Finanzsystem | 12.07.2018

Die Wiederkehr der Target-Hysterie

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Billionen-Bombe? Was für ein Unsinn! Weil keiner weiß, was Targetsalden sind, eignen sie sich besonders für das Schüren nationalistischer Vorurteile. Den Kraftstoff dafür liefern zwei Methoden. Eine Anleitung.

„Runde“ Zahlen mit vielen Nullen scheinen ihren besonderen Reiz zu haben. Diese Wirkung verdanken sie aber nur der Darstellungsart im Dezimalsystem. Eine arithmetische Sonderstellung ist damit nicht verbunden.

So ist es zwar sachlich nicht begründet, aber nicht verwunderlich, dass die Zahl 1 Billion Euro, deren Erreichen dieser Tage für die deutschen TARGET2-Salden erwartet wird, von vielen deutschen Medien zum Anlass für beunruhigende Meldungen genommen wird. Zwei zu Vergleichszwecken herangezogene Artikel von Manfred Schäfers bei der FAZ und Stefan Kaiser bei Spiegel Online mögen illustrieren, wie sich die Debatte um das ab 2011 von Hans-Werner Sinn mit ungeheurem Tamtam skandalisierte Thema inzwischen entwickelt hat.

Das Unverständnis in der breiten Öffentlichkeit für das, worum es bei Target geht, steht in umgekehrt proportionalen Verhältnis zu dessen Komplexität. Gerade weil kaum jemand weiß, was Targetsalden sind, eignen sie sich in besonderer Weise für das Schüren nationalistischer Vorurteile etwa folgender Art: „Wir Deutsche werden von den Südländern der Eurozone ausgenommen wie eine Weihnachtsgans und können uns nicht dagegen wehren, weil diese Länder eine goldene Kreditkarte besitzen, die ihnen niemand nehmen kann.“

Wie Überweisungen von dem Konto einer Bank auf das einer anderen Bank

Vorweg zum Sachthema selbst: Es ist nur scheinbar schwer und bei Makroskop vielfach diskutiert und erläutert worden (z. B. hier und hier). Wer verstanden hat, wie Überweisungen von dem Konto einer Bank auf das einer anderen Bank funktionieren, hat im Prinzip auch schon verstanden, wie TARGET2 funktioniert.

Wir haben ein zweistufiges Bankensystem von vielen Geschäftsbanken und einer Zentralbank. Die Bank A belastet das Konto ihres Kunden, der Zahler ist. Die Bank B schreibt ihrem Kunden, der Zahlungsempfänger ist, den Betrag gut. Der Ausgleich zwischen den Banken A und B erfolgt mit Belastungen und Gutschriften auf deren jeweiligen Konten bei der Zentralbank. (Technische Einzelheiten, ob ein Saldenausgleich erst am Tagesende erfolgt, oder ob unmittelbares Settlement oder Interbankenkredit praktiziert wird, können wir hier unberücksichtigt lassen.) Bei dem Zahlungsverkehr von Geschäftsbanken in verschiedenen Euroländern geschieht nichts anderes: Der Zahler hat weniger Geld auf seinem Konto, seine kontoführende Geschäftsbank hat im gleichen Umfang weniger Zentralbankgeld auf ihrem Konto bei der Zentralbank, der Zahlungsempfänger hat mehr Geld auf seinem Konto, und seine Geschäftsbank entsprechend mehr Zentralbankgeld auf ihrem Zentralbankkonto. So what?

Anleitung zur Destillation nationalistischer Vorurteile

Was muss man also tun, um aus diesem prosaischen Zusammenhang den Kraftstoff für nationalistische Vorurteile und Schuldenphobien zu destillieren? Es sind hauptsächlich folgende zwei Methoden:

Erste Methode:

Man knöpfe sich eine interne Buchhaltung des Eurosystems vor und stelle sie für das Publikum sinnverzerrend dar: Es gibt in der Tat viel mehr Zahlungen in das Euroland Deutschland als von diesem Land in andere Euroländer abgehen. Darüber führt die EZB Buch, das Ergebnis nennt sich Targetsaldo. Bei deutschen Geschäftsbanken sammeln sich also immer mehr Zentralbankgelder aus anderen Euroländern an. Diese interne Buchhaltung des Eurosystems benutzt die Buchhaltungssystematik von Soll und Haben, von Forderungen und Verbindlichkeiten.

