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Theorie | 03.07.2018 (editiert am 07.09.2018)

Die wackeligen Fundamente der Neoklassik

Die Begriffe des Grenznutzen und der Zeitpräferenz sind zentral für den Theorieaufbau der Neoklassik. Sie verweisen allerdings nicht, wie von ihnen behauptet, auf Gesetze menschlichen Verhaltens, sondern sind auf Basis von Plausibilitäten entwickelte fiktionale Konstrukte.

Ludwig Wittgenstein hat im Tractatus behauptet, philosophische Probleme beruhten ganz überwiegend auf Fehlanwendungen der Sprache. Die Aufgabe der Philosophie sieht er daher vorrangig darin, durch Sprachkritik diese Fehlanwendungen aufzudecken.

Fehlanwendungen der Sprache sind nun aber sicherlich nicht auf die Philosophie begrenzt. Gerade in der Ökonomik gibt es für Sprachkritiker ein riesiges Betätigungsfeld. Illustrieren lässt sich das am Beispiel zweier für die Neoklassik zentraler Grundbegriffe.

Die Rede ist vom Begriff des Grenznutzens und dem der Zeitpräferenz. Nach Meinung der Neoklassik referieren diese Begriffe auf Gesetze menschlichen Verhaltens und ermöglichen es, Preise für alle Art von Gütern auf die Entscheidungen von Wirtschaftssubjekten zurückzuführen.

Diese Rückführung wirtschaftlicher Phänomene auf Entscheidungen von Handlungsakteuren wird als Mikrofundierung der Ökonomik bezeichnet. Verlangt wird, dass letztlich alle makroökonomischen Phänomene, wie die Entwicklung des Zinssatzes oder der Arbeitslosenquote, auf das Zusammenwirken der Nutzenerwägungen von Wirtschaftssubjekten zurückgeführt werden kann.

Dieses Forschungsprogramm ist zum Scheitern verurteilt, wenn die durch die beiden Begriffe bezeichneten Gesetze menschlichen Verhaltens nicht empirisch bestätigt werden können. Betrachten wir uns daher den Inhalt dieser Gesetze etwas genauer und fragen, ob sie sich als zumindest plausibel ausweisen lassen.

Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen

Menschliche Handlungen werden von der Neoklassik als ein Verhalten verstanden, dem Entscheidungen vorausgehen. Handlungen sind in letzter Instanz nach ihrer Meinung immer durch die Präferenzen der jeweiligen Akteure motiviert. Wer handelt, verspricht sich von seinem Tun also einen Nutzen. Und er wird immer die Handlungsalternative wählen, die ihm unter den gegebenen Umständen den höchsten Nutzen verspricht.

Behauptet wird von Neoklassikern, dass es zwischen den Präferenzen eines Subjekts und den Marktpreisen aller nur denkbaren Wirtschaftsgüter einen engen Zusammenhang gibt. Den Preis, den jemand für ein Konsumgut zu bezahlen bereit ist, ist nach deren Meinung eng mit dem Maß der Präferenzbefriedigung verbunden. Sie nehmen darüber hinaus an, dass die Nutzenempfindungen der Handlungssubjekte in letzter Instanz auch auf alle anderen Wirtschaftsgüter „durchschlagen.“

Präferenzen sind nach Meinung der Neoklassiker vollkommen subjektive Phänomene und damit auch nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Glücklicherweise aber gibt es für die auf Nutzenerwartungen basierenden Handlungen Gesetze, die die sogenannte „marginalistische Revolution“ der Ökonomik durch Carl Menger, Léon Walras und William Stanley Jevons u.a. erst ermöglichte.

Es ist der Entdeckung dieser Gesetze und seiner systematischen Anwendung zu verdanken, dass es den Nachfolgern dieser Revolutionäre erlaubt, in Lehrbüchern der Volkswirtschaftslehre Diagramme zu zeichnen, in denen sich Nachfrage- und Angebotskurven schneiden.

Der Schnittpunkt ist dabei der Marktpreis von Gütern, wie z.B. einer Bratwurst, der es Anbietern und Nachfragern nach einem Wirtschaftsgut erlaubt, ihren jeweiligen Nutzen zu maximieren. Bei diesem Preis befindet sich Angebot und Nachfrage, so wird gesagt, im Gleichgewicht. Das heißt, zu diesem Preis werden genau so viele Güter produziert, wie nachgefragt werden. Der Markt wird zu diesem Preis also immer geräumt.

Die Form der Nachfragekurve, so wird behauptet, sei auf angeboren Eigenschaften von menschlichen Präferenzen zurückzuführen. Die Entdeckung dieses für die Neoklassik so zentralen Gesetzes wird dem preußischen Juristen Hermann Heinrich Gossen (1810 – 1858) zugeschrieben und daher als das 1. Gossensche Gesetz bezeichnet.

