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Genial daneben | 12.06.2018

Vollgeld – trotz guter Argumente voll abgelehnt?

Auch in den deutschen Medien wurde viel darüber spekuliert, ob nicht Vollgeld doch eine gute Sache wäre. Ist es nicht und es ist gut, dass die Schweizer es glatt abgelehnt haben.

In der Schweiz ist die gestrige Abstimmung zum sogenannten Vollgeld (auf Makroskop findet man unter dem Stichwort „Vollgeld“ eine Reihe von Artikeln, die den Ansatz erklären) aus der Sicht der Initianten voll in die Hose gegangen – nur 25 Prozent der Stimmbürger haben sich dafür ausgesprochen. Das ist insofern bemerkenswert, als die Befürworter mit scheinbar einleuchtenden Argumenten darlegten, dass nur auf diese Weise in Zukunft Finanzkrisen vermieden werden können. Dagegen stand in der öffentlichen Auseinandersetzung hauptsächlich das Argument, man solle ein funktionierendes System nicht einfach durch ein System ersetzen, was unerprobt ist.

Dass die Gegenargumente so schwach waren, erstaunt jedoch nicht, weil auch die meisten Befürworter des heutigen Systems nur rudimentär verstanden haben, wie eine Geldwirtschaft funktioniert. Immer noch ist die Vorstellung weit verbreitet, nur die Kontrolle einer Geldmenge könne auf Dauer Inflation verhindern. Das ist das, was auch heute immer noch als Monetarismus bezeichnet wird und in Köpfen der meisten Ökonomen herumspukt. Das genau wollen aber auch die Vollgeldvertreter, weswegen mit Argumenten entlang monetaristischer Linien eigentlich gegen sie kein Blumentopf zu gewinnen sein dürfte.

Sehr schön hat das Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel kurz vor der Abstimmung vorgeführt. Man muss wissen, dass der Monetarismus in Kiel über Jahrzehnte das unbestreitbare Dogma war und wo man vermutlich auch heute noch nicht weiß, wie eine wirkliche Geldwirtschaft funktioniert. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk (hier) sagte er auf die Frage, ob es nicht der richtige Ansatz sei, dass man die Geldschöpfung allein bei den Zentralbanken ansiedele und den Geschäftsbanken keine Möglichkeiten gebe, Geld zu schöpfen:

„Das ist in der Tat der richtige Ansatz. Allerdings kommt es dann natürlich entscheidend darauf an, welche Zentralbankgeldpolitik betrieben wird. Wenn die dann ebenfalls sehr elastisch ist, wenn also die Zentralbank sehr starke Veränderungen der Geldmenge zulässt, dann haben wir so viel nicht gewonnen. Es kommt dann ganz darauf an, wie die Zentralbank ihrerseits agiert.“

Wenn die dann sehr elastisch ist, gibt es die gleichen „Probleme“ wie im jetzigen System. Bravo, liebe Freunde aus Kiel, so ist es genau verkehrt herum. Es kommt immer darauf an, was elastisch sein soll: Die Geldmenge oder der Zins. Wer bei der Geldmenge elastisch ist, kann den Zins steuern, wer die Geldmenge steuern will, muss beim Zins elastisch sein.

Hier genau liegt das Problem des Monetarismus und der Vollgeldidee. Was über das bereits vorhandene Geld hinaus zusätzlich an Geld, an Liquidität in einer sich entwickelnden Wirtschaft „gebraucht wird“, ist unbekannt. Und wir können es auch systematisch nicht wissen, weil die Zentralbank mit ihrem eigenen Verhalten erst die Voraussetzungen dafür schafft, dass es eine dynamische Entwicklung und eine bestimmte Nachfrage nach Geld gibt. Deswegen ist der Monetarismus mit seiner Krücke des (irgendwie vorgegebenen) Produktionspotenzials, das die Zentralbank „objektiv“ zu finanzieren habe, einfach falsch. Wir wissen nicht nur nicht, was an realer Produktion zu finanzieren ist, die über die reine Kreislaufwirtschaft hinausgeht, sondern wir wissen auch nicht, wie sich – selbst bei Abwesenheit gewaltiger Spekulationsblasen – die Nachfrage nach Geld, nach Liquidität im Zeitverlauf entwickelt.

Wenn, wofür vieles spricht, ein niedriger und stabiler Zins am Geldmarkt und daraus abgeleitet an den Kapitalmärkten selbst die entscheidende Voraussetzung für dynamische Entwicklung ist, dann ist die Idee eines exogen zu steuernden Geldangebots bei unbekannter Geldnachfrage von vorneherein verfehlt. Und sie ist verfehlt, ganz gleich, ob man das mit Vollgeld versucht oder mit einer anderen Form der Geldmengensteuerung.

Der Zins – darüber sprechen die Vollgeldvertreter genauso wenig wie die Monetaristen – schafft günstige Bedingungen für Investitionen nur dann, wenn er niedrig und stabil genug ist, um den Investoren in Sachanlagen den Anreiz und die größtmögliche Sicherheit zu geben, dass sie ihre Investitionen durchführen. Ein stabiler Zins – das ist die zentrale Botschaft der letzten Jahrzehnte in Sachen Geldpolitik – ist jedoch nur möglich, wenn die Zentralbank jede Geldnachfrage zu dem von ihr festgesetzten Zins bedient. Das aber ist mit der Vorstellung einer Steuerung des Geldangebots oder einer bestimmten Geldmenge unvereinbar.

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