Tatsächlich gibt es aber keine Schuld- und Forderungsverhältnisse der nationalen Zentralbanken untereinander, weil diese Zentralbanken im Eurosystem Filialen sind. Die Targetsalden bilden also statistisch ab, in welcher Filiale Zentralbankgeld abgegangen (ausgebucht) und in welcher es sich angesammelt hat (gebucht wird). Der Sinn dieser internen Buchhaltung des Eurosystems: Konten der italienischen Geschäftsbanken werden in der italienischen Filiale des Eurosystems und die der deutschen Geschäftsbanken in der deutschen Filiale geführt. Hätten wir kein Filialsystem, sondern nur die eine zentrale Zentralbank, die EZB, die alle Geschäftsbankenkonten führte, gäbe es diesen ganzen Target-Spuk nicht.

Wir haben eben kein dreistufiges Geldsystem. Das wäre der Fall, wenn die nationalen Zentralbanken selber bei der EZB Konten hätten, und sie untereinander ihre Salden ausgleichen müssten, wie die Geschäftsbanken es ihrerseits müssen. Dann hätte jedes Euro-Land sein separates Zentralbankgeld und wäre gezwungen, sich bei der EZB EZB-Zentralbankgeld zur Herstellung eigener Liquidität zu verschaffen. Ein solches System haben wir aber nicht.

Zweite Methode:

Man trenne nicht sauber zwischen Zahlungsverkehr und Kreditschöpfung: Im Zahlungsverkehr wird kein neues Geld geschöpft. Zahlungsmittel, die der eine aufgrund einer Überweisung mehr hat, hat der andere, der Zahlende, weniger. Das gilt auch im länderübergreifenden Zahlungsverkehr der Euroländer.

Wer Verwirrung, Unruhe und Vorurteile schüren will, unterstellt dem Zahlungsverkehr unzulässigerweise eine Kreditfunktion. Aus dem Empfang einer Überweisung aus einem anderen Euroland soll so ein Kredit aus Deutschland an das andere Euroland gemacht werden; und in verschärfter Version: ein Zwangskredit, den Deutschland nicht verweigern kann, so dass die Deutschen hilflos der Ausplünderung durch die Süd-Euroländer ausgeliefert seien.

Der Italiener kann aber nur die Euros überweisen, die er tatsächlich hat – und in Deutschland kommen echte Euros an, im Falle der Bezahlung eines Kaufes auf dem Konto des Lieferanten ebenso wie im Falle der Verbringung auf ein eigenes Konto in Deutschland. Der Zahlungsverkehr schafft nicht den Kredit, also die Zahlungsfähigkeit dessen, der die Überweisung veranlasst. Er setzt das kreditgeschöpfte Geld immer voraus.

Manfred Schäfers von der FAZ und Stefan Kaiser bei Spiegel Online haben zwei sehr unterschiedliche Artikel geschrieben. Schäfers gibt den unqualifizierten Krawallmacher und Kaiser erklärt das Zahlungssystem und bemüht sich um nüchterne Abwägung der zur Diskussion stehenden Gefahren. Schäfers titelt mit einer Bombe, auf der Deutschland säße, und behauptet schon im Teaser, „…inzwischen hat Deutschland fast 1 Billion Euro zu viel eingezahlt. Geld, das nie wiederkommen könnte.“