Er selbst formulierte es wie folgt:

 „Die Größe eines und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit der Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt Sättigung eintritt.“

Müssen wir uns zwischen der Befriedigung unterschiedlicher Bedürfnisse entscheiden, dann ist es wichtig zu beachten, so stimmen Neoklassiker mit Gossen überein, dass wir nicht primär Entscheidungen zwischen verschiedenen Wirtschaftsgütern per se treffen, sondern solche über die Quantitäten solcher Güter. Wir vergleichen also nicht etwa Bratwürste einfach mit Bier, sondern mit bestimmten Mengen von Bratwürsten und von Bier.

Das „Gesetz“ besagt also, um bei der Bratwurst zu bleiben, dass jemandem, der richtig Kohldampf hat, die erste Bratwurst extrem gut schmeckt, die zweite schon weniger und die dritte noch weniger und schließlich und endlich wird einem sogar schlecht werden. Mit Bezug auf Nahrungsmittel scheint das 1. Gossensche Gesetz also durchaus plausibel zu sein. Mithilfe dieses Gesetzes kann man dann erklären, warum sich mit dem zunehmenden Angebot eines Guts ihr erzielbarer Marktpreis mindert. Der Grenznutzen, so sagt man heute, verringere sich eben mit der Quantität der erworbenen Güter und damit dann eben auch sein Preis.

Ein erstes Problem ergibt sich allerdings schon, wenn man nach der Maßeinheit für die Quantitäten der Güter fragt. Sind es ganze Bratwürste oder vielleicht die einzelnen Bisse von Bratwürsten? Wie muss man dieses Gesetz verstehen, wenn ich mir wünsche, „Kind of Blue“ von Miles Davis zu hören? Besagt das Gesetz für diesen Fall, dass mir das Hören dieser Musik in der ersten Minute mehr Genuss bereitet als in der zweiten, in der dritten weniger als in der zweiten, bis ich dann schließlich nach einer gewissen Zeit musikalisch gesättigt bin?

Während man diese Frage noch für beantwortbar erachten mag, scheint, worauf der bekannte Betriebswissenschaftler Dieter Schneider pointiert hingewiesen hat, das sogenannte Gesetz durch eine Vielzahl von Gegenbeispielen widerlegt zu sein:

„Ein eher scherzhaftes Beispiel ist, daß Fankfurter Äppelwoi erst ab dem 2. und besser ab dem 3. Glas schmeckt, etwas ernster zu nehmen ist der Sachverhalt, daß ein Münzsammler, dem noch wenige Münzen zur Vervollständigung seiner Sammlung fehlen, für die letzten fehlenden Stücke besonders viel zahlen wird, ebenso wie ein Aufkäufer einer Aktienmehrheit für die letzten, die Mehrheit beschaffenden Stimmrechte. Das praktisch bedeutsamste Gegenbeispiel bildet sich in der Nachfrage ergänzender Güter: Wer mehr Reitpferde halten will, braucht mehr Futter. Aus der Präferenz „mehr Reitpferde“ folgt ein steigender Grenznutzen des Futters in den Augen des Reitstallbesitzers.“

Was aber sagen Psychologen und Hirnforscher zu diesem behaupteten psychologischen Gesetz?

„Die Grenznutzentheorie behauptet eine Beziehung zwischen der objektiven Eigenschaft der Höhe der Belohnungen und ihrem subjektiven Wert. Trotz seines allgegenwärtigen Einflusses gibt es jedoch bemerkenswert wenig direkte empirische Beweise für eine solche Werttheorie, geschweige denn für eine neurobiologische Grundlage.“

Der Versuch, die Entscheidungen von „neoklassischen Haushalten“ mithilfe von Grenznutzenkalkülen zu modellieren, beruht also offensichtlich auf nicht haltbaren Annahmen über die Eigenschaften menschlicher Präferenzen.

Gesetz der Zeitpräferenz

Diesem Gesetz liegt eine Annahme zugrunde, die für die Neoklassiker evident korrekt ist. Behauptet wird faktisch, dass der Begriff der Handlung begriffslogisch impliziert, dass ein Subjekt immer, unter sonst gleichen Umständen, die Erfüllung eines Wunsches zu einem früheren Zeitpunkt gegenüber einem späteren Zeitpunkt bevorzugt.

Habe ich z.B. den Wunsch ein Eis zu essen, dann bevorzuge ich, das Eis jetzt gleich zu bekommen, anstatt darauf noch eine Stunde zu warten. Da Handlungssubjekte mit der Erfüllung von Wünschen eine Nutzenmehrung erwarten, gilt auch, dass der Nutzen eines Eises jetzt größer ist als der Nutzen aus einem Eis in einer Stunde.

Gegen diesen behaupteten generellen Zusammenhang spricht zunächst, dass man sicherlich nicht ausschließen kann, dass es mir egal ist, ob ich das Eis jetzt oder später vertilge, es aber eben jetzt esse. Darüber hinaus kann ich, obwohl ich lieber ein Eis in einer Stunde essen würde, es jetzt essen, weil ich es in einer Stunde nicht mehr kann, da ich dann z.B. in einem Flugzeug sitze.

