehr viel kraftvoller auftreten könnte, als man bisher geglaubt hat.“ Gabriel Felbermayr

Die Amerikaner, so viel steht fest, werden über die Ergebnisse der Studie der ifo-Ökonomen und vor allem über Sätze wie diesen nur laut lachen und wir lachen herzlich mit.

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