AfD-Propaganda den Weg bereitet

Was für ein horrender Unsinn! Die EZB-Filiale Bundesbank hatte von diesem Betrag keinen Cent „eingezahlt“. Umgekehrt: In der Filiale waren so viele Zahlungseingänge und so wenig Ausgänge zu verzeichnen, dass per Saldo 1 Billion € auf Zentralbankkonten der deutschen Geschäftsbanken zu verbuchen waren. Die Zentralbankkonten von Geschäftsbanken in anderen Euroländern wurden belastet, die Konten von Geschäftsbanken bei der Bundesbank erfuhren Gutschriften, damit die Geschäftsbanken ihrerseits ihren Kunden Gutschriften leisten konnten. Normaler Zahlungsverkehr eben. Wer aus Deutschland oder wer als Deutschland sollte wo etwas eingezahlt haben? Reine Volksverdummung.

Gleich ersten Absatz fragt Schäfers, „warum Deutschland anderen Euroländern in diesem Zahlungssystem gleichsam unbegrenzt und unverzinst Kredit gewährt – und das ohne echte Sicherheiten.“ Die Frage benutzt die rhetorische Figur der inhärenten kontrafaktischen Behauptung, entsprechend dem Beispiel „Warum schlagen Sie Ihre Kinder regelmäßig vor dem Frühstück?“

Schäfers behauptet allen Ernstes, Italienern, Spaniern, Griechen wäre es möglich, „Immobilien, Unternehmen, Anleihen in Deutschland (einzukaufen), ohne dass sie ihrerseits vorher Waren oder Dienstleistungen im entsprechenden Gegenwert jenseits der eigenen Grenzen verkauft haben – oder dazu einen Kredit bei einer Geschäftsbank aufnehmen mussten. Es gibt stattdessen rechnerisch eine Zwangsfinanzierung zu Nullzinsen über das Notenbanksystem.“

Ist das Deutschen auch möglich? Könnten wir uns auch eine rechnerische Zwangsfinanzierung nutzbar machen? Oder wissen wir nichts davon und sind zu blöd dazu, um auf diese Weise zu einem günstigen Urlaub unter südlicher Sonne zu kommen? Schäfers bleibt die Handlungsanleitung für dieses trickreiche Verfahren für einen deutschen User schuldig. Es ist beschämend, in welch niedriger Weise die FAZ der AfD-Propaganda den Weg bereitet.

Immerhin zeigt sich Schäfers ehrlicherweise ratlos, wenn er indirekt eingesteht, keine Lösung für das von ihm aufgezeigte, aber von ihm völlig verdreht formulierte und auf die Entfachung von nationalen Ressentiments ausgerichtete Problem zu haben. Abschließendes Urteil: Intellektuell völlig satisfaktionsunfähig, trotzdem gefährlich, weil es auf die Befeuerung des Gefühls deutscher Ohnmacht gegenüber Ausplünderung durch freche, faule, aber trickreiche Südländer zielt. Gleiches Niveau wie das neue deutsche Unwort „Asyltourismus“.

Dennoch ein brisantes Alarmzeichen

Ganz anders Stefan Kaiser bei Spiegel Online. Die Frage in seiner Headline „Sitzt Deutschland wirklich auf einer Billionen-Bombe?“ zielt direkt auf den Artikel des FAZ-Mannes. Kaiser stellt den Zahlungsverkehr im Wesentlichen korrekt dar und weist auch die Vorstellung einer Kreditierung im Target-Zahlungssystem zurück. Kaiser beschreibt in seinem Text die Verursachung des Wachstums der positiven wie negativen Target-Salden: zunächst die Fluchtbewegungen in den sicheren Eurohafen Deutschland, die durch Draghis Geldpolitik wieder unnötig wurden, dann den Effekt des Aufkaufs von Staatspapieren durch die EZB, der für Staatsanleihen südlicher Euroländer, die am Finanzplatz Frankfurt gehalten wurden, den negativen Target-Saldo dieser Südländer wieder haben anschwellen lassen. Kaiser resümiert:

„Die Ungleichgewichte im Target-2-System sind so lange unproblematisch, wie die Währungsunion hält.“