Es scheint daher unmöglich, die Behauptung aufrechtzuerhalten, dass im Begriff der Handlung der Begriff der Zeitpräferenz aufgrund semantischer Folgebeziehungen bereits enthalten ist.

Warum aber entscheiden sich Subjekte überhaupt, eine Handlungsalternative zu realisieren, die erst zu einem späteren Zeitpunkt zur Erfüllung eines Wunsches führt? Die Antwort der Neoklassik ist denkbar einfach: Sie tun es, weil sie dafür in der Zukunft kompensiert werden.

Wer sich heute entscheidet, dass er, anstatt 200 kg geerntetes Getreide zu Nahrungsmitteln zu verarbeiten und zusammen mit seiner Familie zu verspeisen, 100 kg seinem Nachbarn gibt, der ihm im Gegenzug verspricht, ihm im nächsten Jahr dafür 110 kg Getreide zurückzugeben, der schätzt den Nutzen von 110 kg in einem Jahr als höher ein, als 100 kg Getreide heute. Die 10 kg Getreide sind für die Neoklassiker ein Zins. Zeitpräferenzen von Subjekten erklären also Zinsen. Daraus folgt dann, dass mit steigenden Zinsen die Bereitschaft steigt, auf Konsum zu verzichten und damit in die Produktion von mehr Gütern in der Zukunft zu investieren und andersherum.

Graphisch lässt sich dieser Zusammenhang, der die Funktionsweise des Kapitalmarkts zu beschreiben beansprucht, so darstellen:

Der Kapitalmarkt genügt also den gleichen Bedingungen wie der für Bratwürste. Einziger Unterschied ist, dass beim Kapitalmarkt nicht Entscheidungen zwischen jetzt verfügbaren Gütern, sondern Entscheidungen zwischen Gütern jetzt und in der Zukunft zu treffen sind. Wirtschaftssubjekte werden nach dieser Theorie also die Handlungsalternative wählen, die ihnen den höchsten Barwert des Nutzens verspricht. Diese These setzt voraus, dass Wirtschaftssubjekte den numerischen Nutzen, der zu unterschiedlichen Zeitpunkten anfällt, mithilfe eines Diskontierungsfaktors, also dem Zins, vergleichbar machen können.

Paul Samuelson war wohl 1937 der erste, der mit seinem „Discounted Utility Model (DU-Modell)“ das Konzept der Zeitpräferenz so präzisierte und damit versuchte, es einer empirischen Überprüfung zugänglich zu machen. Nach Durchsicht und Diskussion der umfangreichen Literatur zum empirischen Status des Konzepts der Zeitpräferenz kommen die Ökonomen Shane Frederick, George Loewenstein und Ted O’Donoghue zu dem Schluss, dass trotz der weit verbreiteten Verwendung des DU-Modells unter Ökonomen „praktisch alle Kern- und Nebenannahmen des DU-Modells durch die in den letzten zwei Jahrzehnten gesammelten empirischen Erkenntnisse in Frage gestellt wurden.“

Verwunderlich ist das Ergebnis selbstverständlich nicht. Wer ein Investment tätigt, muss weder auf den Konsum von Wirtschaftsgütern verzichten, noch werden Zinsen mit Wirtschaftsgütern, wie etwa Getreide, bezahlt. Anders ausgedrückt: Eine güterwirtschaftliche Beschreibung von Investitionsentscheidungen führt vollkommen in die Irre.

Bei real existierenden Marktwirtschaften handelt es sich eben nicht um Tauschwirtschaften, sondern essentiell um Geldwirtschaften. Für Geldwirtschaften aber ist charakteristisch, dass Geschäftsbanken mit der Kreditvergabe gleichzeitig Geld in Form von Sichteinlagen schöpfen. Es muss also niemand zunächst sparen, damit jemand in den Erwerb von Produktionsfaktoren investieren kann. Kredit erhält jedes Unternehmen, das gegenüber einer Bank glaubhaft nachweisen kann, dass die mit dem Kredit finanzierten Produkte einen Geldzufluss aus deren Verkauf erwarten lassen, der es erlaubt den Kredit fristgerecht und vollumfänglich zu bedienen.

Ein Unternehmen denkt daher nicht in güterwirtschaftlichen Kategorien, wenn es über die Rentabilität eines Investments entscheiden muss, sondern in nominellen Größen. Es fragt sich also nicht, ob ein Güterhaufen jetzt ihm mehr nutzt als ein größerer Güterhaufen später, sondern ob sein Investment ihm Geldzuflüsse ermöglicht, die größer sind als die mit dem Investment verbundenen Geldabflüsse.

Fazit

Die genannten „Gesetze“ menschlichen Verhaltens, auf denen die marginale Revolution der Ökonomik beruht, sind zwar unter Ökonomen weit verbreitet und lassen sich anhand einiger passender Beispiele auch plausibleren, aber erweisen sich schon bei etwas Überlegung als reine Fiktionen. Eine Theorie auf der Basis solcher Fiktionen erklärt dann freilich nichts.

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