Und er leitet damit zugleich auf das Thema: Was geschieht, wenn ein Land wie Italien aus dem Euro austritt? Hier verweist er nur vorsichtig auf ungenannte Experten. Ein Begleichen des negativen Saldos im Austrittsfall durch Italien sei unwahrscheinlich, das bilanzielle Fortschreiben der Forderung gegenüber Italien durch die EZB aber unbegrenzt möglich, ebenso wie das Stopfen des von Italien hinterlassenen „Lochs“ durch von der EZB neu geschöpftes Geld, letzteres allerdings mit der Gefahr des Glaubwürdigkeitsverlustes behaftet. Möglich sei auch die Verlustaufteilung auf die einzelnen Zentralbanken entsprechend ihrem Kapitalanteil an der EZB.

Die unreflektiert vorgetragene Idee des „Loch-Stopfens“ mit aus dem Nichts geschöpftem Geld durch die EZB zeigt allerdings, dass auch Kaiser unser Geldsystem nur teilweise verstanden hat. Das Loch wäre der Ausfall einer Forderung, also eines Aktivpostens, und neu geschöpftes Zentralbankgeld ist immer eine Verbindlichkeit der Zentralbank, also auf der Passivseite der Bilanz zu finden. Nötig wäre daher der Zuwachs eines neuen Aktivpostens oder der Wegfall einer vorhandenen Verbindlichkeit. Beides kann die EZB mit der Schöpfung von Zentralbankgeld direkt nicht umsetzen. Immerhin kann man Kaiser schon dafür ein bisschen dankbar sein, dass er mit seiner Darstellung der Target-Hysterie entgegentritt.

Das Target-System, also die Abwicklungstechnologie der transnationalen Zahlungen im Euroraum, ist in der Tat kein Problem, sondern ein gut funktionierendes technisches Instrument des Zahlungsverkehrs. Die auseinanderlaufenden Salden sind aber dennoch ein brisantes Alarmzeichen. Wer die Debatte aber so führt, dass es um das „Fälligstellen“ und das „Eintreiben“ deutscher Forderungen geht, die durch eine den Deutschen aufgezwungene Gläubigerposition entstanden seien, will verhindern, dass die Alarmzeichen richtig gedeutet werden.

Hic rhodus, hic salta

Hier geht Kaisers Kritik an den Bomben-Phantasien der FAZ nicht weiter. Was hat die Fluchtbewegungen von Geld aus den Euro-Süd-Ländern nach Deutschland befeuert? Welche Rolle spielte dabei der Umgang mit der Griechenland- und der Zypernkrise durch EZB und Troika? Warum sind in Italien die Stimmen für einen Euroaustritt lauter geworden – trotz der angeblichen Vorteile, die die „goldene Kreditkarte“ bietet? Was verhindert die Beendigung der Massenarbeitslosigkeit, voran unter den jungen Menschen, in den Süd-Ländern? Wie sollte dort die erodierte Inlandsnachfrage wieder entfacht werden?

An den Kern der Problematik kommt auch Kaiser nicht heran, oder will es nicht: die deutsche Deflationspolitik und die schon im Grundriss falsche Architektur des Eurosystems – samt der Unmöglichkeit, im Eurosystem unter dem Maastricht-Diktat die inländische Konjunktur durch zusätzliche Staatsverschuldung anzukurbeln. Ein Land, das in der Eurozone diesen Weg gehen wollte, stünde unter der Drohung, dass ihm die EZB die Geldversorgung drosseln würde.

Der deutsche Verstoß gegen das Gebot der Inflationskonvergenz und dessen Folgen kommen nicht zur Sprache. Stattdessen ergeht Kaiser sich in vagen Vorstellungen von einer Reduktion der Target-Salden in der Erwartung einer Situation, „wenn die Wirtschaft in allen Euroländern normal läuft“. Hier könnte man mit Keynes antworten: Langfristig sind wir alle tot. Was auch schon die Alten mit ihrem „hic rhodus, hic salta!“ wußten: Die Probleme müssen hier und jetzt gelöst werden.

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